Kaizen 2 go 212 : Home-Office in der Supply-Chain


 

Inhalt der Episode:

  • Grundsätzliche Definition von Home-Office. Welche Tätigkeiten wurden im Bezug zur Supply-Chain betrachtet?
  • Ein paar Stichworte zur Umfrage (Teilnehmerkreis, Teilnehmerzahl, …)
  • Welche Situation bestand diesbezüglich vor Corona?
  • Wie hat sich das dann während Corona verändert?
  • Wie wird es vermutlich nach Corona aussehen?
  • Welche Vorteile von Home-Office wurden genannt?
  • Welche Herausforderungen sind dabei aufgetreten?
  • Welche Veränderungen ergeben sich daraus für die Unternehmen und Führungskräfte?
  • Wie verändern sich weiche Faktoren bei der Arbeit im Home-Office?
  • Wie können Unternehmen hier unterstützen?
  • Welche Chancen ergeben sich für die Beteiligten aus der veränderten Situation? Wie kann es gelingen, die Vorteile zu erhalten und Nachteile abzuschwächen?
  • Was bedeutet Home-Office für Prozessoptimierung?
  • Wie können die Verantwortlichen daraus reagieren?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 212 : Home-Office in der Supply-Chain

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Matthias Schmieder bei mir im Podcast-Gespräch. Er war Professor für Unternehmensführung und Controlling an der Technischen Hochschule Köln, ist noch Geschäftsführer der Six Sigma Deutschland GmbH und Leiter des Benchmarking-Centers Europe. Hallo Herr Schmieder.

Matthias Schmieder: Hallo Herr Müller. Schön, dass Sie mich eingeladen haben zum Gespräch über Home Office.

Götz Müller: Ich freue mich auf das Thema, aber sagen Sie gern noch mal zwei, drei Sätze, auch was das Benchmarking-Center Europe macht, sagen Sie gern noch mal zwei drei Sätze zu sich.

Matthias Schmieder: Ja, also wie gesagt, ich bin seit zwei Jahren im Unruhestand, mache natürlich nach wie vor noch Veranstaltungen und betreue Projekte, Bachelor- und Masterarbeiten an der Technischen Hochschule in Köln, Institut für Produktion, und parallel zur Hochschultätigkeit habe ich mir vor fünfzehn Jahren beginnend Six Sigma Deutschland aufgebaut und vor zehn Jahren etwa am Institut Amineko, das ist ein Institut an der Universität zu Köln, das Benchmarking-Center Europe. Das Benchmarking-Center Europe ist Kooperationspartner von ABQC. ABQC ist die größte Benchmarking-Datenbank der Welt und veröffentlicht eben auch sehr viele Studien und die Veröffentlichungen, die wir machen, sind aus dem Feld von ABQC, auch über die wir heute sprechen.

Götz Müller: Genau. Da werde ich auf jeden Fall auch noch einen Link in die Notizen dazu nehmen, da können sich die Zuhörer informieren, wenn es da weiter Interesse gibt. So, jetzt haben wir heute ja ein spannendes Thema, wo vielleicht auf den allerersten Blick fast gar nicht zusammenpasst, Homeoffice in der Supply Chain, deshalb auch, damit da die Abgrenzung zu anderen Arbeitsformen, möchte ich es mal nennen, haben: Was ist Ihre Definition von Home Office?

Matthias Schmieder: Home-Office in der Supply Chain bezieht sich eben auf die Situation, dass ein Mitarbeiter von zu Hause aus arbeitet und mit dem Unternehmen per E-Mail, Telefon oder anderen Online-Methoden kommuniziert, also nicht im Büro, im üblichen Firmensitz, sondern eben in seinem eigenen zu Hause und eben die meiste Zeit dort verbringt. Vielleicht einen Tag oder auch mehr zur Kommunikation in die Firma fährt und ansonsten eben über technische Hilfsmittel mit seinen Kollegen und Vorgesetzten kommuniziert.

Götz Müller: So und jetzt glaube ich, Supply Chain, oder zu klassisch Deutsch, Logistik, hat man wahrscheinlich eher ein sehr physisches Bild vor Augen, wo ja alles, was mit Logistik zu tun hat, wo Dinge transportiert werden, wo Dinge bewegt werden, wo vielleicht auch Dinge zusammengestellt werden. Da ist ja schon eine gewisses Paradoxon, wie kann da Home Office funktionieren, wenn ich gleichzeitig solche physischen Tätigkeiten rede.

Matthias Schmieder: Da geht's im Grunde in erster Linie um Steuerungsfähigkeiten, nicht um physische Tätigkeiten. Es ist übrigens tatsächlich ein Problem, ich war übers Wochenende bei Bekannten in Sachsen, die dort eine Firma haben und die sich auch sehr stark beklagt haben, dass eigentlich beim Lieferanten kaum noch jemand erreichbar ist. Also tatsächlich ist es auch gar nicht so einfach, die Kundenwünsche zu befriedigen, wenn man nicht im Firmen-Office ist und damit natürlich auch nicht so leicht zugänglich ist für die Kunden oder eben auch für die Lieferanten nicht.

Götz Müller: Ja. So, und um das Thema ein bisschen aufzuarbeiten, haben Sie eine Umfrage gemacht, so bin ich letzten Endes auch auf Sie gestoßen und vielleicht sagen Sie da mal ein paar Stichworte: wer waren die Teilnehmer? Über wie viele Teilnehmer reden wir? Damit wir da so ein bisschen Gefühl gewinnen.

Matthias Schmieder: Also wir selbst haben die Umfrage nicht durchgeführt, sondern eben ABQC, die ich vorher erwähnt hatte, die machen eigentlich ständig Umfragen, weltweit. Manche sind spezifisch für ein spezielles Thema, aber eben auch, die machen sehr viele Benchmarking-Studien jedes Jahr, und die Benchmarking-Studien, die beinhalten eben auch qualitative Fragen, nach Methoden und Vorgehensweisen, nach Tools und und und. Aber das war jetzt eine separate Befragung, bei der sie weltweit eben im Supply-Chain-Bereich nachgefragt haben, wie dort die Situation ist.

Götz Müller: Und das ist natürlich jetzt gerade, für die, die vielleicht die Episode erst in zwei Jahren hören, wir sind jetzt noch ziemlich mittendrin, was das Thema Corona angeht, und da hat natürlich, glaube ich, das Thema Homeoffice schon eine ganz wichtige Rolle gespielt, weil schlagartig, so habe ich das auch selber bei Kunden erlebt, schlagartig Menschen eben nicht mehr in der Firma waren, sondern im Homeoffice. Und deshalb zum Einstieg vielleicht, gerade spezifisch wieder auf die Supply Chain bezogen, wie wurde das Thema Homeoffice, wenn überhaupt, vorher gelebt? Weil wir ja nachher noch draufkommen, wie es sich verändert hat.

Matthias Schmieder: Das hat früher eigentlich keine große Rolle gespielt, also vor Covid haben etwa ein Fünftel, exakt 19 % von zu Hause aus gearbeitet und der Rest eben in der Firma und der Rest eben im Firmen-Office.

Götz Müller: Gut, Sie haben es gerade schon angedeutet, ein knappes Fünftel, was hat sich verändert? Wie haben die Zahlen dann mittendrin ausgesehen? Ich weiß nicht, ob noch schon von „nach Corona“, „nach Covid“ sprechen kann.

Matthias Schmieder: Mittendrin waren es 99%, also nahezu alle Befragten, die da ihre Antwort gegeben haben. Jetzt geht man davon aus, dass danach, also nach dem Höhepunkt, im Moment sind es etwa 81% noch, etwa vier Fünftel, was eben gerade eben, Sie sprachen es schon an, aufgrund der Spezifika der Supply Chain, doch ein sehr hoher Prozentsatz ist und ich denke, dass eben auch, gerade das, was ich am Anfang angesprochen habe, dass das wahrscheinlich noch mal kräftig zurückgehen wird, weil es doch nicht ohne Probleme für den Kunden oder den Lieferanten ist. Also die Erreichbarkeit ist doch erheblich geringer. Nicht jetzt über E-Mail oder über andere Kanäle, aber eben persönlich.

Götz Müller: Gut. Jetzt kann ich mir vorstellen, gibt's ja schon den ein oder anderen Vorteil, der sich natürlich im persönlichen Bereich bewegen wird, und Sie sagten es eingangs, es sind vor allen Dingen auch qualitative Umfragen, das heißt: Was waren da die Antworten der Befragten?

Matthias Schmieder: Also den Hauptvorteil sehen natürlich viele, dass sie den Weg zur Arbeit sparen können, dass sie nicht mehr pendeln müssen. 91% der Befragten haben dazu als erstes den Hauptvorteil, eben pendeln zu vermeiden genannt, was übrigens auch, es gibt bestimmte Zeitstudien auch in Deutschland, wo eben Leute befragt wurden, wie sie ihre Zeit pro Tag einsetzen und auch, was sie gerne tun und was nicht, und da stand auch immer an erster Stelle die Zeitverschwendung fürs Pendeln. Insofern stimmt das auch mit unseren Einstellungen hier in Deutschland überein. Der zweite Punkt war natürlich, die Gesundheit zu erhalten, 82 % haben den Punkt genannt, ist das natürlich ein sehr wichtiger Punkt, und gerade eben auch dadurch, dass die Medien doch in aller Deutlichkeit immer wieder auf die Gefahren hingewiesen haben, hat der eine ganz große Rolle gespielt. Dann kann natürlich verringerte persönliche Kosten, wir haben also Fahrtkosten eingespart und was eben auch ein Vorteil ist: Weniger Ablenkung von Kollegen. Im Betrieb hat man ja manchmal das Problem, dass man abgelenkt wird und eben eine verbesserte Work-Life-Balance, dass man eben beides mehr in Einklang bringen kann, den Beruf und auch sein Privatleben.

Götz Müller: Was ja dann durchaus auch über den persönlichen Vorteil hinausgeht, sondern, weil die Produktivität steigt, und auch, glaube ich, das Wohlbefinden, Work-Life-Balance als Stichwort, da haben ja dann auch die Unternehmen etwas davon, kann man, glaube ich, schon so ausdrücken.

Matthias Schmieder: Ja, wobei bezüglich der Produktivitätssteigerung gibt es ganz unterschiedliche Ansichten, aber es gibt ein paar Studien, unter anderem eben Call Center in China, die das nachweisen konnten, aber bei allen anderen, ist es nicht eindeutig, dass eine Produktivitätssteigerung stattfindet. Meine persönliche Erfahrung ist eigentlich auch die, ich habe verschiedene Studierende, die bei mir arbeiten, dass eben der Kontrollaufwand, und damit eben auch die Produktivität, nicht unbedingt ansteigt.

Götz Müller: Wahrscheinlich seitens der Führungskräfte, weil die halt mehr kontrollieren müssen, glauben kontrollieren zu müssen.

Matthias Schmieder: Ja.

Götz Müller: Ja, okay.

Matthias Schmieder: Und es hängt natürlich auch von den persönlichen Verhältnissen ab. Wenn jetzt, gerade wie in Deutschland, eben die Kinder mit versorgt werden müssen, ist es natürlich häufig schwierig, alles in Einklang zu bringen, und normalerweise ist eben so, dass man das tut, wo der geringste Druck ist. Das heißt, wenn man jetzt längerfristig Aufgaben von der Firma, und die Kinder sind in der Nähe, dann zieht man das natürlich vor und stellt das andere zurück. Anders ist es natürlich, wenn man kurzfristige Aufgaben hat, die man am selben Tag erledigen muss, und eben auch danach entsprechend kontrolliert wird, dann ist die Produktivität mit Sicherheit genauso hoch oder höher.

Götz Müller: Jetzt haben Sie es schon genannt, ein paar Herausforderungen, möchte ich es mal nennen, die aufgetreten sind. Das möchte ich noch ein bisschen vertiefen, spezielle Herausforderungen, wieder aus beiden Blickwinkeln, was sind da für Punkte genannt worden?

Matthias Schmieder: Also bei den Mitarbeiter eben Einsamkeit, okay, dass Ihnen der Kontakt fehlt zu Kollegen. Das ist übrigens auch die Begründung, die jahrelang genannt wurde, warum Frauen gerne arbeiten gehen, obwohl sie es vielleicht gar nicht notwendig hätten in bestimmten Familien. Das ist ein ganz wichtiger Gesichtspunkt, dass man eben Neues kennenlernt. Und dann eben auch, und das ist eben die Schattenseite von Work-Life-Balance dieses Verschwimmen von Grenzen Berufs- und Privatleben. Dass man eben immer ein schlechtes Gewissen hat, wenn man sein Privatleben lebt, und vielleicht manchmal eben, wenn man eigentlich beruflich etwas machen müsste, durch etwas anderes abgelenkt ist, und das ist durchaus ein Problem. Dann natürlich der Zugang, der fehlende Zugang zu typischen Bürogeräten, bei etwa der Hälfte, und das ist natürlich schon eine entsprechende Einschränkung, um dann eben vernünftig arbeiten zu können.

Götz Müller: Jetzt hatten wir gerade schon ansatzweise das Stichwort, ich möchte das noch ein bisschen vertiefen, was es konkret für Führungskräfte bedeutet, grundsätzlich, wie sich da in der Wahrnehmung das Arbeitsfeld, die Tätigkeit verändert hat.

Matthias Schmieder: Zum einen de heißt das natürlich exakte Ziele formulieren, möglich kurzfristig, also Teilziele, die man relativ kurzfristig auch kontrollieren kann, dann natürlich eine entsprechende Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, dass der Mitarbeiter eben auch die Möglichkeit hat, ungestört zu arbeiten und eben auch kommunizieren mit der Firma und, was natürlich auch durchaus ein wichtiges Problem ist, gerade im Bereich Supply Chain Management, dass man auf Kunden reagiert, Beschwerden, Anfragen und und und. Denn das ist natürlich … im ersten Moment merkt man das gar nicht so, und das verärgert natürlich Kunden, wenn Sie zu lange brauchen, um den entsprechenden Ansprechpartner zu erreichen.

Götz Müller: Oder wenn man jetzt vielleicht … so einen First-Level-Support erreiche ich noch, da nehme ich es im Grunde gar nicht wahr, wo der sitzt, der kann durchaus zu Hause sitzen, aber wenn dann irgendwo eine kommunikative Lücke besteht, in den Second-Level-Support rein, wo dann ein bisschen Fachleute vorhanden sind, die jetzt nicht nur eine Checkliste abarbeiten, kann ich mir das auch vorstellen. Okay, und Sie haben auch ein paar Punkte genannt, ich möchte es mal unter der großen Überschrift „Weiche Faktoren“ subsumieren, wie verändern sich Dinge da? So Aspekte Führung, vielleicht auch so etwas wie Arbeitsmoral in beiden Richtungen unter Umständen?

Matthias Schmieder: Ja, zum einen, wir sind ja eigentlich gewohnt so ein Anwesenheitsgebot und für viele Vorgesetzten ist das auch irgendwie ein Anzeichen dafür, dass der Mitarbeiter produktiv ist, er zumindest mal am Ort ist. Und diese Sicherheit geht dann verloren. Das heißt, man muss dann doch relativ klar formulieren, was er erledigen muss, man muss es kontrollieren, um sicher sein zu können, dass er eben nicht die Zeit mit etwas anderen verbringt. Das ist jetzt eine. Das andere ist dann natürlich auch, dass man regelmäßig kommunizieren muss, feste Termine vielleicht auch ausmachen, dass man eben versuchen muss, ihn doch in irgendeiner Weise in das Team zu integrieren, indem man eben durchaus virtuelle Gespräche führt mit der ganzen Gruppe, vielleicht sogar auch real sich trifft, einmal die Woche oder zweimal im Monat, um eben das Thema Einsamkeit eben zu reduzieren. Was hier in Deutschland eben auch noch dazu kommt, dass viele eben im Moment gerade auch eine hohe Arbeitsplatzangst haben. Also 6% haben deutlich höhere, und ein Viertel, 26% haben etwas höhere Arbeitsplatzangst. Zumal man jetzt natürlich auch gerade, im Handel und in anderen Bereichen, sieht, dass sich doch einiges verändern wird und eben auch, dass durch das ganze Thema virtuelle Aktivitäten viele reale Aktivitäten zurückgeschraubt werden und das natürlich auch zu Lasten von Arbeitsplätzen gehen kann. Deswegen muss man im Grunde einen Kommunikationsstrang aufbauen und damit immer wieder bestätigen, dass eben solche Gefahren nicht bestehen. Und natürlich auch, viele haben natürlich auch Angst um ihre eigene Firma. Eine Perspektive aufzeigen. Also wie geht es eigentlich weiter? Realistisch darstellen, wie die Situation ist, gerade wenn dadurch Einschränkungen für die Mitarbeiter notwendig sind, dass man realistisch auch die Probleme nennt, aber auch gegenüber Kunden, dass man eben Kunden gegenüber ganz klar deutlich macht, dass es eben durchaus Hindernisse gibt und dass eben auch, wenn eben die Termine oder andere Dinge nicht eingehalten werden können, dass man rechtzeitig Kontakt aufnimmt mit den Kunden und sie eben darauf aufmerksam macht, damit sie nicht verärgert sind.

Götz Müller: Ja. Das werden wir nachher noch ein bisschen vertiefen, da mache ich mir schon mal eine gedankliche Notiz, aber vorher noch mal der Punkt, ein Stück weit sind da ja auch Unternehmen gefordert, wenngleich natürlich Unternehmen irgendwo eine abstrakte Größe ist und zum Schluss sind es dann doch auch Menschen, Führungskräfte, Unternehmensleitung, aber immer noch mal ein bisschen nachgebohrt: Was kann ein Unternehmen leisten, um diesen Kontext, nennen wir es mal aktiver zu gestalten?

Matthias Schmieder: Man muss im Grunde regelmäßig mit den Mitarbeitern, die im Homeoffice arbeiten, kommunizieren. Man muss sich emotional auch einbringen. Man muss eben auch, um diese Ängste, die ich gerade genannt habe, auf der einen Seite natürlich realistisch die Situation darstellen, auf der anderen Seite aber eben auch einen Blick in die Zukunft wagen und eben darlegen, wie es voraussichtlich weitergeht, damit eben diese Ängste reduziert werden und dann natürlich auch, viele Mitarbeiter sind ja Singles, also dass man vielleicht auch irgendwelche Veranstaltung organisiert, wo man sich dann eben regelmäßig sich austauscht. Das ist auch ganz wichtig, der soziale Kontakt.

Götz Müller: Und vielleicht mag es sich jetzt ein bisschen abgegriffen anhören, aber ich glaube persönlich, dass auch in so einer Situation gewisse Chancen bestehen, weil ich über Dinge jetzt mir aktiv Gedanken machen muss, was vorher vielleicht manchmal dem Tagesgeschäft zum Opfer gefallen ist. Was hat sich da aus der Umfrage ergeben, was sind da ihre Erfahrungen?

Matthias Schmieder: Also zum einen heißt das natürlich eben, dass ich generell überlegen der Druck zur Digitalisierung hat dadurch natürlich immens zugenommen, dass ich möglichst vieles digitalisiere. Dann natürlich, dass ich über die Wertschöpfungsketten neu nachdenke, das ist ein Punkt, zu dem wir später auch kommen, und die vielleicht verkürze, dass ich dann eben Puffer aufbaue, Lagerpuffer, um eben Probleme bei der Belieferung abzufedern. Solche Dinge. Dann natürlich, was ganz wichtig ist, die Ausbildung der Mitarbeiter. Ein großes Problem bei der Digitalisierung Deutschland ist ja, dass die Mitarbeiter eben da noch nicht sehr weit sind in der Ausbildung. Ausbildungssysteme an den Hochschulen, an den Schulen sind ja nicht in diese Richtung umgestellt worden und das Problem heute beim Mitarbeiter ist natürlich, dass er von der Firma die Ausbildung erwartet und damit hat sich jetzt natürlich der Druck erhöht, eben da in die Richtung aktiv zu werden, Mitarbeiter in Richtung Flexibilität auszubilden, in Richtung Digitalisierung auszubilden, in Richtung Kommunikationstechnik, technischen Mittel auszubilden. Dadurch ist natürlich ein enormer Druck entstanden, der uns sicherlich in dem Bereich erheblich nach vorne bringt.

Götz Müller: Ja. Weil man dem Druck an sich ja nicht ausweichen kann und sich ihm stellen muss und dadurch dann indirekt eben damit umgeht und sich dann dadurch auch neue Chancen ergeben, neue Verbesserungen auch ergegeben.

Matthias Schmieder: Und eine enorme Effizienzsteigerung dadurch natürlich, dadurch, dass ich eben viele Dinge, die bisher real abgelaufen sind, dann eben virtuell gestalten kann und damit natürlich ja auch durchaus erheblich effizienter sein.

Götz Müller: Ja, den Punkt möchte ich noch ein bisschen vertiefen. Sie haben es ja auch schon angedeutet sind, mein ganz großes Thema, was mein Podcast angeht, ist ja Geschäftsprozesse und auch deren Optimierung, und ich habe das so ein bisschen die These, eine persönliche, so Aspekte wie Homeoffice verstärken Stärken und Schwächen, ähnlich vielleicht, wie man sagen könnte, es gibt ja diesen Spruch „Geld verdirbt den Charakter“, gibt’s aber genauso starke Stimmen, glaube ich, und zumindest ist es auch meine Meinung, es bringt das nur noch deutlicher zum Vorschein. Was ist da ihre Wahrnehmung, sei es persönlich in ihrem Arbeits-/Beratungsumfeld oder eben anhand von der Umfrage?

Matthias Schmieder: Ja, da gibt's natürlich einmal die externe Komponente, gerade im Beratungsbereich hat natürlich jetzt im Moment kaum einer die Vorstellung, dass er einen Berater oder einen Trainer einlädt und das drückt natürlich das Geschäft kurzfristig, aber auf der anderen Seite zwingt uns auch diese Krise, alles in Richtung Virtualität voranzutreiben und da neue Modelle zu finden zwischen Vor-Ort-Training, Präsenz, face to face, und eben auch zwischen virtuellem Training über die anderen Möglichkeiten, die sich heute bieten. Also ich denke, da kommt schon ein enormer Druck drauf und eben auch, und das ist natürlich die andere Seite gerade hier in Deutschland, im Hinblick auf Geschäfte, das heißt, wir werden sehr, sehr viele Händler verlieren, kleine Händler verlieren, die eben der großen Konkurrenz nicht mehr gewachsen sein werden und die diese Durststrecke, die jetzt Corona gebracht hat, wahrscheinlich nicht überstehen werden.

Götz Müller: Kann man irgendeine Art von Schlussfolgerung ziehen, eben auch so ein bisschen zum Abschluss unserer Unterhaltung, wie die Verantwortlichen auf solche, also die Verantwortlichen in den Unternehmen vor allen Dingen, auf diese Herausforderung reagieren können, reagieren sollten? Gab's da auch Stimmen dazu in der Umfrage?

Matthias Schmieder: Ja, also die Frage ist ja jetzt: Wie geht's danach weiter? Und da sind natürlich schon einmal das Thema Wertschöpfungsketten ein großes Thema geworden. Wie kann ich die eben so gestalten, dass ich auch lieferfähig bin, auf der einen Seite versuchen zu verkürzen, was ja in Deutschland ein Problem der Lohnkosten ist. Es ist ja nicht so, dass wir jetzt zum Spaß die Wertschöpfungsketten zum Teil ins Ausland verlagert haben, sondern weil sie einfach kostengünstiger sind. Und die andere Alternative ist natürlich, Puffer aufzubauen, dass wir dann eben in der Lage sind, kurze Durststrecken auch ohne Ausfall für den Kunden durchzustehen. Und dann ist natürlich der nächste Punkt Mitarbeiterfortbildung; ein großes Thema, dass wir eben gerade durch die Coronakrise die Digitalisierung fördern, weil in Zukunft gehen im Handel und überall, und im Grunde haben wir das Problem, dass eben nur sehr, sehr wenige Mitarbeiter in der Lage sind, eben die Herausforderungen, die damit verbunden sind, anzugehen. Das heißt, wir brauchen jetzt ein ganz großes Programm in den Unternehmen, aber auch natürlich beim Staat und in den Schulen, um das Thema voranzubringen, damit Unternehmen dann auch in der Lage sind, ihre Prozesse so zu digitalisieren, dass sie eine Überlebenschance haben.

Götz Müller: Und auch da glaube ich eben wieder das alte Postulat, eben auch die Menschen einbeziehen und ich kann halt nur einbeziehen, wenn sie vom Aspekt Digitalisierung und ein gewisses Maß an Verständnis mitbringen, um dann gemeinsam etwas Besseres zu schaffen und nicht irgendwas überzustülpen, wo unterm Strich dann keiner mitmachen will manchmal, und aber eben aus den genannten Aspekten nicht wissen, nicht können.

Matthias Schmieder: Ja, und der Druck ist, glaube ich, die Einsicht in die Notwendigkeit, im Grunde auf allen Ebenen gewachsen, dass man eben weiß, dass die einzige Chance, um zu überleben als Unternehmen und insofern ist es nicht mehr eine Frage des nice-to-have, sondern es ist einfach eine Notwendigkeit, dass man jetzt diesen Weg vorangeht, weil eben sonst die Überlebenswahrscheinlichkeit enorm sinkt. Und wir natürlich eben gleichzeitig durch China und durch andere Länder immer mehr unter Druck geraten, auch das ist übrigens ein Aspekt, den viele gar nicht sehen, beim Home Office, ich kann natürlich genauso gut das Home Office in den Kosovo oder nach Serbien oder nach Polen verlagern, da die Lohnkosten etwa ein Viertel, ein Fünftel und insofern müssen wir uns da sputen, damit das nicht passiert, damit wir nicht eben irgendwann viele Arbeitsplätze verlieren.

Götz Müller: Und ich glaube, auch da sind wieder alle gefordert, Führungskräfte, Mitarbeiter, Unternehmen, gebildet durch die Menschen, um da gemeinsamen, wie Sie es genannt haben, etwas voranzubringen.

Matthias Schmieder: Ja. Das ist dringend notwendig.

Götz Müller: Gut, und ich glaube, so als Abschluss, deshalb kann so ein extremer Druck, auch wenn es im Einzelfall dadurch unter Umständen sehr, sehr unglückliche Folgen haben kann, aber deshalb hat so ein externer Druck auch sein Gutes.

Matthias Schmieder: Ja. Und ich denke, dass die Bundesregierung doch einiges abgefedert hat, so dass hoffentlich nicht so viele Unternehmen auf der Strecke bleiben und eben durch diesen Druck jetzt wirklich voll rangehen und die Probleme, die die Zukunft uns bringen wird, jetzt schon beginnen, zu lösen, und damit eben weiterhin effizient und erfolgreich arbeiten zu können.

Götz Müller: Genau gut. Herr Schmieder, ich danke Ihnen, auch dieser Schlusssatz hat wunderbar gepasst. Ich danke Ihnen für die Einblicke in die Umfrage, für Ihre Erfahrung.

Das war die heutige Episode im Gespräch mit Matthias Schmieder zum Thema Home-Office in der Supply-Chain. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 212.

Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, freue ich mich über Ihre Bewertung bei iTunes. Sie geben damit auch anderen Lean-Interessierten die Chance, den Podcast zu entdecken.

Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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