In vielen Organisationen wird das Geschäftsmodell als etwas betrachtet, das sich in Märkten, Produkten und Preisen ausdrückt. Die Rolle von Expertenwissen bleibt dabei oft implizit. Es ist vorhanden, es funktioniert – und genau deshalb wird es selten thematisiert. Erst wenn Veränderungen anstehen oder Personen wegfallen, wird sichtbar, wie stark das Geschäftsmodell an konkretes Erfahrungswissen gekoppelt ist.
Stabilität, die auf Personen ruht
Ein stabiles Geschäftsmodell erzeugt den Eindruck von Verlässlichkeit. Abläufe funktionieren, Kunden sind zufrieden, Erträge planbar. Diese Stabilität kann jedoch auf einer stillen Voraussetzung beruhen: dem Wissen einzelner Experten, die Abweichungen ausgleichen, Entscheidungen vorwegnehmen oder Probleme lösen, bevor sie sichtbar werden. Das Geschäftsmodell erscheint robust, tatsächlich wird es kontinuierlich gestützt.
In solchen Situationen wird Expertenwissen nicht als gestaltbares Element wahrgenommen, sondern als gegeben angenommen. Es ist Teil der Normalität geworden – und damit entzogen sich Aufmerksamkeit und bewusster Gestaltung.
Wenn Weiterentwicklung das Bestehende voraussetzt
Auch dort, wo Geschäftsmodelle weiterentwickelt oder angepasst werden, bleibt Expertenwissen häufig zentral. Neue Produkte, neue Märkte oder neue Technologien bauen nicht selten auf dem bestehenden Wissen auf. Die Annahme, dass Veränderung automatisch die Relevanz von Expertenwissen reduziert, greift zu kurz. Oft ist das Gegenteil der Fall: Ohne dieses Wissen lassen sich Veränderungen gar nicht sinnvoll umsetzen.
Damit entsteht ein Spannungsfeld. Das Geschäftsmodell soll sich bewegen, während seine Tragfähigkeit weiterhin auf wenigen Personen ruht. Diese Abhängigkeit bleibt häufig unausgesprochen.
Implizite Annahmen mit langfristiger Wirkung
Solange das Geschäftsmodell funktioniert, werden diese Zusammenhänge selten hinterfragt. Die Organisation arrangiert sich mit der Situation. Entscheidungen werden pragmatisch getroffen, Übergaben vertagt, Verantwortung nicht explizit geklärt. Das Expertenwissen bleibt eingebettet in Personen, nicht in Strukturen. Diese impliziten Annahmen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern werden durch Führungshandeln – oft unbewusst – stabilisiert und abgesichert. Siehe auch Führung zwischen Absicherung und Abhängigkeit
Erst im Rückblick wird deutlich, dass das Geschäftsmodell nie unabhängig von diesen Personen war. Was als strukturelle Stärke galt, entpuppt sich dann als stillschweigende Annahme.
Manchmal hilft es, den Blick vom Tagesgeschäft zu lösen und das eigene Geschäftsmodell nicht nur auf Märkte und Leistungen zu prüfen, sondern auch auf die Wissensgrundlagen, auf denen es tatsächlich ruht. Der übergeordnete Zusammenhang der Experten-Nachfolge eröffnet dafür einen weiteren Bezugsrahmen.