
Mehr Effizienz. Bessere Prozesse. Weniger Reibung. Mehr Wirkung.
Und genauso traditionell folgt wenige Wochen später die Ernüchterung.
Die KVP-Offensive nach der letzten Reorganisation wird nicht mehr erwähnt.
Das Lean-Programm taucht in den Regelterminen nicht mehr auf.
Der Alltag gewinnt. Das Alte setzt sich wieder durch.
Das liegt nicht an mangelndem Willen.
Und auch nicht an fehlender Disziplin.
Nach vielen Jahren in Veränderungsprojekten zeigt sich immer wieder dasselbe Muster:
Es liegt fast nie an den Menschen.
Es liegt an Stories statt Systemen.
Haben Sie eine echte Roadmap oder nur ein überzeugendes Narrativ?
Visionen sind wichtig. Ohne Zielbild keine Orientierung.
Aber eine Vision ohne belastbare Roadmap bleibt ein gut formulierter Wunsch – vor allem dann, wenn sie im Alltag jedes Mal neu interpretiert werden muss.
Das Problem ist nicht der Anspruch.
Das Problem ist, dass der Weg dorthin im Tagesgeschäft ständig neu entschieden werden soll.
Und dafür reicht die mentale Energie im Tagesgeschäft schlicht nicht aus.
Wenn Mitarbeitende und Führungskräfte jeden Tag neu entscheiden müssen,
wie sie priorisieren, wie sie Probleme angehen, wie sie verbessern sollen,
dann verbrauchen sie permanent kognitive Energie.
Das funktioniert eine Zeit lang.
Meist so lange, wie die Anfangsmotivation trägt.
Danach schläft die Initiative ein oder wird durch die nächste ersetzt.
Nicht, weil Menschen nicht wollen.
Sondern weil das System verlangt, ständig mitzudenken, zu entscheiden und zu interpretieren.
Warum Stories verkaufen – und Systeme wirken
Geschichten haben eine enorme Kraft.
Sie erklären, warum etwas notwendig ist.
Sie liefern einen Schuldigen.
Sie zeichnen ein klares Bild von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Und genau deshalb sind sie hervorragend geeignet, um Konzepte, Programme und Produkte an Organisationen zu bringen.
Die Story sorgt dafür, dass ein Ansatz Aufmerksamkeit bekommt, Zustimmung erzeugt und beschlossen wird.
In der Umsetzung aber verlieren diese Geschichten fast ihren gesamten Wert.
Denn im Alltag helfen keine Narrative.
Im Alltag helfen klare Routinen.
Klare Erwartungen.
Klare nächste Schritte.
Stories bringen ein Konzept in die Organisation.
Systeme entscheiden darüber, ob es dort bleibt.
– Desmond Tutu
Das eigentliche Scheitern liegt selten beim Ansatz
In vielen Organisationen hört man denselben Satz:
„Wir hatten doch ein gutes Lean-Konzept. Warum hat es wieder nicht funktioniert?“
Die ehrliche Antwort lautet häufig:
Nicht Lean ist gescheitert, sondern Lean als Story.
Ohne Routinen.
Ohne Führungssystem.
Ohne tägliche Wirksamkeit.
Lean wird dann erklärt, eingeführt, kommuniziert – aber nicht systematisch gelebt.
Und genau hier entsteht das gefährlichste Scheitern überhaupt:
Alles wurde „richtig“ gemacht,
alle haben sich bemüht,
und trotzdem verpufft die Wirkung.
Das führt nicht zu Lernen, sondern zu Frust.
Und am Ende zu Selbstzweifeln bei den Beteiligten.
Dabei war das Ergebnis von Anfang an absehbar.
Systeme entlasten – Stories fordern
Ein System nimmt Denken aus dem Alltag heraus.
Es sagt klar, was als Nächstes zu tun ist, auch an Tagen mit wenig Energie.
Eine Story dagegen fordert permanent Aufmerksamkeit.
Sie muss erinnert, interpretiert und verteidigt werden.
Deshalb funktionieren Story-getriebene Programme nur so lange, wie Führung aktiv Druck erzeugt.
Sobald dieser Druck nachlässt, fällt alles in sich zusammen.
Wirksame Lean-Grundlagen sind dagegen erstaunlich unscheinbar:
klare Standards, die wirklich genutzt werden,
kleine, nachvollziehbare Verbesserungen,
regelmäßige Routinen, die Führung entlasten statt sie zusätzlich zu fordern.
Das ist nicht besonders glamourös.
Aber es ist tragfähig.
Eine einfache Frage für dieses Jahr
Wenn Ihnen in diesem Jahr das nächste große Konzept begegnet, stellen Sie sich eine einfache Frage:
Ist das eine Story oder ein System?
Hilft es Woche für Woche im Alltag?
Oder erklärt es vor allem, warum es theoretisch richtig ist?
Reduziert es Denkaufwand?
Oder verlangt es noch mehr Aufmerksamkeit und Energie?
Wo wird in Ihrer Organisation jeden Tag neu entschieden, was eigentlich längst klar sein müsste?
Ziel ist nicht die nächste Initiative.
Ziel ist Verlässlichkeit.
Schienen statt Achterbahn.
Fortschritt ohne Daueranstrengung.
Wenn Sie aufhören wollen, sich selbst oder Ihre Organisation für das Scheitern guter Vorsätze verantwortlich zu machen, lohnt es sich, genauer auf die Landkarten zu schauen, die Sie bisher benutzt haben.
Vielleicht waren nicht Sie das Problem.
Sondern die Karten, mit denen Sie unterwegs waren.
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