Inhalt der Episode
- Definition von Wertschöpfung
- Sieben Verschwendungsarten
- Die kleine Geschichte vom Loch in der Wand
- Wenn Unternehmen Fußball spielen würden
Notizen zur Episode
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(Teil)automatisiertes Transkript
Eine KI-generierte Zusammenfassung finden Sie am Ende des Transkripts.
Episode 007 : Wertschöpfung vs. Verschwendungen
Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.
In dieser Episode geht es um die beiden zentralen Themen Wertschöpfung und Verschwendung, an denen sich der kontinuierliche Verbesserungsprozess ausrichtet. Ich stelle dabei die beiden Definitionen vor. Und erkläre sie anhand einer kleinen Geschichte. Im gleichen Zusammenhang geht es auch um unterschiedliche Tätigkeitsarten in Unternehmen.
Die Bedeutung dieser Tätigkeitsarten erläutere ich ebenfalls anhand eines Beispiels. Zum Schluss schlage ich dann noch einen kleinen Bogen in die Politik und was diese meines Erachtens aus dem KVP lernen kann.
Beginnen will sich also mit einer Definition von Wertschöpfung, die drei Kriterien umfasst.
Erstens muss eine Tätigkeit für den Kunden Nutzen stiftend sein, also ein Bedürfnis erfüllen, das heißt, er ist bereit dafür zu bezahlen. Zweitens muss eine Tätigkeit ein Produkt oder eine Leistung irgendwie verändern. Und drittens muss die Tätigkeit beim ersten Mal richtig ausgeführt werden. Dabei gibt es hier nur richtig oder falsch, es gibt nichts dazwischen. Deshalb wird auch nach null Fehlern gestrebt, auch wenn dieser Zustand in der Realität praktisch nie erreicht wird. Diese drei Kriterien müssen alle gleichzeitig zutreffen, damit wir von Wertschöpfung sprechen können.
In der anderen Gruppe der Tätigkeiten sind dagegen all die Tätigkeiten, die eben nicht wertschöpfend sind. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Verschwendungen gelegt. Man unterscheidet hier die sieben Verschwendungsarten. Transport von Material, Gütern und Maschinen, Inventar, Lager, als drittes Bewegung von Menschen, als viertes Warten und Suchen, Als fünftes Überproduktion, als sechstes Überbearbeitung und als siebte Verschwendungsart Fehler und Defekte. Sie können sich diese sieben Verschwendungsarten anhand der Abkürzung Tim Wood merken.
Die sieben Buchstaben stehen dabei für die folgenden englischen Begriffe.
T wie Transport I wie Inventory, M wie Movement, W wie Weight, O wie Overproduction, nochmal ein O wie Overprocessing und zum Schluss D wie Defects.
Die schlimmste Verschwendungsart finde ich persönlich Warten und suchen, weil es hier um Zeitverschwendung geht. Speziell Suchen als Zeitverschwendung ist deshalb schlimm, weil die Zeit nicht wie Material, Maschinen oder ähnliches rumliegt. Das heißt sie wird nicht gesehen. Außerdem kann die verstrichene Zeit nicht recycelt werden. Sie ist ein für alle Mal verloren. Und letztlich bin ich als Betroffener eher die ganze Zeit beschäftigt mit Suchen. Das heißt, ich nehme die verstrichene Zeit direkt nicht als unproduktiv wahr. Höchstens vielleicht am Ende eines Tages, wenn man sich fragt, was man an diesem Tag eigentlich geleistet hat. Das ist der Punkt, an dem ein externer Blick oder mindestens ein externer Impuls wertvoll ist.
Soweit die graue Theorie. Damit es nicht dabei bleibt, will ich ein Beispiel anhand einer kleinen Geschichte machen. Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach einem langen Arbeitstag erledigt nach Hause. Kaum sind sie durch die Wohnungstür, tritt ihnen freudestrahlend ihre Frau entgegen und zeigt ihnen begeistert das neue Bild, das sie fürs Schlafzimmer gekauft hat.
Damit ihr keine Missverständnisse aufkommen, Das Beispiel funktioniert natürlich auch umgekehrt mit ihren neuen Autofelgen. Nach dem ersten Schock, was das für ihr Konto bedeutet, finden Sie auch Gefallen an dem Bild, wissen aber sofort, dass jetzt Arbeit auf sie noch zukommt. Also heißt es, noch vor dem Abendessen ab in den Keller und die Bohrmaschine holen, um das Bild sicher an der Wand zu befestigen. Baumärkte verkaufen übrigens keine Bohrmaschinen, eigentlich auch keine Löcher oder die Möglichkeit, diese in die Wand zu machen. Baumärkte verkaufen eine Möglichkeit, etwas an einer Wand zu befestigen. Wehe, es erfindet also irgendwann doch jemand den Siemens Lufthaken, der Niedergang eines ganzen Industriezweiges wäre sicher. Aber zurück zu unserer Geschichte. Als erstes machen Sie sich hier eine gedankliche Notiz.
Dass eine 5S-Aktion in Ihrem Werkzeugschrank auch mal gut wäre. Aber das ist das Thema einer zukünftigen Episode. Nach etwas Suchen haben Sie die Bohrmaschine gefunden. Sie tragen sie also ins Schlafzimmer. Die zwei Stockwerke vom Keller ins Obergeschoss buchen Sie mal unter dem Aspekt Fitness ab, weil die Bohrmaschine im Schlafzimmerschrank dann dem häuslichen Frieden doch nicht zuträglich wäre. Oben angekommen, bemerken Sie, dass Sie noch das Verlängerungskabel brauchen. Sie rufen also nach Ihrer Frau und bitten Sie, Ihnen das Verlängerungskabel zu bringen. Ihre Frau denkt mit und bringt auch gleich den Staubsauger mit. An dieser Stelle noch eine kleine Anmerkung. Nicht wertschimpfende Aktivitäten lassen sich besonders gut auslagern oder delegieren. Das soll jetzt nicht chauvinistisch klingen, aber es passt einfach gut in die Geschichte.
Als nächstes geht es darum, den passenden Dübel und Bohrer zu finden. Gedankliche Notiz Nummer 2 für Sie: Die 5S-Aktion auch auf die Bohrer- und Dübelkiste ausdehnen. Nach längerem Suchen sind Sie also dann bereit fürs große Bohren. Sie setzen die Maschine an und nach 10 Sekunden ist alles vorbei. Nein, Sie haben keine Wasser- oder Stromleitung angebohrt.
Trotzdem wäre das die Wertschöpfung nur dann gewesen, wenn es dann nicht zwischen Ihnen und Ihrer Frau 15 cm Größenunterschied gäbe. Das heißt also, das Bild hängt leider zu hoch. Und aus der Nutzleistung wurde leider eine Fehlleistung. Deshalb heißt es jetzt, erstmal das Loch wieder zu spachteln. Für einen Gipser wäre das Nutzleistung, für Sie ist es aber nur Blindleistung. Auch wenn sie das möglicherweise ganz anders wahrnehmen, auf jeden Fall kostet sie unnötig Zeit und steht zwischen ihnen und dem Abendessen. Irgendwann ist auch das Zuspachteln erledigt und Sie können jetzt das Loch an der richtigen Stelle bohren und das Bild aufhängen.
Zum Schluss saugen Sie noch den Bohrdreck weg und freuen sich mit Ihrer Frau über die endlich nicht mehr kahle Wand im Schlafzimmer und das gemeinsame Abendessen.
Soweit die kleine Geschichte von der Bohrmaschine, der Wertschöpfung und den Verschwendungen.
An dieser Stelle können Sie ruhig mal den Podcast anhalten und entsprechend die Verschwendungsarten aufschreiben. Was Ihnen dabei aufgefallen ist. Sie können diese Übung auch zusammen mit Mitarbeitern machen. Überschlagen Sie mal ruhig, wie viel Zeit bei dieser Aktion wertschöpfend war. Und wie viel nicht. In den Notizen zur Episode finden Sie den Link auf einen Blog-Artikel, in dem ich noch weiter auf die Themen Wertschöpfung und Verschwendung eingehe. An ein paar Stellen habe ich hier bereits die Begriffe Nutzleistung, Fehlleistung und Blindleistung verwendet. Nur bei der Nutzleistung handelt es sich um geplante wertsteigernde Aktivitäten. Die Blindleistung ist ungeplant aber gerade noch wertneutral. Die Fehlleistung reduziert den Wert sogar. Daneben gibt es noch eine weitere Leistungsart, die sogenannte Stützleistung. Die ist zwar auch geplant, weil notwendig, aber halt trotzdem nur wertneutral.
Vor einiger Zeit hatte ich mal eine Untersuchung gesehen. Die beschrieb, wie sich in deutschen Unternehmen die verschiedenen Aktivitäten auf die vier Leistungsarten aufteilen. In dieser Untersuchung wurden 25% Nutzleistung, 45% Stützleistung, 20% Blindleistung und 10% Fehlleistung genannt. Wenn Sie an dieser Stelle nochmal die Geschichte von der Bohrmaschine rekapitulieren, werden Sie erkennen, dass es dabei bestimmt keine 25% Nutzleistung waren. Wenn wir diese Aufteilung der Leistungsarten mal auf ein Fußballspiel übertragen, ergeben sich folgende Situationen. Der Vergleich zur aktuellen Performance des VfB Stuttgart ist dabei übrigens rein zufällig und sicher nicht beabsichtigt. Nur drei Spieler laufen wirklich auf den Platz und spielen dann für die eigene Mannschaft mit. Von diesen drei Spielern bleibt allerdings einer in der zweiten Halbzeit auf der Bank sitzen. Vier Spieler sitzen die ganze Zeit auf der Bank. Sie unterstützen die Mannschaft durch den Jubel, aber sie spielen nicht mit. Zwei Spieler wurden in der ersten Minute vom Platz gestellt. Ja, und ein Spieler hat das Trikot verwechselt und spielt 90 Minuten auf das falsche Tor.
Ganz schön schockierend, oder? Jetzt stellen Sie sich mal vor, in der anderen Mannschaft laufen auch in der zweiten Halbzeit drei Spieler aufs Feld. Oder der Spieler mit dem falschen Trikot merkt es in der zweiten Halbzeit und zieht sich um. Damit würden 20 bis 40 Prozent mehr wertsteigernde Aktivitäten ausgeführt werden. Das dürfte der Mannschaft bzw. dem Unternehmen doch einen erheblichen Vorteil beim Ergebnis bringen. Und auch die Spieler bzw. Mitarbeiter dürften zufriedener sein, da sie plötzlich Einfluss auf das Spielergebnis haben.
Und zu guter Letzt wird auch das Publikum, die nicht ganz unwichtigen Kunden, von der Entwicklung in der zweiten Halbzeit ziemlich erfreut sein. Worüber wir im mehr oder weniger privaten Umfeld kaum nachdenken und was dort sicher irrelevant ist, kostet Ihr Unternehmen richtig viel Geld. Trotzdem ist in vielen Unternehmen der Faktor Gewöhnung sehr hoch. Und die resultierenden Verschwendungen werden gar nicht mehr wahrgenommen. Das drückt sich dann auch auf die beschriebene Aufteilung aus. Und das ist nur der Durchschnitt. Sicher gibt es Unternehmen, die besser sind, aber es gibt auch Unternehmen, die schlechter sind. Wissen Sie, wo Ihr Unternehmen steht? Im betrieblichen Alltag nehmen wir die Situationen oft einfach so hin. Warum? Weil es ganz viel mit Gewohnheit und Routine zu tun hat. Die Suche nach Verschwendungen in den direkten Bereichen, also vor allen Dingen in der Produktion, ist noch am einfachsten. In den indirekten Bereichen muss man dann schon etwas genauer hinsehen und manchmal ziemlich um die Ecke denken. Beobachten Sie einfach in den nächsten Tagen mal sich selbst, Ihre Kollegen und Mitarbeiter und nehmen Sie wahr, wo es bei den Tätigkeiten um Wertschöpfung und um Verschwendung geht. Wahrnehmung ist an dieser Stelle der erste Schritt zur Veränderung und Verbesserung. Nicht umsonst hat Johann Anders, mein Gesprächspartner aus der letzten Episode, für seinen Blog den Titel Sehen lernen gewählt. Zu den oben geschilderten sieben Verschwendungsarten kommen mittlerweile noch zwei weitere hinzu. Das sind einmal die ungenutzten Fähigkeiten von Mitarbeitern. Denken Sie nur mal, Sie hätten Ihre Frau vor dem ersten Loch gefragt, wie hoch das Bild hängen soll. Da wäre Ihnen einiges erspart geblieben. Die neunte Verschwendungsart ist unnötige Komplexität. Hier bin ich noch am Überlegen, wie ich das in das Bohrmaschinenbeispiel integrieren kann. Denn letztlich ist ein Loch bohren bzw. ein Bild aufhängen, selbst mit allen Zusatzaktivitäten, vielleicht kompliziert, aber nicht komplex. Sie erkennen das daran, dass es ziemlich einfach gewesen wäre, eine Liste der Aktivitäten oder eben eine Checkliste zu erstellen. Wenn jemand von Ihnen eine Idee hat, wie sich Komplexität in das Bohrmaschinenbeispiel integrieren lässt, freue ich mich über Ihren Kommentar. Beim Thema Erkennen von Verschwendungen geht es unter anderem auch um das Durchbrechen von Routine, wie ich das in Episode 3 vorgestellt habe. Das Erkennen von Verschwendungen hat dabei aber auch etwas mit dem Schaffen von Routine zu tun, nämlich die eigenen Tätigkeiten laufend zu hinterfragen und auf den Prüfstand zu stellen. Dies kann in regelmäßigen KVP-Runden geschehen und wird dadurch unterstützt, dass im Prozessmappings die Tätigkeiten in wertschöpfende und nicht wertschöpfende Tätigkeiten, also Verschwendungen, differenziert werden. Von diesen Ist-Zuständen aus kann dann nach Verbesserung gestrebt werden. Bei dieser Analyse kann es nicht nur wichtig sein zwischen Wertschöpfung und Verschwendung zu differenzieren, sondern auch darüber nachzudenken, wer eine Tätigkeit ausführt. Das erinnert mich an ein Kundenprojekt bei einer Vermittlungsagentur. Dort wurde innerhalb des Vermittlungsprozesses als eine Tätigkeit ein Protokoll erstellt. Die Verbesserung bestand an dieser Stelle darin, dass die Erstellung des Protokolls von einer anderen Person übernommen wurde und dadurch freie Vertriebskapazität geschaffen wurde. Diese führte zu einer Umsatzsteigerung. Das war ein Fall, der sehr schön zeigte, dass schon die Dokumentation eines Prozesses zu Verbesserungen führen kann. Bei der Suche nach Verschwendungen und deren Vermeidung sollten wir uns immer auch vor Augen führen, dass das Gegenteil von Verschwendung nicht Sparsamkeit, sondern eben Wertschöpfung ist. Das ist ein ziemlicher Unterschied, der auch Einfluss auf die ausgelösten Reaktionen und Maßnahmen hat. Unsere Politik kann sich daran durchaus ein Beispiel nehmen. Man kann sich nämlich auch zu Tode sparen, wie das in meinen Augen am Beispiel Griechenlands droht. Mit Verbesserung der Wertschöpfung besteht diese Gefahr nicht. Damit will ich nicht sagen, dDass der Wertschöpfungsweg leichter ist, er darf das auch gar nicht sein. Im Sinn der Verbesserungs-Kata ist ein bekannter Weg sogar der schlechtere, weil auf diesem Weg keine echten Verbesserungen entstehen. Diese kann nur dort entstehen, wo neue Wege durch unbekanntes Terrain gegangen werden.
Damit bin ich am Ende dieser Episode angekommen. Ich freue mich, wenn Sie auf iTunes eine Bewertung abgeben oder wenn Sie einen Kommentar unter der Episode hinterlassen.
Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.
KI-generierte Zusammenfassung
In dieser Episode spricht Götz Müller über die grundlegenden Begriffe Wertschöpfung und Verschwendung als Kern des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Er erläutert, dass jede Verbesserung im Unternehmen letztlich daran gemessen werden muss, ob sie Wertschöpfung erhöht und Verschwendung reduziert. Dabei geht es nicht nur um Effizienz, sondern um echten Nutzen für Kunden und um die bewusste Gestaltung von Arbeit.
Götz Müller definiert Wertschöpfung anhand von drei klaren Kriterien. Erstens muss eine Tätigkeit für den Kunden einen Nutzen stiften, für den er bereit ist zu bezahlen. Zweitens muss diese Tätigkeit ein Produkt oder eine Dienstleistung verändern. Drittens muss sie beim ersten Mal richtig ausgeführt werden. Es gibt dabei kein „fast richtig“. Entweder erfüllt eine Tätigkeit alle drei Kriterien gleichzeitig oder sie ist nicht wertschöpfend. Der Anspruch auf Fehlerfreiheit ist deshalb so zentral, weil Nacharbeit oder Korrekturen keine Wertschöpfung darstellen, sondern zusätzliche Aufwände verursachen.
Alle anderen Tätigkeiten, die diese Kriterien nicht erfüllen, gehören zur Gruppe der nicht wertschöpfenden Aktivitäten. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den klassischen sieben Verschwendungsarten, die sich mit der Abkürzung TIM WOOD merken lassen: Transport, Lagerbestände, Bewegung, Warten, Überproduktion, Überbearbeitung und Fehler. Götz Müller betont besonders die Verschwendungsart Warten und Suchen. Zeit ist im Gegensatz zu Material nicht sichtbar und kann nicht wiederverwendet werden. Wer sucht, fühlt sich beschäftigt, erkennt aber oft nicht, wie viel produktive Zeit dabei verloren geht. Gerade hier kann ein externer Blick helfen, eingefahrene Muster zu durchbrechen.
Um die theoretischen Begriffe greifbar zu machen, erzählt Götz Müller eine Geschichte aus dem Alltag. Nach einem langen Arbeitstag soll ein neu gekauftes Bild im Schlafzimmer aufgehängt werden. Was auf den ersten Blick nach einer einfachen Aufgabe klingt, entpuppt sich als Paradebeispiel für Verschwendung. Der Weg in den Keller, das Suchen der Bohrmaschine, das fehlende Verlängerungskabel, das erneute Suchen nach Dübeln und Bohrern sowie schließlich ein falsch gesetztes Loch zeigen, wie gering der Anteil echter Wertschöpfung ist. Wertschöpfend ist letztlich nur das korrekte Bohren des Lochs an der richtigen Stelle und das Aufhängen des Bildes. Alles andere sind Neben- oder Fehlleistungen.
In diesem Zusammenhang unterscheidet Götz Müller vier Leistungsarten: Nutzleistung, Blindleistung, Fehlleistung und Stützleistung. Nutzleistung ist geplant und wertsteigernd. Blindleistung ist ungeplant, aber wertneutral. Fehlleistung reduziert sogar den Wert. Stützleistung ist notwendig und geplant, jedoch ebenfalls wertneutral. Eine Untersuchung aus deutschen Unternehmen zeigt eine durchschnittliche Verteilung von 25 Prozent Nutzleistung, 45 Prozent Stützleistung, 20 Prozent Blindleistung und 10 Prozent Fehlleistung. Übertragen auf die Bild-Geschichte wird deutlich, dass der Anteil der Nutzleistung deutlich unter diesen 25 Prozent liegt.
Zur Veranschaulichung nutzt Götz Müller ein Fußballbild und nimmt Bezug auf den VfB Stuttgart. Er beschreibt eine Mannschaft, in der nur wenige Spieler tatsächlich aktiv am Spiel teilnehmen, andere auf der Bank sitzen, einige vom Platz gestellt werden und einer sogar ins falsche Tor spielt. Dieses Bild verdeutlicht, wie viel Potenzial in Unternehmen brachliegt, wenn wertschöpfende Tätigkeiten nur einen geringen Anteil ausmachen. Schon eine Steigerung um 20 bis 40 Prozent wertschöpfender Aktivitäten würde die Leistung und Zufriedenheit deutlich erhöhen.
Götz Müller fordert dazu auf, im eigenen Arbeitsumfeld bewusst auf Wertschöpfung und Verschwendung zu achten. In direkten Bereichen wie der Produktion ist Verschwendung oft leichter zu erkennen als in indirekten Bereichen wie Verwaltung oder Vertrieb. Dort erfordert es ein genaueres Hinsehen und das Hinterfragen eingespielter Routinen. Wahrnehmung ist der erste Schritt zur Verbesserung.
Er ergänzt die klassischen sieben Verschwendungsarten um zwei weitere: ungenutzte Mitarbeiterpotenziale und unnötige Komplexität. Ungenutzte Fähigkeiten zeigen sich etwa darin, Expertenwissen nicht einzubeziehen und dadurch Fehler zu provozieren. Komplexität unterscheidet er von bloßer Kompliziertheit. Ein Bild aufzuhängen mag viele Schritte haben, bleibt aber beherrschbar. Echte Komplexität entsteht dort, wo Zusammenhänge nicht vollständig vorhersehbar sind.
Abschließend beschreibt Götz Müller, wie Prozessaufnahmen und die bewusste Zuordnung von Tätigkeiten zu Wertschöpfung oder Verschwendung konkrete Verbesserungen ermöglichen. In einem Beispiel aus einer Vermittlungsagentur führte allein die Verlagerung einer Protokolltätigkeit auf eine andere Person zu freier Vertriebskapazität und damit zu mehr Umsatz. Entscheidend ist nicht nur, was getan wird, sondern auch von wem.
Zum Schluss zieht Götz Müller einen Bogen zur Politik. Das Gegenteil von Verschwendung ist nicht Sparsamkeit, sondern Wertschöpfung. Reines Sparen kann Systeme schwächen, während die Steigerung von Wertschöpfung nachhaltige Entwicklung ermöglicht. Verbesserungen entstehen nicht auf bekannten, bequemen Wegen, sondern dort, wo neue Pfade beschritten werden.
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