Kaizen 2 go 158 : Digitalisierung in der Shopfloor-Kommunikation


 

Inhalt der Episode:

  • Wenn wir über die Kommunikation auf dem Shopfloor reden, was sind typische Szenarien und die Kommunikationsformen bzw. -kanäle dazu?
  • Was sind die Nachteile dieser Kommunikationsformen?
  • Industrielle Einsatzszenarien, Besonderheiten von Industrial-Smartwatches?
  • Welchen Vorteil haben Smartwatches ggü. anderen Wearables?
  • Das industrielle Ökosystem rund um die Smartwatch, Abläufe, Anbindung/Integration mit IT-Systemen (MES, BDE, …)
  • IT & Shopfloor, mögliche Vorbehalte?
  • Wer gestaltet die Einbindung/Integration in die Produktionsabläufe?
  • Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich?
  • Mögliche Vorbehalte von Mitarbeiter und MA-Vertretungen und der Umgang damit
  • Typisches Einstiegsszenario

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode Kaizen 2 go 158 – Digitalisierung in der Shopfloor-Kommunikation

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Michael Reutter bei mir einen Podcastgespräch. Er ist Gründer und Geschäftsführer der aucobo GmbH. Hallo Herr Reutter.

Michael Reutter: Hallo, Herr Müller.

Götz Müller: Herzlich willkommen. Sagen sie noch zwei, drei Sätze zu sich selber als Person und vielleicht auch ein, zwei Stichworte zur aucobo GmbH.

Michael Reutter: Na klar, gerne. Ja, mein Name Michael Reutter, ich bin einer der zwei Gründer der aucobo GmbH. Ich selbst komme eigentlich aus dem Maschinenbau, habe mich mit dem Thema Produktionsmangement eigentlich mal beschäftigt und nach dem Studium ging's dann ins Fraunhofer, im Bereich Produktionsmanagement, und da haben wir ganz schnell festgestellt, habe ich schnell festgestellt, dass immer noch so eine Lücke besteht eigentlich zwischen IT und eigentlich dem richtigen Shopfloor. Und daraus ist dann eigentlich der Gedanke gewachsen, das Ganze mal ein bisschen anders zu sehen, die Informationen ein bisschen näher an die Produktionsleute hinzubekommen, auch die IT weg von der eigentlichen IT hin zu den Produktionsleuten und dann mit ganz viel Stufen und Diskussionen mit Benjamin Schaich, meinem zweiten Gründer, ist dann eigentlich 2016 dann auch die aucobo GmbH entstanden. Viele fragen immer „Hä, wofür steht eigentlich die aucobo GmbH?“, also der Name kommt von automation cookbook, also wie kann ich praktisch kleine Automatisierungslösungen so gestalten wie so ein Kochbuch, die die Mitarbeiter gegenseitig tauschen und weiterentwickeln könnten. Ja, so ist der Name und die Firma entstanden und jetzt sind wir seit zwei, bald drei Jahren am Markt.

Götz Müller: So. Wir haben uns ja heute und das haben Sie schon ein bisschen angedeutet, wir haben uns ja heute eben die Shopfloor-Kommunikation und speziell eben da die Digitalisierung ausgesucht. Jetzt zum Einstieg eben die Frage erst mal, um den Rahmen ein bisschen aufzuspannen. Was sind so typische Szenarien und dann eben die damit verbundenen Kommunikationsformen, Kommunikationskanäle, die ich auf dem Shopfloor habe?

Michael Reutter: Also bei uns ging es ja vor allem und das Thema „Wie können wir die Mitarbeiter mit dem bestehenden, ich sag mal technischen System, besser kommunizieren lassen. So hat eigentlich alles angefangen. Gestartet sind wir eigentlich mit der Kommunikation für Mitarbeiter – Maschine. Also wie kann ich praktisch die Maschinenbedienung, Maschinenoperation einfach dann besser machen, weil eben häufig der Fall war, dass die Anlagen noch über Ampeln mit den Menschen kommunizieren, mit solchen typischen Bildschirmen und wir eben festgestellt haben, eigentlich hat sich die Arbeit total verändert, die der Mitarbeiter da haben muss und die Maschinen werden immer intelligenter, aber irgendwie wie die Maschine mit dem Mitarbeiter kommuniziert, das ist einfach komplett gleich geblieben. Da sind wir eigentlich gestartet. Wie können wir das praktisch ins 21. Jahrhundert holen, ein bisschen moderner, ein bisschen angepasster an die Thematik, das Mitarbeiter eben mehr Aufgaben gleichzeitig zu tun hat, mehr Maschinen betreut. Und von dort los gestartet haben wir eigentlich gemerkt, dass ganz viele Kommunikationsprozesse um die Maschine, mal weg von dem typischen Maschinenbediener, noch ansteht, also im Bereich Instandhaltung, wenn wir nicht mehr direkt mit der Betreuung der Maschine sind und in dem Bereich der Intralogistik, also die Materiallieferung an die Maschine und der Materialsteuerung im Unternehmen, also eigentlich überall wo Leute in Bewegung sind.

Götz Müller: Jetzt haben Sie es schon ein bisschen angedeutet, ich möchte es noch ein bisschen vertiefen oder herausarbeiten, was sind also die Nachteile der aktuellen Kommunikationsformen?

Michael Reutter: Ja, das größte Problem, was wir eigentlich festgestellt haben, ist dass diese typischen Arten, wie so eine Maschine jetzt beispielsweise mit dem Mitarbeiter kommuniziert, sehr generisch sind, also ich sage immer gern das Bild von der Gießkanne, wo die Informationen einfach so in den Raum gestreut werden, wenn es jemand hört und mitbekommt, ist gut, ob das die richtige Person ist oder eben auch nicht, ist total egal. Es ist immer eine eindirektionale Kommunikation, ja so ein Lämpchen blinkt, kann ich das nicht so genau nachvollziehen, wie hat denn der Mitarbeiter, die Mitarbeiterin, darauf reagiert, und halt eben nicht zielgruppenspezifisch. Wir müssen eigentlich mehr hingehen, okay, diese Art von Fehler, die Aufgabe braucht dieses Tätigkeitsprofil braucht dieser Mitarbeiter und das müssen nicht alle wissen, das müssen nur die Leute wissen, die damit umgehen, einfach auch diese Informationsflut, die wir aktuell haben, ein bisschen einzudämmen, weil wenn wir bei einem Kunden die Mitarbeiter beobachtet haben, hatten wir eben häufig, dass sie Mitarbeiter von dieser unendlichen Anzahl von Signalleuchten, von Panels, mit viel zu viel Kennzahlen überfordert waren und das wollten wir ein bisschen auch wegnehmen, die Information kleiner machen und das dadurch einfacher.

Götz Müller: Okay, dann liegt ja jetzt, glaube ich, wahrscheinlich auf der Hand, dass ich Sie frage „Ok, welche Lösung ist Ihnen da eingefallen?“

Michael Reutter: Ja, wir haben einfach tatsächlich mal geschaut, wie sich die Arbeit verändert hat, also wir kamen nicht irgendwie wie auf eine Lösung, sondern wir haben geschaut, okay, wie hat sich die Arbeit verändert und um das zu verstehen, muss ich vielleicht ein bisschen ausholen, um zu erzählen, was wir da festgestellt haben. Ein Thema war, dass ich eben die Information bisschen, wie ich es schon gesagt habe, zielgruppenspezifischer und mobil den Mitarbeitern zur Verfügung stellen muss, weil ich eben für verschiedene Anlagen gleichzeitig verantwortlich bin, es sehr ja unübersichtlich ist und ich nicht immer auf so eine Signalleuchte achte. Das zweite wichtige war, dass wir dadurch, dass wir eben häufig Prozess haben, die sich ändern in der Produktion, eben schauen müssen, dass die Mitarbeiter auch selbständig ihre Prozesse darum anpassen können, also wie sie mit den Maschinen kommunizieren können, wie sie mit anderen Mitarbeitern kommunizieren können und das nicht zu statisch haben. Das dritte war eben das Thema, die Reizüberflutung so ein bisschen zurücknehmen, also nicht hunderte Kennzahlen, na ja, nicht hunderte, aber typischerweise sind es ja so fünf bis zehn, die da auf irgendwelchen großen Bildschirm angezeigt werden, permanent anzuzeigen, sondern, je nachdem, wenn eine bestimmte Information für eine bestimmte Gruppe wichtig war, die erst dann anzuzeigen und das vierte war, das Thema „Hände frei“, weil wir eben häufig gemerkt haben, die die Leute, die in Bewegung sind, die brauchen ihre Hände zum Arbeiten und das war eigentlich einer der wichtigsten Punkte. Wir wollten nicht, dass die durch irgendwas behindert werden, und dann haben wir eben mal geschaut, was gibt's denn für Möglichkeiten und da kamen wir eben auf das Thema Datenbrillen und eben dann im Genaueren auf das Thema SmartWatch, also wir haben so ein bisschen in die Consumerwelt reingeschaut und gemerkt, SmartWatch ist eigentlich ein wirklich gutes Tool, um den Mitarbeitern diese oft sehr kleinteiligen Informationen mitzugeben, ohne dass sie jedes Mal ein Handy aus der Hosentasche raus holen mussten, und gleichzeitig die Hände frei haben.

Götz Müller: Jetzt gibt's ja auch andere Dinge, Sie haben es schon genannt, Brillen, Datenbrillen, Google Glass oder Datenhandschuhe, was sind so die Vorteile von SmartWatches?

Michael Reutter: Also man muss das generell sagen, es gibt für verschiedene Wearables unterschiedliche Anwendungsszenarien. Es gibt Bereiche, wo zum Beispiel Datenhandschuhe sehr, sehr praktisch sind, deshalb sehen wir es häufig als Ergänzung zu der SmartWatch, auch von den Brillen. In dem Bereich, wo wir es verstärkt einsetzen, wo wir eben … ich sag mal in der Maschinenbedienung, im Bereich der Instandhaltung, schnell die richtigen Leute zu bekommen liegt es eben vor allem darin, dass die andere Hardware, da spiele ich jetzt vor allem auf die Datenbrillen an, häufig einfach zu schwer sind, auch eine gewisse Ablenkung mit sich bringen, man kann sich das gut vorstellen, wenn vor dem Auge mal so etwas aufpoppt, da bin ich gezielt … muss ich auf jeden Fall hinschauen und werde von der Arbeit abgelenkt, ob es wichtig ist oder nicht. Es gibt auch wenige, die das wirklich acht Stunden am Tag tragen wollen oder können. Das ist ein großer Nachteil. Ich schätze in Zukunft werden die Datenbrille da noch deutlich leichter, werden ein bisschen angepasst, dass man es da machen kann, aber aktuell sind die technisch einfach noch nicht soweit. Beim Thema Datenhandschuh, haben wir einfach das Problem, dass wir keinen Bildschirm haben, häufig brauche ich auch in der Kommunikation in zwei verschiedene Richtungen, dass jemand drauf reagiert, das weitermacht und wenn ich jetzt im Bereich Intralogistik beispielsweise unterwegs bin, dann koppeln wir auch gerne so einen Datenhandschuh einfach mit einer SmartWatch über Bluetooth und habe dann praktisch die Vorteile aus beiden Welten, schnell scannen zu können mit Hände frei und gleichzeitig die Information auch noch dargestellt zu bekommen und irgendwelche anderen Sachen rückmelden zu können.

Götz Müller: Ja, mir kommt gerade so vor dem geistigen Auge, dass ich vielleicht auf dem Handrücken dann sogar einen Bildschirm habe, so wie ich das sonst dann am Handgelenk habe, was im Grunde praktisch das Gleiche ist.

Michael Reutter: Genau.

Götz Müller: Okay. Jetzt reicht es ja nicht, sich ja nicht sich eine AppleWatch oder ich kenne jetzt die Androids entsprechend nicht, sich an den Arm zu schnallen und sagen „Alles ist gut.“ A) möchte ich jetzt mit meiner AppleWatch, sie soll zwar angeblich wasserdicht sein, ich ziehe sie trotzdem vor dem Duschen aus, das heißt, da habe ich unter Umständen Randbedingung, die ich beachten muss, aber ich vermute mal, dass dieses Stichwort IT-Randbedingung, also nur so eine Uhr an den Arm zu schnallen, reicht ja nicht aus, das heißt, ich muss das irgendwo in etwas Größeres einbinden und da sollten wir, glaube ich, uns noch ein bisschen drüber unterhalten.

Michael Reutter: Genau, das ist ein ganz wichtiger Punkt, einfach dass sie, ich sage mal Industrieunternehmen komplett anders ticken als im Konsumumfeld. Also wir haben wirklich auch mit solchen … mit einer Sony-SmartWatch gestartet in den ersten Kundenprojekten und dann haben wir sehr schnell gemerkt, wo so die Grenzen sind. Das eine ist natürlich gerade, wenn ich so eine AppleWatch nehme, die sind halt häufig sehr filigran und nicht so robust, also uns sind die Uhren tatsächlich im Einsatz dann kaputt gegangen, Glas ist gesprungen, hat Risse reinbekommen und so weiter, man konnte es nicht mit Handschuhen bedienen, haben wir ja sehr häufig solche Montagehandschuhe beispielsweise in der Produktion, haben da gemerkt, das ist nicht so ganz für diese raue Umgebung gedacht. Das war der eine Punkt. Das zweite war, dass einfach die Uhren managebar sein müssen. Das heißt typischerweise, wenn ich jetzt an die Consumer-Geräte denke, wie jetzt eine AppleWatch, wie AndroidWear oder WearOS, dann sind diese Geräte nicht stand-alone-fähig. Was bedeutet das? Diese Uhren sind immer an ein Smartphone oder ein Tablet gekoppelt und das macht es für die IT sehr, sehr schwierig, das zu managen, weil eine typische IT hat eben ein System Mobile Device Management, um im mobile Endgeräte managen zu können, aber halt nicht, ich sag mal noch eine Stufe dahinter, also ich habe ein Smartphone und dahinter noch mal eine SmartWatch, das funktioniert einfach nicht. Dafür sind die nicht ausgelegt, um die Apps, die ganzen Integrationen zu steuern und deswegen wird es die IT praktisch ablehnen. Und dann das nächste, was uns eben aufgefallen ist, dass eben in vielen Industriebetrieben Android an sich ein sehr, sehr großes … das ist relativ schwierig, in vielen Industriebetrieben einzuführen. Da gibt es Security-Themen, da gibt es Thema mit den Open-Source-Lizenzen, dann dieses Thema, dass man einfach zu viele verschiedene Android-Versionen hat, die managebar gemacht werden müssen und deswegen hatten wir eben sehr viel Industriebetriebe, die einfach Android kategorisch ausgeschlossen, die gesagt haben, in der Produktion kein Android und dann mussten wir eben eine Lösung suchen für Industrie-SmartWatches und haben dann einen guten Partner gefunden, der es praktisch geschafft hat, diese ganzen Dinge, wo wir davor nicht hatten mit Consumer-Geräten abzudecken und eben auch ein Betriebssystem zur Verfügung zu stellen, wo auch tatsächlich Windows 10 IOT-Core drauf läuft und das macht es natürlich dann gut managebar im Industriekontext, von Security, Updates, Zertifikaten, Verschlüsselung, alles Mögliche, was man so braucht, bis hin zu Handschuhbedienbarkeit, sind wirklich einsatzfähig in einer rauen Industrieumgebung mit all diesen Themen, die da eben anfallen, zu machen.

Götz Müller: Aber ich brauche ja, zumindest kam das bei mir so deutlich raus, ich brauche ja trotzdem eben die Einbindung in die IT und jetzt, glaube ich, hat ja jeder so ein gewisses Bild der IT, in vielen Fällen ist halt so eher diese statische Geschichte, will ich irgendetwas verändert haben, muss ich einen Antrag schreiben in fünf Durchschlägen und irgendwann Monate, oder Jahre im Extremfall, später passiert da irgendetwas. Ich vermute mal, dass das jetzt für einen klassisch flexiblen Produktionsbetrieb nicht machbar ist.

Michael Reutter: Genau, das ist tatsächlich sehr, sehr schwierig. Wir haben natürlich auch noch eine Besonderheit, dass wir sehr nah an den Mitarbeitern getragen … das sagt ja das Thema Wearables schon aus und dann merkt man schon, dass es eine sehr, sehr feine Abstimmung mit den Mitarbeitern geben muss, damit die Akzeptanz, so ein Gerät zu tragen, auch hoch ist, deswegen müssen die da eben auch die Möglichkeit haben, Einfluss darauf zu bekommen. Sie hatten gerade das Thema, ich sag mal, Ökosystem der IT eben in der Produktion angesprochen. Genau, das ist eigentlich … nicht nur eine App für eine SmartWatch, sondern wir haben uns dann eben entschieden, so eine komplette Wearableplattform praktischen zu entwickeln, eben verschieden Endgeräte anzuschließen, verwalten zu können und eben auch eine sehr, sehr einfache Bedienung zu machen, das heißt, dass der Mitarbeiter, der Meister, der Produktionsverantwortliche über eine ganz einfache Drag-and-Drop-Editor sich seine Prozesse aufbauen kann, sich seine App gestalten kann und auch wieder anpassen kann, ohne dass er jetzt eben zur IT marschieren muss und sagen muss „Ich brauche hier mal eine Änderung.“ und das ist sehr, sehr wichtig. Ich habe es eingangs erzählt, ich komme auch aus einem Produktionskontext, Lean und so weiter, das ist jetzt kein Fremdwort für uns und wir haben wirklich häufig in Projekten auch gemerkt, dass in der Implementierung von so einem Produkt, dass die Prozesse teilweise sich in der Zeit schon verändert hatten beziehungsweise nicht mal, wie es aufgezeichnet wurde, in der Realität tatsächlich gelebt wurde und da war es extrem wichtig, dass man eben so schnell noch das System auch anpassend kann.

Götz Müller: Da haben Sie es jetzt schon im Prinzip gesagt, also die Einbindung, die Integration in die Produktionsabläufe, passiert ganz unten eben auch auf dem Shopfloor, das heißt, ich brauche nicht irgendwo einen Produktionsingenieur, der aus seinem Büro runter in den Shopfloor geht, sondern das können die Menschen dort selber machen, richtig?

Michael Reutter: Genau, also das ist wirklich der Gedanke und es funktioniert auch gut, es ist wirklich schön zu sehen, dass die Leute viele Ideen einbringen. Es gibt natürlich dann, wir sagen immer, so einen Power-User, dass nicht jeder alles machen kann, aber gerade so ein Meister, der eben für den Bereich verantwortlich ist, dann mit seinen Mitarbeitern dann seine Prozesse eben gestaltet und es kann dann eben auch teilweise sein, dass in unterschiedlichen Bereichen die Prozesse teilweise ein bisschen unterschiedlich sind. Also es sind jetzt nicht produktionskritische Prozesse, sondern zum Beispiel kleine Abstimmungsprozesse, wie der Meister seine Verantwortlichkeiten mit seinem Mitarbeiter geregelt hat, dass das ziemlich unterschiedlich ist, aber das macht eben sehr, sehr gut, dass die Mitarbeiter das Produkt besser leben und besser einsetzen und sich eben mehr mitgenommen fühlen, als dass man von oben so ein System top-down mitgibt.

Götz Müller: Den Punkt möchte ich nachher noch ein bisschen vertiefen. Jetzt vielleicht noch mal vorher einfach ein paar möglichst konkrete Beispiele, was für Chancen, was für neue Möglichkeiten, die ich halt vorher nicht habe, ergeben sich jetzt daraus?

Michael Reutter: Also im Prinzip Abend schaffen wir es jetzt das erste Mal, mit solchen Wearables, mit solchen Smartwatches, ich sage mal, den letzten Schritt der Digitalisierung in der Produktion, Maschinen geben schon eine ganze Weile wunderbar digitale Daten her, aber was so ein bisschen noch vernachlässigt wurde, ist praktisch der Mitarbeiter in der Produktion und das hat viele, viele Vorteile, indem ich jetzt eben zum Beispiel den Weg zum Terminal mir ganz einfach sparen kann, um irgendwelche Eingaben zugeben, zu scannen, wo arbeite ich aktuell, an welchem Prozessschritt. Wir können anders mit den Mitarbeitern arbeiten, das heißt, wir haben da ein System entwickelt, wo wir in Gruppen zusammenarbeiten können, dass die mehr Maschinen praktisch in einer kleineren Gruppe gemeinsam abarbeiten, anstatt einzeln an bestimmten Maschinen zu sein, wo wir schauen können, dass die Mitarbeiter eben gezielt nach ihren Qualifikationen eingesetzt werden können. Die haben natürlich auch wirklich mehr Freiheiten, das heißt wirklich, der Mitarbeiter kann dann auch mal sagen „Hey, ich bin jetzt kurz mal eine rauchen, ist mir egal, ich weiß ja, wenn etwas schief geht oder wenn mein Mitarbeiter noch meine Hilfe braucht.“ Also wir erfassen einfach ganz neue Arten von Daten, wo wir auch mal Rückfragen können aus dem MES-System, was war denn hier eigentlich los und so eine Top-Störgründe-Liste eben anzeigen können. Wir können verschiedene Checklisten, Quality Checks, machen, solche Themen. Also es ist wirklich eine riesen Bandbreite, wo wir gemerkt haben, dass es eben sehr, sehr wichtig ist, dass die Mitarbeiter ihre Ideen, die sie so sammeln, auch mal wirklich ausprobieren können und so wie so einen kleinen KVP-Prozess, dann ihre Prozesse Stück für Stück um die Anlage in den Bereichen zu verbessern.

Götz Müller: Ja, das finde ich unheimlich wichtig, weil die Musik spielt vor Ort. Jetzt könnte ich mir natürlich vorstellen, das Stichwort Digitalisierung … es bespielt einen ja ständig mit irgendwas, Medien, Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen und ja nicht notwendigerweise immer so 100% positiv und er ein und andere wird vielleicht sagen „Boah, was kommt da auf mich zu? Werde ich vielleicht überflüssig?“ im Extremfall, dann haben wir natürlich, wenn wir solche personenbezogenen Dinge haben, also ich habe es ja am Arm, kommt vielleicht auch so der Aspekt Mitarbeitervertretung, hier eine Überwachung der Mitarbeiter, was ist da so Ihr erleben, wie die Menschen damit umgehen, wie die Organisation damit umgeht? Vorbehalte und ja, wie wird damit umgegangen?

Michael Reutter: Ja, das ist natürlich immer ein heißes Thema, Sie haben schon gesagt, personenbezogene Daten können theoretisch eben erfasst werden. Was wird erfahren haben, dadurch dass da eine neue Technologie da ist, also das ist jetzt nicht dass es irgendwie schon in tausenden von Fabriken oder Bereichen eingesetzt wird, ist es immer ganz wichtig, auch die Arbeitnehmervertretungen mit einzubeziehen, da muss man Regeln schaffen, welche Arten von Daten erfasst werden durch dürfen, wie sie verarbeitet werden dürfen und was man damit anstellen kann. Sich da erst mal Gedanken darüber zu machen und die Leute mitzunehmen ist wirklich wichtig, weil wir gemerkt haben, am Ende ist alles gar nicht so schlimm, wenn man mit denen mal darüber gesprochen hat, also zum einen, welche Daten gesammelt werden, und dann geht es tatsächlich wirklich gut. Es gibt natürlich immer und das muss man natürlich auch sagen, wenn man ein neues Thema einführt, auch ein bisschen Widerstand. Was wir aber gesehen haben ist, dass größtenteils die Begeisterung stärker ist, einfach weil man gemerkt hat „Okay, jetzt bekomme ich auch mal etwas mit von der Digitalisierung, es wird dich nur ein neues MES-System fürs Management mehr oder weniger eingeführt wird, sondern jetzt habe ich auch selber mal die Möglichkeit, einen Anschluss darauf zu haben.“ und dann funktioniert es wirklich gut.

Götz Müller: Ja. Ich könnte mir vorstellen, so bisschen auch natürlicher Spieltrieb, der da eine kleine Rolle spielt.

Michael Reutter: Genau. Und dann geht es auch ganz viel darum, wir müssen ja auch die Daten nicht personenbezogen machen. Das heißt, wir haben da beispielsweise ganz oft Gruppen, wo wir eben verschiedene Bereiche haben, wo jetzt nicht irgendwie der Peter Müller die SmartWatch hat, sondern das ist dann eben Arbeitsplatz 5 und dann hat er eben für den Arbeitsplatz 5 oder für den Bereich X und dann … also sie können sich dann eben selber morgens einwählen, für welchen Bereich sie gerade zuständig sind. Dann variiert das kräftig durch und dann wäre es gar nicht mehr möglich, die Daten personenbezogen genau zu erfassen.

Götz Müller: Okay. Wenn jetzt vielleicht ein Zuhörer sagt „Hey, coole Sache, davon habe ich noch nie etwas gehört, aber da fallen mir sofort zig Anwendungsfälle ein bei mir im Betrieb.“, was ist so das, auch ein bisschen zum Abschluss auch der Episode schon, was ist so das typische Einstiegsszenario? Was kommt da zum Beispiel früher oder später auch an Kosten auf einen zu, damit man einfach ein bisschen ein Gefühl hat, wie ich das Thema angehen kann.

Michael Reutter: Also so ein typisches Einstiegsszenario ist, das man mal in einem ersten Gespräch analysiert, was sind denn die Anwendungsfälle, die einem vorschweben. Manchmal … ich sage mal, es lohnt sich nicht, so eine Technologie nur der Technologie halber einzuführen, das sage ich auch immer. Manchmal macht so eine SmartWatch an sich gar nicht mal so viel Sinn. Meistens jedoch macht es auf jeden Fall Sinn, weil viele Leute tatsächlich von sich auch mit guten Ideen kommen. Das heißt, wir unterhalten uns in der ersten Runde mal, schauen, wo kriegen wir denn überhaupt die Daten her. Sind die Daten digital überhaupt schon vorhanden? Wir sprechen mal so einen ersten Pilot Case, das ist heißt, typischerweise beginnen wir dann in einem Bereich mit verschiedenen Anlagen, in einer Linie, in einem bestimmten Bereich, in der Instandhaltung oder so. Dann gibt es einen Vororttermin, wo wir auch das mal austesten, auch mit den Werkern durchdiskutieren und dann eben gemeinsam eben in so einen Pilot reinzustarten. Wir betreuen den Pilot am Anfang relativ intensiv, einfach weil wir gemerkt haben, es ist ganz wichtig, die Mitarbeiter mitzunehmen, dieses Changemanagement, weil man eben doch anders mit Themen umgeht, wie die Mitarbeiter involviert werden, wie das Organisationskonzept dahinter ist und das muss praktisch gelebt werden. Und nach so einem Pilot schauen wir uns das Ganze noch mal an. Hat das Sinn gemacht? Was waren die Zahlen? Sind alle zufrieden damit? Und dann geht es praktisch in den Rollout. Wenn das Thema Kosten immer so aufkommt, das ist immer relativ schwierig, das von Anfang an zu sagen. Da gibt es eben mit paar Kostentreiber, wie die Schnittstellen zu den Fremdsystemen. Wir haben da schon verschiedene, ich sag mal Schnittstellen entwickelt zu diesem Sternsystem, wie ein MES, wie ein ERP, wie auch ein Warenmanagementsystem oder teilweise eben auch direkt zur Maschine, aber das immer schwer abzuschätzen, aber was auf jeden Fall schon mal einen Hinweis gibt, ist, was so eine SmartWatch überhaupt kostet. So eine SmartWatch liegt bei ungefähr 300 €.

Götz Müller: Das ist ja durchaus überschaubar.

Michael Reutter: Das ist absolut überschaubar. Es ist günstiger als, glaube ich, die aktuelle AppleWatch.

Götz Müller: Das auf jeden Fall, ja. Okay. Fand ich ein sehr spannendes Thema, was man eben mit Dingen, die man vielleicht sonst, ja, im Privatleben tagtäglich nutzt, was man damit noch machen kann, die einem halt dann erst mal so nicht begegnen, wenn man das nicht irgendwo schon hat und ich denke, das kam auch hier wieder deutlich raus, es ist einfach eine große Chance, mit Digitalisierungsthemen althergebrachte Sachen anzugehen und deshalb danke ich Ihnen für Ihre Zeit, für die Informationen, die sie hier mitgeteilt haben.

Michael Reutter: Ja, sehr gerne. Vielleicht noch ein Appell am Ende, ich sage immer gerne, man muss so etwas austesten, mutig sein, ein bisschen Geld in die Hand nehmen, eben austesten, mit den Mitarbeitern ausprobieren, was bringt es tatsächlich und lernen vor allem. Das ist das Wichtigste. Diese neuen Technologien, das Thema Digitalisierung nicht immer nur, ich sag mal, mit PowerPoints antesten, sondern wirklich mal testen und dann auch mal mutig sein, den ersten Schritt gehen und das wird meistens belohnt werden.

Götz Müller: Ja. Und ich könnte mir jetzt, auch wenn wir den Schluss jetzt noch ein bisschen ausdehnen. Ich könnte mir ja auch vorstellen, hängt natürlich dann immer wieder von den anderen Unternehmen ab, einfach mal jemanden besuchen, der es schon einsetzt und gucken, was die machen.

Michael Reutter: Absolut. Also wir haben da wirklich schon eine Reihe von Firmen, wo man dann natürlich auch mal vorbei gehen kann, mit denen sprechen und das hilft immer schon viel, also auch mit anderen Betriebsräten beispielsweise, wenn ich jetzt aus der Arbeitnehmervertretung komme, sich mal auszutauschen. Wir haben immer wieder mit der IG Metall verschiedene Workshops, wo wir eben auch gucken, wie schaffen wir es eben, dass wir eben das auch so gestalten, das ganz Produkt, dass es eben auch den Ansprüchen der Arbeitnehmervertretung gerecht wird und in dem Austausch auch mal gemeinsam sich voranzubringen, weil eben auch viele gemerkt haben, in Deutschland, wir müssen da etwas machen. Wenn wir es nicht machen, dann werden wir irgendwann überholt und deswegen: Austausch ist extrem wichtig.

Götz Müller: Ja. Okay. War jetzt lohnend, da noch zwei, drei Sätze zu verwenden. Also, noch mal vielen Dank für Ihre Zeit.

Michael Reutter: Sehr gerne.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Michael Reutter zum Thema Digitalisierung in der Shopfloor-Kommunikation. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 158.

Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, freue ich mich über Ihre Bewertung bei iTunes. Sie geben damit auch anderen Lean-Interessierten die Chance, den Podcast zu entdecken.

Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder zu lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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