Kaizen 2 go 180 : Kanban in der C-Teile-Versorgung


 

Inhalt der Episode:

  • Welche Rolle spielen C-Teile in der Produktion?
  • Welche besonderen Herausforderungen entstehen im Bereich kleineren und mittleren Unternehmen?
  • Wie werden diese Probleme oft gelöst, bzw. nicht gelöst oder ignoriert?
  • Welche Auswege gibt es aus dieser Problematik?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 180 : Kanban in der C-Teile-Versorgung

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Berk Kula bei mir im Podcastgespräch. Er ist der Verkaufsleiter der Otto Roth GmbH. Hallo Berk.

Hallo Götz. Servus, freut mich.

Götz Müller: Ja, mich definitiv auch. Sag doch noch mal zwei, drei Sätze, was ihr macht, was ihr verkauft.

Berk Kula Genau. Also mein Name ist Kula, Berk Kula, ich bin Verkaufsleiter für Normteile bei der Firma Otto Roth GmbH. Otto Roth GmbH ist ein schwäbisches Unternehmen, Familienunternehmen seit 1914 und beliefert Automotive, Industrie-Bereich, Maschinen- und Anlagenbau mit Normteilen, Zeichnungsteilen, Rohleitungsartikel, Fittings und Flanschen, mit ca. 300 Mitarbeitern.

Götz Müller: Gut, da steckt schon ein bisschen was drin über unser Thema. Normteile sind jetzt typischerweise vom Verbraucher her, eher so die C-Teile.

Berk Kula Richtig.

Götz Müller: Trotzdem spielen sie ja eine nicht unwichtige Rolle und das wäre auch meine Frage zum Einstieg, was ist so deine Erfahrung von dem vielfältigen Kundenspektrum, welche Rolle spielen also C-Teile?

Berk Kula Also beim Maschinenbau, Anlagenbau, Automotive spielen C-Teile eine Rolle wie ein Schiri kann man fast sagen, also solange wir nicht auffallen, läuft alles richtig geholt und wenn wir auffallen, dann stimmt was nicht und dann wird es das Thema wichtig. Also das heißt unsere Rolle spielt wirklich so eine Rolle, dass wir die Teile liefern müssen, es muss passen, die Qualitäten muss sitzen und wir dürfen nicht auffallen und dann passt es auf die Maschinenbauer und Anlagenbauer.

Götz Müller: Jetzt könnte ich mir vorstellen, dass vielleicht nicht jeder Zuhörer etwas mit C-Teilen direkt anfängt und ich vermute mal auch, der ein oder andere sagt sich „Ok, C-Teile, dann gibt es vielleicht auch A und B. Und darum zum Einstieg hier noch die Frage von deiner Definition her, was sind dann A- und B-Teile und warum sind aber die C-Teile trotzdem so wichtig?

Berk Kula Also wie beim Auto zum Beispiel, der Motor, Getriebe, das sind alles A-Produkte, also vom Wert her hoch, von der Produktion her sehr intensiv, braucht sehr viel Zeit und das sind sogenannte A-B-Teile. C-Teile sind dann einfach die Elemente, die dann Getriebe, Motor und so weiter zusammen verbinden, zum Beispiel Muttern, Schrauben, Scheiben, Nieten, Dübel und die werden C-Teile genannt. Ohne diese Teile können diese A-Produkte dann zusammen halten.

Götz Müller: Jetzt könnte ich mir vorstellen und das geht ja schon bisschen in die Richtung unserer Unterhaltung, warum unterhalten wir uns überhaupt, dass es für C-Teile halt andere Einkaufsprozesse gibt wie für A-Teile beziehungsweise manchmal macht man A-Teile selber.

Berk Kula Richtig, genau. Also A-Teile sind auch so Drehteile, Zeichnungsteile, die selber gemacht werden, produziert werden oder andere ähnliche Komponenten und A-Teile sind in der Masse her nicht so viel wie C-Teile. Also beim Autos zum Beispiel gibt es vielleicht zehn, zwanzig A-Teile, aber dafür dann 3000, 1500 C-Teile, die müssen halt immer da sein, perfekt da sein, geliefert werden, von den Montagemitarbeitern, Fließbandmitarbeitern dann auch dann verwendet werden und daher macht dieses Handling zwischen Lieferant und Kunde das Ganze ein bisschen komplex und daher wird in dem Bereich C-Teile sehr viel System eingebracht, damit einfach die Belieferung leichter gemacht wird und die Kosten gesenkt werden, weil die C-Teile vom Wert her, also wie bei einer Schraube oder Scheibe unter 1€ teilweise ist sind, während A-Teile vom Wert her 1.000, 2.000, 3.000 € pro Stück sein können oder noch höher.

Götz Müller: Ja und trotzdem wahrscheinlich, wenn ich sie nicht habe, kann man sich sehr gut vorstellen, das Ding fällt auseinander, wenn ich dich habe.

Berk Kula So ist es. Wenn der Motor runterfällt, weil die C-Teile fehlen, dann geht’s ja klar nicht oder weil die C-Teile nicht in der Qualität geliefert worden sind, wie sie benötigt werden, dann kann ein Motor ein A-Produkt nicht zusammenhalten und nicht seine Aufgabe ausführen.

Götz Müller: Jetzt entstehen dadurch ja, vor allem wahrscheinlich aufgrund der Wertigkeit, und ein Stück weit vielleicht aufgrund der Austauschbarkeit, entstehen ja besondere Herausforderungen, wie ich solche Sachen beschaffe. Und wie ich dich im Vorgespräch verstanden habe, eben auch Unterschiede, bin ich jetzt ein eher kleines, mittleres Unternehmen oder bin ich so ein ganz großer. Da gehe ich unterschiedlich damit um, der Zweck der Schraube bleibt aber der gleiche, nämlich Sachen zusammenhalten.

Berk Kula Genau. Also prozentual gesehen braucht jedes Maschinenbauunternehmen einen bestimmte Anteil an C-Teilen. Bei einem Unternehmen in der Automobilbranche zum Beispiel, das sind ja zigtausend Tonnen an C-Teilen, die benötigt werden. Anteilig gesehen aber, ist es beim Sondermaschinenbau, der vielleicht im Jahr zehn, zwanzig Maschinen aufbaut, aber prozentual gesehen brauchen sie genau so 30-40% an C-Teilen. Aber von der Stückzahl her braucht ein Sondermaschinenbauer kleinere Stückzahlen, aber viele, viele, viele verschiedene Teile und das macht den Unterschied, ob ich jetzt ein Sondermaschinenbauer bin oder ein, sage ich jetzt mal, Serienproduktionsunternehmen bin. Und dann spielen wir eine Rolle, na klar, dass wir in der richtigen kleinen Mengen oder großen Menge entsprechend liefern.

Götz Müller: Gut. Wie geht man typischerweise damit um, eventuell welche Probleme entstehen, sonst würde man über so ein Thema jetzt gar nicht reden?

Berk Kula Ja. In der heutigen Zeit, wo einfach Manpower nicht mehr so gegeben ist, wie man gerne hätte und die Personalkosten immer höher gehen, versucht man hat die C-Teile, weil sie vom Wert her sehr kleine Werte haben, dass man sie irgendwie automatisch bestellt, beliefert und dadurch wird viel geschrieben, viel gelesen, aber derjenige, der dafür entscheidet, der Produktionsleiter oder Einkaufsleiter oder seine Teammitarbeiter, die haben halt die große Aufgabe, was ist das richtige System für uns und da tun sich die Maschinenbauer, Anlagebauer die Entscheider sehr schwer, was soll ich denn nehmen, weil da gibt's die System A, B, C und jeder Lieferant erzählt von seinem besten System „Das ist das beste.“ und da wirklich das passende System für sein Unternehmen auswählen, das macht die Sache nicht so einfach.

Götz Müller: Was sind denn typische Kriterien, wo man sagen kann, ja, das ist jetzt besser wie etwas anderes?

Berk Kula Ja, genau. Um das geht es. Man darf jetzt nicht sagen „Okay, das ist ein Trend und das System nehme ich, weil das macht Toyota ja auch so oder der andere Maschinenbauer macht es auch so.“, sondern ich muss meine eigenen Abläufe erstmal analysieren: Wie welche Teile brauche ich? In welchen Stückzahlen und wie möchte ich sie gelagert haben? Wie möchte ich sie auch im Wareneingang überprüfen? Will ich sie überhaupt überprüfen? Das in C-Teile, die müssen einfach von der Qualität vielleicht stimmen. Und dann auch, ja, welches System passt dann jetzt zu meinem Ablauf intern? Und das ist sehr, sehr wichtig, dass man da mit dem Partner, mit dem Lieferanten sich an einen Tisch zusammensetzt und genau analysiert Ist-Zustand und welche Probleme oder Kosten habe ich und welche möchte ich weg haben, also den Soll-Zustand gemeinsam zu analysieren, und dann zu schauen, ob das System, was dieser da Lieferant hat wirklich zu mir passt, Zahle ich für das System, angenommen für die Hardware, Software, 500 000 oder nur 5 000, 50 000, das muss man auch noch analysieren, ja, entsprechend des Warenwertes, weil es kann schon ein top System sein, aber wenn das in der Anschaffung schon, ich übertreibe, einfach 500 000 € kostet und mein Jahresbedarf an zehn Teile C-Teile nur 20 000 € sind, dann passt das System vom Wert her schon mal nicht rein. Also es gibt so einige Kriterien, die man einfach gemeinsam überprüft.

Götz Müller: Ja, das wär dann die sprichwörtliche Kanone, wo versucht wird die Spatzen zu treffen. Gut, aber vielleicht noch mal einen Schritt zurück, was sind die Dinge, die ihr erlebt, die Folgen, wenn es nicht funktioniert?

Berk Kula Also wenn wir es annehmen, dann funktioniert es. Wir sagen manchmal auch nein. Wenn wir merken, so wie du gerade gesagt hast, das System, was wir anbieten, ist für den einfach zu viel. Angenommen, der hat einen Jahresbedarf von 5000€, dann sage ich „Nee, mach es lieber manuell weiterhin über deinen Einkauf, dass du dann einfach internes Kanban machst oder sowas ähnliches.“ Also wie wir vorgehen ist ganz einfach. Wir analysieren erstmal den internen Ablauf, was er produziert und welche C-Teile er wirklich braucht, ja, es gibt C-Teile, die braucht man alle zwei Jahre, das ist also etwas, was er weiterhin einfach über den Einkauf beschaffen kann. Wir gucken einfach C-Teile … unter den C-Teilen gibt es auch A-Produkte und B-Produkte, die C-Produkte lassen wir weg, wir bleiben bei den A-B-Produkten und dann durch die Anzahl der Maschinen, die sie produzieren, weiß man ja ungefähr, welche Stückzahlen sie an bestimmten C-Teilen brauchen. Das heißt, wir analysieren erstmal die Teileliste pro Jahr. Anhand des Jahresbedarfs pro Teil können wir dann ganz genau anhand des Gewichtes dann ausrechnen, also durch das Gewicht und Stückzahl pro Monat, ausrechnen, welche Behältertypen zum Beispiel am besten passen. Sollten das große sein, weil das große Teile sind oder weil das kleine Teile sind. Auch wenn die Stückzahl 5000 ist, passen die vielleicht in eine kleine Box. So gehen wir Schritt für Schritt mit dem Kunden und dann analysieren wir, welche Behälter und welche Regale er braucht und wie er es überhaupt haben möchte. Will er das direkt bei der Produktion haben? Will er das lieber in ein Zwischenlager haben oder will es nur im Hauptlager haben? Also das analysieren wir gemeinsam und entsprechend dieser Möglichkeiten können wir ganz genau sagen, wie der Ablauf aussehen soll, der Soll-Zustand, und wenn wir dann sagen „Ja, so passt es auch!“, auch von den Behältern her, reicht es einfach nur über ein ganz klassisches 2-Behältersystem, reichen da einfach Barcode-Etiketten oder müssen vielleicht doch RFID-Etiketten sein oder … also das wird analysiert und wenn dann gemeinsam abgestimmt wird, dass es wirklich dann passt, dann wird es auch so umgesetzt. Wir haben da so ein Team, das dann auch beim Aufbau mithilft, der Regale, der Behälter, der Etiketten und so weiter, also wenn wir sagen, das machen wir, dann wird es auch umgesetzt und dann funktioniert es auch. Der Kunde hat dann wirklich riesen Ersparnisse, weil er muss diese Teile nicht mehr bestellen, sondern die werden automatisch von unserem System nachgefüllt, entsprechend entweder ja, wie gesagt, in der Produktion oder im Zwischenlager oder im Hauptlager und der Kunde vergisst du uns dann irgendwann mal. Also das kommt automatisch rein und dann denkt man nicht mehr an diese C-Teile.

Götz Müller: Jetzt hast du vorhin ein Stichwort schon gesagt und das ist ja im Grunde auch der Titel unserer Episode: Kanban. Ich würde das gern ein bisschen vertiefen, weil vielleicht nicht jeder, kann ich mir als Lean-Mensch jetzt fast nicht vorstellen, aber vielleicht nicht jeder sagt „Ja, Kanban, alles klar, da weiß ich Bescheid. Also was für, auch da hast du schon ein paar Andeutungen gemacht, was für verschiedene Systeme setzt ihr ein, vielleicht auch, wann setzt man welches System ein?

Berk Kula Genau. Also im Grunde ist Kanban ein Teil von C-Teile-Managementsystemen, ja, Lean-Management und Kanban ist ein japanisches Wort, das bedeutet nichts anderes als Karte. Das kam auch oder kommt von Toyota, vom Toyota-Prinzip. Es gab einen Ingenieur, der damals in den 50ern gemerkt hat, man hat nicht diese Menge an Geld und an Mitteln und musste sich Gedanken machen, wie er dann dieses Wachstum, was sie dann hatten generieren konnten. So hat er dann ein Kartenspiel gemacht, im Grunde wie ein Supermarktsystem, jedes Mal, wenn eine bestimmte Menge weg war, dann wurde die Karte weitergegeben und dann wurde nachbestellt. So konnte man im Grunde gegen die Unternehmen aus USA zum Beispiel ankommen, weil die haben genug Material gehabt, genug Geld gehabt und die konnten sich auch Zwischenlager oder Hauptlager legen und dann produzieren. Das konnten die Japaner nicht und so ist das Kanban entstanden und es wurde dann später nach Europa übernommen, erstmal vom Automotive-Bereich und später auch vom Maschinenbau und wie gesagt, Kanban ist ein Teil des C-Teile-Managementsystems und inzwischen durch die Digitalisierung gibt es auch die Möglichkeit, ein digitales Kanban, das Ganze über ein digitales Kanban das Ganze zu steuern und zwar mit einer Android-Apps zum Beispiel, also da gibt es klassische Methoden. Dann spielt auch eine Rolle, wie gesagt, ist das ein Serienproduzent oder ist es ein Sondermaschinenbau? Was macht Sinn? Also das sind mehrere Faktoren, mehrere Parameter, die eine Rolle spielen inzwischen. Ich hoffe, ich habe deine Frage einigermaßen kurz da beantwortet.

Götz Müller: Ja, ich bohre jetzt halt noch ein bisschen nach, noch mal hier auch den Unterschied zwischen den Serien, meinetwegen Automobil oder irgendetwas Anderes, in größeren Serien, und halt das kleiner Unternehmen im Sondermaschinenbau. Was ist da so, speziell also noch mal auf die C-Teile zurück zu kommen, und dann auch für die Lösungen, was ist da der große Unterschied?

Berk Kula Genau. Also die Menge, die zwischen Lieferant und der Produktion reingeliefert wird, also das heißt, beim Sondermaschinenbau zum Beispiel, vielleicht in der Woche, ich sag mal, zehn Päckchen oder Verpackungseinheiten braucht. Da ist eine andere Methode notwendig, das zu liefern, weil da lohnt sich kein Behälter abzuholen und zu liefern und so weiter. Da reicht es vielleicht einfach, dass der Sondermaschinenbauer die 10-Pack-Behälter, die leer werden einfach nur abscannt, mit einem Barcode-System zum Beispiel auf der Android-App, und der Auftrag wird dann automatisch in das ERP-System des Lieferanten geliefert, in dem Fall an uns, und wir schicken die Ware in der gewünschten Verpackungseinheit direkt zu seinem Wareneingang. Dort wird dann über einen Lieferschein am Wareneingang, einfach die Stückzahl kontrolliert, klassisch wie immer Wareneingangskontrolle, und dann an diesen festen Platz, auch der Lagerplatz muss dann definiert werden, auf das Etikett, was dann die Verpackungseinheit bekommt und wird dann von dem Kunden selber reingestellt, weil einfach die Masse nicht da ist, aber zumindest wurde der Einkauf, sage ich mal, die Arbeit abgenommen. Es geht direkt vom Lagerleiter oder der Produktionsleitung die Anweisung, dass da nach geliefert werden soll. Das ist der Fall Eins, bei so Sondermaschinenbau, und das heißt, da werden keine Behälter abgeholt, sondern wirklich die Daten digital weitergeleitet und die Ware wird gesendet. Und beim großen, sage ich mal, Serienproduzenten ist es so, der will weder mit dem Wareneingang zu tun haben, noch will er mit der Bestellung zu tun haben, weil er sagt „In der Woche werden bei mir 1000 Behälter leer.“, das heißt, da lohnt sich ein 2-Behältersystem. Angenommen wir gehen mal von 1000 Behältern aus, die 1000 Behälter soll der Lieferant wirklich auch selber abholen, selber scannen oder egal wie, auf jeden Fall die befüllen und danach wieder an die Stelle nach hinten, als zweiter Behälter wieder nach hinten stellen, sodass die Produktion weiter fließen kann und das sind die großen Herausforderung für den Lieferanten. Beim Sondermaschinenbau muss es genauso funktionieren wie bei dem Serienproduzenten.

Götz Müller: Ja. Mir ging jetzt gerade der Gedanke durch den Kopf, im Grunde ist es ähnlich wie Klopapier. Keiner denkt drüber nach, außer in dem Augenblick, wo man halt da sitzt und neben sich greift und ins Leere greift.

Berk Kula Ja. Ich weiß auch … das ist ein gutes Beispiel. Ich kenne auch ein Unternehmen, das Toilettenpapier jetzt im Kanban hat. Da ist nämlich das passiert, der Eigentümer ist dann in der Produktion auf die Toilette gegangen und merkte plötzlich, da fehlt Toilettenpapier und weil das System Kanban jetzt so gut funktioniert, dann kam der Vertreter vorbei zufällig und er meinte dann „Können Sie auch Toilettenpapier über Kanban liefern?“, der hat gesagt „Ja, klar, über Paletten-Kanban, also Sie haben dann zwei Paletten mit jeweils 100 Rollen zum Beispiel, ja, und jedes Mal wenn eine Palette leer ist, scannen Sie die zweite Palette, die ist ja noch da und dann haben Sie immer Ihre Toilettenpapier. Das ist wirklich so und es läuft im Kanban. Also das ist möglich. Auch das ist im Grunde ein C-Teil.

Götz Müller: Oder ich habe jetzt, auch wieder diese Woche bei einem Kunden das Erlebnis, Flipchart-Papier, ist halt aus. So. Letzte Woche war es auch schon aus. Jetzt habe ich halt für so etwas Triviales wie Flipchart-Papier nicht unbedingt einen Einkaufsprozess, aber für die, die jetzt da in dem Besprechungszimmer sitzen und da einen Workshop halten, fehlt denen halt das Papier und das ist richtig fast die wichtigste Sache der Welt.

Berk Kula Richtig. Auch Papier ist ein gutes Beispiel von dir, Volltreffer, und zwar wir haben einen Kunden gehabt, letztes Jahr oder beziehungsweise wir haben vor drei Jahren Kanbans eingeführt, 2-Behälter-Kanban, mit einer Android-App, wo er dann auch selber die Behälter scannt. Der Vorteil ist, wenn er selber die Behälter scannt, dann können wir gleich in der nächsten Woche den vollen neuen Behälter reinliefern und das lief seit zwei Jahren so gut und im dritten Jahr kam er noch mal auf uns zu und hat gemeint „Ich habe Ersatzteile, die muss ich dann in verschiedenen Päckchen dann schicken, also in zehn verschiedene Kartontypen.“ und hat gemeint, ob wir das auch in Kanban liefern können und da haben wir genau das Beispiel wie beim Toilettenpapier im Grunde, auch 2-Paletten-Kanban gemacht pro, sage ich mal Verpackungstyp und das funktioniert jetzt im Kanban auch. Also das kann man wirklich weiterentwickeln. Es gibt halt Grenzen irgendwo, zum Beispiel Autoreifen. Das würde jetzt für uns schwer sein, Autoreifen als Kanban, also für uns, weil wir unser Hochregalsystem für kleine Elemente oder für Paletten ist und also irgendwo gibt es schon Grenzen. Aber prinzipiell ist, ja, wir haben inzwischen Pneumatikteile im Kanban drin. Also wir haben nicht nur Schrauben, Muttern, Scheiben klassisch als C-Teil, sondern Pneumatikteile von Festo, Festoteile zum Beispiel oder Nieten habe ich schon vorhin erwähnt oder Teile, die ich gar nicht kenne, so Elektronikteile, wo der Kunde sagt „Mensch, das läuft so gut mit Schrauben, Muttern, Scheiben, könnt ihr nicht diese Elektronikteile auch über Kanban liefern. Wie gesagt, es gibt im Grunde beim Kanban im Grunde keine Grenze. Wie gesagt, es gibt eine Grenze, aber wenn wir beiden C-Teilen, klassischen C-Teilen bleiben in unserer Branche, gibt es wirklich keine Grenze. Hauptsache die Menge ist noch da, also die er braucht. Wenn er das jedes Jahr wirklich nachbestellen muss, dann ist es Kanban-fähig.

Götz Müller: Jetzt habe ich so ein bisschen rausgehört, du hast es mehrmals erwähnt, mit Android, also sprich mit dem Smartphone oder mit irgendwas Industriellem, nenne ich es jetzt mal, etwas zu machen. Bestehen da jetzt nicht zum Teil Bedenken „Was macht da meine IT? Muss meine IT da etwas machen?“ Wie sehen da die Wechselwirkungen aus?

Berk Kula Also das ist richtig. Die IT ist immer eine Frage, Problem würde ich jetzt nicht sagen, aber eine Frage. Wir haben ein Industrie-Smartphone und da ist unsere App auch installiert und die meisten Kunden wollen dann auch das ganze Einheit, also wenn die was bestellen auch Regale, Behälter, App, wie auch Kanban-Smartphone soll aus einer Hand geliefert werden, also das haben wir auch. Die Bedenken sind da, die Frage, die du mir gestellt hast, wird auch gestellt, ja, „Was muss unsere EDV noch einstellen?“, weil jede EDV ist voll und hat nicht so viel Zeit, um Installationen vorzunehmen. Und ich habe vor zehn Jahren auch damals Scanner verkauft, aber das waren keine Android-Scanner, das waren ja ganz klassische USB-Scanner, ja, mit einer Dockingstation, das kennst du bestimmt, wir sind ja gleichalt, glaube ich. Und das war damals wirklich ein Chaos, auch für mich als Vertriebler. Damals war ich im Außendienst selber tätig, inzwischen seit vier Jahren Verkaufsleiter, weil da wollte nicht jeder und der eine, der eine gute Beziehung zur EDV hatte, hat dann auch den Scanner bestellt, das war ein Infrarot-Scanner und eine USB-Dockingstation, eine Software musste installiert werden. Das gibt's heute, Gott sei Dank, nicht mehr- Heute ist es so, dass dieses Kanban-Smartphone von uns über die SIM-Karte oder WLAN eingestellt wird und die App ist von uns installiert und der Kunde kann sofort loslegen, ohne dass seine eigene EDV irgendwas installieren muss. Deshalb sind die Ängste nicht mehr da und außerdem kennt sich ja jeder mit Smartphones aus. Also daher ist die Situation wie vor zehn Jahren ganz anders und daher, auch weil die eigene EDV nicht so viel installieren muss, wird dieses System sofort angenommen. Der Vorteil ist beim Kunden, er muss nicht Behälter abholen lassen und dann übernächste Woche liefern lassen. Es spart Zeit, dass er auf einem Behälter nicht zwei Wochen warten muss, sondern wenn er selber scannt, angenommen heute ist der Liefertag, also angenommen, der Mittwoch ist der Liefertag und am Montag merkt er „Oh, der Behälter ist leer.“, dann kann er das Scannen und dieser Behälter wird schon am Mittwoch wieder geliefert, also in zwei Tagen. Oder maximal was passieren kann, wir bringen die neuen Behälter am Mittwoch und am Donnerstag wird ein Behälter leer. Es scannt diesen Behälter am Donnerstag und dann ist es nächste Woche am Mittwoch da. Früher wäre das so gewesen, am nächsten Mittwoch, also eine Woche später hätte man den leeren Behälter abgeholt und übernächste Woche geliefert. In der heutigen Zeit hat dafür gar keiner Zeit und man will auf die Filme nicht so hoch machen. Durch diese Methode kann man die Füllmenge halbieren im Grunde, ist wirklich so und dadurch ist dieses Annehmen über, was du gesagt hast, wegen EDV und so weiter, ist nicht mehr da, diese Ängste. Aber die Frage ist. Da die Frage ist da und die Antwort ist ganz eindeutig, das versteht jeder, was ich gerade gesagt habe und dann ja, dann wird sich zugesagt.

Götz Müller: Weil es ja im Grunde völlig autonom ist. Wie du es gesagt hast, ich habe halt immer den USB-Stecker, den ich irgendwo in eins meiner Geräte reinstecken muss und es ist wie ein Smartphone völlig autonom und es ist über 3G, 4G angebunden und eigentlich ist es ja im Prinzip euer Gerät und selbst wenn der Kunde dafür bezahlt hat, aber er hat es halt geliehen.

Berk Kula Genau er hat den vollen Service bei uns. Das heißt, wenn da irgendetwas passiert, nicht funktioniert, er ruft da an, der Außendienst kommt vorbei, wenn er es nicht einstellen kann, dann nimmt er es mit, hat ein Ersatzteil dabei, das wird dann erstmal repariert und dann wieder zurückgebracht zum Beispiel. Und wie gesagt, das Kanban-Smartphone, damit arbeiten ja oder leben ja Privatmenschen genauso. Im Gegensatz früher mit dem Infrarot-Scanner und einer USB-Dockingstation, das war ja nicht Gang und gäbe für Privatleute. Also daher ist diese Scheu nicht mehr da, es geht nur darum, im Grunde gibt es eine andere Sache, was du schon erwähnt hast. Es geht schon darum, wie kommen dann die Daten in ERP-System rein. Das ist dann die nächste Frage, weil im Grunde gibt er ja die Kontrolle weg. Er scannt und die Ware wird einfach geliefert nach der Füllmenge, die jetzt pro Teil festgelegt wurde. Also angenommen im Jahresbedarf zehn Millionen, hat eine andere Füllmenge pro Behälter wie ein Teil, was sie Jahresmenge nur einem eine Million hat. Aber das wird abgestimmt, also im Grunde gibt er die Kontrolle total auf dich ab. Jetzt ist die Frage, will er das jetzt als variable Kosten weiter noch benutzen das Teil oder verwalten oder will er das als fixe Kosten gar nicht mehr in seinen variablen Kosten, Gemeinkosten weiter bedienen. Und das ist die nächste Frage im Grunde und da empfehlen wir dann, weil das sind ja C-Teile, die haben an der Maschine einen Wert von 5% vielleicht. A-B-Produkte haben einen Wert von 95%. Dadurch empfehlen wir, damit einfach diese variablen Kosten nicht sein müssen bei C-Teilen, dass das als fixe Kosten auch im System der EDV, diese angenommen 300 C-Teile, ja, anders deklariert werden und dadurch, ja, im Grunde die volle Kontrolle auf uns übergeben.

Götz Müller: Um dann, ja, die Probleme, die man halt dann klassisch bei geteilter EDV hat, dann umgeht.

Berk Kula Ja. Weil es wird nicht mehr Bestand geführt. Ende des Jahres wird einfach nur geguckt, ja, wie viel waren denn der Gesamtverbrauch an C-Teilen oder Kanban-Teilen, sage ich jetzt mal direkt dazu. Angenommen 20.000 oder 200.000, also das sind die fixen Kosten und die müssen halt irgendwie in die Maschine reinkalkuliert werden.

Götz Müller: Ja. Finde ich sehr spannend eben, Kanban mal auf eine ganz andere Art und Weise zu nutzten, jetzt nicht klassisch zur Produktionssteuerung, sondern zur Beschaffungssteuerung, für eine Sache, die man eben eher, C-Teile, nicht so auf dem Schirm hat, trotzdem eben, wie das Klopapier, entscheidend sein kann, wenn es fehlt.

Berk Kula Richtig.

Götz Müller: Berk, ich danke dir für deine Zeit, für die interessanten Einsichten in ein spannendes Thema.

Berk Kula Danke schön, also auch für mich hat es sehr viel Spaß gemacht, mit dir mal neutral darüber zu reden.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Berk Kula zum Thema Kanban in der C-Teile-Versorgung. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 180.

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Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder zu lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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