
Ausgerechnet diese Stärke kann jedoch zur Schwäche werden.
Denn eine Routine lässt sich auch ausführen, ohne noch darüber nachzudenken, warum sie überhaupt existiert. Dann wird aus der Kata eine Choreografie. Jeder kennt seinen Einsatz, die Fragen sitzen, die Antworten kommen zuverlässig und am Ende ist die Coaching-Runde formal korrekt absolviert.
Routine ohne Denken
Die tägliche Kata findet statt. Zielzustand, Ist-Zustand, Hindernis, nächster Schritt und erwartetes Ergebnis werden angesprochen. Die Reihenfolge stimmt. Die Zeitvorgabe wird eingehalten. Vielleicht steht sogar eine Karte mit den fünf Fragen griffbereit.
Damit ist zunächst alles vorhanden, was eine funktionierende Kata ausmacht.
Nur kann eine Routine irgendwann so vertraut werden, dass die Aufmerksamkeit von der Sache auf den Ablauf wandert. Nicht mehr das Problem steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob alle Stationen der Routine durchlaufen wurden.
Die Kata wird damit selbst zum Standardprozess, dessen Einhaltung wichtiger erscheint als das Lernen, das durch ihn entstehen soll.
Fragen zum Auswendiglernen
Besonders deutlich wird das bei den Coaching-Fragen.
Fragen sind eigentlich Werkzeuge, mit denen Denken sichtbar werden kann. Eine gute Frage öffnet einen Denkraum. Eine gute Antwort kann eine bisher nicht betrachtete Annahme sichtbar machen. Beides setzt allerdings voraus, dass wirklich zugehört wird.
Wenn die fünf Fragen dagegen auswendig gelernt sind, verändert sich ihre Funktion. Dann lautet die innere Aufgabe des Coaches möglicherweise nicht mehr: „Was braucht dieser Mensch jetzt, um besser denken zu können?“, sondern: „Welche Frage kommt als Nächstes?“
Auch die Antworten können sich darauf einstellen. Wer weiß, was als Nächstes gefragt wird, kann die erwartete Antwort bereits vorbereiten. Das Gespräch wird vorhersehbar. Die Kata funktioniert formal immer besser und lernt immer weniger.
Eine Frage, auf die niemand wirklich zuhört, ist schließlich kaum mehr als eine Ansage in Frageform.
– William James
Coaching wird Checkliste
Der nächste Schritt ist dann naheliegend. Aus der Coaching-Routine entsteht eine Checkliste.
Wurde die Kata durchgeführt? Ja.
Wurden alle Fragen gestellt? Ja.
Wurde das nächste Experiment definiert? Ja.
Wurde ein Termin für die nächste Runde vereinbart? Ja.
Damit lässt sich Coaching wunderbar dokumentieren. Es lässt sich sogar auditieren. Vielleicht entsteht daraus irgendwann eine Kennzahl für die Anzahl durchgeführter Coaching-Zyklen.
Was sich allerdings kaum messen lässt, ist die Qualität des Denkens.
Eine Checkliste kann feststellen, dass ein Gespräch stattgefunden hat. Sie kann feststellen, dass Fragen gestellt wurden. Sie kann sogar feststellen, dass eine Antwort dokumentiert wurde. Ob sich durch das Gespräch das Verständnis des Problems verändert hat, ist eine andere Frage.
Genau dort beginnt die eigentliche Herausforderung.
Die Choreografie sitzt
Eine gute Kata soll zunächst durchaus strukturiert sein. Gerade Anfänger brauchen Orientierung und Wiederholung. Auch die fünf Coaching-Fragen sind nicht dazu gedacht, jeden Coach zu einer individuellen Gesprächskunst ohne Leitplanken zu zwingen.
Die Struktur soll helfen, ein bestimmtes Denken zu üben.
Das Entscheidende ist deshalb nicht, irgendwann ohne Struktur auszukommen. Entscheidend ist, die Struktur nicht mit dem Ziel zu verwechseln.
Eine Choreografie kann perfekt ausgeführt werden. Jeder Schritt sitzt, jede Bewegung kommt zum richtigen Zeitpunkt und niemand stolpert über den Ablauf. Nur entsteht daraus noch kein guter Tanz.
Bei der Kata liegt der Unterschied darin, ob die Wiederholung eine Denkfähigkeit entwickelt oder lediglich die Fähigkeit, eine bestimmte Gesprächsfolge korrekt abzuspulen.
Vom Ablauf zurück zum Lernen
Eine Kata verliert ihren Sinn nicht dadurch, dass sie regelmäßig und standardisiert durchgeführt wird. Sie verliert ihn, wenn die Standardisierung das Denken ersetzt.
Dann wäre der nächste Schritt nicht zwangsläufig eine neue Kata, ein neues Formular oder eine zusätzliche Coaching-Ausbildung. Vielleicht reicht zunächst die Rückkehr zu einer ziemlich einfachen Frage: Was soll durch diese Routine eigentlich gelernt werden?
Wenn die Antwort darauf im Gespräch noch erkennbar ist, kann die Kata ihre Wirkung entfalten. Wenn nur noch die einzelnen Schritte erkennbar sind, ist aus der Lernroutine möglicherweise längst eine Choreografie geworden.
Und eine Choreografie kann sehr beeindruckend aussehen, während niemand mehr darüber nachdenkt, warum eigentlich getanzt wird.
Wenn Sie verhindern möchten, dass Kata und Coaching zu routinierten Abläufen ohne tatsächlichen Lernfortschritt werden, und stattdessen die Entwicklung von eigenständigem Denken und Handeln stärken möchten, nehmen Sie gerne Kontakt mit mir über dieses Formular auf oder greifen Sie einfach zum Telefon und rufen Sie mich unter 0171-7342717 an.
Falls die Umstände für Sie aktuell eine Kontaktaufnahme verhindern, legen Sie sich doch eine Wiedervorlage an (öffnet eine ics-Datei in Ihrer Kalender-Application bzw. generiert in Ihrem Download-Verzeichnis mit einem Terminvorschlag in einer Stunde, den Sie noch individuell anpassen können).
Frage: Welche Kata-Routinen unterstützen in Ihrem Verantwortungsbereich tatsächlich das Lernen und welche werden vor allem noch formal durchgeführt? Woran lässt sich erkennen, ob eine Coaching-Frage einen Denkprozess auslöst oder lediglich die erwartete Antwort abholt? Und was würde sich verändern, wenn nicht mehr die korrekte Durchführung der Kata, sondern die Entwicklung der Denkfähigkeit als Ergebnis betrachtet würde?
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