Inhalt der Episode
- Welche Rolle spielen Prozesse bei Trainings, speziell für Projektmanagement?
- Welche Formen von Trainings gibt es und welche Ziele stecken dahinter?
- Welchen Zweck hat Verwirrung in Trainings?
- Wozu dienen Prozessmodelle im Projektmanagement und den entsprechenden Trainings?
- Wie unterscheiden sich die verschiedenen Projektmanagement-„Schulen“?
- Welche Rolle spielen agile Konzepte im Projektmanagement und der Ausbildung, speziell bei PRINCE2?
- Agiles Projektmangement vs. traditionelles Projektmanagement
- Welche Anleihen werden bei Lean Management gemacht?
- Wie hat sich Training in den vergangenen Jahren verändert?
- Verschiebung der Fähigkeiten in Management- und Führungsrollen, im Training, Projektmanagement und Prozessmanagement
- Welche neuen Aufgaben kommen auf Projektmanager zu?
- Welche Rolle spielen Projektmanagement-Zertifikate?
- Konferenzen und Barcamps
Notizen zur Episode
- XING-Profil von Oliver Buhr
- Website der Copargo GmbH
- PMcamps
- Copargo Community Day (Vorträge, Sessions, Netzwerken) am 5.11.2015 in Mainz
- PRINCE2 Agile
- Buchtipp Dave Sibbet: Visuelle Meetings
- Buchtipp M. Eppler, F. Hoffmann, R. Pfister: Creability
- Buchtipp Judith Andresen: Retrospektiven in agilen Projekten
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(Teil)automatisiertes Transkript
Eine KI-generierte Zusammenfassung finden Sie am Ende des Transkripts.
Episode 022 : Prozesse in Trainings
Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.
Götz Müller: Heute habe ich Oliver Buhr bei mir, den Geschäftsführer der Copargo GmbH. Die Copargo GmbH veranstaltet Projektmanagement-Trainings, speziell nach Prince2. Oliver, herzlich willkommen. Stell dich doch bitte kurz unseren Zuhörern vor, wo du herkommst, was ihr bei Copargo so macht.
Oliver Buhr: Ja, hallo Götz. Schön, dass ich bei dir sein darf. Und ich stelle natürlich gerne mich und meine Firma mal ganz kurz vor, damit deine Zuhörer ein Bild bekommen. Also Copargo ist ein Beratungs- und Trainingsunternehmen. Wir sind als Trainingsunternehmen gestartet und haben unser Portfolio jetzt in den letzten Jahren auch erweitert und machen auch Beratung und Coaching.
Vielleicht zu meiner Person zunächst einmal. Ich habe eine technische Ausbildung, ich bin Elektroingenieur und habe mein ganzes Berufsleben die meiste Zeit als angestellter Projektmanager gearbeitet. Ich kann also sagen, dass Projektmanagement mein Berufsleben ist. Und ich habe mich vor zehn Jahren selbstständig gemacht, relativ spät, und habe die Copargo gegründet. Begonnen mit Prince2, das ist auch heute noch unser Hauptschwerpunkt, mit dem wir uns beschäftigen, haben aber gesehen, dass, um unseren Kunden in Projekten zu helfen, es auch mehr braucht als nur eine Methode und deshalb haben wir, uns erweitert. Wir haben auch andere Methoden mit ins Programm aufgenommen, aber auch noch andere Skills und andere Inhalte, die wir vermitteln. Dazu kommen wir bestimmt auch noch während unseres Gesprächs, Götz. Vielleicht nochmal ganz kurz zu Copargo. Wir sind in der Nähe von Dreieich in Frankfurt, in der Nähe von Frankfurt und es sind nicht so viele Mitarbeiter, wir arbeiten auch mit vielen Freiberuflern zusammen und das ist ein Geschäftsmodell, was eigentlich sehr gut funktioniert.
Götz Müller: Gut, vielen Dank. Jetzt geht es ja bei meinen Podcast-Episoden im Kern, die große Gemeinsamkeit immer irgendwo um Prozesse. Wie Prozesse funktionieren in den Unternehmen, in der Leistungserbringung, wie man gegebenenfalls die Prozesse verändern kann, verändern sollte. Und jetzt geht es bei uns zwei um das Thema Weiterbildung, Trainings. Was sind in deiner Erfahrung in dem Umfeld die entscheidenden Prozesse? Wo unterscheidet sich das Thema von anderen Unternehmen, vielleicht auch mit einem Einblick Unternehmen, die ihr beratet?
Oliver Buhr: Ja, also was jetzt in dem Nachdenken über unseren Podcast mir in den Sinn gekommen ist, dass ich schon ganz früh, als ich Copargo gegründet habe, da war ich wirklich ganz alleine, habe ich mir schon ein Prozessmodell gemalt. So ein typisches Prozessmodell von einem Unternehmen, das kennst du bestimmt auch. Links ist der Kunde mit seinen Erwartungen, rechts ist der Kunde mit seiner Zufriedenheit. In der Mitte gibt es dann Kernprozesse und dann gibt es Unterstützungsprozesse und Strategieprozesse. Also ich habe relativ früh auch schon in Prozessen gedacht und es hat sich im Nachhinein auch herausgestellt, im Laufe der Zeit, dass das sehr, sehr hilfreich war, weil es mir bei der Professionalisierung und auch bei dem Wachsen des Unternehmens geholfen hat. Du fragtest jetzt nach den Besonderheiten im Trainingsgewerbe.
Da fällt mir ein, dass wir… Das ist zumindest unser Anspruch bei unseren Seminaren, die wir machen. Wir machen viele firmenspezifische Seminare, dass wir sowas wie eine professionelle Individualität an den Tag legen müssen. Das heißt, die Inhalte, die wir vermitteln, die sind immer ganz speziell auch den Kunden zugeschnitten. Und dennoch muss es wiederholbar sein, dass wir wirklich immer wieder die gleiche Qualität liefern können. Und aus dem Grund müssen wir schon nach Prozessen arbeiten, die dokumentiert sind, die alle auch dokumentiert wiederfinden und um wirklich sicherzustellen, dass unsere Kunden am Ende auch mit einer hohen Qualität am Ende aus dem Training ausgehen.
Götz Müller: Okay, da waren jetzt schon ein paar interessante Punkte dabei. Für mich kam da auch raus, es gibt einerseits die betrieblichen Gesichtspunkte, andererseits didaktische Gesichtspunkte. Betriebliche Gesichtspunkte würde ich mal vermuten sind Unternehmen gar nicht so sehr unterschiedlich deshalb möchte ich mich hier an der Stelle noch ein bisschen auf das Thema didaktische Gesichtspunkte in der Weiterbildung, in Trainings konzentrieren. Wo siehst du da die größten Unterschiede?
Oliver Buhr: Also wenn wir jetzt inhaltlich über ein Training sprechen, dann müssen wir vielleicht unterscheiden, was die Zielsetzung des Trainings ist. Und wenn es um eine reine Wissensvermittlung geht, was vordergründig auch bei Prince2-Trainings der Fall ist, weil die am Ende mit einem Zertifikat enden.
Ist es unsere Aufgabe, dass wir den Teilnehmern Wissen auf vielen unterschiedlichen Ebenen näher bringen müssen und dass wir auch sehr oft Medienwechsel machen. Und da ist es sehr wichtig, dass die Teilnehmer wirklich den roten Faden erkennen. Das heißt, wir arbeiten auch sehr visuell, dass wir den Trainingsablauf so über einen Weg, so einen Wanderweg darstellen, wo man am Ende dann als Gipfel dann die erfolgreiche Prüfung hatte. Und die Teilnehmer müssen eigentlich immer wissen, wo sie stehen. Das heißt, wir machen ihnen die Agenda transparent, wir geben ihnen am Anfang einen Überblick, wir machen das Ganze auch erwartbar, dass wir am Ende von jeder Session dann auch eine Wiederholung machen und dann gibt es wieder so einen Punkt, wo wir Examensaufgaben durchgehen. Das heißt, die Teilnehmer wissen, was sie erwartet und fühlen sich dann auch sicher und andersrum gesagt auch nicht verloren.
Es gibt aber noch andere Trainings, die nicht auf reine Wissensvermittlung aus sind, sondern vielmehr bei den Teilnehmern Aha-Effekte auslösen sollen, dass sie zu neuen Erkenntnissen kommen, dass sie andere Dinge verankern.
Und da ist es oft auch kontraproduktiv, alles erwartbar zu machen. Also Verwirrung hilft da zum Beispiel sehr oft. Also dass wir zu Beginn ganz bewusst die Teilnehmer mit vielen Dingen konfrontieren, wo sie erstmal verwirrt sind. Und diese Verwirrung macht sie offen für Neues. Am Anfang sind sie dann oft irritiert und sind uns gegenüber dann auch vielleicht ein bisschen mürrisch und ein bisschen kritisch. Im Laufe des Trainings löst sich das dann aber auf. Also da ist es dann auch sehr hilfreich, wirklich Verwirrung zu machen. Oder man kann auch ein anderes Konzept anwenden, dass man zum Beispiel gar nicht erst sagt, wie es richtig geht, sondern man lässt die Teilnehmer erst mal eine Übung machen, ohne ihnen zu erzählen, wie es funktioniert. Sie machen Fehler, sie scheitern und erst in der Auflösung nach der Gruppenübung vermitteln, wie es ihnen richtig geht.
Und das ist dann oft auch wirklich der Effekt, dass das viel besser hängen bleibt, als wenn man wie bei den Zertifikatstraining, bei der Wissensvermittlung dann ein Thema nach dem anderen behandelt. Also zusammengefasst, es kommt darauf an, was wir als Ziel haben. Manchmal ist es wichtig, sehr prozessorientiert vorzugehen, aber manchmal auch genau das Gegenteil.
Götz Müller: Okay, das eine Thema, klar, prozessorientiert, ist schon erkennbar, sichtbar für den Teilnehmer. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass ja auch die andere Form des Trainings einem Prozess folgt, nur dass es für den Teilnehmer nicht so erkennbar ist.
Oliver Buhr: Auf jeden Fall. Wir als Trainer sind schon eingespielt. Also wir, egal was für ein Training oder Workshop, mit welcher Zielsetzung auch immer wir machen, wir haben ein Konzept. Wir haben einen Trainingsleitfaden. Wir sind gut vorbereitet. Wir haben verschiedene Checklisten im Vorfeld durchlaufen. Das sind teilweise solche banalen Dinge wie Check der Infrastruktur.
Das sind teilweise auch Sachen, wo wir wirklich klar mit dem Auftraggeber identifizieren, was seine Zielsetzung ist. Aber dann auch im Training selber wissen wir genau, was für uns als nächstes kommt. Da gehen wir eben in ganz unterschiedliche Rollen. Mal sind wir nur, in Anführungszeichen, nur Trainer, wo wir Wissen vermitteln. Manchmal führen wir dann den Prozess, wo wir mit den Teilnehmern erstmal eine Problemanalyse machen und dann Lösungsideen analysieren, diese Lösungsideen dann konsolidieren und dann zu einer ausgewählten Lösung kommen. Dann haben wir schon im Kopf, welche Schritte dieses Prozesses zu durchlaufen sind, überlassen den Teilnehmern aber dann die Inhalte. Das nennt man typischerweise Moderation. Aber auch da, wie du eben schon angeschnitten hast, sind wir immer im Lead. Das heißt, wir haben immer den Prozess vor Augen.
Götz Müller: Wenn wir uns jetzt konkret das Thema Inhalt eurer Trainings, nämlich Projektmanagement anschauen, gibt es da irgendwelche Besonderheiten, wo sich eben Projektmanagement-Trainings bezüglich Prozessen unterscheiden von anderen Trainingsformen?
Oliver Buhr: Also ich denke, wenn wir über die Vermittlung von Inhalten sprechen, dann ist Projektmanagement eine Management-Disziplin wie viele andere auch. Also ich könnte dann auch, glaube ich, in gleicher Art und Weise mir vorstellen, dass man ein Seminar macht für Finance oder für Logistikprozesse oder Lean Management. Ich glaube, da ist die Art und Weise, wie man so eine Management Disziplin vermittelt, kein großer Unterschied vorhanden. Wenn wir dann in die Projektmanagement-Methoden einsteigen, da finden wir dann schon Unterschiede, je nachdem, welche Methode man vermittelt, weil dort sind dann im Projektmanagement-Ansatz dann eben auch Prozesse enthalten, die man vermittelt.
Götz Müller: Genau, das ist ja so ein spannender Gedanke, da hatte ich selber mal wirklich so einen Aha-Effekt bei meinem ersten, da hatte ich schon viele Jahre Projekte geleitet und dann das erste Mal ein richtiges Projektmanagement-Training gemacht, wo eine der Aussagen war, ja es gibt sowas wie einen Projektmanagement-Prozess, was ja eigentlich ein gewisser Widerspruch ist, ein Projekt, ein Unikat, einmalig, immer wieder neu und trotzdem ein Prozess
Oliver Buhr: Ja, das ist wirklich ein vermeintlicher Widerspruch. Also wir als Projektmanagement-Experten wissen natürlich um die Besonderheit von Projekten. Das vermitteln wir in den Seminaren den Teilnehmern auch ganz klar, dass es eben riesengroßen Unterschied gibt. Das ist diametral zwischen Betrieb und Projekt. Und wenn wir uns aber Projekte anschauen, dann gibt es auch in Projekten den Anspruch, effizient zu arbeiten. Also gerade wir fokussieren uns auf Unternehmen, die von Projekten leben, also Projektunternehmen, die ihre Projekte immer wieder auf die gleiche Art und Weise machen wollen. Und da langen wir eben bei Prozessen. Also wir treffen oft auf Unternehmen, wo der Projektmanager so ein Einzelkämpfer ist, ein Einzelheld, der individuell auf seine Art und Weise es schafft, Kundenprojekte zum Erfolg zu führen.
Aber wenn die Notwendigkeit besteht, das auf andere zu übertragen, wenn er zum Beispiel krank geworden ist, dann scheitert man, weil man keine Wiederholbarkeit hat. Und das ist ein großer Vorteil von einem Prozessmodell für Projekte. Das ist quasi so etwas wie ein roter Faden, eine Handlungsanleitung, wie man Projekte vom Start bis zum Ende durchführt.
Götz Müller: Genau. Das möchte ich nochmal aufgreifen. Du hast es vorhin angedeutet, es gibt ja unterschiedliche, nennen wir es mal Projektmanagement-Schulen. Da gibt es einerseits die deutsche-europäische Variante GPM, IPMA, die amerikanische Variante PMI und dann noch die, ich glaube die Herkunft kommt aus England, Prince2. Wo siehst du da Unterschiede, was das Thema einerseits wie Trainings durchgeführt werden, andererseits wie Projektmanagementprozesse betrachtet werden?
Oliver Buhr: Ja, also eins vorweg geschickt, ich möchte jetzt keine Methode als besser benennen als die andere. Das hat einen ganz einfachen Hintergrund, weil sie unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen. Wenn wir mal mit IPMA oder der deutschen Variante oder dem deutschen Träger GPM anfangen, hat man dort die Zielsetzung, Leuten, die sich professionell in Projekten bewegen, ein Kompetenzmodell an die Hand zu geben. In vier Stufen, von einem Projektfachmann bis zum Ende ganz oben zu einem sogenannten Programmdirektor. Und dort möchte man alle Kompetenzen, die jemanden haben, die jemandem nützen, wenn er in Projekten tätig ist, zu vermitteln. Und da gibt es dann ein Kompetenzmodell mit ganz vielen unterschiedlichen Bereichen und auch ein Standardwerk, wo all das beschrieben ist. Das hat sage und schreibe 2700 Seiten und es sind drei Wänden zusammengefasst. Dort gibt es die klare Zielsetzung, wir möchten alles vermitteln, was in Projekten hilft.
Und dem gegenüber ist PRINZ II mit einem ganz anderen Anspruch angetreten. Prince2 möchte ein wiederholbares Management-Modell für Unternehmen beschreiben. Und da geht es also vordergründig um eine möglichst vollständig dokumentierte Umgebung, die so klar beschrieben ist, dass sie als Kochrezept für alle Projekte in eine Organisation genommen werden kann. Und wenn ich das jetzt so sage und noch zur Ergänzung, vielleicht noch einen Satz zu PMI. PMI ist für mich so in der Mitte.
PMI kommt ja aus den USA, ist quasi so das Pendant zu dem europäischen IPMA. Und auch dort möchte man Projektmanagern viele Kompetenzen, viel Wissen mit auf den Weg geben, das ihnen nützt. Das PMI ist ein bisschen schlanker und auch prozessorientierter als IPMA. Dort gibt es so etwas wie Prozessgruppen, wo man schon versucht, Projektstart, Projektplanung, Projektdurchführung prozessartig zu beschreiben. Aber das Extrem, was Prozessorientierung betrifft, ist Prince2, weil es eben auf diese Wiederholbarkeit ausgerichtet ist, wo man wirklich benennt sieben Prozesse mit 42 Aktivitäten, die so gestaltet sind, dass sie jeder Schritt für Schritt, zunächst einmal, dann hat er sie vielleicht verinnerlicht, durchführen kann. Das mal ganz grob beschrieben, diese Unterschiede zwischen diesen drei Standards oder diesen drei Schulen zum Thema Projektmanagement.
Götz Müller: Jetzt weiß ich, dass ihr relativ neu ein Training aufsetzt, bewerbt. Thema oder Stichwort Prince2-Agil. Agil, glaube ich, ist in allen Projektmanagement, Schulen so ein bisschen in alle Munde. Ich bin da in einem Berufsprojekt beteiligt, wo ich ein bisschen mein Lean-Know-How mit einbringe. Da geht es auch um agiles Management. Das ist jetzt eher so der IPMA GPM angelehnt. Zumindest sind auch viele Teilnehmer, viele Mitwirkende aus der GPM dabei. Was macht dieses Prince2-agil speziell aus?
Oliver Buhr: Ja, dieses Prince2-Agile kommt nach meiner persönlichen Einschätzung ein bisschen spät. Das hätte bestimmt auch schon vor drei oder vor fünf Jahren sogar schon kommen können. Aber ich glaube, es ist nicht zu spät, weil Prince2 ist weltweit verbreitet. Es gibt über eine Million Leute, die Prince2 Zertifikate in der Tasche haben. Und genau für diese Leute ist dieses Prince2-Agile gemacht. Prince2-Agile ist ein Add-on.
Das heißt also, es funktioniert nicht alleine, sondern es funktioniert aufgesetzt auf dem Wissen und der Vorgehensweise innerhalb von Prince2-Projekten. Das heißt also, Organisationen, die schon Prince2 machen, die danach arbeiten und so ein bisschen rüberschielen, was Modernes und Innovatives da in der agilen Welt funktioniert, für die ist dieses Prince2-Agile gestaltet. Was ist in diesem Prince2-Agile drin? Es ist eigentlich eine Anleitung, wie man agile Ansätze, agile Instrumente, agile Techniken in einer Prince2-Umgebung anwenden kann. Für meinen Geschmack ist das auch sehr gut gelungen, weil man dort auch wirklich einen sehr, sehr breiten, ganzheitlichen Ansatz hat. Man konzentriert sich also nicht auf einen agilen Ansatz wie zum Beispiel Scrum.
Sondern man hat die Schatztruhe der agilen Welt ganz aufgemacht und wir finden dort Lean-Ansätze, wir finden dort Lean-Startup, Wir finden dort Kanban und auch Elemente aus Scrum. Und da macht man überall Anleihen und führt also denjenigen, der sich mit Prince2-2 Agile beschäftigt, so ein in diese agile Welt und gibt genau an den passenden Stellen diese Instrumente, die in diesen jetzt vorweg genannten Bestrebungen oder Stilrichtungen von Agile erwähnt werden. Und für meinen Geschmack ist das sehr gelungen.
Es beginnt jetzt erst in Deutschland im September. Da werden die ersten Seminare dafür gegeben. Das werden wir jetzt auch machen. Und wir werden erstmal jetzt unsere Erfahrungen sammeln und auch schauen, wie der Markt dieses Prince2-Agile überhaupt annimmt.
Götz Müller: Ich höre auch so ein bisschen raus, was mir an anderer Stelle auffällt, was mir hier ja nicht fehlt, sondern was ich hier glücklicherweise vermissen darf. An mancher Stelle gibt es ja so einen Glaubenskrieg zwischen klassischem Projektmanagement auf der einen Seite mit vielen Regeln, mit vielen Inhalten, mit vielen Kompetenzen, die man alle wissen muss. Und auf der anderen Seite dann eben so die große Überschrift Agile. Da habe ich jetzt das Gefühl, bei dem Prince2 -Agile findet eher eine Integration wie eine Abgrenzung statt.
Oliver Buhr: Ja, genau. Ja, das sehe ich auch so. Also es ist wirklich, man könnte auch jetzt als Prince2-Verfechter könnte man sagen, Prince2 ist von Beginn an ohnehin auch schon agil. Das kann man so hineininterpretieren, weil es auch schon flexible Phasen hat, die man kürzer oder länger machen kann und wo das Projekt immer wieder auf den Prüfstand gestellt wird. Ich denke, dass Prince2 jetzt gar nicht versucht, sich irgendwie aufzuhübschen und als klassische Methode jetzt noch besser darzustellen, sondern es ist wirklich eine Integration, weil eigentlich braucht Projektmanagement beides. Und je nachdem, was für eine Aufgabenstellung ich in Projekten zu lösen habe, fokussiere ich mich mal mehr auf agile Ansätze und mal mehr auf traditionelle Ansätze. Und ich bin der festen Überzeugung, dass diese agilen Ansätze, also gerade was so Teamzusammenarbeit betrifft, was Visualisierung, Selbstorganisation.
Pull-Prinzip, also alles, was man dort an Instrumenten hat, in jedem Projekt angewendet werden kann. Und insofern, ich habe es schon mal gesagt, es ist höchste Zeit, dass auch für Leute, die mit Prince2 in ihrer Organisation leben, diese tollen Instrumente, die den Teams helfen, auch jetzt über Prince2 Agile kennenlernen dürfen.
Götz Müller: Okay, ich möchte jetzt an der Stelle nochmal das Thema Weiterbildung, Training im Allgemeinen, Prozesse, Abläufe aufgreifen. Und so den Unterschied noch ein bisschen herausarbeiten, wie wird Training heute veranstaltet, wie ist Training vielleicht vor 10 Jahren, 15 Jahren oder noch länger her veranstaltet worden, unter der großen Überschrift Prozesse.
Oliver Buhr: Ja. Ja, Copargo gibt es jetzt zehn Jahre und wir haben auch eine Entwicklung durchlaufen. Und wenn wir manchmal nach hinten schauen, dann denken wir oft, das hätten wir aber besser machen können. Aber ich glaube, man muss sich auch nicht schämen, dass man im Laufe der Jahre besser wird und lernt. Also wir hatten im Vorfeld wirklich klassische Seminare, klassische Trainings gemacht, sehr viele Folien, die waren schön, die waren bunt, führte aber sehr oft dazu, dass die Teilnehmer passiv waren, dass sie Aufmerksamkeit verlieren bis hin dazu, dass bei dem einen oder anderen auch mal die Augen zufallen. Wir haben immer versucht, das toll zu machen und motivierend mit einer tollen Sprache das zu vermitteln und durften im Laufe der Zeit aber lernen, dass es viel andere Instrumente gibt, um Teilnehmer aktiv einzubinden. Also, ja, also Interaktion ist etwas, viele Gruppenarbeiten zu machen, viele Diskussionen durchzuführen.
Da kommt man relativ schnell drauf und da kamen wir auch schnell drauf. Oder Medienwechsel, das lernt man auch seit vielen Jahren, dass man möglichst PowerPoint abwechseln soll mit Flipchart und dann mal mit einer Pinnwand arbeitet und so weiter.
Aber es geht, da ist noch nicht Schluss. Also ich habe schon mal das Thema Moderation vorhin angesprochen. Noch eine weitere Stufe ist dann Facilitation, dass der Prozess des Trainings, vielleicht sprechen wir da nicht von Trainings, sondern eher von Workshops, dass der Prozess noch gar nicht mal feststeht. Also um es vielleicht nochmal von Beginn an klarzustellen, die unterste Stufe ist im Training, da ist Inhalt und Ablauf vollkommen klar. Eine Stufe oben drüber haben wir einen Flexibilitätsgrad mehr. Da ist der Prozess klar, der Ablauf und der Inhalt ist offen, weil den Inhalt gestalten die Teilnehmer.
Und der Trainer ist dann eher ein Moderator, der durch den Prozess führt. Und wenn wir dann noch eine Stufe höher gehen und jetzt noch eine Flexibilität einbauen, dass auch der Prozess offen ist, dann sind wir beim Facilitation und das hat auch die höchsten Ansprüche an die Person, die der Leitende in dieser Veranstaltung ist. Er muss nämlich spüren, welchen Prozess die Lerngruppe oder die Gruppe gehen muss oder gehen sollte, damit man zu einem bestmöglichen Ergebnis kommt. Also dort ist der Prozess auch offen, Inhalt offen, Prozess offen und das darf man wirklich lernen. Da braucht es erfahrene Leute, die dann auch zusätzliche Facilitation-Instrumente an den Tag legen müssen.
Götz Müller: Spannend. Das hört sich für mich so ein bisschen an wie das Thema Kata im Prozessumfeld, wo es halt auch darum geht, dass die Führungskraft, die ja unter dem Ständen ein Prozessowner ist oder die einen Teil davon besitzt, wie die plötzlich ganz andere Fähigkeiten braucht, mehr in die Coachingrolle reinkommt, durch Fragen Gestaltung ermöglicht. Und auch an der Stelle eben nur einen Metaprozess definiert, nämlich die Verbesserungskarte, die Coachingkarte und darunter aber die Mitarbeiter oder die Führungskräfte drunter eben nur noch unterstützt.
Oliver Buhr: Ja, ich glaube, das ist ein gutes Beispiel in Bezug auf Verschiebung der Skills, die wir heute in Management- oder in Führungsrollen brauchen. Also es geht nicht mehr nur um um.
Mehr Wissen als andere und gut anleiten und gut managen zu können, sondern die zusätzlichen Fähigkeiten, die ich brauche, um so ein Team von Leuten, die genau wissen, was sie wollen, die selbst motiviert sein wollen, die selbst entscheiden wollen, die freiwillig mitarbeiten wollen, um so ein Team wirklich zu erfolgen zu führen, braucht es mehr. Und wenn wir jetzt auch über Projektmanagement sprechen, der Projektmanager, der gute oder der sehr gute Projektmanager ist nicht mehr der, der nur eine Methode drauf hat, der nur planen und kontrollen kann, sondern das ist auch jemand, der Leadership-Qualitäten hat, der ein Team motivieren kann und am besten aus sich heraus motivieren kann und der dann auch solche Fähigkeiten hat wie, was ich eben ansprach, Also der auch in der Lage ist, jedes Meeting und jeden Workshop, was in Projekten natürlich sehr, sehr oft ansteht, das ist an der Tagesordnung.
Eben auch moderieren kann, sein Team durch einen Prozess führen kann und dafür sorgt, dass das Team am Ende des Tages zu einem bestmöglichen Ergebnis kommt. Und da brauche ich kein Fachwissen als Projektmanager, da brauche ich auch kein Projektmanagementmethodenwissen, sondern da brauche ich Moderationswissen.
Und das ist zum Beispiel eine Fähigkeit, die ich als sehr, sehr bedeutsam für Projektmanager ansehe.
Götz Müller: Jetzt kam mir gerade ein Gedanke, jetzt gibt es ja zu den klassischen Projektmanagement-Schulen eben auch die Zertifikate, die am Schluss oder ergänzend zu den Trainings durchgeführt werden. Haben wir da nicht einen gewissen Widerspruch? In meinem Weltbild ist ein Zertifikat immer eine Dokumentation eines Zustands. Während bei der obersten Ebene, schade, dass es da kein deutsches Wort dafür gibt, für Facilitation, da ist es ja Prozess pur.
Oliver Buhr: Ja, also wir leben mit diesem Widerspruch seit einigen Jahren und wir versuchen uns mit diesem Widerspruch zu arrangieren, weil wir schon glauben, dass Standards eine Berechtigung haben. Also ich persönlich finde Prince2 hochgradig nützlich für Organisationen, die wiederholbar gute Qualität liefern wollen. Und da ist es oftmals in unserer heutigen Welt immer noch wichtig.
Gefragt, dieses Wissen nachzuweisen. Also Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, die an Ausschreibungen teilnehmen, müssen als Eingangsvoraussetzung eine Zertifizierung ihren Mitarbeitern nachweisen. Ein freiberuflicher Berater, der in ein Projekt eingesetzt werden möchte.
Wird vom potenziellen Auftraggeber nach einem Zertifikat gefragt. Also das ist schon immer noch ein valides Instrument, um wirklich eine gewisse, ja hier geht es ja um Vertrauen oder um Sicherheit. Ein neuer, unbekannter Lieferant soll seinen Beitrag leisten in einer Umgebung und wir brauchen irgendwie Vertrauen. Und dieses Vertrauen schaffen dann eben diese Zertifikate. Wir glauben, dass die reine Wissensvermittlung, die zu solchen erfolgreichen Zertifizierungen führen, zu kurz gesprungen ist, dass man so etwas viel besser machen kann, dass man Prince2 besser vermitteln kann.
Eher auch wirklich mit sehr, sehr viel Interaktion, mit sehr viel Praxis, auch mit sehr viel, manchmal auch Verwirrung. Dass es auch wirklich in den Köpfen der Teilnehmer hängen bleibt. Wir versuchen, diesen Widerspruch aufzulösen, indem wir sagen, wir machen Prince2-Trainings anders. Für die Leute, die es ernst meinen, wir nennen das Five Star, das ist unser Qualitätssiegel. Und da ziehen wir die Leute an, die nicht nur auf ein Zertifikat schielen, sondern mit diesem Prinz2 auch noch mehr machen wollen, als nur ein Papier vorzuweisen.
Götz Müller: Okay, was da dann irgendwo noch fehlt, das ist das Thema eben, wie kann ich diese weichen Faktoren, den Umgang mit Menschen, wie kann ich die in dem Zertifikat abbilden?
Oliver Buhr: Das kannst du nicht. Das ist eine ganz andere Ebene.
Das Zertifikat weist nur Wissen nach und ja, also wir haben natürlich viele tausend Leute trainiert und da waren auch Leute dabei, zum Beispiel, ohne denen jetzt wirklich zu nahe zu treten, das waren Berufsanfänger. Das waren 18-Jährige, die in der Ausbildung sind und vom Projektleben noch nichts gelernt haben, geschweige denn, dass sie ein Team führen können oder andere Fähigkeiten, die eben auch eine gewisse Erfahrung brauchen können, die erwärmen das Prince2-Zertifikat ausschließlich über das Wissen, das sie sich einverleibt haben und in der Prüfung wiedergeben. Also da glaube ich wirklich, dass das nicht geht und da braucht es eben auch andere Formen und ich glaube Organisationen lernen auch mehr und mehr, dass nur nach Zertifikaten zu fragen auch wirklich zu kurz gesprungen ist.
Und dass man auch wirklich, es muss nicht unbedingt ein Assessment Center sein, aber dass man wirklich jemanden persönlich im Gespräch auch auf die von dir genannten Social Skills prüft und schaut, wie er da agiert.
Götz Müller: Ja, an der Stelle kommt mir da wieder etwas meine eigene Projektmanagement-Ausbildung jetzt nach IPMA in den Sinn. Da hatte ja der Level C auf jeden Fall und dem Level B weiß ich es von anderen noch stärker diesen Charakter eines ja schon fast Assessment-Centers.
Oliver Buhr: Ja, also das ist sicherlich der Vorteil von dem IPMA-Modell, dass dort auch es nicht nur um Zertifikate, nicht nur um Multiple-Choice-Tests geht, wie im Übrigen auch bei PMI, sondern dass dort auch wirklich andere Personen den Prüfling in Augenschein nehmen und ihn auch auf andere Eignung prüfen als nur auf sein Wissen. Also das ist sicherlich ein Vorteil von IPMA.
Götz Müller: Was euch dann wieder Herausforderungen der gewissen Subjektivität mit sich bringt.
Oliver Buhr: Ja.
Götz Müller: Okay, ich habe mir hier noch in der Vorbereitung den Punkt was gibt es denn noch außer Trainings, klassischen Trainings zur Wissen, zur Kompetenzvermittlung angesehen und da stößt man natürlich sehr schnell auch zum Beispiel bei der GPM die ja da große Konferenzen veranstaltet auf dieses Thema ich lerne in Vorträgen ich lerne über Praxisberichte, die in Vorträgen vermittelt werden, bis hin dann zu so Dingen, wo auch wieder, ähnlich wie bei der Facilitation, Inhalt und Prozess anfänglich völlig offen ist, nämlich das Stichwort Unkonferenz, das Stichwort Barcamp. Was ist da deine Wahrnehmung, was die Bedeutung bezüglich der Weiterbildung im Projektmanagement angeht?
Oliver Buhr: Ich denke, dass dieses Thema der Veranstaltung, des Austausches, des Netzwerken, des Zusammenlernen, Zusammenerleben, dass es da keine Schranken in Bezug auf Branchen, in Bezug auf Fachgebieten gibt, sondern dass das in allen Formen Einzug hält. Ich versuche mir gerade zu überlegen, ob es ein Steuerberater-Barcamp schon gibt. Es gibt möglicherweise andere Branchen, wo es ein bisschen länger dauert. Was ich sagen kann, ist, dass es im Projektmanagement angekommen ist, dass es dort Gang und Gebe ist und dass das riesigen Spaß macht.
Ich habe früher auch viele dieser klassischen Konferenzen besucht, wo es einen Vortrag nach dem anderen gab oder mehrere Vortrags-Streams, wo man dann sich auswählen konnte, wo man hingeht und dann zwischendrin konnte man eine halbe Stunde lang bei Lachshäppchen sich dann in der Pause mit anderen austauschen. Das ist sicherlich mit einem gewissen Mehrwert verbunden, aber es geht auch besser. Und ich selber habe vor zwei Jahren zum ersten Mal solche Barcamps im Projektmanagement-Kontext erlebt und das ist eine ganz andere Dimension. Also dort ist man viel schneller in der Kommunikation mit den anderen Teilnehmern, man duzt sich, man ist viel offener, der Austausch ist viel intensiver, man nimmt viele neue Kontakte mit, Impulse mit, Lösungsvorschläge mit und das funktioniert eben über diese Barcamps und ich kann an der Stelle auch einen konkreten Hinweis geben, die.
Das populärste, man liest das jetzt nicht in jeder Zeitung, aber was so das Ereignis oder die Veranstaltung ist, die im Projektmanagement sich momentan auch immer weiter ausbreitet, das sind die sogenannten PM-Camps. Das findet man auch im Internet, pmcamp.org. Angefangen hat es vor etwa fünf Jahren in Österreich vom Stefan Hagen in die Wege geleitet. Und mittlerweile finden diese PM-Camps, ich glaube, in Deutschland an sechs unterschiedlichen Standorten statt, einmal im Jahr. Europaweit zieht es Kreise, es findet in Spanien statt, es findet in England statt. Und diese PM-Camps sind eine Zusammenkunft von immer ungefähr 70 bis 100 Projektmanagern auf Augenhöhe. Man weiß noch nicht, welche Themen da überhaupt vermittelt werden, weil das ist ja dieser Barcamp-Charakter. Und ich kann nur sagen, auf jedem Barcamp, auf jedem PM-Camp, wo ich bisher war, das war sensationell, eine tolle Stimmung.
Ich habe viel, viel mehr mitgenommen als bei jeder anderen klassischen Konferenz, von denen ich in den Vorjahren viele, viele erlebt habe.
Götz Müller: Ja, das ist auf jeden Fall ein Punkt, den kann ich so bestätigen, von meinem ersten Barcamp, das auch ein PM-Camp war, auch 2013 in Stuttgart. Jetzt vereinigt ihr ja da so ein bisschen die Themen Konferenz und Barcamp und habt da seit dem letzten Jahr ein eigenes Format definiert. Erzähl uns darüber noch ein bisschen was.
Oliver Buhr: Ja, einleitend dazu, so meine Einschätzung und auch meine persönliche Erfahrung. Ich glaube, dass Projektmanager oftmals besondere Menschen sind, denen es so ein bisschen auch an Heimat fehlt, weil es oft Einzelkämpfer sind. Projektmanager, Projekte sind oftmals besondere Dinge innerhalb eines Unternehmens und da gibt es dann auch oft auch viele Firmen, wo die Projektmanager wirklich Unikate sind, die in irgendeiner Abteilung aufgehängt sind. Das ist eine Beobachtung, die ich gemacht habe und ich dachte mir, die müssten wir doch irgendwie mal zusammenbringen. Da müssten wir doch eine Community bilden oder unseren Beitrag leisten, dass sich diese Projektmanager vernetzen. Und wir haben letztes Jahr den Start gemacht, der auch sehr, sehr gut gelungen ist, indem wir eben in unserem Bereich, in unserem Netzwerk, bei unseren Kunden einen Community Day ins Leben gerufen haben und unser Netzwerk dazu eingeladen haben, anderthalb Tage zusammenzukommen zu einer von uns organisierten Veranstaltung.
Wo wir schon.
In unseren Augen sehr, sehr interessante Vorträge organisieren, aber auch diesem Barcamp-Charakter Platz geben und die Hälfte von diesem Community Day dann auch wirklich frei, offen für alle Themen lassen, die die Leute, die zu diesem Community Day kommen, bewegen. Und zusätzlich als weitere Komponente versuchen wir, dieses Netzwerken auch auf eine neue Ebene zu heben, indem wir nicht einfach nur Pausen machen und den Leuten Raum geben, sich beim Essen zu unterhalten, sondern wir haben viele Instrumente, viele Spiele, viele andere Elemente, wie zum Beispiel so eine Chill-Out-Lounge oder eine Pinnwand, wo man quasi so eine Suche-Biete-Post-Its platzieren kann. Also mit vielen unterschiedlichen Instrumenten haben wir es letztes Jahr geschafft, wirklich so eine Community ins Leben zu rufen. 40 Leute kamen als Einzelpersonen zu dem Community Day und sind mit mindestens zehn, einem Dutzend oder noch mehr Kontakten und persönlichen Beziehungen rausgegangen.
Und weil das so toll war, machen wir das dieses Jahr wieder. Was gut ist, soll wiederholt werden.
Und machen in diesem Jahr, glaube ich, am 5. November den zweiten Community Day.
Und ja, das ist eine Empfehlung für alle, die sich mit Projektmanagement beschäftigen, die sich auch so ein bisschen alleine fühlen. Für die ist genau der Community Day der richtige Platz.
Götz Müller: Prima, da werde ich dann in die Notizen die entsprechenden Hinweise einbauen. Jetzt gibt es ja noch ein weiteres Medium, Literatur, Selbststudium. Du hast vorhin von den 2000 Seiten die vier Bände, die die GPM rausgegeben hat, gesprochen. Gibt es noch irgendwas anderes, irgendeinen Tipp, den du den Zuhörern geben würdest? Das müsst ihr auf jeden Fall gelesen haben als Projektmanagement-Einsteiger oder als Projektmanagement-Fachmann schon.
Oliver Buhr: Ich stelle mir gerade bildlich mein Bücherregal vor, das in meinem Büro steht und ich könnte jetzt natürlich sehr, sehr viele Bücher empfehlen. Diese Bücher gehen alle so ein bisschen in Richtung weg von dem typischen, also eine zusammenfassende Beschreibung von Projektmanagement, sondern hin zu ergänzenden, nützlichen Instrumenten. Was mir so spontan einfällt, ist so dieses Thema.
Visualisierung, Moderation, Gestaltung von Workshops. Da hat sich bei mir die Bücherecke, wo diese Bücher stehen, in den letzten Jahren überproportional gefüllt. Und da gibt es einige spannende Bücher. Mir fällt zum Beispiel ein von Dave Zippet, ein Buch, das visuelle Meetings heißt. Das Buch beinhaltet viel, viel mehr als visuelle Meetings. Das ist zum Beispiel ein tolles Buch, eins, was jetzt kürzlich rauskam, das heißt Creability, also ein Kunstwort zusammengesetzt aus Creation und Ability. Das kommt in diese Riege und da gibt es noch einige andere Bücher, die sich auch wirklich mit dieser Anreicherung von Workshops, von Meetings, von auch Trainings, um diese Visualisierungs- und Moderationsinstrumente beschäftigen. Da gebe ich dir gerne, Götz, ein paar Buchempfehlungen, die du dann auch gerne in die Notizen von diesem Podcast mit aufnehmen kannst.
Götz Müller: Ja, prima, mache ich gerne. Mir kam jetzt noch ein spontaner Gedanke, was ja als Form von Büchern in meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren immer stärker im Kommen ist. Das sind Geschichten zu erzählen, fiktive, reale Geschichten, sei mal dahingestellt, aber in der Geschichtsform. Gibt es sowas im Bereich Projektmanagement außer den Klassikern von Tom DeMarco? Gibt es sowas da auch schon?
Oliver Buhr: Ja. Da gibt es sicherlich einige. Was mir natürlich spontan einfällt, ist unser Beitrag von Copago zu dem Thema Storytelling. Wir haben uns versucht, Prinz 2 auf eine unterhaltsamere Art und Weise näher zu bringen. Und einer unserer Trainer, der dafür sehr talentiert ist, der Bernhard Armbruster, hat eine Einführung in Prinz 2 in einen Roman gepackt. Da geht es um das Wiederentdecken einer Smaragdader in Österreich und das wird als Geschichte erzählt und im Laufe der 120 Seiten dieses Buches lernt der Leser so nebenbei das Wichtigste von Prince2 kennen. Dieses Buch heißt Grünes Gold und das kann man auf unserer Website kostenlos runterladen. Das ist ein schönes Beispiel von diesem Thema Storytelling, Geschichten erzählen, dass man Wissen viel wirksamer vermitteln kann, wenn man das hübsch verpackt.
Götz Müller: Als nur durch eine Powerpoint-Präsentation.
Oliver Buhr: Genau.
Götz Müller: Prima, das sind jetzt fast 45 Minuten geworden. Ich fand es spannende Teilaspekte des Thema Trainings, des Thema Prozesse in dem Umfeld, wo Prozesse ganz deutlich wahrnehmbar sind, wo Prozesse eher auf einer Meta-Ebene stattfinden. Oliver, ich danke dir für deine Zeit, für die vielen interessanten Punkte in unserem Gespräch. Die einzelnen Hinweise werde ich, wie schon gesagt, in die Notizen packen und ich denke, wir werden uns vielleicht auch eher auf einer Meta-Ebene, zumindest gedanklich auf unterschiedlichen PM-Camps begegnen und mit Sicherheit aber auch mal wieder persönlich.
Oliver Buhr: Ja, ich danke dir, Götz, dass du mich eingeladen hast und dass ich mich mit dir zu diesen Themen unterhalten konnte. Es hätte für mich auch noch länger dauern können. Sehr angenehmes Gespräch. Und ja, vielleicht wiederholen wir so etwas mit einem anderen Schwerpunkt zu einem späteren Zeitpunkt nochmal. Von mir aus sehr gerne.
Götz Müller: Genau, von mir aus auch. Ich danke dir.
Das war die heutige Episode zum Thema Prozesse in Trainings im Gespräch mit Oliver Buhr. In den Notizen zur Episode finden Sie weiterführende Links und Literaturhinweise.
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Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.
KI-generierte Zusammenfassung
In dieser Episode spricht Götz Müller mit Oliver Buhr über Prozesse in Trainings, über Projektmanagement-Standards und über die Frage, wie sich Weiterbildung in den letzten Jahren verändert hat.
Oliver Buhr stellt zunächst sich und die Copargo GmbH vor. Als Elektroingenieur mit langjähriger Erfahrung im Projektmanagement gründete er vor rund zehn Jahren sein eigenes Trainings- und Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt auf PRINCE2. Ausgehend von klassischen Zertifizierungstrainings hat Copargo das Portfolio um Beratung, Coaching und ergänzende Methoden erweitert. Von Beginn an dachte Oliver Buhr in Prozessen. Schon als Ein-Mann-Unternehmen entwarf er ein Prozessmodell mit Kundenanforderungen, Kernprozessen und Unterstützungsprozessen. Dieses Denken half ihm, Qualität zu sichern und Wachstum strukturiert zu gestalten.
Ein zentrales Spannungsfeld im Trainingsgeschäft beschreibt Oliver Buhr als „professionelle Individualität“. Trainings, insbesondere firmenspezifische Formate, müssen individuell auf Kunden zugeschnitten sein und dennoch wiederholbar hohe Qualität liefern. Das erfordert dokumentierte Abläufe, Leitfäden und Checklisten. Neben organisatorischen Prozessen spielen didaktische Prozesse eine entscheidende Rolle.
Oliver Buhr unterscheidet deutlich zwischen reiner Wissensvermittlung und Trainings mit dem Ziel von Aha-Effekten. In Zertifikatstrainings wie PRINCE2 ist es wichtig, Struktur, Transparenz und Erwartbarkeit zu schaffen. Die Teilnehmenden sollen jederzeit wissen, wo sie im Lernprozess stehen. Visualisierungen, klare Agenden, regelmäßige Wiederholungen und Prüfungsaufgaben geben Orientierung und Sicherheit.
Anders verhält es sich bei Formaten, die Verhaltensänderung oder neue Perspektiven anstoßen sollen. Hier kann gezielte Verwirrung hilfreich sein. Teilnehmende werden bewusst mit Unsicherheit konfrontiert, machen Fehler und reflektieren anschließend ihre Erfahrungen. Dieses Vorgehen fördert nachhaltigeres Lernen. Auch wenn der Ablauf für die Teilnehmenden offen wirkt, folgt er für die Trainer einem klaren inneren Prozess.
Götz Müller greift den scheinbaren Widerspruch auf, dass Projekte als Unikate gelten, Projektmanagement jedoch Prozesse beschreibt. Oliver Buhr erläutert, dass gerade projektorientierte Unternehmen von wiederholbaren Vorgehensmodellen profitieren. Ohne klaren Rahmen hängt der Erfolg oft an einzelnen „Helden“. Ein definierter Projektmanagement-Prozess schafft Übertragbarkeit und Stabilität.
Im Vergleich der großen Projektmanagement-Schulen erläutert Oliver Buhr die Unterschiede zwischen IPMA, PMI und PRINCE2. IPMA, vertreten durch die GPM in Deutschland, verfolgt ein umfassendes Kompetenzmodell mit mehreren Stufen bis hin zum Programmdirektor. PMI liegt zwischen Kompetenzorientierung und Prozessorientierung. PRINCE2 hingegen legt besonderen Wert auf klar definierte, wiederholbare Managementprozesse mit konkret beschriebenen Aktivitäten.
Mit PRINCE2 Agile wurde dieses Modell um agile Ansätze erweitert. Laut Oliver Buhr ist es ein Add-on für Organisationen, die bereits mit PRINCE2 arbeiten. Es integriert agile Methoden wie Scrum, Kanban oder Lean-Elemente in eine bestehende Managementstruktur. Ziel ist keine Abgrenzung zwischen klassisch und agil, sondern eine Integration beider Denkweisen. Projektmanagement benötigt aus seiner Sicht sowohl Struktur als auch flexible, teamorientierte Arbeitsweisen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die Entwicklung von Trainingsformaten. Oliver Buhr beschreibt, wie klassische, foliengetriebene Seminare zunehmend durch interaktive Formate ersetzt wurden. Neben Gruppenarbeiten und Medienwechseln differenziert er drei Ebenen: Training mit festem Inhalt und Ablauf, Moderation mit festem Prozess und offenem Inhalt sowie Facilitation, bei der sowohl Inhalt als auch Prozess offen sind. Letzteres stellt hohe Anforderungen an die leitende Person, die situativ den passenden Prozess gestalten muss.
Im Kontext von Führung und Projektmanagement sieht Oliver Buhr hier eine Verschiebung der erforderlichen Kompetenzen. Neben Methodenwissen gewinnen Moderationsfähigkeit, Leadership und die Fähigkeit zur Selbstorganisation von Teams an Bedeutung.
Das Thema Zertifizierung bleibt ambivalent. Zertifikate schaffen Vertrauen und sind in Ausschreibungen oft Voraussetzung. Sie bescheinigen jedoch primär Wissen, nicht soziale Kompetenz oder Führungserfahrung. Während IPMA stärker auf persönliche Beurteilung setzt, bleibt auch hier ein gewisser Grad an Subjektivität bestehen.
Über klassische Trainings hinaus gewinnen alternative Lernformate an Bedeutung. Barcamps und insbesondere PM-Camps ermöglichen intensiven Austausch auf Augenhöhe. Oliver Buhr schildert diese Formate als deutlich wirkungsvoller als traditionelle Konferenzen. Aus dieser Erfahrung heraus initiierte Copargo einen eigenen Community Day, der Vorträge mit offenen Austauschformaten kombiniert und gezielt Vernetzung fördert.
Abschließend geht es um Literatur und Storytelling. Neben Fachbüchern zu Visualisierung und Moderation hebt Oliver Buhr den Wert von erzählerischen Formaten hervor. Mit dem Roman „Grünes Gold“ hat Copargo eine unterhaltsame Einführung in PRINCE2 geschaffen, die zeigt, wie Wissen über Geschichten nachhaltiger vermittelt werden kann.
Das Gespräch zwischen Götz Müller und Oliver Buhr verdeutlicht, dass Prozesse in Trainings auf unterschiedlichen Ebenen wirken: sichtbar in klaren Strukturen oder unsichtbar als gestalteter Lernprozess. Entscheidend ist die bewusste Gestaltung, angepasst an Ziel, Kontext und Lernziel.
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