Das falsche Jidoka

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Jidoka wird häufig mit „Autonomation“ übersetzt, also mit einer Form der Automatisierung, die menschliche Intelligenz einbezieht. Eine Maschine soll nicht einfach weiterlaufen, wenn ein Fehler auftritt. Sie soll eine Abweichung erkennen, den Prozess anhalten und damit die Voraussetzung schaffen, die Ursache zu verstehen. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu einer reinen Automatisierung. Nicht die Maschine soll möglichst lange laufen. Der Prozess soll möglichst zuverlässig funktionieren. In manchen Umsetzungen scheint sich diese Logik jedoch umzukehren. Dann entsteht ein anderes Jidoka. Automatisieren, Wegsehen und Weiterlaufen.

Automatisieren

Automatisierung verspricht Effizienz, Stabilität und weniger manuelle Eingriffe. Diese Versprechen sind berechtigt, solange die Automatisierung die Qualität des Prozesses verbessert. Schwieriger wird es dort, wo automatisiert wird, bevor der zugrunde liegende Prozess verstanden ist. Fehler werden dann nicht beseitigt, sondern schneller erzeugt. Die Maschine arbeitet zuverlässig nach den Vorgaben. Die Vorgaben selbst können jedoch längst nicht mehr zur Realität passen. Je höher der Automatisierungsgrad, desto größer wird manchmal die Distanz zum tatsächlichen Prozess. Technik übernimmt die Ausführung, während die Frage nach der Ursache zunehmend aus dem Blick gerät.

Wegsehen

Ein Fehler wird erkannt. Ein Signal erscheint. Eine Abweichung wird sichtbar. Der Prozess könnte angehalten werden. Stattdessen entsteht die Frage, ob der Fehler nicht auch anders behandelt werden kann. Ein manueller Eingriff, eine Nacharbeit oder eine kleine Korrektur halten den Ablauf am Laufen. Kurzfristig scheint das vernünftig. Der Auftrag wird fertig, die Kennzahl bleibt stabil und die Störung verschwindet aus dem sichtbaren Prozess. Die Ursache bleibt jedoch bestehen. Wegsehen bedeutet dabei nicht unbedingt, dass niemand den Fehler bemerkt. Manchmal bedeutet es lediglich, dass niemand bereit ist, die Konsequenz aus dem Erkennen zu ziehen.

„Das größte Problem bei der Kommunikation ist die Illusion, sie habe stattgefunden.“

– George Bernard Shaw

Weiterlaufen

Maschinenlaufzeit lässt sich messen. Stillstand ebenfalls. Dadurch entsteht schnell ein scheinbarer Widerspruch. Ein Prozess soll bei einem Fehler anhalten, gleichzeitig soll die Anlage möglichst hohe Verfügbarkeit erreichen. Wird diese Spannung nicht sauber aufgelöst, gewinnt häufig die falsche Kennzahl. Die Maschine läuft weiter, obwohl der Prozess nicht mehr stabil ist. Menschen greifen ein, korrigieren, sortieren und überwachen. Der Stillstand der Maschine wird vermieden und der Stillstand des Lernens wird unsichtbar. Was auf dem Dashboard als hohe Verfügbarkeit erscheint, kann im Alltag eine erhebliche Menge manueller Kompensation bedeuten.

Menschen kompensieren

Jidoka soll menschliche Intelligenz nutzen, um Prozesse besser zu machen. Das falsche Jidoka nutzt Menschen dagegen, um Prozessfehler auszugleichen. Sie erkennen Abweichungen, korrigieren Fehler und verhindern, dass die Maschine stoppen muss. Mit zunehmender Routine wird diese Kompensation zum Bestandteil des normalen Ablaufs. Ein Prozess funktioniert dann scheinbar zuverlässig, weil Menschen permanent dafür sorgen, dass seine Schwächen nicht sichtbar werden. Die Organisation gewöhnt sich an die Abweichung. Was ursprünglich als vorübergehende Unterstützung gedacht war, wird zum Standardprozess.

Der Stopp als Verbesserung

Der eigentliche Wert eines Stopps liegt nicht im Stillstand. Er liegt in der Möglichkeit, den Grund für den Stillstand zu verstehen. Ein Prozess, der niemals anhält, kann deshalb auch ein Prozess sein, dessen Probleme konsequent verborgen werden. Jidoka verlangt nicht, jede kleine Abweichung zum großen Ereignis zu machen. Es verlangt vielmehr, relevante Abweichungen nicht durch permanente menschliche Kompensation zu normalisieren. Automatisierung sollte Menschen nicht dazu bringen, weniger zu denken. Sie sollte ihnen die Möglichkeit geben, sich auf die Ursachen zu konzentrieren, statt die Folgen immer wieder auszugleichen.

Wenn Sie verhindern möchten, dass Automatisierung menschliche Kompensation an die Stelle echter Problemlösung setzt und stattdessen stabile Prozesse entstehen sollen, nehmen Sie gerne Kontakt mit mir über dieses Formular auf oder greifen Sie einfach zum Telefon und rufen Sie mich unter 0171-7342717 an.

Falls die Umstände für Sie aktuell eine Kontaktaufnahme verhindern, legen Sie sich doch eine Wiedervorlage an (öffnet eine ics-Datei in Ihrer Kalender-Application bzw. generiert in Ihrem Download-Verzeichnis mit einem Terminvorschlag in einer Stunde, den Sie noch individuell anpassen können).

Frage: Welche Abweichungen werden im eigenen Verantwortungsbereich regelmäßig durch Menschen kompensiert? Wo verhindert der Wunsch nach hoher Maschinenverfügbarkeit das Erkennen und Beseitigen von Ursachen? Und woran wäre erkennbar, dass Automatisierung tatsächlich menschliche Intelligenz unterstützt, statt sie nur als Reparaturmechanismus einzusetzen?

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