
Abstimmen
Eine Entscheidung soll gut vorbereitet sein. Deshalb erscheint es zunächst sinnvoll, möglichst viele Betroffene einzubeziehen. Unterschiedliche Sichtweisen können wertvolle Hinweise liefern und blinde Flecken vermeiden. Irgendwann stellt sich jedoch die Frage, wann genug abgestimmt wurde. Jede zusätzliche Perspektive kann neue Aspekte hervorbringen. Damit entsteht ein Prozess, der sich selbst verlängert. Was als sorgfältige Vorbereitung begann, wird zur Suche nach vollständiger Zustimmung. Eine Entscheidung scheint erst dann möglich, wenn niemand mehr etwas dagegen einzuwenden hat. Nur lässt sich dieser Zeitpunkt schwer bestimmen. Vollständige Einigkeit wird zum Ziel, obwohl eine tragfähige Entscheidung vielleicht längst möglich wäre.
Noch mehr abstimmen
Ein erster Abstimmungstermin bringt neue Fragen hervor. Also folgt ein weiterer Termin. Die Antworten darauf erzeugen wiederum neue Rückfragen. Weitere Beteiligte werden einbezogen, zusätzliche Informationen angefordert und alternative Varianten betrachtet. Jeder einzelne Schritt lässt sich begründen. Schließlich soll eine Entscheidung belastbar sein. In der Summe entsteht jedoch etwas anderes: Der Entscheidungsprozess wird selbst zum Projekt. Zeit vergeht, während die ursprüngliche Fragestellung unverändert bestehen bleibt. Je länger die Abstimmung dauert, desto größer kann sogar die Erwartung werden, dass noch jemand gehört werden muss. Beteiligung wächst, Entscheidungsfähigkeit schrumpft.
– Dietrich Bonhoeffer
Noch einmal abstimmen
Besonders tückisch wird die Endlosschleife, wenn bereits erzielte Zustimmung nicht als ausreichend betrachtet wird. Eine Veränderung im Umfeld, eine neue Information oder lediglich ein weiterer Zweifel reicht aus, um die Diskussion erneut zu öffnen. Damit wird jede Entscheidung vorläufig. Was gestern geklärt schien, steht heute wieder zur Diskussion. Die Organisation entwickelt eine hohe Fähigkeit zur erneuten Betrachtung und eine geringe Fähigkeit zum Abschluss. Nemawashi verliert seinen vorbereitenden Charakter. Es wird zum permanenten Zustand vor der Entscheidung. Der eigentliche nächste Schritt bleibt dabei immer noch einen Abstimmungstermin entfernt.
Niemand entscheidet
Irgendwann liegt das Problem nicht mehr in fehlender Information. Es fehlt die Bereitschaft, mit verbleibender Unsicherheit eine Entscheidung zu treffen. Das ist besonders bemerkenswert, weil gerade gute Vorbereitung helfen sollte, Unsicherheit zu reduzieren und Entscheidungen zu erleichtern. Wird jedoch erwartet, dass Nemawashi alle Risiken und Einwände beseitigt, kann keine Entscheidung mehr entstehen. Verantwortung verteilt sich auf immer mehr Beteiligte. Niemand hat die Entscheidung verhindert. Niemand hat sie aber auch getroffen. Aus gemeinsamer Vorbereitung wird gemeinsame Unentschlossenheit.
Beteiligung braucht einen Zweck
Nemawashi ist kein Wettbewerb um die größtmögliche Zahl konsultierter Menschen. Sein Wert liegt darin, relevantes Wissen frühzeitig einzubeziehen und dadurch die Qualität einer Entscheidung zu verbessern. Dazu gehört auch die Anerkennung, dass nicht jede Unsicherheit beseitigt werden kann. Eine gute Vorbereitung schafft eine bessere Entscheidungsgrundlage. Sie ersetzt jedoch nicht die Entscheidung selbst. Wird aus dem Wunsch nach Beteiligung der Anspruch auf vollständige Zustimmung, verändert sich der Charakter des Prozesses. Dann wird nicht mehr gemeinsam vorbereitet, sondern gemeinsam aufgeschoben. Das Ergebnis kann paradox wirken: Alle wurden beteiligt und trotzdem kommt niemand voran.
Vielleicht liegt genau darin die Grenze zwischen sorgfältiger Vorbereitung und organisatorischer Verschwendung. Die entscheidende Frage ist nicht, wie viele Menschen ihre Sichtweise einbringen konnten. Entscheidend ist, ob die zusätzlichen Perspektiven tatsächlich zu einer besseren Entscheidung geführt haben. Denn auch Abstimmung kann zur Verschwendung werden, wenn sie immer weitergeht, obwohl die Grundlage für eine Entscheidung längst vorhanden ist.
Wenn Sie vermeiden möchten, dass notwendige Abstimmung zum dauerhaften Vorzimmer der Entscheidung wird und stattdessen Beteiligung tatsächlich zu besseren Entscheidungen beiträgt, nehmen Sie gerne Kontakt mit mir über dieses Formular auf oder greifen Sie einfach zum Telefon und rufen Sie mich unter 0171-7342717 an.
Falls die Umstände für Sie aktuell eine Kontaktaufnahme verhindern, legen Sie sich doch eine Wiedervorlage an (öffnet eine ics-Datei in Ihrer Kalender-Application bzw. generiert in Ihrem Download-Verzeichnis mit einem Terminvorschlag in einer Stunde, den Sie noch individuell anpassen können).
Frage: Welche Entscheidungen werden im eigenen Verantwortungsbereich immer wieder neu abgestimmt? Wo werden zusätzliche Abstimmungsrunden tatsächlich noch für bessere Entscheidungen gebraucht? Und woran wäre erkennbar, dass Beteiligung die Entscheidung verbessert, statt sie lediglich hinauszuzögern?
Sie können einen Kommentar hinterlassen, indem Sie hier klicken.
Oder teilen Sie den Artikel, gerne mit Ihrem Kommentar, auf Ihrem bevorzugten Social-Media-Kanal und lassen andere an Ihrer Erkenntnis teilhaben.
Artikel teilen auf ...
Hinweis: Ich behalte mir vor, Kommentare zu löschen, die beleidigend sind oder nicht zum Thema gehören.