
Erklären
Ein unerwartetes Ergebnis erzeugt zunächst einen ganz natürlichen Impuls. Es soll erklärt werden. Was ist passiert? Welche Rahmenbedingungen haben dazu geführt? Welche Entscheidungen lagen zugrunde? Solche Fragen sind notwendig, wenn Ursachen verstanden werden sollen. Schwieriger wird es, wenn die Erklärung bereits als Abschluss der Reflexion betrachtet wird. Dann wird aus der Suche nach Ursachen eine Begründung für das Ergebnis. Die Darstellung wird immer vollständiger und plausibler, während die eigene Rolle darin zunehmend unsichtbarer wird. Alles hat einen Grund. Genau deshalb muss noch lange nicht alles richtig gewesen sein. Hansei beginnt dort, wo eine Erklärung nicht das Ende der Untersuchung bildet.
Verteidigen
Kritische Fragen können leicht als Angriff verstanden werden. Dann richtet sich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf das Ergebnis, sondern auf die eigene Rechtfertigung. Entscheidungen werden erläutert, Annahmen verteidigt und alternative Möglichkeiten zurückgewiesen. Was eigentlich eine Gelegenheit zum Lernen sein könnte, wird zu einer Diskussion darüber, warum die damalige Entscheidung vernünftig war. Dabei kann eine Entscheidung durchaus nachvollziehbar gewesen sein und trotzdem zu einem schlechten Ergebnis geführt haben. Hansei verlangt nicht, frühere Entscheidungen nachträglich als falsch zu erklären. Es verlangt die Bereitschaft, die eigenen Annahmen erneut zu prüfen. Verteidigung schützt die Vergangenheit. Reflexion verbessert die Zukunft.
– William Shakespeare
Relativieren
Wenn eine Erklärung nicht ausreicht, hilft häufig der Blick auf die Umstände. Die Nachfrage war ungewöhnlich. Der Lieferant hatte Probleme. Die Maschine war älter als erwartet. Die Mitarbeiter waren noch nicht ausreichend eingearbeitet. All das kann zutreffen. Jede dieser Bedingungen kann einen Einfluss auf das Ergebnis haben. Werden solche Faktoren jedoch immer weiter ergänzt, entsteht ein bemerkenswerter Effekt. Je mehr Gründe gefunden werden, desto weniger scheint tatsächlich veränderbar. Das Ergebnis wird nachvollziehbar, aber nicht lernbar. Hansei müsste deshalb auch die unbequemere Frage zulassen: Was hätte trotz dieser Umstände anders gemacht werden können?
Vergessen
Selbst wenn eine Situation ausführlich analysiert wurde, bleibt die wichtigste Frage: Was verändert sich dadurch beim nächsten Mal? Ohne Konsequenz wird Reflexion zur Rückschau. Die Diskussion endet, das Problem verschwindet aus der Aufmerksamkeit und der Alltag übernimmt wieder. Einige Zeit später tritt eine ähnliche Situation auf. Dann beginnt die Erklärung von vorn. Vielleicht wird sogar dieselbe Ursache erneut beschrieben. Was fehlt, ist nicht unbedingt Wissen. Es fehlt die Verbindung zwischen Erkenntnis und künftigem Verhalten. Hansei ohne Konsequenz wird damit zu einer Form des organisierten Vergessens. Die Organisation kann sehr viel über vergangene Fehler wissen und trotzdem dieselben Fehler wiederholen.
Hansei braucht Konsequenz
Selbstkritik ist nicht das Ziel von Hansei. Das Ziel ist Lernen. Deshalb geht es auch nicht darum, nach jedem Fehler einen Schuldigen zu suchen oder vergangene Entscheidungen moralisch zu bewerten. Entscheidend ist die Bereitschaft, die eigenen Annahmen infrage zu stellen und aus einer Abweichung Konsequenzen zu ziehen. Erklären kann dabei helfen. Verteidigen kann nachvollziehbar sein. Relativieren kann notwendig sein. Entscheidend wird jedoch, was danach geschieht. Hansei endet nicht mit einer plausiblen Geschichte über die Vergangenheit. Es zeigt seinen Wert erst daran, ob die nächste Entscheidung durch die gewonnene Erkenntnis besser wird.
Vielleicht liegt genau darin die anspruchsvollste Form der Selbstreflexion. Nicht darin, einen Fehler möglichst überzeugend zu erklären, sondern darin, eine Erklärung zu finden, die das eigene zukünftige Handeln verändert. Denn eine Organisation kann ihre Vergangenheit sehr differenziert analysieren und trotzdem erstaunlich wenig daraus lernen.
Wenn Sie herausfinden möchten, wo Reflexion im eigenen Verantwortungsbereich tatsächlich zu verändertem Handeln führt und wo sie lediglich zur Rechtfertigung vergangener Entscheidungen geworden ist, nehmen Sie gerne Kontakt mit mir über dieses Formular auf oder greifen Sie einfach zum Telefon und rufen Sie mich unter 0171-7342717 an.
Falls die Umstände für Sie aktuell eine Kontaktaufnahme verhindern, legen Sie sich doch eine Wiedervorlage an (öffnet eine ics-Datei in Ihrer Kalender-Application bzw. generiert in Ihrem Download-Verzeichnis mit einem Terminvorschlag in einer Stunde, den Sie noch individuell anpassen können).
Frage: Welche Entscheidungen werden derzeit vor allem erklärt, statt noch einmal kritisch betrachtet zu werden? Wo verhindern Rechtfertigungen den Blick auf tatsächlich veränderbare Ursachen? Und woran wäre erkennbar, dass aus einer vergangenen Erfahrung eine bessere nächste Entscheidung geworden ist?
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