Wenn Yokoten zum Roll-out wird

Training

Yokoten beschreibt im Lean-Kontext das horizontale Weitergeben von Wissen und Erfahrungen. Eine gute Lösung soll nicht an dem Ort bleiben, an dem sie entstanden ist. Andere Bereiche können davon lernen, eigene Zusammenhänge prüfen und passende Elemente übernehmen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Lernen und Kopieren. Aus Yokoten kann jedoch schnell ein Roll-out-Prozess werden. Eine Lösung wird als erfolgreich erklärt, anschließend möglichst schnell auf andere Bereiche übertragen und dort zum neuen Standard gemacht. Was ursprünglich Lernen ermöglichen sollte, wird dann zur Vorgabe. Aus „Was können wir daraus lernen?“ wird „Wie bringen wir das überall hin?“.

Kopieren statt Verstehen

Eine Verbesserung wirkt überzeugend, wenn sie an ihrem Entstehungsort funktioniert. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass sie an anderer Stelle unter denselben Bedingungen funktioniert. Prozesse, Produkte, Menschen und Rahmenbedingungen unterscheiden sich. Beim Kopieren wird diese Besonderheit leicht zur Störung. Die Lösung steht bereits fest, bevor das Problem am neuen Ort wirklich verstanden wurde. Damit wird Wissen scheinbar übertragen, obwohl lediglich ein Ergebnis übertragen wird. Das Ergebnis kann durchaus sinnvoll sein. Der entscheidende Lernprozess fehlt jedoch. Die Organisation übernimmt eine Antwort, ohne die Frage noch einmal zu stellen.

Ausrollen statt Lernen

Ein erfolgreicher Ansatz weckt verständlicherweise den Wunsch nach Verbreitung. Schließlich soll sich der Aufwand für eine Verbesserung möglichst mehrfach auszahlen. Daraus entsteht schnell ein Roll-out-Plan mit Meilensteinen, Verantwortlichkeiten und Zielterminen. Der Blick verschiebt sich von der Frage, was andere Bereiche aus der Erfahrung lernen können, auf die Frage, wie schnell die Lösung überall umgesetzt werden kann. Aus horizontalem Lernen wird vertikale Steuerung. Der Erfolg eines Yokoten wird daran gemessen, wie viele Bereiche den neuen Ansatz übernommen haben. Ob diese Bereiche dadurch tatsächlich etwas verstanden haben, bleibt eine zweite Frage.

„Wissen ist Macht.“

– Francis Bacon

Vereinheitlichen statt Anpassen

Standards schaffen Orientierung. Sie können helfen, bewährte Vorgehensweisen zu sichern und unnötige Unterschiede zu vermeiden. Gleichzeitig ist nicht jede Abweichung ein Problem. Manche Unterschiede entstehen aus anderen Kundenanforderungen, technischen Bedingungen oder Prozesszusammenhängen. Wird eine erfolgreiche Lösung ohne Prüfung vereinheitlicht, werden solche Unterschiede schnell als mangelnde Disziplin betrachtet. Anpassung erscheint dann als Abweichung vom Standard. Dabei müsste gerade die Anpassung zeigen, ob das zugrunde liegende Prinzip verstanden wurde. Ein guter Standard schafft einen Ausgangspunkt für Verbesserung. Ein schlechter Roll-out macht aus dem Standard eine Grenze des Denkens.

Compliance statt Verbesserung

Sobald eine Lösung ausgerollt wird, entsteht zwangsläufig die Frage nach ihrer Einhaltung. Audits, Checklisten und Kennzahlen helfen dabei, den Umsetzungsgrad sichtbar zu machen. Damit verändert sich jedoch auch der Charakter des Yokoten. Nicht mehr die Verbesserung steht im Mittelpunkt, sondern die korrekte Anwendung der vorgegebenen Lösung. Wer den Standard erfüllt, gilt als erfolgreich. Wer ihn anpasst, muss sich erklären. Damit wird genau das Verhalten erschwert, das für Lernen eigentlich notwendig wäre. Die Organisation wird gut darin, Lösungen einzuhalten. Sie wird dadurch nicht automatisch besser darin, neue Lösungen zu entwickeln.

Lernen statt Roll-out

Yokoten entfaltet seinen Wert nicht dadurch, dass überall dasselbe getan wird. Entscheidend ist, dass Erfahrungen verfügbar werden und andere daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen können. Eine erfolgreiche Verbesserung liefert deshalb nicht nur eine Lösung, sondern auch Erkenntnisse über das Problem, die Ursache und den Weg zur Lösung. Diese Erkenntnisse lassen sich teilen. Ihre konkrete Umsetzung muss jedoch zum jeweiligen Prozess passen. So entsteht aus einer lokalen Verbesserung eine neue Lernmöglichkeit für die Organisation. Aus Roll-out wird Entwicklung. Aus Kopieren wird Verstehen.

Vielleicht liegt genau hier die feine Grenze zwischen Wissenstransfer und Standardisierung. Ein Roll-out fragt: „Wie bekommen wir diese Lösung überall umgesetzt?“ Yokoten müsste zuerst fragen: „Was ist hier passiert, das für andere interessant sein könnte?“ Der Unterschied klingt klein. Für die Lernfähigkeit einer Organisation ist er erheblich.

Wenn Sie verhindern möchten, dass erfolgreiche Verbesserungen beim Weitergeben zu starren Vorgaben werden und stattdessen echtes Lernen über Bereichsgrenzen hinweg entsteht, nehmen Sie gerne Kontakt mit mir über dieses Formular auf oder greifen Sie einfach zum Telefon und rufen Sie mich unter 0171-7342717 an.

Falls die Umstände für Sie aktuell eine Kontaktaufnahme verhindern, legen Sie sich doch eine Wiedervorlage an (öffnet eine ics-Datei in Ihrer Kalender-Application bzw. generiert in Ihrem Download-Verzeichnis mit einem Terminvorschlag in einer Stunde, den Sie noch individuell anpassen können).

Frage: Welche Lösungen werden in Ihrem Verantwortungsbereich übertragen, ohne die zugrunde liegenden Bedingungen zu prüfen? Wo wird Anpassung bereits als Abweichung betrachtet, obwohl sie eigentlich Verständnis zeigen könnte? Und woran wäre erkennbar, dass aus dem Weitergeben einer Lösung tatsächlich gemeinsames Lernen geworden ist?

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