KVP – auch eine Frage für Ferienjobber (Teil 2)?

Ferienjober

Das ist der zweite Artikel über Einsichten eines Ferienjobbers in den KVP & Co. Den ersten Artikel finden Sie hier.

Frage: Wie hast Du das Thema Verschwendungen bzw. unnötige Tätigkeiten wahrgenommen?

Antwort: In allen drei Jahren gab es immer wieder Situationen, in denen Kollegen –oder teilweise auch ich als Aushilfe – ganze Paletten mit möglicherweise fehlerhaften Teilen noch einmal komplett prüfen mussten. In diesem Jahr war einmal so schlimm, dass über fünf, eigentlich versandfertige, Paletten mit jeweils mehreren hundert Teilen gesperrt und geprüft werden mussten, weil eine der Maschinen fehlerhafte Teile produzierte.

Ich kann natürlich nur dafür sprechen, wie es mir ging und für Personen, die länger dort sind als ein Ferienjobber, ist das möglicherweise etwas anders, aber ich stand sehr viel herum. So viel, dass der Kollege, der die Maschinen, an denen ich in der ersten Woche gearbeitet habe, zur mir sagte, dass ich möglichst beschäftigt aussehen soll, falls mal jemand „von den Chefs“ vorbeikommt. Am besten sollte ich immer von einer Maschine zur anderen laufen oder im Zweifelsfall so tun, als würde ich putzen. Er meinte, so würde er das machen.

Frage: Welches Bewusstsein gibt es bei den MA und FK vor Ort dafür? Wie sorgt das Management oder höhere Führungskräfte dafür, dass das Thema im Fokus der MA & FK steht?

Antwort: Gerade im Bezug auf den letzten Punkt, den ich in der vorherigen Frage erwähnt habe, sieht es so aus, als wäre allen bewusst, dass es – solange die Maschinen problemlos laufen – viel Zeit gibt, in denen man nur damit beschäftigt ist, einigermaßen ziellos hin und her zu laufen. Und wenn man bedenkt, dass wir an den Maschinen möglichst so wirken sollen, als hätten wir zu tun, wird das scheinbar am liebsten verdrängt.

Frage: Du hast öfters davon erzählt, dass es zu Stillständen gekommen ist, weil Maschinen ausgefallen waren. Erzähl noch etwas darüber, wie mit diesen Situationen umgegangen wurde und was die Folgen waren?

Antwort: Da ich den Großteil meiner Zeit nicht direkt an einer Maschine verbracht habe, habe ich davon nicht allzu viel mitbekommen, aber mir ist aufgefallen, dass es mehrmals einige Stunden gedauert hat, bis irgendetwas passiert ist. Besonders dann, wenn das Problem durch z.B. einen der Elektriker gelöst werden musste, die dann oft erst nach längerer Zeit überhaupt in die Abteilung kamen und dann zu zweit auftauchten und meistens einer der beiden untätig daneben stand, während der andere gearbeitet hat.

Frage: Wie hast Du das Thema Wartung und Reinigung wahrgenommen? Damit solche Situationen nicht mehr auftreten.

Antwort: Davon bekommt man als Aushilfe nicht wirklich viel mit. Es machen halt die Leute sauber, die an einer Maschine arbeiten. Es gibt zwar Reinigungspläne, in denen Verantwortliche genannt werden, aber das steht eher bloß auf dem Papier. Ansonsten wird halt freitags saubergemacht.

„Man kann den Menschen nicht auf Dauer helfen, wenn man für sie tut, was sie selbst tun könnten und sollten.“

– Abraham Lincoln

Frage: Welche Erfahrungen hast Du mit der Logistik gemacht?

Antwort: Die Rohteile für die Arbeit am Fließband kamen in großen Gitterboxen und das erste, was ich tun musste, wenn eine neue Box angefangen wurde, war, Rohteile auf einer Ablage über dem Fließband zu lagern, damit uns in der Zeit, in der eine leere Box abgeholt und durch eine neue ersetzt wurde, nicht die Teile ausgingen. Auf den ersten Blick wirkte das ziemlich vernünftig und wenn es tatsächlich nur wenige Minuten dauern würde, bis eine neue Box kommt, wäre es das sicher auch. Es kam aber nicht nur einmal vor, dass wir bis zu einer halben Stunde warten mussten, bis jemand aus der Logistik vorbeikam. Der Kollege hätte jemanden anrufen können, aber dann hätte er sich von seinem Arbeitsplatz entfernen müssen, was zu Verzögerungen und Stau geführt hätte, weshalb wir die letzte halbe Stunde, bevor eine Box leer war, eigentlich immer schon Ausschau nach einem Staplerfahrer halten mussten, damit wir einigermaßen rechtzeitig neue Rohteile bekamen.

Leider war es auch bei den Leergut-Paletten für die versandfertigen Teile nicht viel besser. Die Paletten sollten eigentlich nicht weit entfernt von der Maschine (immer zwei aufeinander) gestapelt werden, wobei immer mindestens eine auch einzeln stehen musste, damit wir sie mit einem Hubwagen holen konnten. Über den Stellplätzen hingen Schilder, die genau sagten, wie viele Paletten dort stehen durften, aber es kam mehrfach vor, dass morgens, nachdem die leeren Paletten vom Kunden zurückkamen, deutlich mehr Gestelle auf den Stellplätzen und an anderen Orten – z.B. Stellplätzen für Fertigteile standen. Zwei oder drei Mal gab es auch keine einzelnen Paletten, sodass wir zu zweit mit unserem Hubwagen die gestapelten Gestelle herunterheben mussten, weil natürlich auch kein Staplerfahrer in der Nähe war und das Fließband nicht stehen sollte.

Frage: Hast Du das Gefühl, dass sich wirklich jemand um diese Themen kümmert und Interesse an einer Lösung hat?

Antwort: Nicht wirklich, aber ich weiß nicht, ob ich das so gut beurteilen kann. Ich hatte halt bloß den Eindruck, dass ständig irgendwo was ausfällt. Manchmal gingen auch Alarmlampen an, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das jemand wirklich großartig interessiert hat.

Frage: In der Zeit, wo Du jetzt wieder dort warst, gab es auch ein Audit durch einen großen Kunden. Erzähl ein bisschen darüber, wie damit umgegangen wurde? Welche Aktivitäten und Maßnahmen hat das ausgelöst? Hattest Du das Gefühl, dass sich daraus bleibende Verbesserungen ergeben haben?

Am Tag vorher hatten alle Kollegen auf einmal Ähnlichkeiten mit aufgescheuchten Hühnern. Auf einmal durfte nirgendwo ein Lappen herumliegen, keine Ausdrucke mit Messergebnissen und auch Handkräne mussten plötzlich an ihren richtigen Platz gehängt werden, wenn sie gerade nicht benutzt wurden – besonders letzteres hat sonst niemanden interessiert und die Kräne hingen dann einfach mal zwischen zwei Maschinen im Weg herum.

Obwohl – soweit ich das verstanden habe – sonst immer freitags geputzt wird, mussten auch alle Maschinen geputzt werden, aber nur oberflächlich, damit der Kunde im Vorbeigehen nichts bemerkte. Deswegen wurde dann natürlich am Freitag nochmal – und diesmal richtig – geputzt, was schon ein wenig absurd war.

Nachdem der Kunde dann gegen Mittag einmal durch die Firma gegangen war, hat es anschließend wieder niemanden wirklich interessiert, wie es an den Arbeitsplätzen aussah. Auf mich wirkte es so, als würden sich jetzt bis zum nächsten Audit durch einen Kunden wieder unnötige Ausdrucke ansammeln, Lappen nicht aufgeräumt werden und Kräne herumhängen, wo es gerade passt.

Frage: Du kennst ja von mir einige Aspekte rund um Lean & Co. Was würdest Du sagen, wo dieses Unternehmen noch Potenzial verschenkt?

Antwort: Ziemlich oft sind halt Leute irgendwie unbeschäftigt rumgestanden und es hat niemand so wirklich interessiert. Oft müssten wir selber die Fertigteile wegbringen. Dabei waren Wege öfters verstellt oder eng und wir mussten ziemliche Umwege nehmen, was halt zusätzlich Zeit gebraucht hat.


Das war der zweiteilige Bericht eines Ferienjobbers in die Abläufe und den KVP.

Fazit

Gerade weil Aushilfskräfte nur temporär im Unternehmen sind, können sie wertvolle Einsichten liefern, wenn beispielsweise am Anfang durch einfache Maßnahmen (Merkblätter, Checklisten o.ä.) ihre Aufmerksamkeit geeignet geschaffen und gelenkt wird und am Ende in einem kurzen Interview (30-60 min) ihre Eindrücke abgefragt werden. Ähnlich wie im Bezug zu den eigenen Mitarbeitern wird das aber nur funktionieren, wenn bei allen Beteiligten (spez. den Führungskräften vor Ort) das Verständnis für die Einbeziehung aller Mitarbeiter vorhanden ist und dazu entsprechende Routinen aufgebaut werden.

Es geht dabei nicht darum, die angedeuteten Verfehlungen der festangestellten Mitarbeiter anzuprangern und diese dann zu maßregeln. Letztlich ist der Mensch generell ein sich selbst optimierendes Wesen (was eine grundsätzlich positive Eigenschaft ist). Es geht darum, die angesprochenen Situationen generell in ihren Ursachen zu vermeiden, auch indem allen die Augen geöffnet werden, welche Auswirkungen sich letztlich auf das gesamtes Unternehmen inkl. der Kunden daraus ergeben und welche Rückwirkungen auf den Einzelnen entstehen.

Die Einarbeitung von Aushilfskräften ist übrigens ein Thema, das auch mit dem Job Instruction Training (JIT) des Training Within Industry (TWI) strukturiert gestaltet werden kann.

Frage: Wie könnte der unbelastete Blick von Aushilfskräften genutzt werden? Welches Potenzial könnte dadurch erschlossen werden? Wo haben Sie vielleicht Situationen in Ihrem Unternehmen wiedererkannt?

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