Was kam zuerst, Kultur oder Lean?

Kultur

Ähnlich wie die Themen der letzten beiden Artikel (Mindset, Geschäftsmodell/Branche) ist auch die Kultur ein ständiger Diskussionspunkt im Lean-Kontext [1], [2]. Oft geht es um die Fragestellung darum, ob eine besondere Kultur eine Voraussetzung für erfolgreiches Lean-Management ist. Alternativ steht dann damit auch die Frage im Raum, ob man sich speziell um die Kultur kümmern muss, ob man dazu eine Veränderungsinitiative starten muss, damit Lean dann auch funktionieren kann.

Manchmal werde ich auch den Verdacht nicht los, dass kulturelle Aspekte gerne als Ausrede verwendet werden, warum Lean (noch) nicht möglich ist. Oder die Kultur wird als Sündenbock verwendet, warum die Lean-Einführung nicht funktioniert hat. Sehr gerne wird das auch in Kombination mit den bereits diskutieren Punkten Mindset und Branche verknüpft.

Wie schon bei Mindset und Branche wird die Kultur nicht nur bei Lean, sondern auch im agilen Kontext gerne als Voraussetzung und/oder Ausrede angeführt. In beiden Fällen auch gerne noch gepaart mit Aussagen zur noch fehlenden Reife, wahlweise der Organisation oder sogar der Menschen, letzteres gerne auch gepaart mit der Aussage bzw. dem Zitat, wenn der Schüler bereit ist, kommt der Lehrer (hier hab' ich leider keine Quelle gefunden).

In Verknüpfung mit der fehlenden Reife drückt diese Aussage in meinen Augen mehr über den Sender aus als über die beurteilten Personen. In der Regel ist der Kontext dabei deutlich bestimmender für das Verhalten von (erwachsenen) Menschen, als die ihnen zu- oder abgesprochene Reife. Dementsprechend geht es dann auch primär darum, wie dieser Kontext entstanden ist und welcher Einfluss darauf genommen werden kann.

Natürlich gibt es bestimmte kulturelle Aspekte, die eine Lean-Einführung erleichtern. Eine grundsätzliche Lernbereitschaft in Kombination mit Veränderungsbereitschaft und einem offenen Umgang mit Fehlern oder Irrtümern als Chance etwas zu verbessern, erleichtert sicherlich das Thema Lean. So wie es vermutlich für Lehrer immer angenehmer ist, es mit wissbegierigen Schülern zu tun zu haben.

„Form follows Function.“

– Louis Sullivan

Wie lässt sich also die Frage beantworten, ob es eine bestimmte Kultur braucht, damit Lean funktioniert? Wenn man für sich die Frage bejaht, folgt vermutlich dann sehr schnell die Frage, wie die Kultur aussehen muss und wie man sie schaffen kann. In meinen Augen lenken diese Folgefragen (weil offen gestellt und deshalb auch nicht so einfach beantwortbar) aber von der eigentlichen Ausgangsfrage ab.

Dabei sind diese Arten von Fragen unabhängig von der konkreten Ausprägung im Grunde immer sehr einfach zu beantworten. Es ist dabei deutlich einfacher ein konkretes Beispiel zu suchen, bei dem eine bestimmte Voraussetzung ziemlich offensichtlich nicht gegeben war, die „Sache“ – und hier geht's dann noch gar nicht um lean, agil oder sonst irgendwas – aber trotzdem funktioniert hat. Wenn man nun ein Beispiel gefunden, steht die (Un-)Möglichkeit schon gar nicht mehr zu Disposition. Als Ingenieur verwende ich gerne das Beispiel der Schwerkraft und ihrer Überwindung. In dem Augenblick, wo man ein mal erkannt kann, dass sich „Dinge“ in der Luft halten können, obwohl sie schwerer als Luft sind, muss man über die Möglichkeit nicht mehr diskutieren. Viel lohnender ist es jetzt, zu verstehen, wie die Mechanismen und Voraussetzungen aussehen, damit sich das „Ding“ in der Luft halten kann.

Beim Thema Kultur kommt noch ein weiteres Dilemma in der Wahrnehmung hinzu. Wenn man die Lean-Leuchttürme betrachtet, also Unternehmen, bei denen Lean aktiv gelebt, gepflegt und weiterentwickelt wird, ist es gleichzeitig nahezu unmöglich, auch die besondere Kultur dieser Unternehmen wahrzunehmen. Auch auf den zweiten Blick kann aber nicht erkennen, wie sich diese beiden „Dinge“ über die Zeit entwickelt haben. Nur zu leicht wird deshalb im Auge des Betrachters auch ein kausaler Zusammenhang bzw. eine Voraussetzung zwischen der Kultur und Lean konstruiert, unter Umständen auch ungewollt oder gewollt von der betrachteten Organisation selbst – beispielsweise, weil es eine Geschichte ist, die man gerne erzählt und „verkauft“.

Gleichzeitig gibt es aber Unternehmen, für diese kulturelle Voraussetzung definitiv nicht gegeben war, nicht der Weg über die Kulturveränderung gegangen wurde und die trotzdem im Lean-Kontext erfolgreich sind, d.h. Lean sprichwörtlich ins Fliegen kam. Damit ist dann in meinen Augen auch ultimativ nachgewiesen, dass die Kultur eben nicht zuerst kam.

Gleichzeitig ist mir auch kein Beispiel einer Organisation bekannt, bei der Lean nach allen Regeln der Kunst von allen Menschen laufend gelebt wird, die nicht gleichzeitig eine besondere Kultur aufweisen. Es scheint damit also, Lean im Lauf der Zeit die Kultur im Unternehmen beeinflusst.

[1] Artikel bgzl. Mindset
[2] Artikel bzgl. Geschäftsmodell/Branche

Frage: Welche Kultur nehmen Sie in Ihrem Verantwortungsbereich wahr? Welcher Einfluss ergibt sich daraus? Wie können/wollen Sie diesen Einfluss gestalten?

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