Kaizen 2 go 189 : Einstieg in Digitalisierungsprozesse


 

Inhalt der Episode:

  • Welche Fragestellungen sollten von Unternehmen bzw. den Entscheidern vor dem Einstieg in die Digitalisierung beantwortet werden?
  • Welche Fragestellungen folgen zu Beginn der Digitalisierung?
  • Welche Rolle spielt der Faktor Mensch in der Digitalisierung? Wo kann er hinderlich wirken, wo unterstützend?
  • Was sind die Ursprünge dieser Einflussnahme? Wie lässt sie sich positiv gestalten?
  • Welchen Einfluss übt wiederum die Digitalisierung auf die Menschen aus? Wie gehen wir mit der digitalen Schere um?
  • Wie lassen sich Menschen zukünftig noch besser auf digitale Geschäftsmodelle vorbereiten?
  • Welche Rolle können Schule und Ausbildung/Studium spielen? Wo müssen sich die betreffenden Institutionen noch weiter entwickeln?
  • Was ist mit den Menschen, die die Phase schon hinter sich haben? Wie kann da die Integration in Digitalisierungsprozesse gelingen? Wie verändern sich Aspekte wie Führung und Personalentwicklung durch die Digitalisierung?
  • Wie sieht ein typischer oder vielleicht auch idealer Einstieg in die Digitalisierung aus?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 189 : Einstieg in Digitalisierungsprozesse

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Thomas Wolter-Roessler bei mir im Podcast-Gespräch. Er ist Inhaber der TWR-Beratung für mittelständische Unternehmen. Hallo Thomas.

Thomas Wolter-Roessler: Hallo Götz, grüß dich. Vielen herzlichen Dank für die Einladung.

Götz Müller: Ja. Schön, dass du dabei bist.

Thomas Wolter-Roessler: Danke.

Götz Müller: Ich habe schon einen halben Satz zu dir gesagt, aber stell dich gern den Zuhörern noch in zwei-drei Sätzen vor.

Thomas Wolter-Roessler: Das mache ich sehr gerne, ja. Ich bin Ingenieur und habe zehn Jahre lang Fabriken geplant, was sehr spannend war und was ist mir ermöglicht hat viele, vor allem mittelständische, produzierende Unternehmen kennenzulernen und irgendwann habe ich mal festgestellt, auch im Zuge des ganzen Themas Lean-Management, dass oft die Technik nur die eine Seite ist, aber die Anwendung, die Kultur, das Machen, das Mindset wie man auch so gerne sagt, die andere. Und da habe ich weit mehr Spaß dran gefunden als an Materialströmen und der Frage, wo welche Maschine stehen soll und bin deswegen in die Organisationsentwicklung gegangen. Das habe ich jetzt auch fast zehn Jahre selbständig gemacht und seit Anfang des Jahres gibt's die TWR-GmbH die sich dem Thema Veränderungsprozesse und Digitalisierung widmet.

Götz Müller: Die Aussage kann ich nur voll unterschreiben, die du gerade machst.

Thomas Wolter-Roessler: Da, glaube ich, sind wir sehr ähnlich. Genau.
Götz Müller: Jetzt haben wir heute ja das Thema Digitalisierung, Digtalisierungsprozesse und ganz konkret den Einstieg. Und jetzt zum Einstieg die Fragestellung, was sind denn so typische Fragen, die sich eigentlich die Unternehmen beziehungsweise die Entscheider dort vor dem Einstieg in die Digitalisierung beantworten sollten?

Thomas Wolter-Roessler: Also das, glaube ich, lässt sich in vier Buchstaben zusammenfassen, nämlich der Frage, wozu. Wozu tun wir das? Na, also es ist ja schon auch ein Hype-Thema momentan. Ich habe den Eindruck in den Medien geht's ein bisschen zurück, es gibt die ersten Statistiken, die auch sagen, das Thema Digitalisierung verschwindet ein bisschen wieder aus dem Top-Management-Etagen, nicht mehr prioritäres Thema, und das, denke ich, ist ganz gut, dass der Hype ein bisschen verschwindet und dass die Substanz dann übrig bleibt und ich erlebe einfach ganz viele Unternehmer, Geschäftsführer, die sagen „Ja, das ist ja schön und gut. Der Wettbewerb digitalisiert irgendwie auch, aber was haben wir damit zu tun? Und da gehört zunächst mal natürlich, ich sag mal einfach Grundlagenwissen dazu, also sich vielleicht nicht gleich in die Details der Bitcoins zu stürzen, sondern mal zu sagen: Wie ist denn eigentlich dieses ganze große Feld der Digitalisierung, inwiefern gibt's da Überschneidungen mit unserer Unternehmensvision? Das heißt, an welchen Stellen könnte es für uns relevant sein, wozu sollten wir denn eigentlich digitalisieren? Weil ich glaube, wir sind uns einig, es ist eine Methode und Digitalisierung nur um der Digitalisierung Willen ist sicherlich nicht das Ziel, sondern es geht darum, dass die Digitalisierung uns helfen kann, unsere Unternehmensziele zu erreichen, die Kunden mehr zufrieden zu stellen, was auch immer es denn sein mag.

Götz Müller: Ja. Ich könnte mir gut vorstellen, dass du schon die eine oder andere Blüte erlebt hast, ich habe es definitiv auch schon im Sinne von die Geschäftsführung beschließt, das ist kein Thema für uns. Kann man auch machen.

Thomas Wolter-Roessler: Ja, genau. Also ich habe mal tatsächlich von einem gehört, der gesagt hat, er würde das auslagern, das macht er nicht selber. Und dann merkt man schon, das ist halt für viele es eher so ein Add-on. Ich pflanze ein Stück Digitalisierung an mein Unternehmen an, was ist ja aber sicherlich nicht trifft, wenn wir wenn wir bis in die Geschäftsmodelle gehen, dann merkt man einfach, dass die Digitalisierung ein Unternehmen von Grund auf verändern kann, wenn ich das denn möchte und wenn ich das auch zulasse.

Götz Müller: Okay. Und jetzt nehmen wir mal den positiven Fall an, die Frage nach dem Wozu ist passend beantwortet, zum Beispiel Geschäftsmodell solche Dinge, was sind dann deine Erfahrungen nach so die ersten Fragen, wenn man dann wirklich damit anfangen möchte.

Thomas Wolter-Roessler: Die Fragestellungen zu Beginn, nachdem man wirklich entschieden hat, was denn die Zielrichtungen sein könnten, sind natürlich, was bedeutet das tatsächlich für uns. Wer muss sich denn an welcher Stelle verändern, reicht es tatsächlich Prozesse zu digitalisieren, ein Stück Software zu kaufen oder inwiefern wirkt es sich nicht auch auf unsere Zusammenarbeit, bis hin zu unserer Unternehmenskultur aus. Wir kennen das auch aus Veränderungsprozessen, die mit Digitalisierung noch nicht so viel zu tun hatten. Immer wenn auch das Thema Automatisierung ins Spiel kommt, gibt's Ängste und Befürchtungen, dann gibt's auch Widerstand, der an manchen Stellen berechtigt ist, an manchen Stellen eben auch nicht. Das heißt, zunächst mal muss man sich klar werden, was heißt denn das jetzt für uns als Unternehmen für unsere Organisation, wo wirkt sich das aus, inwiefern haben wir alle Ressourcen, Kompetenzen mit an Bord oder wo brauchen wir da Unterstützung in welcher Form. Und dann machen wir nach wie vor die Beobachtung, dass Digitalisieren halt immer noch so als Technologie-Thema angesehen wird, was es sicherlich auch ist, weil die digitale Transformation durch digitale Werkzeuge entstanden ist oder diese Bewegung überhaupt entstanden ist und damit auch nur gelöst werden kann. Aber, da sind wir ganz fest davon überzeugt, es ist auch ein kultureller Wandel. Es ist ein gesellschaftlicher Wandel und wir empfehlen also zunächst mal damit zu beginnen, alle mitzunehmen, bevor ich eben sage „Ich führe jetzt erstmal die Software ein und dann gucken wir mal, wer mit an Bord und wer mit unterwegs ist.

Götz Müller: Genau. Den Punkt möchte ich noch ein bisschen vertiefen, den Faktor Mensch. Wie du auch schon erwähnt hast, glaube ich, die Veränderung an sich spielt eigentlich die größte Rolle, ob da jetzt Digitalisierung drüber steht oder Automatisierung oder irgendetwas anderes, auch Lean natürlich, hat im Grunde immer der Faktor Mensch den entscheidenden Einfluss. Also ich kenne jetzt nichts, wo es wirklich echt an der Technik gescheitert wäre.

Thomas Wolter-Roessler: So ist es. Wir sprechen auch von der Veränderungslücke. Ich kann ja eine Software kaufen, einspielen, anschalten, ich kann auch die alten Systeme dazu abschalten, das geht so relativ sprungfix, nur diesem Sprung folgen die Menschen natürlich nicht. Das wissen wir. Das kann man gut finden. Als Projektleiter, der gerne schnell vorwärts kommen möchte, findet man das vielleicht nicht gut. Ich glaube fest daran, dass es gut ist und wichtig ist, es halt zu wertschätzen und zu sagen „Ok, was brauchen denn die Leute, um da mitgenommen zu werden?“ Da brauchen sie wiederum das Wozu, der Nutzen fürs Unternehmen, sie müssen sich sicher fühlen, sie müssen das Gefühl haben, dass sie einen persönlichen Nutzen davon haben. Sie brauchen die Qualifikation. Sie brauchen das Gefühl, da nicht alleine unterwegs zu sein. All das sind vorbereitende Maßnahmen, mit denen ich dann eben einen digitalisierten Prozess, oder was auch immer es sein mag, ein neues digitales Produkt, besser in den Markt bringen kann, als wenn ich es einfach nur über die Technologieseite mache.

Götz Müller: Was hast du da schon erlebt, sowohl, ich könnte mir schon auch vorstellen, dass es, es gibt da nicht bloß vielleicht so Menschen wie uns, Ingenieure, die technikaffin sind, aber ich glaube, dass ist im Allgemeinen schon auch unterstützende Menschen gibt, aber halt auch Menschen, die da eher zurückhaltend sind. Was hast du da schon erlebt.

Thomas Wolter-Roessler: Ja. Es gibt da ja diese schöne, aus dem Change Management, diese schöne 2-6-2-Regel, die so besagt, also wenn eine Veränderung ansteht, dann finden zwei von zehn, die aus purem Prinzip gut und unterstützen die, die brauchen gar keine Argumente. Es gibt auch zwei, die finden es aus Prinzip schlecht, da helfen auch keine Argumente und dann gibt's die sechs in der Mitte, die zunächst mal sich zurückhalten, beobachten wie geht denn diese Diskussion zwischen den anderen beiden Parteien aus und sich dann ein bisschen ausrichten. Wir brauchen natürlich für eine wirklich nachhaltige, wirkungsvolle Veränderung im Unternehmen die achtzig Prozent und da hilft aus meiner Sicht zunächst mal Sicherheit zu schaffen und Orientierung zu geben. Es gibt halt wahnsinnig viele Befürchtungen, die leider auch nicht offen geäußert werden und ich hatte da mal so einen sehr spannenden Fall. Ein ganz junger Kollege aus dem Unternehmen und es ging um das Projekt und wie wir uns treffen und wir haben gesagt „Mensch, immer so alle sechs Wochen ein Tag, das ist immer so anstrengend, dann dauert es wieder so lange, lasst uns doch Telkos machen.“ Möchte man meinen, dass das damals im Jahr 2016 jetzt nicht das große Thema war, es war aber ein großes Thema und der Kollege ist da wirklich in Widerstand gegangen. Auf eine ganz komische Art und Weise, ich konnte die Argumente nicht nachvollziehen und dann habe ich gedacht „Vielleicht hat er an sich da ein Problem und kann das gar nicht sagen.“ und bin dann so vorsichtig ein bisschen diplomatisch auf den zugegangen, wie er denn diese Telkos bisher wahrgenommen hatte und dann hat gesagt, er hat noch gar keine gemacht und dann stellte sich raus, er hatte einfach Angst davor, sich da technisch zu blamieren und hat die deswegen an sich vermieden. Das hat er sich aber auch nicht getraut zu sagen „Ich kann das nicht oder ich habe da Angst.“ Danach war der Feuer und Flamme nach der 1., das ist ja super, da kann ich ja von überall … Also da war es dann irgendwie logisch, und da muss man auch ein bisschen forschen und natürlich auch sehr wertschätzend unterwegs sein. Also wenn ich dem gesagt „Bist du zu blöd eine Telko zu machen?“, dann wäre wahrscheinlich die Jalousie zurecht auch für immer zu gewesen, aber wenn man unterstützend auf die Leute zugeht, kommt man auch an die wahren Beweggründe für diese Zurückhaltung eben ran.

Götz Müller: Ja, das begegnet mir genauso und das sind manchmal ganz versteckte Themen und manchmal auch ganz einfache, so wie du es ja auch gerade angedeutet hast.

Thomas Wolter-Roessler: Ja, genau. Also das Thema an sich ist einfach, aber man sieht es nicht einfach.

Götz Müller: Okay, gut. Ich habe für mich irgendwann mal so einen Begriff, ich nehme es aber da kein Urheberrecht für mich in Anspruch, „Digitale Schere“ definiert, erkannt irgendwo. Ich glaube, es ist klar, was ich damit meine …

Thomas Wolter-Roessler: Ehrlich gesagt nicht.

Götz Müller: Ah, okay. Gut, also digitale Schere also in dem Sinne von … ähnlich wie jetzt klassisch die Einkommensschere zwischen Reich und Arm, glaube ich schon, dass es halt bestimmte Bereiche, bestimmte Branchen auch zum Teil gibt, da denke ich jetzt auch ein bisschen Richtung Handwerk, wo halt eher dieser manuelle Aspekt … wo, glaube ich schon, ja, diese Schere, dieser Unterschied zwischen traditionellem Tun und Unternehmen, Handeln und halt Plattformökonomie, ganz extreme Dinge … was begegnet dir da so, im Einfluss auf die Menschen vor allen Dingen?

Thomas Wolter-Roessler: Ja, also für mich ist gerade sehr spannend, ich habe ein aktuelles Projekt mit einem großen Architekturbüro und da ging es jetzt um mal ganz grundlegende Organisationsthemen, die sind stark gewachsen und dann muss man Organisationsstrukturen auch ein bisschen anpassen, und wir kamen dann zum Thema Funktionen: Welche verschiedenen Funktionen gibt's eigentlich da eigentlich im Büro? Und irgendwann sind wir gelandet bei Konstrukteuren und Modellierern, wo ich so gefühlt im Workshop gesagt habe „Das klingt ja sehr ähnlich, aber es scheint ja nicht das Gleiche zu sein, sonst würdet ihr es ja gleich nennen, wo ist denn da der Unterschied?“ Dann haben die selber so ein bisschen gegrübelt und überlegt, wenn man sagt, wo ist da eigentlich der Unterschied, bis der Personaler sagt „Na ja, eigentlich ist es so, eigentlich haben wir ältere, erfahrene Mitarbeiter, die nennen wir Konstrukteure, die wissen, wie man ein Haus baut, sie können aber mit den neuen Tools nicht umgehen oder sind da distanziert. Und dann gibt's die jungen, die nennen wir Modellierer, die können super im 3D Modell und mit allem hin und her super umgehen, die wissen aber nicht zwingend, wie man Haus baut.“ So, das ist ja zunächst mal ist wichtig, das zu erkennen, das ist, glaube ich, auch so die Schere, von der du sprichst. Die größte Gefahr oder das, ich denke mal Schlimmste, was man tun kann, jetzt aus Top-Management-Sicht oder auch von unseren Beratern ist, sich jetzt für entweder oder zu entscheiden. Ja, das braucht es gar nicht. Man muss es gar sicher entscheiden, haben die jetzt recht oder die, stelle ich mich auf deren Seite oder deren, sondern es muss natürlich Ziel sein, die zusammenzubringen und eine Art der Zusammenarbeit zu gestalten, dass die gemeinsam auf einmal da Spaß dran haben und richtig gute Leistungen bringen, indem sie sich eben zusammentun.

Götz Müller: Kommt mir sehr bekannt vor und ich glaube, das ist dann aber auch der Wert, den wir als Äußere, als Externe mit einbringen, dass wir halt nicht in den Augen einer der beiden Gruppen in irgendeiner Form gefangen sind, wenn wir es richtig machen, das natürlich vorausgesetzt.

Thomas Wolter-Roessler: Genau und es gibt auch diesen schönen Ausdruck, und das spüre ich schon, dass es immer weniger drauf ankommt, dass einzelne Hochkaräter da die riesen Heldinnen oder Helden sind, die alles wissen, die Dinge auf einmal möglich machen, die das Projekt doch noch retten, sondern es kommt immer mehr darauf an, dass wir als Teams gut zusammenarbeiten. Also ich bin sehr viel auch in Nachfolge-Themen unterwegs und da hinterlässt halt so ein Patriarch eine riesige Lücke, die ist nicht füllbar, also die Kandidaten gibt's einfach nicht, da kommt der Fachkräftemangel auch noch dazu, oder halt auch die Tatsache, dass es viele gibt, die sagen „Ich bin zwar gut, aber mir reichen fünfunddreißig Stunden die Woche, es müssen keine siebzig sein. Ich brauch das nicht.“ Das heißt, da müssen wir uns, glaube ich, was heißt müssen, vielleicht ist es auch gut, da verabschieden wir uns ein bisschen von diesen starken Einzelfiguren und es geht immer mehr darum, wie es uns gelingt schnell in Teams Lösungen zu finden für komplexe Probleme, die halt jemand alleine nicht lösen kann. Und das ist, glaube ich, mit zunehmender Dynamik in der Digitalisierung schon ein relevantes Thema. Also wenn ich heute auch mit Startup-Gründern zu tun habe, die sagen, es geht gar nicht darum, dass dieses Unternehmen Bestand hat, das ist gar nicht das Ziel. Es geht nicht nur ums Gründen, ums Erfolg haben, dann was auch immer, verkaufen, zumachen, umbauen und dann kommt das nächste. Also da ist gar nicht mal so der Wunsch nach Beständigkeit da, und das, glaube ich, nimmt eben schon zu und wirkt sich auch darauf aus, wie wir zusammenarbeiten.

Götz Müller: Definitiv. Jetzt hast du ganz am Anfang das Stichwort Geschäftsmodelle genannt und natürlich haben wir auch digitale Geschäftsmodelle. Was ist so dein Gedanke, wenn man über so Aspekte wie Schule, wie Ausbildung, nachdenkt, wie kann ich also vermeiden, und ich greife hier wieder die digitale Schere auf, dass so etwas entsteht beziehungsweise wie bereite ich halt Menschen besser auf digitale Geschäftsmodelle, auf das eigene Handeln in digitalen Geschäftsmodellen vor?

Thomas Wolter-Roessler: Ja. Also, ich glaube, da ist die Kundenzentrierung ein extrem wichtiger Punkt, weil wir ja jetzt auch immer mehr erkennen, dass es halt weniger um Besitz vielleicht geht, also, dass das Physische wird ja immer zunehmend weniger. Leute wollen kein Auto mehr haben, sie wollen mobil sein. Früher war halt das Auto der Weg zur Mobilität, jetzt gibt's andere Modelle, die da helfen können. Mit Software ist es ja ähnlich. Also ich kaufe nicht mehr … ich gehe nicht mehr zum Media Markt und kaufe irgendeine Lizenz, die ich dann auch noch in gewisser Weise zumindest anfassen kann, sondern ich kaufe mir Zugang zu Services, die nicht mal mehr auf dem Rechner stattfinden, sondern irgendwo anders, weil halt dieser Kundennutzen immer mehr in den Vordergrund kommt. Und ich stelle auch gleichzeitig fest, und es hängt für mich sehr eng zusammen, dass viele Unternehmen Schwierigkeiten haben, ihre Visionen zu benennen, im Sinne von „Was ist unser Nutzen?“, die sagen was sie tun. Also das ist Simon Sinek, Golden Circle: Why? Worum geht’s? Warum macht ihr das? Was fehlt, wenn ihr nicht da seid? Da wird es bei vielen ganz schön schnell dürftig und wenn ich dann noch nach OKR-Kriterien relativ harte Anforderungen an diese Vision stelle, dass ich zum Beispiel sage, da darf kein Wir drin sein, weil es geht gar nicht um euch. Es geht darum, was beim Kunden passiert. Dann stellen sich natürlich auch vielen Fragen. Also wir machen nicht die besten Stapler, sondern keiner muss mehr was heben. Da wird es mal spannend. Dann braucht es vielleicht auch keine Stapler dazu, da kommt auch ein bisschen, glaube ich, kommt die Angst mit rein, aber das wäre, denke ich, dass eigentlich, dass man sagt von Beginn an, weil du gerade Ausbildung erwähnt hast, worum geht's eigentlich. Was braucht der Kunde? Wofür ganz nach Lean-Kriterien, wofür ist er bereit zu zahlen? Was ist die eigentliche Wertschöpfung und ist es tatsächlich das, dass er sich noch um das Auto kümmern muss oder ist es nicht einfach, dass er zu jeder Zeit an jedem Ort irgendwo einsteigt und da hinfährt, hingefahren wird, wo er gerne hin möchte.

Götz Müller: Und in dem Zusammenhang kommt mir gerade der Gedanke, weil ich vor gestern, wo ich paar Meter zu Fuß unterwegs war, mindestens zwei von diesen E-Scootern gesehen habe, die halt so relativ unmotiviert an der Straßenecke standen. Im Grunde ist es aber genau dieser Aspekt „Hey, ich will halt schnell irgendwohin kommen und jetzt will ich nicht das eigene Auto aus der Garage fahren, das sowieso viele, viele, viele Stunden im Jahr darum steht und eigentlich gar nicht Benutzung ist, sondern ich schnappe mir halt, was da gerade um den Weg ist.“

Thomas Wolter-Roessler: Ja, genau. Und das wird alles so viel schneller und flüssiger. Ich meine, den Roller, da steige ich auf und dann stelle ich den wieder hin und das hat gar nichts mit diesen Kaufentscheidungen mehr zu tun. Es ist auch völlig egal, von welchem Unternehmen dieser Roller ist, ich habe halt einfach Zugang zu etwas, zu Werkzeugen, mit denen mir geholfen wird. Dann bezahle ich auch unkompliziert und dann war’s das.

Götz Müller: Ja. Und so lästig das manchmal sein kann, dass die Dinger überall rumstehen, in Anführungszeichen, da habe ich zumindest schon die ersten Aussagen gehört, und da glaube ich aber trotzdem, dass es ganz nützlich ist in einem völlig übertragenen Sinne, dass jetzt den Menschen plötzlich bewusst wird „Hey, es gibt ja so solche Ideen.“. Also einfach, okay, es geht gar nicht mehr darum die Sache zu besitzen, sondern einfach nur zu nutzen, im wahrsten Sinne des Wortes, und dadurch die Aufmerksamkeit viel mehr auf diesen Nutzen gehen.

Thomas Wolter-Roessler: Und das ist auch entspannend. Ich meine, in der Landwirtschaft ist so ein Maschinenring, wo man sich die Maschinen miteinander teilt, gar keine neue Idee. Aber die hält hat jetzt Einzug ins Privatleben auch. Ich glaube, da bricht auch ein ganzes Stück Statusdiskussion weg, also Autohaus zum Beispiel als Statussymbol, was irgendwie nicht mehr so wichtig ist vielleicht, weil es schon so selbstverständlich geworden ist. Und das finde ich eigentlich spannend, dass diese bereits bekannte Ideen, die ja auch denkbar logisch sind, die auch nachhaltig sind, dass die jetzt irgendwie immer mehr Anklang finden und die Leute sagen „Komm, ich will mich auch gar nicht kümmern um die Sachen, ja, ich will ja eigentlich nur die Fahrt haben, die kriege ich da und dann bin ich da ungebunden und zu nichts verpflichtet und gucke dann morgen, wie ich da weitermache.

Götz Müller: Okay. Jetzt hattest du angedeutet, also das unterschreibe ich zu hundert Prozent, dieser Aspekt Nutzen: Wie kriege ich das aber dann auch wieder in so eher traditionelle Aspekte wie Ausbildungsinstitutionen, Schulen, Universitäten, die ja manchmal auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben. Was ist da so dein Gedanke, wie kriege ich das da rein?

Thomas Wolter-Roessler: Ich glaube gar nicht, ehrlich gesagt. Also wenn du Hochschulen ansprichst, dann habe ich eine ganz eigene Meinung. Diese Systeme, die sind ja sehr stark, die werden sich noch lange irgendwie absichern, die werden noch lange existent sein. Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, ich habe mal von der Studie gelesen, dass die, die heute zur Welt kommen, dass die im Laufe ihres Lebens wahrscheinlich acht Berufe haben werden, also nicht Anstellungen oder Positionen, sondern Berufe, von denen es fünf noch nicht gibt. Das heißt, dieser klassische Lebenslauf, dieser geblockte, also Ausbildung, Schule, dann Berufsausbildung, dann die Erwerbstätigkeit mit dem Wissen, was ich mir zu Beginn geholt habe und dann das Pensions- oder Rentendasein, das wird es ja ohnehin nicht mehr geben. Es wird ja alles fragmentiert und es wird sich alles auflösen. Es wird immer wieder Ausbildungsphasen geben, dann wieder Erwerbstätigkeit und da sehe ich den größten Handlungsbedarf bei den Universitäten, dass die sich darauf einstellen, dass die Leute eben lebenslangen Lernen werden und vor allem, dass die Kompetenzen ganz andere werden, weil wer sich heute, ob als Lehrer oder Hochschule oder auch als Trainer, darauf beruft, dass er Informationen hat, die andere nicht haben, also wenn das das Geschäftsmodell ist, da würde ich mir auch ein bisschen Gedanken machen, weil Zugang zu Informationen haben wir ja in unvergleichlicher Weise und zwar kostenfrei und überall und immer und wer davon … wie gesagt, wer sein Geschäftsmodell darauf aufbaut, dass er was weiß, was andere noch nicht wissen, das, glaube ich, wird sehr anstrengend werden.

Götz Müller: Ja und ich habe für mich auch so eine gewisse Theorie entwickelt, dass manche Geschäftsmodelle sind ja ganz anders entstanden, wie jetzt zum Beispiel Plattformökonomie, wo sich wirklich jemand hinsetzt und die Köpfe zusammen steckt und auch immer wieder bereit ist, sich zu verändern. Wenn ich jetzt an traditionelle Branchen wie zum Beispiel die Automobilindustrie denke und mal reflektiere, wie so etwas eigentlich entstanden ist, wo mal ein Daimler in seinem Gewächshaus stand und davor halt jemand eine Kutsche gebaut hat, weil irgendein Fürst sagt, Ochsenkarren sind jetzt nicht mehr so prickelnd und dann in diesem Dunstkreis ja unheimlich viele andere Geschäftsmodelle entstanden sind, die ganze Zulieferindustrie, da wacht ja keiner morgens auf und sagt „Hey, Kurbelwellen zu machen, coole Sache.“ und ich glaube, für die wird's richtig schwierig.

Thomas Wolter-Roessler: Ja, und ich glaube, darauf bewegen wir uns zu. Ich habe ja irgendwie den Wunsch, dass das irgendwie sanft geht, aber ganz ehrlich, wenn ich da so gucke, was in unserem Land mit Digitalisierung, mit Mobilitätskonzepten, was da so los ist. Ich fürchte, das muss vielleicht auch ein bisschen wehtun. Das wünsche ich natürlich niemanden und schön wäre es ohne, aber dazu fehlt uns, glaube ich, auch einfach die Freude am Experimentieren. Also das ist so etwas, was ich als Unternehmer unbedingt machen würde, dass ich versuche spielerisch und ganz leichtfertig diese Ideen in meine Organisation bringe und bitte ja nicht irgendwie hierarchisch von oben nach unten durchverordnet, weil das wird wahrscheinlich genau eben nicht funktionieren. Und ich denke, wenn man es leicht angeht, an kleinen Stellen zum Beispiel mal so einen digitalen Assistenten vorstellen, dass ich auch mal überhaupt weiß, was ist denn diese KI, was machst die, wie trete ich denn in Beziehung mit der, wie wirkt sich die auf meinen Arbeitsalltag aus. Dass ich das ganz entspannt und ganz locker mache und so einfach auch Berührungsängste abbaue. So ähnlich wie bei der Telko, was ich vorhin schon erzählt habe. Wenn die Leute das mal erlebt und gemacht haben, dann funktioniert es ja. Sonst hätte auch keiner ein Smartphone heute. Wenn man vor zwanzig Jahren den Leuten gesagt hätte „Bitte hängt euch alle so einen Peilsender um den Hals, auf dem ihr alle persönlichen Daten mit euch rumtragt, der permanent verbunden ist mit anderen Systemen, die ihr nicht kennt.“, die hätten dir einen Vogel gezeigt. Und heute ist es, weil jeder offensichtlich den Nutzen darin erkennt, ist es selbstverständlich und so kann es in den Unternehmen auch gelingen, aber der persönliche Nutzen und die persönlichen Befindlichkeiten um die geht's da an der Stelle.

Götz Müller: Genau den Punkt möchte ich noch ein bisschen vertiefen. Ich meine, jetzt gibt's ja nicht bloß Menschen, die gerade vielleicht aus einer Hochschule kommen oder eine Ausbildung beendet haben, sondern es gibt dann Menschen, ich nehme jetzt mal mich, ich bin Mitte fünfzig, wie hole ich … ich glaube, ich persönlich habe ich da jetzt keinen Schmerz mit, aber jetzt sind wir nicht alle verrückte Ingenieure, die dann schon eher eine Technikaffinität haben, was ist dein Tipp, wie schaffe ich es aber diese Gruppe von Menschen in Digitalisierungsprozesse zu integrieren?

Thomas Wolter-Roessler: Was wir immer wieder erleben in den Projekten als hilfreichen Einstieg ist einfach eine Grundqualifizierung, dass ich überhaupt weiß, wovon spreche ich denn, dass ich lerne, die Begriffe zu durchsteigen, die Gedankengänge, die es in der Digitalisierung auch gibt, dass ich auch im Unternehmen die gleiche Sprache spreche, weil es ist halt, wenn der eine disruptiv sagt, ist noch lange nicht gesagt, dass der andere auch das gleiche von disruptiv versteht und da im Gespräch, also das machen wir in den Projekten halt extrem viel, im Dialog klarmache: Erstens, ihr seid nicht alleine. Zweitens, andere haben es schon ausprobiert. Drittens, das kann auch was Gutes werden. Also wir haben ja so unseren Slogan „Digitalisierung als Chance sehen“, dass man es eben nicht nur als Bedrohung für den Arbeitsplatz oder Entmenschlichung der Organisation sieht, sondern eben sagt „Okay, was kann denn jeder von uns als Positives davon haben?“ Ganz viele echte Berichte und dann wirklich das Gefühl geben „Guck mal, das kann man dosieren. Das kann man so gestalten, wie man das möchte und das bedeutet nicht, dass man jetzt irgendwie großartig was aufgeben muss oder das alles schlechter wird.“ Wir haben daraus auch ein zweitägiges Training entwickelt, was einfach sehr kompakt ist, wo man einmal von den Grundlagen über Geschäftsmodelle bis hin zu diversen Tools alles mitmacht. Wir halten das papierfrei. Das heißt, jeder hat ein Tablet. Wer keins hat, kriegt eins geliehen. Und da merkt man schon, dass manche außerhalb ihrer Komfortzone sind, weil das ist ja „Oh, wenn ich dann damit nicht umgehen kann mit dem iPad, wie ist denn das dann?“ Danach sind sie aber Feuer und Flamme, weil sie sagen „Ich habe das probiert, das ist ganz gut, das macht echt Spaß. Da sind viele Dinge anders, aber keinesfalls alles schlechter.“

Götz Müller: Was würdest du sagen, so ein bisschen Richtung Abschluss, was würdest du sagen, wie ändern sich so, ja, im Grunde traditionelle Aspekte wie Führung, Personalentwicklung durch Digitalisierung?

Thomas Wolter-Roessler: Fulminant. Fulminant. Also zum Beispiel Führung: Wir sind der Überzeugung und daran arbeiten wir auch in den Projekten, dass Führung eine ganz neue Rolle bekommt. Führung bedeutet eben nicht mehr, die besten Entscheidungen zu treffen von diesen Heldengestalten, wie ich es vorhin genannt habe, sondern dafür zu sorgen, dass andere in die Lage kommen, die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen, weil eben niemand mehr alles wissen kann, auch nicht muss, weil die Lebensläufe immer brüchiger werden und gar nicht mehr Leute in Führungspositionen sind, die halt sagen „Ich mache das seit dreißig Jahren. Ich weiß, wie das läuft.“, weil die Anforderungen immer komplexer werden es weiß immer dynamischer wird. Deswegen … also Führung ist bei uns ein ganz zentrales Thema in den Projekten und in den Workshops, unter anderem auch bei den Dacs-Training und da merken schon viele, dass das irgendwie vielleicht auch gar nicht mehr immer so bequem ist wie Führung vielleicht früher mal war mit vielen Privilegien verbunden, sondern dass es letztlich auch noch ein bisschen Vertriebsarbeit sogar wird, wenn ich wirklich dafür sorgen muss, dass meine Belegschaft meine Idee gut findet, dass sie sich auf den Kunden gut einstellt und dass sie Lösungen findet, die ich auch nicht kenne und wo ich dann dadurch auch vertrauen muss, dass das passt, aber ich weiß es halt selber nicht besser.

Götz Müller: Das kann ich kann nur voll unterstreichen. Gut. Thomas, ich danke dir für deine Zeit. Das war, ich fand es war eine gute Unterhaltung …

Thomas Wolter-Roessler: Ebenso. Vielen, vielen Dank für die schönen Fragen.

Götz Müller: … über ein wichtiges Thema, dem man sich, glaube ich, nicht wirklich entziehen kann.

Thomas Wolter-Roessler: So schaut’s aus. Das sehe ich auch so.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Thomas Wolter-Roessler zum Thema Einstieg in Digitalisierungsprozesse. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 189.

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Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder zu lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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