Warum ein Ziel nicht gleich einem Ziel ist

Ziel

Wenn es um Ziele geht, hat die deutsche Sprache bspw. ggü. dem Englischen einen Nachteil. Das ergibt sich einfach aus der Situation, dass es verschiedene Arten von Zielen gibt, die aber in der deutschen Sprache primär nur mit ein- und demselben Begriff belegt werden, dem Ziel eben.

In der englischen Sprache wird dagegen mindestens zwischen Objective, Target und Goal unterschieden und diesen Begriffen werden dabei sehr unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Diese haben nicht nur auf das eigentliche Ziel einen Einfluss, sondern auch auf die Art und Weise, wie dieses Ziel erreicht wird, gemeinhin auch mit dem Weg zum Ziel umschrieben.

Das Objective als Ziel ist typischerweise eher etwas übergeordneter Natur. Ein Beispiel dieser Ausprägung ist bspw. die Besteigung eines Berggipfels. Auch wenn ich beim besten Willen kein Bergsteiger bin und darin auch keine Ambitionen habe, weiß ich doch, dass es einen Unterschied macht, auf welchem Weg man aufs Matterhorn oder den Eiger kommt. Nicht umsonst gibt es den Spruch „der Weg ist das Ziel“. Von den drei Zielbegriffen spielt beim Objective der Weg zum Ziel die größte Rolle.

Im wirtschaftlichen Kontext spielt der Weg vielleicht nicht die entscheidende Rolle wie bei Bergbesteigungen, trotzdem nehme ich eine zunehmende Relevanz war. Dabei können dann ökologische oder auch soziale Aspekte eine Rolle spielen. Mit Sicherheit ist die Zielerreichung in Form des Über-Leichen-Gehens nicht mehr zeitgemäß (wenn es das durch die Augen eines heute lebenden Menschen überhaupt jemals war).

Im Lean-Kontext kommt die Relevanz des Weges bzw. anderer Randbedingungen der Zielerreichung auch in Elementen des Respect for People zum Ausdruck.

„Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.“

– Friedrich Nietzsche

Eine weitere Ausprägung des Zielbegriffs ist das Target. Hier tritt der Weg der Zielerreichung eher etwas in den Hintergrund, dafür liegt der Fokus eher in der Zielausprägung. Im Unterschied zum Objective der Bergbesteigung, bei der es im Grunde nur ein „oben“ oder „nicht oben“ gibt, kann bei Target auch eine 90-%-Erreichung schon ein Erfolg sein. Auf jeden Fall spielt die Beschreibung bzw. Charakterisierung des Target-Ziels eine entscheidende Rolle, wenn es dann um die Bewertung des Grads der Zielerreichung geht.

Gerade weil das Target auch schon bei einer nicht 100-prozentigen Erreichung ein Erfolg sein kann, spielt die Messbarkeit und davon abgeleitet der Grad der Zielerreichung eine wichtige Rolle und sollte dabei auch keinen Interpretationsspielraum lassen.

Auch wenn es bei der dritten Zielausprägung des Goals wieder eher auf eine präzise Zieldefinition ankommt (man denke nur an die genaue Definition des Torbegriffs bei Ballsportarten), handelt es sich dann trotzdem um einen Alles-oder-Nichts-Begriff. Auch hier spielt der Weg dorthin (solange er grundsätzlich regelkonform verläuft) eine eher untergeordnete Rolle, sofern nicht andere übergeordnete Ziele auf der Strecke bleiben. Bei Ballsportarten sind Tore (Goals) als Ziel nicht unwichtig, entscheidender ist allerdings der Ausgang des Spiels und übergeordnet die Platzierung zum Saisonende.

Auch im Lean-Kontext sollte man sich bewusst sein, um welche Ausprägung eines Ziels es geht, bspw. bei der Verbesserung eines Prozesses oder der Optimierung eines Wertstroms. Schon bei der Definition des „man“ sollte „man“ sich Gedanken über das reine Ziel hinaus machen. Es gehört auch der Zielkontext dazu, der bspw. durch die beteiligten und/oder betroffenen Menschen gebildet wird bzw. durch diese beeinflusst wird. Ein Teil des Kontextes stellt dabei auch ein gemeinsames Verständnis der Zielausprägung und des Wegs zum Ziel dar.

Nicht umsonst hat Mike Rother in seinem Modell der Toyota-Kata dafür den Begriff der Target Condition gewählt, der im Grund auch mehr als den bloßen Ziel-Zustand umfasst (auch wenn dieser Begriff in der deutschen Übersetzung gewählt wird).

Frage: Welche Zielausprägungen sind in Ihrem Verantwortungsbereich relevant? Wie wird mit verschiedenen Ausprägungen umgegangen? Was ergibt sich daraus im Bezug zum Verbesserungsprozess?

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