Kaizen 2 go 006 : Sehen lernen


 

Inhalt der Episode

  1. Lean und die Motivation dazu
  2. Lean-Stammtisch Stuttgart, Themen 2015
  3. Hürden für die Lean Philosophie
  4. Branchenpotenziale für Lean
  5. Tipps zur Umsetzung

Notizen zur Episode

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(Teil)automatisiertes Transkript

Eine KI-generierte Zusammenfassung finden Sie am Ende des Transkripts.

Episode 006 : Sehen lernen

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: In der heutigen Folge versuche ich mal etwas ganz Neues. Ich habe ein Interview mit dem Interviewpartner Johann Anders, den ich 2012 kennengelernt habe. Er hat ein, finde ich, sehr schönes Blog, Sehen lernen, schreibt da interessante Artikel, kommt natürlich aus dem Lean-Umfeld und am besten stellt er sich selbst kurz vor.

Johann Anders: Ja, hallo Götz, schön bei dir zu sein. sein zu dürfen. Ja, wie gesagt, ich schreibe den Blog sehenlernen.com, arbeite hauptberuflich bei Metabo im Supply Chain Management, bin dort für die Prozesse innerhalb der Beschaffungs- und Werkslogistik tätig. Also alles, was von der Wareneingangsrampe bis zur Warenausgangsrampe materialtechnisch passiert.

Götz Müller: Ja, schön. Vielen Dank für die kurze Vorstellung. Ich habe dich als ersten Interviewpartner ausgewählt aufgrund deines Blogs, aufgrund deiner Begeisterung für die Lean-Themen und vielleicht erzählst du einfach ein paar Stichworte, wie es dazu kam, zu deiner Motivation zum Thema Lean und zu deinem Blog.

Johann Anders: Ja, sehr gerne. Ich freue mich wirklich, dein erster Gast sein zu dürfen. Lean ist mein absolutes Hobby. Man muss dazu wissen, ich habe eigentlich mal Luft- und Raumfahrtechnik, also Wirtschaftsingenieur Luft- und Raumfahrtechnik studiert, also etwas komplett anderes. Habe dann von meinem Vater ein Buch bekommen, das hieß Anders ist besser, weil er eine Anspielung auf meinen Nachnamen gedacht hat. Aber in dem Buch beschreibt der Ex-Porsche-Chef Wiedeking, wie sie sie damals geschafft haben mit… Hilfe von Lean-Methoden, Porsche praktisch vor dem Kollaps zu retten. Und diese Methoden fand ich so faszinierend, dass es darum ging, mit den Mitarbeitern am Veränderungsprozess zu arbeiten, dass ich gesagt habe, komm, Flugzeuge ist zwar immer noch ein tolles Thema, aber diese Art zu produzieren, da möchtest du mehr von wissen. Und seitdem hat mich das Thema eigentlich nicht losgelassen. Und mich hat es immer interessiert, wie man Dinge anders machen kann.

Und ich bin davon überzeugt, dass es immer einen anderen Weg gibt, als das, was man gerade macht und da ist Lean das beste Beispiel.

Götz Müller: Okay, schön. Und zu deinem Blog, wie kam es dazu?

Johann Anders: Ja, eigentlich habe ich immer gedacht, jemand, der in der Produktion tätig ist, der muss genauso begeistert sein von Lean wie ich. Irgendwie habe ich dann festgestellt, dass es doch nicht so ist und habe dann aber gemerkt, dass es doch einige Leute gibt, die sich dafür interessieren für das Thema und die mich dann nach bestimmten Sachen fragen. Ich habe dann denen viele Bücher und Blogs empfohlen. Ich war schon immer sehr stark auf amerikanische Lean-Blogs fixiert. Allerdings gab es dann die Rückmeldung, ja, ich möchte nicht immer das amerikanische lesen und so. Und dann habe ich einfach angefangen, komm, dann schreibst du selber was. Das, was du weißt, scheint ja irgendwie Gehör zu finden. Also mach einen Lean-Blog. Außerdem ein zweites Thema, weswegen ich es gemacht habe. Ich habe gehofft, über den Blog andere Leute zu finden, die sich genauso für das Thema Lean interessieren wie mich. Und so war es da ja auch. Über den Blog haben wir uns kennengelernt.

Götz Müller: Genau, das war sofort jetzt auch mein Impuls, wo du das erzählt hast. Ein sehr spannendes Thema. Mir geht es ähnlich. Ich glaube, ich habe es in meiner ersten Episode erwähnt. Mir ist das Thema Lean schon im letzten Jahrtausend begegnet. 1998 habe ich dort mal beim Bosch eine Ausbildung gemacht, Ja, so richtig akut geworden, noch akuter geworden ist es in meiner Selbstständigkeit. Du hast dann 2012, glaube ich, auch den Lean-Stammtisch in Stuttgart gegründet.

Johann Anders: Ja, richtig.

Götz Müller: Wer sind da so die Teilnehmer?

Johann Anders: Die Teilnehmer sind mittlerweile sehr gemischt. Eigentlich hat sich der Lean-Stammtisch in Stuttgart hauptsächlich mal so an die Leute aus der Produktion gerichtet. Allerdings gibt es in Stuttgart eine sehr große Startup-Szene. Und auch in diesem Startup-Bereich, also gerade im IT-Startup-Bereich, ist Lean ein großes Thema. Einige dieser Leute wissen gar nicht, dass es Lean schon seit den 50er Jahren in anderen Unternehmen gibt und sind dann immer sehr erstaunt, wenn wir anfangen, über Produktion und Logistik zu reden. Der Schwerpunkt liegt immer noch beim Lean-Management, wie ich es jetzt mal nennen möchte. Allerdings stellen wir immer wieder fest, dass die Grunddenkweisen sehr gleich sind, ob es jetzt ein Startup-Unternehmen ist oder ein schon gewachsenes Unternehmen.

Götz Müller: Ja, das Thema Verschwendung und Ash Mauria sagt es ja so schön, das Leben ist viel zu kurz, um etwas zu bauen, was keiner kaufen will.

Johann Anders: Genau.

Götz Müller: Und das gilt mit Sicherheit für die Startups, wo es am Anfang aufs Geld ankommt und auf die Zeit ankommt, dass einem das Geld nicht vorher ausgeht, bevor ein Produkt angenommen wird, ist das sicher ein ganz wichtiger Punkt. Ja, ich finde, ich war noch nicht so oft auf deinem Lean-Stammtisch, aber wenn ich dort war, waren es immer spannende, angeregte Unterhaltungen. Was für Themen sind bei dir 2015 geplant?

Johann Anders: 2015 haben wir uns viel vorgenommen. Was ich jetzt schon ankündigen kann, ist, dass in unserem Mai-Treffen die Angela Reeg-Müller einen Vortrag zum Thema Lean Administration halten wird. Also das klassische Thema, wie halte ich meinen Arbeitsplatz, aber wie richte ich meine Ablage so zurecht, dass ich relativ schnell meine Daten finde. Allerdings natürlich ist das nur ein Teil von Lean Admin. Da möchte ich jetzt nicht zu viel vorwegnehmen. Andere Sachen werden sein, Scrum im Projektmanagement, Also etwas außerhalb unserer klassischen Lean-Welt, aber doch sehr artverwandtes. Wir wollen eine Unternehmenssimulation mit den Teilnehmern des Lean-Stammtisches durchspielen. Und wir kriegen einen Vortrag über eine Japan-Reise zu hören. Und da bin ich wirklich sehr gespannt, ob wir vielleicht sogar für die Teilnehmer des Lean-Stammtisches für das Jahr 2016 eine gemeinsame Japan-Reise organisieren können.

Götz Müller: Das wäre wirklich was Spannendes. Ich hoffe, du… Ich glaube, auf deiner Website gibt es die Termine schon.

Johann Anders: Richtig, alle Termine sind eingetragen auf der Seite sehen-lernen.com/lean-stammtisch.

Götz Müller: Ja, die werde ich mir definitiv rausschreiben und ich hoffe mal, dass ich an den Abenden auch Zeit habe.

Johann Anders: Das wäre schön.

Götz Müller: Gut, du hattest vorhin schon angedeutet kurz, es gibt Lean-Enthusiasten, ich glaube, da sind wir zwei, auch zwei davon. Es gibt aber auch Menschen, die, wie soll man das ausdrücken, die durchaus Vorbehalte haben dem Thema Lean gegenüber. Das ist manchmal das Nicht-zurecht-Wissen, was es bedeutet. Manchmal aber auch einfach Nachteile, die man erfahren hat, vermeintliche Nachteile, reale Nachteile. Was sind für dich die größten Hürden, die dir in der Arbeit begegnen?

Johann Anders: Also es fängt eigentlich schon beim Verständnis von Lean an. Ich habe häufig das Gefühl, dass die Leute Lean immer nur, gut so wurde es jahrelang auch getrieben, als Kostensenkungsprogramm verstehen und nicht als Unternehmensphilosophie.

Für mich ist Lean halt kein Programm, was man einführen kann, sondern das ist eine Denkweise und zwar die Denkweise, wie können wir möglichst viel Wert für den Kunden schaffen und möglichst verschwendungsarm das zu machen. Natürlich nehmen wir das Beispiel Automobilbau. Natürlich ist es gut, wenn ich dem Kunden schnell ein Auto verkaufen kann, Also wenn das am besten gleich vom Händler gleich mitnimmt und nicht warten muss.

Allerdings wäre das sehr aufwendig bei der Anzahl an Variablen, die er jetzt zur Auswahl hat. Also muss ich mir überlegen, wie kann ich dieses Produkt relativ schnell herstellen. Mit allen Variablen, die der Kunde haben will. Und das verschwendungsarm, ohne große Läger zu haben. Das ist für mich Lean. Und dieses Verständnis ist bei vielen im Management nicht da. Sei es im Top-Management oder im mittleren Management, was ich ja immer so gerne als Lehmschicht bezeichne. Für mich muss Lean aber vor allen Dingen von oben getrieben werden. Also das Top-Management muss wirklich hundertprozentig dahinterstehen.

Das heißt nicht, dass das Top-Management sagt, wir brauchen Lean, das habe ich jetzt gehört, jetzt schicke ich einen von meinen Mittelmanagern zu irgendwelchen Seminaren, Schulungen und sonst was und der soll das treiben, sondern das Top-Management muss wirklich zeigen, unsere Firma möchte Mehrwert für den Kunden schaffen und ich bin dabei bei Kaizen Events, ich leite diese sogar, ich unterstütze meine Lähmschicht und dann glaube ich auch, dass diese Lähmschicht, dieses mittlere Management zu einer Art Schwungmasse werden kann, wenn ich es schaffe, diese mitzunehmen.

Götz Müller: Ja, ich denke auch, es ist in vielen, vielen Fällen einfach eine Unsicherheit auch. Zum Teil vielleicht auch die Unsicherheit über das dann veränderte Führungsverständnis. Wenn man meinetwegen 10, 20, vielleicht auch 30 Jahre schon Erfahrung in einem Bereich hat, mit der Führung auch hat, dass hier dann eben was Neues auf einen zukommt. Persönlich habe ich da auch die Erfahrung gemacht, jetzt als Ingenieur, du bist auch Ingenieur, dass durchaus so ein gestandener Industriemeister, dem, ich nenne es mal krass, dem vermeintlichen Klugscheißer, da Vorbehalte gegenüberbringt. Geht dir das auch so?

Johann Anders: Absolut. Dann kommt der klassische Ausspruch, das haben wir früher schon mal versucht, das funktioniert nicht. Und da sage ich immer, ja, manchmal muss man dreimal gegen die Wand laufen, bis sie bricht. Also bei uns ist es tatsächlich so, dass wir Sachen jetzt umsetzen oder letztes Jahr umgesetzt haben, für die es schon seit fünf Jahren ein Konzept in der Schublade gibt. Meine Kollegin sagt dann immer, das haben wir vor fünf Jahren schon ausgearbeitet, da wollte das keiner. Und dann sage ich, ja, und wir haben es dann dreimal nochmal versucht und jetzt hat es endlich funktioniert. Ich weiß nicht, ob das bei dir auch so ist, aber ich erlebe das selber auch in meinem privaten Bereich. Irgendwelche Rituale oder Gewohnheiten zu installieren, dafür braucht man manchmal drei Anläufe. Und dann beim dritten, vierten, fünften Anlauf funktioniert es dann auf einmal.

Und genauso sehe ich es bei Lean auch. Man versucht es, man lernt aus dem Fehler, wenn es dann nicht geklappt hat und versuchte später nochmal.

Götz Müller: Ja, das kann ich voll bestätigen. Also auch, wenn man selber irgendwas Neues ausprobiert, bei Arbeitstechniken, bei anderen Dingen, es klappt nicht immer beim ersten Mal. Komischerweise in diesem beruflichen Umfeld, passiert es dann sehr schnell, dass nach dem ersten Versuch aufgegeben wird und dann so in einer abwinkenden Haltung, Haben wir schon probiert, funktioniert bei uns nicht.

Johann Anders: Richtig, deswegen mag ich auch diesen Spruch aus dem Silicon Valley so gern. Fail fast, fail offen. Dort lernst du einfach anhand deiner Fehler oder deiner Fehlschläge und machst einfach weiter.

Götz Müller: Ja, ich denke, das Thema Fehler machen, Fehlerkultur ist ein ganz wichtiges Stichwort. Da sind wir, glaube ich, im Deutschen oft zu perfektionistisch eingestellt und versuchen, Fehler zu vermeiden, speziell wenn es um das Thema Veränderungen geht. Sage ich immer wieder, schreibe ich immer wieder, da gehören Fehler absolut dazu. Ich finde sogar, es ist ein Warnsignal, wenn keine Fehler gemacht werden.

Johann Anders: Das sehe ich ganz genauso. Ich kann gerade ein ganz aktuelles Beispiel bringen. Wir sind gerade dabei, einen externen Logistikdienstleister anzubinden. Und da hatte ich mir eigentlich vorgenommen, alles ganz genau zu planen, jedes einzelne Teil eine Liste zu machen, wie häufig wird es von uns bestellt, wie häufig brauchen wir es in der Montage, wie wird es angeliefert und so weiter und so fort. Das hätte mich insgesamt zwei Monate gekostet, aber wir haben diese Zeit nicht. Deswegen fangen wir jetzt einfach so an. Wir lassen die Teile direkt bei diesem Dienstleister anliefern und machen das alles mit der Hand am Arm. Und uns ist allen klar, dass wir Fehler machen werden, dass Fehler passieren werden. Aber wir werden die Prozesse dann gemeinsam so aufstellen, dass diese Fehler halt nur ein oder maximal zweimal passieren. Und dann sind wir uns alle sicher, dass es dann funktionieren wird.

Götz Müller: Ja, genau. Ich denke, an dem Fehler kann man sich ausrichten, weil man dadurch was lernen kann. Okay, jetzt haben wir über Hürden gesprochen, die wir im Lean-Management, Vorbehalter, die wir dagegen haben. Wo siehst du das größte Potenzial in Bereichen, in Branchen, wo Lean noch fast ein Fremdwort ist?

Johann Anders: Also ich habe mir einiges aufgeschrieben, wobei ich ganz klar sagen muss, das ist jetzt auch gerade wieder bei uns rausgekommen. Eigentlich machen nur sehr wenige Firmen, die wir kennen, wirkliches Lean, so wie wir es verstehen. Also als Problemlösungsgesellschaft sich zu sehen und die Probleme anzugehen, vor allen Dingen die Probleme des Kunden mit der Gesellschaft anzugehen und nicht die internen Probleme anzugehen. Das ist für mich meine Definition von Lean und da kenne ich nur sehr wenige Unternehmen, selbstproduzierende Unternehmen, die sich schon seit 20 Jahren die Flagge Lean aufs Dach gehisst haben.

Götz Müller: Ja, das erinnert mich jetzt gerade an einen der letzten Lean-Stammtische 2014. Ich glaube, das war der, der kurz vor deiner Hochzeit war, wo du auf dem Tanzkurz warst. Da hatten wir das Thema, wann ist dein Unternehmen Lean? Und mein Gedanke, mein spontaner Gedanke war dann in dem Augenblick, wo ein Unternehmen sich aufs Dach schreibt, wir sind Lean, sind es definitiv schon nicht mehr.

Johann Anders: Richtig.

Götz Müller: Weil sie dann glauben, einen Endpunkt erreicht zu haben und immer wenn man das glaubt, einen Endpunkt erreicht zu haben, kann ja keine Entwicklung mehr stattfinden. Das Absurdeste in dem Umfeld ist mir damals auch begegnet, eine Projektausschreibung. Ich weiß nicht mehr genau, in welche Richtung es ging. Es war aber so nach dem Motto, jetzt haben wir Jahre, Jahrzehnte lang Lean gemacht, jetzt machen wir Six Sigma oder umgekehrt. Beides sind für mich völlig absurde Gedanken.

Johann Anders: Ja, absolut.

Götz Müller: Okay.

Johann Anders: Gut, um auf deine Frage zurückzukommen. Also für mich gibt es noch viele Angriffspunkte für Lean. Allein schon in den traditionellen metallverarbeitenden Betrieben gibt es noch die Entwicklung, den Vertrieb, das Controlling, die alle nicht darauf ausgerichtet sind, nach dem Kundenwert zu arbeiten. Also bei Metabo gibt es diese schöne Geschichte, dass unser Vorstand unsere Vertriebler auf die Baustellen geschickt hat. Und das hat denen damals nicht gefallen. Wo ich mich natürlich frage, was macht ein Vertriebler von einer Baumaschinengesellschaft, der nicht auf den Baustellen ist. Aber für mich ist das Lean, die Leute zum Kunden zu schicken und rauszufinden, was der Kunde will.

Götz Müller: Ja, genau. Das finde ich in dem Zusammenhang dann immer so spannend, wenn Unternehmen sich das Ziel setzen, wir wollen Geld verdienen. Für mich ist das primäre Ziel eines Unternehmens den Nutzen stiften und das Geld verdienen ist dann eine logische Folge, aber es kann aus meiner Sicht nie das Ziel eines Unternehmens sein, Geld zu verdienen.

Johann Anders: Ganz genau so sehe ich das auch.

Götz Müller: Und wenn man eben mit dem Ansatz aber startet, dann ist die Gefahr, finde ich, sehr groß, dass man den Kunden einfach aus dem Auge verliert.

Johann Anders: Ganz genau. Und deswegen habe ich mir folgende Branchen mal ausgesucht, wo man wirklich sehen kann, dass da der Lean-Gedanke noch gar nicht da ist. Das ist das Bankgewerbe, wo wir spätestens nach den letzten Jahren definitiv wissen, dass der Kunde da nicht wirklich im Zentrum steht. Dass auch die Bauwirtschaft, also jetzt mal abgesehen von Fertighäusern, das ist ja eigentlich nur eine Kostenreduzierung für den Bauträger, aber nicht wirklich für denjenigen, der das Haus haben will. Für den wird das Ganze nicht leichter. Vor allen Dingen auch der ganze Prozess zwischen Bank und Bauwirtschaft. Was das für ein Stress ist, das erlebe ich jetzt gerade bei Kollegen. Das ist nicht wirklich verbraucherfreundlich, sage ich mal.

Götz Müller: Ja, das erinnert mich ein Stück weit an mein eigenes Bauen. vor knapp 20 Jahren. Eine Sache, die ich jetzt in meinem persönlichen Umfeld gerade erlebe, das ist im Gesundheitswesen. Wie sehen wir doch da als Patient, speziell in Krankenhäusern, irgendwo nur als der störende Faktor unterwegs ist und gerade Krankenhäuser ganz oft vergessen, worum geht es eigentlich? Es geht um Krankenhäuser, Um die Gesundung des Patienten, das ist das, was man dort Wertschöpfung nennen könnte. Und irgendwie habe ich aber immer das Gefühl, der Patient stört eigentlich nur. Und alles dreht sich vor allen Dingen um die Ärzte. Aber es steht ganz selten der Patient mit seinem Nutzen der Wertschöpfung für ihn im Zentrum.

Johann Anders: Ja, das sehe ich absolut genauso. Wobei es da im Gesundheitswesen natürlich das Problem gibt, dass der Patient zwar das Objekt der Wertschöpfung ist, aber nicht der Kunde. Der Kunde sind entweder die Ärzte, die für Praxisräume in den Krankenhäusern zahlen oder natürlich die Krankenkassen. Aber es ist nicht der Patient, außer bei Privatpatienten.

Götz Müller: Ja, das ist jetzt durchaus ein interessanter Gedanke. Ja, das Geld kommt woanders her, das ist richtig.

Johann Anders: Und so operieren halt dann auch diese Organisationen.

Götz Müller: Ja, genau. Und da sieht man aber wieder, dass eben die Ausrichtung nicht an der Wertschöpfung sich orientiert, sondern die Ausrichtung orientiert sich daran, wo das Geld herkommt und in dem Augenblick, wo das nicht die gleichen Personen sind, wird es schwierig.

Johann Anders: Richtig. Also da in diesen Branchen kann man definitiv noch viel Lean-Arbeit machen und zwar eher im Sinne eines Grundverständnisses und nicht die Prozesse noch effizienter zu machen. Also da gibt es bestimmt auch noch genug Arbeit, aber bevor man dieses Grundverständnis nicht geändert hat, bringt der effizienteste Prozess, glaube ich, nichts.

Götz Müller: Genau, und damit kommen wir wieder auf das zurück, was du eingangs gesagt hast, eben das Orientieren am Nutzen und nicht so sehr das Orientieren an dem, wo das Geld herkommt, was dann aber, wenn man es gut macht, von alleine kommt.

Johann Anders: Genau.

Götz Müller: Okay, zum Abschluss. So ein paar Tipps für unsere Zuhörer von dir?

Johann Anders: Ja, sehr gerne. Also wie ich ja schon gesagt habe, bin ich der Meinung, dass das Top-Management eine Lean-Transformation treiben muss. Und da gibt es mittlerweile relativ viele Angebote, wo man seine Mitarbeiter zum Beispiel mal mitnehmen kann.

Zu Firmen, die relativ gut aufgestellt sind im Lean-Bereich. Ich habe meine Logistiker zu Audi mitgenommen. Das ist zwar jetzt nicht wirklich das schlankste Unternehmen in dem Sinne, wie wir es gerade besprochen haben, aber es hat relativ gute Prozesse und die haben dann auch Bauklötze gestaunt, was einfach möglich ist. Einfach, man muss sich vorstellen, dass viele Mitarbeiter in einem Unternehmen, die kommen da rein, die machen da ihre Lehre, die werden vielleicht sogar Meister in dem Unternehmen, haben aber nie was anderes gesehen. Haben vielleicht mal Kollegen oder andere, die irgendwo anders hingewechselt sind, aber sie kennen eigentlich nur ihren eigenen Laden. Und es hilft enorm, diese Leute mitzunehmen auf Veranstaltungen, am besten zu irgendwelchen Austauschtreffen wie den Lean-Stammtisch oder Lean-Netzwerken sich anschließen. Da gibt es Firmenverbünde von Firmen, die sich gegenseitig besuchen. Das hilft absolut. Dann gibt es haufenweise Videos im Internet, die man sich angucken kann.

Einige auch auf meiner Seite, wo man einfach so ein paar Beispiele sieht. Wie geht ein schneller Rüstwechsel? Wie könnte eine Lean-Seller aussehen? Da gibt es haufenweise Videos. Und natürlich dann Podcasts wie dein und zukünftig dann auch mein. Das hilft einfach, um sich da ein bisschen weiterzubilden.

Götz Müller: Genau. Ich finde das Thema Weiterbildung auch in kleinen Schritten seit mehreren Jahren sind diese Frontalveranstaltungen eigentlich veraltet. Es gibt sie immer noch, aber man macht viel bessere Erfahrungen mit dem Weiterbilden in kleinen Häppchen, stört dann ja auch den Betriebsablauf nicht so sehr. Und da denke ich, neue Medien wie Podcast zum Beispiel haben da eine Chance, die man sonst so nicht verwirklichen kann.

Johann Anders: Und das denke ich auch. Ich glaube auch, dass das Thema Online-Coaching und Online-Lernen noch sehr stark ausbaufähig ist, vor allen Dingen in Firmen des kleinen und mittelständischen Bereiches. Große Firmen haben das teilweise schon eingeführt, dass es dann so Web-Plattformen gibt, wo sich die Leute anloggen können und praktisch einen Selbstlernkurs machen können. Aber auch in diesem Bereich bin ich mir sicher, dass Lean da noch unterrepräsentiert ist und dass da in den nächsten Jahren viel kommen wird.

Götz Müller: Ja, an einer Stelle knaps ich immer noch mit dem Gedanken, wie lässt sich der Gedanke Gemba, also Go and See, Genji Genbutsu, wie auch immer man das jetzt nennen möchte, Deutsch oder Japanisch oder Englisch. Wie lässt sich das mit dem virtuellen Offline-Gedanken verbinden? Da habe ich für mich persönlich noch nicht die Lösung gefunden, aber jetzt durch deine Stichworte hier an der Stelle noch ein paar neue Impulse bekommen.

Johann Anders: Richtig. Und wenn man an die Entwicklung denkt in Richtung Google Glasses oder das neueste Microsoft HoloLens, also eine Brille, die etwas in meine Realität hinein projizieren kann, dann glaube ich, werden wir in 10, 20 Jahren auch so weit sein, dass ich praktisch ein Online-Coaching direkt am Gemba machen kann.

Götz Müller: Ja, da bin ich wirklich gespannt drauf. Meine Liste der Themen, über was wir uns unterhalten wollten, ist durch. Ich fand das jetzt eine spannende Unterhaltung, eine spannende erste Erfahrung. Ich hoffe, es ging dir ähnlich.

Johann Anders: Ja, ganz genau ging es mir auch. Ich war wirklich gespannt, wie das wird. Und ich bin auch gespannt, wie deine weiteren Interviews verlaufen werden.

Götz Müller: So, damit sind wir für heute am Ende. Der Podcast ist mittlerweile auch in iTunes verfügbar.

Das heißt, Sie können ihn dort abonnieren. Ich freue mich auch über eine Bewertung und Kommentare.

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Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

KI-generierte Zusammenfassung

In dieser Episode spricht Götz Müller mit Johann Anders über seine Begeisterung für Lean, über Missverständnisse rund um das Thema und über konkrete Ansatzpunkte für eine wirksame Lean-Transformation.

Johann Anders stellt sich zunächst vor: Er betreibt den Blog „Sehen lernen“ und arbeitet hauptberuflich im Supply Chain Management bei Metabo. Dort verantwortet er die Prozesse innerhalb der Beschaffungs- und Werkslogistik, also alles, was materialseitig zwischen Wareneingang und Warenausgang geschieht. Sein beruflicher Hintergrund liegt ursprünglich in der Luft- und Raumfahrttechnik. Den entscheidenden Impuls für Lean erhielt er durch das Buch „Anders ist besser“ von Wendelin Wiedeking, in dem beschrieben wird, wie Porsche mithilfe von Lean-Methoden aus einer existenziellen Krise geführt wurde. Besonders fasziniert hat Johann Anders dabei der Gedanke, Veränderung gemeinsam mit den Mitarbeitenden zu gestalten und Produktion grundsätzlich anders zu denken.

Aus dieser Begeisterung entstand auch sein Blog. Johann Anders stellte fest, dass viele Menschen in der Produktion Lean nicht mit derselben Leidenschaft begegnen wie er. Gleichzeitig erhielt er immer wieder Nachfragen zu Literatur und Praxisbeispielen. Da viele der damals verfügbaren Inhalte aus dem amerikanischen Raum stammten, begann er, eigene Beiträge auf Deutsch zu verfassen. Ein weiteres Motiv war der Wunsch, Gleichgesinnte zu finden und sich zu vernetzen. Auf diesem Weg kam auch der Kontakt zwischen Götz Müller und Johann Anders zustande.

Ein zentrales Austauschformat ist der von Johann Anders gegründete Lean-Stammtisch in Stuttgart. Ursprünglich stark auf Produktionsumfelder ausgerichtet, hat sich der Teilnehmerkreis erweitert. In Stuttgart existiert eine lebendige Startup-Szene, insbesondere im IT-Bereich, in der Lean-Ansätze ebenfalls eine Rolle spielen. Dabei zeigt sich, dass viele Startup-Akteure überrascht sind, wie lange Lean-Prinzipien bereits in industriellen Kontexten existieren. Trotz unterschiedlicher Branchen ähneln sich die Grundgedanken: Verschwendung vermeiden und konsequent am Kundennutzen ausrichten.

Für die Weiterentwicklung des Lean-Stammtischs plant Johann Anders vielfältige Themen, darunter Lean Administration, Scrum im Projektmanagement, Unternehmenssimulationen sowie einen Erfahrungsbericht zu einer Japan-Reise. Perspektivisch steht sogar die Idee einer gemeinsamen Japan-Reise im Raum.

Im weiteren Verlauf sprechen Götz Müller und Johann Anders über Vorbehalte gegenüber Lean. Johann Anders betont, dass Lean häufig als reines Kostensenkungsprogramm missverstanden wird. Für ihn ist Lean jedoch eine Denkweise, die darauf abzielt, maximalen Kundennutzen mit minimaler Verschwendung zu schaffen. Dieses Verständnis sei im Management oft nicht ausreichend verankert. Lean dürfe nicht delegiert werden, sondern müsse vom Top-Management aktiv vorgelebt werden. Führungskräfte sollten selbst an Verbesserungsinitiativen teilnehmen und Verantwortung übernehmen. Das mittlere Management könne dann vom Hemmschuh zur treibenden Kraft werden.

Ein weiteres Hindernis ist die verbreitete Haltung „Das haben wir schon ausprobiert“. Johann Anders schildert, dass manche Konzepte erst nach mehreren Anläufen umgesetzt werden. Entscheidend sei, aus Fehlern zu lernen und dranzubleiben. Hier greifen beide Gesprächspartner den Gedanken einer offenen Fehlerkultur auf. Fehler seien unvermeidlich und sogar notwendig, um Fortschritte zu erzielen. Johann Anders beschreibt ein aktuelles Projekt zur Einbindung eines externen Logistikdienstleisters, bei dem bewusst pragmatisch gestartet wird, anstatt alles bis ins Detail durchzuplanen. Fehler werden einkalkuliert, um schnell zu lernen und Prozesse schrittweise zu stabilisieren.

In der Diskussion über unerschlossene Potenziale sieht Johann Anders Lean längst nicht flächendeckend umgesetzt – selbst in Unternehmen, die sich seit Jahren als Lean bezeichnen. Wirkliches Lean bedeute, sich als Problemlösungsgesellschaft zu verstehen und die Probleme der Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Entwicklungsbereiche, Vertrieb und Controlling seien häufig noch nicht konsequent am Kundennutzen ausgerichtet. Ein Beispiel aus seinem Unternehmen zeigt, wie wichtig es ist, Vertriebskräfte direkt auf Baustellen zu schicken, um reale Kundenanforderungen zu verstehen.

Auch andere Branchen bieten aus Sicht von Johann Anders großes Potenzial. Er nennt das Bankwesen, in dem der Kunde oft nicht im Zentrum stehe, sowie die Bauwirtschaft, in der Prozesse für Bauherren häufig komplex und wenig nutzerfreundlich seien. Gemeinsam reflektieren Götz Müller und Johann Anders zudem das Gesundheitswesen, in dem nicht immer der Patient im Fokus stehe. Johann Anders weist darauf hin, dass dort häufig andere Akteure die Rolle des eigentlichen Kunden einnehmen, was zu Zielkonflikten führen kann.

Zum Abschluss gibt Johann Anders praktische Empfehlungen: Unternehmen sollten ihren Mitarbeitenden Einblicke in andere Organisationen ermöglichen, etwa durch Werksbesuche, Netzwerke oder Austauschformate. Der Blick über den eigenen Tellerrand sei essenziell, da viele Mitarbeitende nur ihr eigenes Unternehmen kennen. Darüber hinaus sieht er großes Potenzial in digitalen Lernformaten, Online-Coachings und Selbstlernplattformen, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, den Gedanken von Gemba – also dem direkten Beobachten vor Ort – mit virtuellen Formaten zu verbinden. Technologische Entwicklungen könnten hier künftig neue Möglichkeiten eröffnen.

Die Episode verdeutlicht, dass Lean weit mehr ist als Methodenanwendung. Es geht um Haltung, Führung und konsequente Ausrichtung am Kundennutzen – verbunden mit Lernbereitschaft und der Akzeptanz von Fehlern als notwendigem Bestandteil von Entwicklung.

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