
Wie viel Energie wird darauf verwendet, Begriffe zu retten, deren Bedeutung sprichwörtlich längst verbrannt ist. Bei genauerem Hinsehen entsteht der Eindruck, dass die Suche nach technischer Effizienz vor allem dazu dient, den vertrauten Status quo zu bewahren. Der Blick richtet sich auf Detailoptimierungen, während das eigentliche Ziel hinter dem Schleier der Rhetorik verschwindet. Ohne es offen auszusprechen, entsteht dadurch ein gedanklicher Nebenpfad, der leicht in den Lean-Kontext übertragen werden kann.
Wenn Effizienz zu einer Worthülse wird, verliert sie ihre Orientierungsfunktion. Ähnliches geschieht, wenn Lean in Organisationen zu einem Sammelbegriff verkommt, der alles und nichts meinen kann. Hinter dem Wunsch nach Technologieoffenheit verbirgt sich oft die Hoffnung, keine Entscheidung treffen zu müssen. Es entsteht eine gefährliche Komfortzone, in der aus Rücksicht auf bestehende Strukturen und u.U. persönliche Befindlichkeiten[2] keine klare Linie gezogen wird. Genau an diesem Punkt beginnt Lean an Kraft zu verlieren. Ohne eindeutige Ziele können Standards nicht entstehen und dann auch nicht wirken, Prozesse nicht stabilisiert werden und Verbesserungen bleiben zufällige und selten bleibende Einzelerfolge ohne systemische Wirkung.
In der politischen Debatte zeigt sich, wie stark der Fokus auf Ausnahmen die eigentliche Richtung verwässert. Ein ähnlicher Prozess findet in Unternehmen statt, wenn vermeintliche Sonderfälle genutzt werden, um konsequente Prozessführung zu umgehen. Jede Ausnahme erzeugt Komplexität. Wird diese Komplexität nicht aktiv adressiert, wird sie zur unsichtbaren Last, die Effizienz und Qualität schleichend untergräbt. Da muss man für „haben wir schon immer so gemacht“ schon fast dankbar sein, weil das wenigstens greifbar ist. Wirkungsvolle Prozesse brauchen Klarheit, nicht Beliebigkeit. Sie brauchen Prioritäten, nicht die Illusion unendlicher Optionen.
– Gustav Heinemann
Der Versuch, altbekannte Technologien durch kleine Verbesserungen zu retten, erinnert an das mühsame Feintuning historisch gewachsener Prozesse. Der Nutzen solcher Optimierungen ist begrenzt. Ohne ein grundlegendes Hinterfragen bleibt der Rahmen unverändert. Der verfügbare Fortschritt wirkt dann wie eine Schönheitsreparatur, die zwar Aktivität erzeugt, aber keinen echten Mehrwert schafft. Eine systemische Sicht ist notwendig, um zu erkennen, wie einzelne Prozessschritte zusammenwirken und wo Engpässe oder Reibungsverluste entstehen. Die politische Diskussion offenbart, wie schnell eine Gesamtbilanz aus dem Blick geraten kann, wenn sich alles auf einen vermeintlich modernen Begriff konzentriert.
Schlagworte vermitteln das Gefühl von Dynamik, ohne dass sich im Hintergrund etwas ändert. In Unternehmen erzeugen Begriffe wie Digitalisierung, Agilität oder Operational Excellence eine ähnliche Wirkung. Sie klingen verheißungsvoll, ohne zwangsläufig die dahinterliegenden Prinzipien einzufordern. Lean entfaltet seinen Wert jedoch erst, wenn Prinzipien konsequent gelebt werden. Prozesse sollen das leisten, was Kunden wirklich benötigen. Der funktionale Nutzen liegt in der Verlässlichkeit und Qualität der Ergebnisse. Der emotionale Nutzen entsteht durch die Erfahrung, Kontrolle über ein komplexes System zu gewinnen, statt sich von Störungen treiben zu lassen. Das Gefühl von Klarheit und Wirksamkeit ist oft der entscheidende Treiber für nachhaltige Veränderung.
Entscheidend bleibt die Frage, wie Organisationen und die Menschen mit dem Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Erneuerung umgehen. Der Wunsch, Altbewährtes weiterzuentwickeln, ist verständlich. Doch jede Verbesserung muss sich daran messen lassen, ob sie zum Ziel beiträgt oder lediglich den Anschein von Fortschritt erzeugt. Lean kann nur dann sein Potenzial entfalten, wenn es nicht zur rhetorischen Figur wird, sondern zum handlungsleitenden Prinzip. Sobald Begriffe ihre Präzision verlieren, verliert die Organisation und damit die Menschen ihre Fähigkeit zur Orientierung.
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