Gute Produktentwicklung ist mehr als das, was Kunden kaufen wollen – Teil 2/3: Warum Sonderlösungen entstehen und warum sie sich potenzieren

Produktentwicklung

Gute Produktentwicklung wirkt nach außen oft erstaunlich selbstverständlich. Neue Produkte erscheinen im richtigen Moment im Markt, funktionieren zuverlässig und passen in bestehende Produktfamilien. Hinter dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit verbirgt sich jedoch ein Geflecht von Entscheidungen, Routinen und Gewohnheiten, die sich im Laufe der Zeit in der Organisation verankern.

Besonders interessant wird dieser Blick, wenn die Ursachen für steigende Komplexität in der Produktentstehung betrachtet werden. Denn selten entsteht sie durch eine große, falsche Entscheidung. Meist wächst sie aus vielen kleinen, gut gemeinten Abweichungen vom ursprünglich geplanten Weg.

Der Anfang liegt häufig in einzelnen Projekten. Ein Team steht unter Zeitdruck und entwickelt eine Lösung, die für das aktuelle Produkt hervorragend funktioniert. Ein anderes Projekt entscheidet sich für eine etwas andere Werkzeugkette, weil sie für eine bestimmte Aufgabe besser geeignet erscheint. Wieder an anderer Stelle entsteht eine neue Variante eines bestehenden Produkts, weil ein Kunde eine spezielle Anforderung hat. Jede dieser Entscheidungen ist für sich genommen plausibel.

Problematisch wird es erst, wenn solche Lösungen nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen werden, sondern sich stillschweigend als neue Realität etablieren. Lokale Optimierungen entstehen dort, wo Projekte schnell Ergebnisse liefern müssen. Sie sparen im Moment Zeit und Aufwand. Gleichzeitig hinterlassen sie Spuren im System der Produktentstehung.

Eine dieser Spuren zeigt sich in der zunehmenden Vielfalt von Varianten und Komponenten. Neue Produkte werden entwickelt, bestehende erweitert und einzelne Funktionen angepasst. Ohne eine klare Strategie für Varianten entstehen immer neue Kombinationen von Bauteilen, Softwareständen und Konfigurationen. Die sichtbare Folge ist eine wachsende Vielfalt. Die weniger sichtbare Folge liegt in der steigenden Komplexität der gesamten Organisation.

Einkauf, Produktion, Qualitätssicherung und Service müssen diese Vielfalt bewältigen. Jede zusätzliche Variante erzeugt neue Stücklisten, neue Prüfungen und neue Abstimmungen mit Lieferanten. Ein Leistungsmerkmal, das ursprünglich als kundenorientierte Flexibilität gedacht war, verwandelt sich schrittweise in organisatorischen Aufwand.

„Für jedes komplexe Problem gibt es eine Lösung, die klar, einfach und falsch ist.“

– Henry Louis Mencken

Eine weitere Ursache liegt in der starken Spezialisierung von Wissen. Viele Produkte entstehen durch hochqualifizierte Experten, die komplexe Zusammenhänge über Jahre hinweg aufgebaut haben. Dieses Wissen ermöglicht beeindruckende technische Lösungen. Gleichzeitig bleibt ein Teil dieses Wissens implizit. Architekturentscheidungen, Schnittstellen oder besondere Randbedingungen existieren vor allem in den Köpfen einzelner Personen.

Solange diese Experten an den Projekten beteiligt sind, funktioniert dieses Modell erstaunlich gut. Mit wachsender Produktvielfalt und zunehmender Zahl paralleler Projekte zeigt sich jedoch eine neue Dynamik. Die Skalierbarkeit der Produktentwicklung hängt plötzlich nicht mehr nur von Prozessen ab, sondern von der Verfügbarkeit bestimmter Personen.

Ein ähnlicher Effekt entsteht durch individuelle Werkzeuglandschaften. Entwickler optimieren ihre Arbeitsumgebung, automatisieren wiederkehrende Schritte oder entwickeln eigene Hilfsmittel. Das steigert die persönliche Produktivität und beschleunigt Projekte. Gleichzeitig entsteht ein Geflecht individueller Arbeitsweisen, das sich nur schwer übertragen lässt. Neue Teammitglieder oder andere Projekte müssen diese Lösungen erst verstehen oder neu aufbauen.

Mit zunehmender Produktvielfalt verstärken sich diese Effekte gegenseitig. Variantenvielfalt trifft auf spezialisierte Wissensinseln. Unterschiedliche Werkzeugketten treffen auf wachsende Anforderungen an Integration und Datenkonsistenz. Informelle Abstimmungen zwischen Entwicklung, Produktion und Lieferanten werden häufiger, weil formale Strukturen mit der Dynamik der Projekte nicht Schritt halten.

Das Ergebnis ist selten ein plötzliches Scheitern der Produktentwicklung. Viel häufiger entsteht ein Zustand schleichender Überlastung. Projekte benötigen mehr Abstimmung, Änderungen verursachen unerwartete Nebenwirkungen und neue Produkte lassen sich nur mit erheblichem zusätzlichem Aufwand in bestehende Strukturen integrieren.

Interessant ist dabei, dass der ursprüngliche Zweck vieler Entscheidungen durchaus sinnvoll war. Flexibilität gegenüber Kunden, technologische Neugier, engagierte Experten oder pragmatische Lösungen unter Zeitdruck sind keine Schwächen. Sie werden erst dann zum Problem, wenn ihnen ein gemeinsamer struktureller Rahmen fehlt.

Genau an dieser Stelle zeigt sich eine oft unterschätzte Eigenschaft von Produktentwicklung. Sie gestaltet nicht nur Produkte. Sie gestaltet gleichzeitig die Komplexität der gesamten Organisation.

Wenn Sie wissen möchten, wie sich die Ursachen wachsender Komplexität in der Produktentstehung frühzeitig erkennen und strukturell adressieren lassen, dann nehmen Sie gerne Kontakt mit mir über dieses Formular auf oder greifen Sie einfach zum Telefon und rufen Sie mich unter 0171-7342717 an.

Falls die Umstände für Sie aktuell eine Kontaktaufnahme verhindern, legen Sie sich doch eine Wiedervorlage an.

Falls Sie den ersten Teil dieser kleinen Serie noch nicht gelesen haben, finden Sie ihn hier.

Frage: Welche Formen von Sonderlösungen haben sich in Ihrem Verantwortungsbereich über die Jahre etabliert? Welche dieser Lösungen entstanden aus nachvollziehbaren Projektentscheidungen und erzeugen heute zusätzlichen Abstimmungsaufwand? Und woran würde sich erkennen lassen, dass aus einzelnen pragmatischen Lösungen inzwischen ein strukturelles Muster geworden ist?

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