Kaizen 2 go 208 : Trainingsprozesse in der Online-Welt


 

Inhalt der Episode:

  • Was sind typische Unterschiede zw. Online- und klassischen Präsenztrainings?
  • Welche Herausforderungen entstehen dadurch für den Trainer?
  • … und die Teilnehmer?
  • Wie begegnet man als Trainer am besten diesen Herausforderungen?
  • Wie sollte man bestehende Trainingsunterlagen aus der Präsenzwelt an die Online-Welt anpassen?
  • Welche Regeln sollte man selbst (als Trainer) und ggü. den Teilnehmern besonders beachten?
  • Welche Chancen ergeben sich durch Online-Trainings?
  • Welche Themen sind besonders schwierig als Online-Variante?
  • Welche Themen sind besonders gut für die Online-Welt geeignet?
  • Was gibt es ggf. sonst noch zu berücksichtigen?
  • Wie gestaltet man den Umstieg in die Online-Welt am besten? Wie sieht dann der konkrete Einstieg aus?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 208 : Trainingsprozesse in der Online-Welt

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Gudrun Höhne bei mir im Podcastgespräch. Sie ist Trainerin, Beraterin, speziell für virtuelle Teams. Hallo Gudrun.

Gudrun Höhne: Hallo Götz, grüß Dich.

Götz Müller: Schön, dass du dabei bist. Ich habe schon einen halben Satz zu dir gesagt, aber stell Dich gerne noch mal bisschen intensiver vor.

Gudrun Höhne: Ja, gerne. Also ich bin seit 2010 jetzt Trainerin und Beraterin und die Themen virtuelle Teams und virtuelle Führung sind so meine Haupttrainingsthemen und bei diesen Themen bin ich dann auch zu dem Thema gekommen „Wie moderiere ich denn gute Online Meetings und auch gute Webinare?“. Also ich habe, glaube ich, seit 2012 auch Webinar gehalten und habe dann gemerkt, dass es halt doch ein bisschen anders ist, in so einem Live-Online-Training.

Götz Müller: Und das ist ja jetzt in der aktuellen Zeiten natürlich besonders spannend, wo manche Dinge ja auch nicht ganz freiwillig macht.

Gudrun Höhne: Definitiv.

Götz Müller: Du hast schon das erste Stichwort in Grunde genannt und damit möchte ich einsteigen, was sind für dich so, die, glaube ich, die beide Welten kennt, was sind für dich so die typischen Unterschiede zwischen dem Online-Training und dem klassischen Präsenztraining, wo ich vor den Menschen stehe?

Gudrun Höhne: Ja, da gibt's schon eine ganze Menge Unterschiede. Als erstes würde ich mal sagen, die Formate sind meistens kürzer, also ich bekomme relativ selten Anfragen nach einem Webinar, das über zwei Tage geht, also sehr selten. Dann kommen oft Anfragen nach einer Stunde Webinar, anderthalb Stunden und wenn ich dann sage „Ja, können wir nicht drei Stunden machen?“, dann ist das schon viel. Also kürzere Formate und dann ist natürlich die Kommunikation im Webinar, also im Live-Online-Training selber komplett anders. Man hat keinen Blickkontakt mit den Teilnehmern, selbst wenn die mit Webcam drin sind, hat man das nicht, aber ganz oft, ganz ehrlich, die meisten meiner Teilnehmer erscheinen zu den Trainings ohne Webcam, okay, und ich kann niemanden zwingen, ja. Also das heißt, die Teilnehmer haben keine Webcam oder sie haben eine, aber machen sie nicht an und es ist natürlich schon mal etwas ganz anderes, wenn man die Teilnehmer nicht sehen kann. Da entsteht dann eine größere Anonymität auch von Anfang an. Es hat so weniger einen Netzwerkcharakter als vielleicht jetzt in so einem Präsenztraining, manchmal auch weniger Verbindlichkeit von Seiten der Teilnehmer. Also ich habe es schon auch mal erlebt, dass Teilnehmer einfach mal kurz das Meeting verlassen, rausgehen und dann vielleicht nach zwanzig Minuten wiederkommen oder einfach eine Viertelstunde vor Schluss einfach gehen. Solche Sachen, ja. Man kann ja so leicht das Training verlassen. Und dann jeder sitzt in einer anderen Umgebung, es gibt technische Hürden, nicht alles funktioniert natürlich virtuell. Und ich glaube, das kennen wir alle zu Genüge, wir haben natürlich eine geringere Aufmerksamkeitsspanne, ja, in so einem Online-Training und es gibt ein hohes Ablenkungspotenzial grundsätzlich.

Götz Müller: Ich möchte das mal noch ein bisschen vertiefen. Du hast so ein bisschen Situationen jetzt gerade geschildert, was für Herausforderungen entstehen jetzt dadurch für den Trainer oder für die Trainerin?

Gudrun Höhne: Ja, als allererstes ist zum Beispiel der Wirkraum geringer. Ich nenne das jetzt mal Wirkraum, ich weiß gar nicht, ob es das gibt in der deutschen Sprache. Ich habe eine geringere Bühne, ich habe meine Webcam immer an, aber das ist ja eine viel geringere Bühne. Das heißt, ich kann mich nicht zehn Minuten vor meine Teilnehmern hinstellen und denen eine lustige Geschichte erzählen, die zum Seminarthema passt. Das funktioniert nicht ganz so gut im Web-Training, ja, weil die Bühne einfach kleiner ist. Die Teilnehmer sind ohne Webcam, das heißt, ich habe, also oftmals nicht immer, aber meistens ehrlich gesagt, ich habe also kein unmittelbares Feedback der Teilnehmer. Manchmal fühlt es sich an wie Training im luftleeren Raum. Haben meine Teilnehmer es verstanden oder nicht? Haben sie noch Fragen? Passt es überhaupt inhaltlich? Das weiß man manchmal gar nicht. Dann muss ich natürlich mit Störung umgehen können, Störung auf Seiten der Teilnehmer, Hintergrundgeräusche oder was weiß ich, oder drei Teilnehmer versuchen gleichzeitig zu reden, oder technische Störungen auf Seiten der Teilnehmer oder sogar bei mir, ja. Also das sind einfach zusätzliche Sachen, auf die man eben achten muss und dann habe ich auch noch einen größeren Zeitdruck ganz oft, weil ich kürzere Einheiten habe, aber trotzdem ja irgendwie nicht ganz kalt starten kann. Ich muss ja irgendwie am Anfang etwas machen, damit die Teilnehmer auch warm werden, Warmstart und dadurch kommt man oft in so einen großen Zeitdruck, kurze Einheiten nur, keine Ahnung 90 Minuten, und meistens soll man dann doch ganz viel Inhalt vermitteln und dann soll es natürlich auch noch interaktiv sein.

Götz Müller: Ja, da kommt mir spontan in den Sinn, dass vielleicht da bei den Auftraggebern auch ein bisschen, nennen wir es mal, eine unglückliche Erwartungshaltung besteht. Ich glaube, das was du gerade genannt hast, diese Aspekte, am Anfang vielleicht eine kleine Vorstellungsrunde, selbst wenn die Teilnehmer sich untereinander kennen, aber als Trainer kennst du sie ja typischerweise nicht, ist für mich auch als Trainer, finde ich, unheimlich wichtig.

Gudrun Höhne: Definitiv und ich mache das auch immer und ich mache sogar wenn ich mehrere Module, Online-Module habe mit Teilnehmern, dann kennt man sich ja nach dem ersten Modul theoretisch schon. Ich mache trotzdem, das zweite Modul ist vielleicht eine Woche später, da mache ich trotzdem noch mal eine Warm-up-Runde. Das ist dann keine Vorstellungsrunde, aber eine Warm-up-Runde, die hat ihre bestimmte Funktionalität auch und die ist wichtig und natürlich, wenn ich da zehn Teilnehmer oder zwölf Teilnehmer drin habe, kann das halt auch schon mal fünfzehn Minuten dauern. Wenn ich ein neunzig Minuten Webinar habe, sind fünfzehn Minuten natürlich schon viel. Also da sind, ja, einfach ein bisschen merkwürdige Erwartungen, vielleicht auch von Seiten der Unternehmen, so in kurzer Zeit möglichst viel Inhalt da rein zu bringen.

Götz Müller: Wobei wir ja im Grunde beide wissen, oder ich hoffe mal auch manchmal die Auftraggeber sind sich dessen bewusst, dass ja die Aufnahmefähigkeit immer auf eine gewisse Weise eingeschränkt ist und ich persönlich, wenn ich selber mal Teilnehmer bin, find's auch immer anspruchsvoller vor so einem kleinen Kasten da zu sitzen und mich auf das zu konzentrieren.

Gudrun Höhne: Definitiv, definitiv.

Götz Müller: Und ich glaube, wenn du das nicht gewohnt bist, ist das noch mal ein Tick schwerer und da haben wir vielleicht sogar fast den Vorteil.
Gudrun Höhne: Ja, und 90 Minuten nur zuhören kann man ja auch niemanden zumuten. Das würde aber am schnellsten natürlich gehen, ja. Ich kann natürlichen einen neunzigminütigen Minuten Vortrag halten, ohne irgendeine Interaktion mit den Teilnehmern, aber habe ich damit etwas erreicht am Schluss? Das ist halt die Frage.

Götz Müller: Genau. Gut. Das bringt mich schon ein bisschen zum nächsten wichtigen Punkt. Wie gehe ich dann damit um? Und ich glaube ganz zentral natürlich was für einen Einfluss hat es auf meine Trainingsunterlagen, zum Beispiel wenn ich jetzt irgendwo dann Transfer mache aus der Präsenzwelt in die Online-Welt rein, kann ich ja, also zumindest erlebe ich es so, kann ich das nicht eins zu eins übernehmen?

Gudrun Höhne: Nein, definitiv nicht. Das siehst du schon ganz richtig, Götz. Ich muss definitiv mich sehr gut vorbereiten, also ich persönlich muss aus meiner Erfahrung sagen, teilweise ist eine bessere Vorbereitung vonnöten als in einem Präsenztraining. Gegebenenfalls nehme ich mir am Anfang einen Co-Moderator, damit ich wenigstens ein bisschen Unterstützung habe, ja, damit man sich den Ball hin- und herspielen kann. Ich muss irgendwie schauen, dass ich soziale Präsenz schaffe in diesem virtuellen Trainingsraum, also so eine Art Gruppengefühl, Raumgefühl aufkommen lassen und das mache ich halt durch so Warm-up-Runden, ich muss Schweigen besprechen, also Schweigen in einem Online Meeting, wenn die Teilnehmer noch nicht mal ihre Webcam anhaben oder vielleicht sogar ich meine Webcam nicht anhabe, ich habe einen Kunden, der untersagt es, dass man die Webcam anmacht, auch als Trainer, aus Netzwerkgründen. Gerade jetzt unter Corona haben die große Netzwerkprobleme und dann sagen sie „Nein, bitte keine Webcam anmachen.“ und stell dir mal vor, da wäre wie hier in dem Podcast, wir haben jetzt eine Minute komplettes Schweigen.

Götz Müller: Ja, in der Regel kann man auf zwanzig zählen und dann passiert irgendetwas.

Gudrun Höhne: Genau.

Götz Müller: Das ist meine Erfahrung.

Gudrun Höhne: Und genauso so ist es auch in so einem Live-Online-Training. Man muss das Schweigen besprechen, man kann nicht lange Schweigen aushalten, im Präsenztraining schon, aber nicht im Online-Training.

Götz Müller: Okay. Gut, vielleicht ein bisschen mehr noch mal konkrete auf Unterlagen an sich, was ist da so dein Tipp oder deine Empfehlung, auf was sollte ich speziell achten, wenn ich schon fertige Trainingsunterlagen habe, weil ich ein Offline-, ein On-Site-Training gemacht habe?

Gudrun Höhne: Ja, gut. Es kommt natürlich immer darauf an, was für Unterlagen du hast. Also ich selber bin ja auch Präsenztrainerin und arbeite da sehr viel mit Flipcharts. Also diese Flipcharts kann ich für das Live-Online-Training schon mal so ein bisschen in die Tonne treten, natürlich ich kann Bilder machen und die dann in eine PowerPoint reinmachen, aber dann kann ich auch gleich eine PowerPoint-Präsentation machen. Bei den Folien selber, gelten prinzipiell nicht unbedingt andere Regeln, aber es gibt ja sehr viele schlechte PowerPoint-Präsentation, die hast du sicher auch schon mal gesehen. Genau, die kennen wir alle. Die kann man zur Not noch verzeihen, wenn da ein toller Trainer davorsteht und ein bisschen so eine Show abzieht dazu, ja, dann kann man ein bisschen verzeihen, dass die Folien mit Text überladen sind und nicht so toll, vielleicht viel Schrift haben, dass die Teilnehmer sich überlegen „Muss ich jetzt mitlesen oder nicht?“, aber online ist das unverzeihlich, also online muss ich eher viele Bilder haben, viele Grafiken, muss größere Schrift haben, denn die Teilnehmer sind vielleicht mit einem Notebook in dem Live-Online-Training, ja, die müssen das ja auch noch lesen können und das ist mein einziger Wirkraum, also das müssen viel bessere Folien sein als sonst. Und ich muss viel mehr visualisieren. Also zum Beispiel stelle ich mich in einem Präsenztraining vielleicht vor die Gruppe und frage die „Was glaubt ihr denn, in welchem Training hat man mehr Folien, in einem Präsenztraining oder in einem Online-Training?“ In einem Präsenztraining stelle ich mich einfach so vor die Gruppe und habe keine Visualisierung dazu. In einem Online-Training, wenn ich dieselbe Frage stellen möchte, bereite ich dazu noch eine Folie vor, wo ganz groß drauf steht „Quizfrage: Wo hat man mehr Folien, im Präsenztraining oder im Online-Training?“ und dann kommt die Antwort oder dann sollte die richtige Antwort, die lautet einfach „Ja, im Online-Training brauche ich viel mehr Visualisierung wegen des kleineren Wirkraums.“

Götz Müller: Ja und auch, würde ich sagen, du hast es gerade schon angedeutet, eben auch auf der einzelnen Folie weniger drauf, weil ich schlichtweg die Chance …

Gudrun Höhne: Ganz genau. Und deswegen habe ich ja auch mehr Folien, ja, weil vielleicht eine Folie, wo ich sonst eine Folie habe, daraus mache ich dann vielleicht drei oder vier Folien. Definitiv. Größere Schrift. Es muss ja … die Visualisierung dient der Fokussierung der Aufmerksamkeit der Teilnehmer.

Götz Müller: Definitiv. Das ist ein Punkt, glaube ich, in einem Präsenztraining hat man am Anfang auch so ein Regelthema, wie wollen wir miteinander umgehen, welche Erwartungen habe ich als Trainer an die Teilnehmer, was haben vielleicht die Teilnehmer umgekehrt an mich für Erwartungen. Gibt's da Unterschiede in deiner Erfahrung?

Gudrun Höhne: Also so Regeln im Training, was man auf jeden Fall mit den Teilnehmern besprechen sollte, ist, wie man mit dieser Kommunikation, mit dieser anderen Kommunikation umgeht, also es gibt ja Knöpfe, die hat man im normalen Training nicht, soll ich mein Mikrofon stummschalten oder nicht, das muss man besprechen mit den Teilnehmern. Wie dürfen wir den Chat nutzen? Ich habe ja in einem Präsenztraining auch keinen Chat dabei, ja, also darf ich jetzt da jederzeit einfach Fragen stellen? Darf ich auch mal ein lustigen Kommentar reinschreiben oder nicht? Wie gehen wir um mit Störungen? Wenn also bei Teilnehmer A gerade eine Störung ist, weil Kind ist noch im Homeschooling, kommt in den Raum und braucht etwas ganz dringend und man muss eben mal den Platz verlassen, im Präsenztraining würde ich ganz dezent den Raum verlassen und würde mich darauf verlassen, dass der Trainer das ja sieht. Aber im Live-Online-Training, wenn der Teilnehmer keine Webcam anhat, sehe ich nicht, dass er jetzt gerade den Raum verlassen hat. Ja, also wir gehen wir mit solchen Sachen um? Wie soll ich mich zu Wort melden? Ja, wenn ich keine Webcam anhabe als Teilnehmer, dann nützt es ja nichts, wenn ich die Hand hebe. Darf ich einfach reinrufen oder nicht? Also Regeln sind ehrlich gesagt viel wichtiger in einem Online-Training als in einem Präsenztraining. Und auch eben diese Konzentration, das darf man ruhig mal ansprechen, dass man sagt „Ich weiß, ihr wollt alle multitasken wir sind da alle versucht und angeblich geübt drin, aber ihr nehmt am meisten mit, wenn ihr wirklich euch hierauf konzentriert.“

Götz Müller: Bei dem, was du jetzt gerade erzählst, kommt mir der Gedanke, also zumindest erlebe ich es so, dass bei Präsenztrainings ein guter Trainer ja eher die Regeln von der Gruppe abholt, also nicht irgendwie so ein Flipchart macht, wo die Regeln alle schon drauf stehen und das sind die Regeln, zack fertig, sondern man kann so etwas ja interaktiv gestalten. Jetzt waren bei den Dingen, die du gerade genannt hast, ein paar Sachen dabei, wo vielleicht der, in Anführungszeichen, normale Teilnehmer selber gar nicht drauf kommt, dass das wichtig ist. Das heißt, da glaube ich, jetzt um das zusammenzufassen, dass jeder Trainer viel mehr gefordert ist, definitiv auch Vorgaben zu machen.

Gudrun Höhne: Definitiv. Definitiv, Götz, ich würde sogar sagen, obwohl es immer so ein bisschen komisch klingt, dass man ein Online-Training etwas, in Anführungszeichen jetzt, autoritärer moderieren muss. Ich muss ganz glasklare Anweisungen geben, ich kann nicht einfach sagen „Ja Peter, wie meinst du denn das?“, ich muss sagen „Peter, bitte antworte im Chat“ oder „Peter, bitte mach dein Mikrofon an und sprich mit mir“, ja, weil der weiß sonst nicht, weil ich ja sowohl mit den Teilnehmern über den Chat rede als auch über Mikrofon, ja, und deswegen muss ich immer glasklare Anweisungen geben. Es herrscht ganz schnell Chaos und Verwirrung in so einem virtuellen Raum, womit man dann schlecht umgehen kann, auch die Teilnehmer wissen nichts. Zwei fangen gleichzeitig an zu sprechen, also insofern muss ich stärker auf Einhaltung der Regeln auch achten, also insofern ein bisschen autoritärer als normalerweise. Das heißt nicht, dass es weniger Austausch gibt oder so, aber Chaos ist nicht so gut verträglich mit Online-Trainings.

Götz Müller: Gut, aber ich glaube, auch umgekehrt, wenn man das auch grundsätzlich thematisiert, dass man sagt „Leute. Es wird schwieriger und an der ein oder anderen Stelle mache ich halt die klare Vorgabe, nehmt’s mir, in Anführungszeichen, nicht übel, das ist aber einfach meine Erfahrung und folgt mir da halt.“. Ich glaube, man muss es thematisieren, dass man autoritärer auftritt, oder?

Gudrun Höhne: Ja. Kann man auf jeden Fall machen. Es kommt immer darauf an, was ist das Thema des Trainings ehrlich gesagt. Ich mache das nicht immer, also wenn ich natürlich ein Training mache für Trainer oder ein Training zur Online-Moderation, zur Moderation von Online-Meetings, dann thematisiere ich das auch, warum ich da ein bisschen autoritärer bin, aber ansonsten thematisiere ich das gar nicht und bisher hat auch noch kein Teilnehmer irgendwie da etwas gefragt oder gesagt „Meine Güte, Sie waren ganz schön autoritär mit uns.“. Ich glaube, die sind das eher gewohnt und die sind eher erleichtert, denn sie brauchen mehr Struktur. Das ist ein bisschen, wie wenn du blind bist. Ich weiß nicht, Götz, warst du schon mal in einem Dunkelrestaurant?

Götz Müller: Ich habe schon davon gehört, aber die Erfahrung selber habe ich noch nie gemacht, aber ich kann es mir vorstellen, ja.

Gudrun Höhne: Wenn ich in einem Dunkelrestaurant bin, dann sehe ich ja nichts mehr vor Augen. Ja, ich betrete das Restaurant und sehe nichts mehr und dann brauche ich auch jemanden, der mich zum Tisch führt, meistens sind das Blinde oder Sehbehinderte, und der mir genau sagt, was sind hier die Regeln, wo ist mein Stuhl, wo es mein Tisch, wo ist mein Teller, wo ist der Brotkorb und so weiter und in einem Online-Meeting ist es auch ein bisschen so. Besonders wenn die Teilnehmer nicht mit Webcam drin sind, man ist ein bisschen wie blind.

Götz Müller: Okay, gut. Jetzt haben wir viel über Herausforderungen gesprochen, aber ich könnte mir vorstellen, zumindest so auch meine Erfahrung, man hat aber auch gewisse Chancen, also man hat Möglichkeiten, Chancen in einem Online-Training, die ich halt in einem Präsenztraining nicht habe. Da die Frage, was ist deine Erfahrung?

Gudrun Höhne: Man hat durch Online-Trainings viele Chancen, ja. Ich kann zum Beispiel Teilnehmer relativ einfach über einen längeren Zeitraum begleiten, mit kleineren Modulen und sogar Gruppenarbeit zwischen den Modulen machen, was im Präsenztraining durch Reisezeiten und Organisation ja immer ein bisschen schwierig ist. Ja, also da kann ich wirklich ein längeres Training machen und das ganz gut begleiten und dann bekommt man natürlich auch irgendwo, dann lernt man die Teilnehmer auch ganz anders kennen, wenn man sich dann hinterher über einen längeren Zeitraum schon kennt. Natürlich man spart Reisekosten und Reisezeiten. Für die Unternehmen ist es gut, weil sie keine Seminarräume brauchen, also ich habe viele Unternehmen, die haben so ein Seminarinstitut und da sind gibt es immer Raumknappheit. Jetzt, glaube ich, noch mehr unter Corona, weil jetzt haben sie ja oft so Beschränkungen, nur acht Teilnehmer maximal, und da hat man natürlich noch mehr Raumknappheit gleich.

Götz Müller: Wenn wir auf die inhaltliche Ebene guckt, würdest du sagen, gibt's Themen, die einerseits besonders schwierig, aber andererseits auch vielleicht besonders geeignet sind für die Online-Welt?

Gudrun Höhne: Auf jeden Fall. Definitiv. Also besonders schwierig sind zum Beispiel Trainings klassische Präsentationstrainings, Public Speaking, wo es sehr auf die Körpersprache ankommt. Wir beide sind ja beide bei den Toastmasters, wir wissen ja, wie wichtig da die Körpersprache ist und ja, wenn ich halt nur über Webcam mich sehe und die meisten sitzen ja in einem Training, also das heißt, dann sieht man nur meinen Oberkörper maximal, dann geht natürlich viel Körpersprache verloren. Oder Trainings, die so umfangreich sind und sich aber nicht gut in Häppchen teilen lassen können. Vielleicht sehr persönliche Themen, Persönlichkeitsentwicklung, könnten auch ein bisschen schwieriger werden und natürlich alles, wo ich so physische Interaktion und Gegenstände brauche, also kannst du dir die Ausbildung zum Koch vorstellen nur Live Online oder eine Ausbildung zum Physiotherapeuten.

Götz Müller: Speziell bei zweiterem. Beim Koch könnte ich es mir vielleicht sogar vorstellen, ich kriege es am Rande so ein bisschen mit, das gibt es durchaus sogar, aber bei einem Physiotherapeuten, wenn es physisch wird, ja, das stelle ich mir schwer vor.

Gudrun Höhne: Und natürlich gibt es aber auch Themen, die besonders gut geeignet sind, also ich sage mal so, vielleicht reine Fachthemen, Theorievermittlung könnte man natürlich auch einfach rein online machen, also nicht live online, dass man den Teilnehmern einfach über ein Portal irgendwelche Inhalte schickt und die das zu ihrer Zeit machen können, aber ansonsten so kleinere Sachen wie Update-Schulung, Auffrischung und natürlich und nur aus dem Grund mache ich ja schon seit 2012 Webinare, die Themen virtuelle Zusammenarbeit und virtuelle Führung, die ja meine Hauptthemen sind, die haben die eignen sich natürlich auch für ein Webinar. Ja und das Thema Online-Moderation, also wie moderiere ich ein Online Meeting, wie moderiere ich ein Online-Training, das macht natürlich mehr Sinn sogar, das online zu machen als in Präsenz.

Götz Müller: Das stelle ich mir sogar, wenn ich mir das mal kurz vor meinem geistigen Auge vorstelle, stelle ich mir das extrem schräg vor.

Gudrun Höhne: Das habe ich schon gemacht. Ich bin schon mal zu einem Kunden gefahren und habe einen Tag ein Präsenztraining gemacht dazu, wie man Live-Online-Trainings besser gestaltet. Die wollten unbedingt ein Präsenztraining haben und wir haben dann in dem Präsenztraining immer wieder Praxismodule gemacht, wo dann die Teilnehmer sich verteilen mussten im Gebäude und dann über ein virtuelles Klassenzimmer miteinander verbunden waren, ja, aber natürlich ist ein bisschen schräg.

Götz Müller: Mir kommt da gerade eine andere Situation in den Sinn, es gibt ja Situationen, gerade wenn es um Moderation oder wenn dieser Auftritt selber im Vordergrund steht, dass man so etwas dann per Kamera aufnimmt und das wäre dann im Grunde um 180 Grad gedreht in so einer Situation. Ja, ich stelle es mir spannend vor.

Gudrun Höhne: Genau.

Götz Müller: Gut. Gibt's noch irgendetwas, vielleicht wo wir jetzt noch gar nicht darüber gesprochen haben, wo du sagst, dass ist unheimlich wichtig, an das muss man denken?

Gudrun Höhne: Na ja, ich glaube, wir haben darüber gesprochen, dass Interaktion sehr, sehr wichtig ist und vielleicht öfter mal eine Pause machen, eher so nach kleineren Einheiten auch schon eine Pause machen, also ich empfehle zum Beispiel nach fünfzig bis sechzig Minuten, aber ansonsten ist eine Sache daran, da denkt man am Anfang nicht so dran als Trainer und vielleicht auch in der Personalentwicklung ist es auch wichtig. Die Organisation von solchen kürzeren Webinaren ist durchaus teilweise herausfordernder wegen der so kurzen Formate und der vielen Termine, die man dann hat. Ja. Die Teilnehmer dann zu so vielen Terminen zusammenzubekommen und gleichzeitig auch den Trainer, ja, da gemeinsame Termine zu finden, wenn man so viele Termine hat, ist teilweise viel schwieriger als wenn man einen Präsenztag hat irgendwo, einen ganzen Tag. Und vielleicht noch eine Sache habe ich, glaube ich, auch mal kurz angesprochen, man muss irgendwie gucken, wie geht man mit dieser mangelnden Verbindlichkeit um der Teilnehmer. Also, dass eben Teilnehmer sich anmelden und dann vielleicht gar nicht erscheinen. Das hat man ab und zu auch mal im Präsenztraining, aber im Live-Online-Training passiert es noch öfter, ja, und da muss dann schon, wenn die Personalentwicklung das Training organisiert, müssen die halt schauen, wie sie damit umgehen, dass sie das verhindern, weil ansonsten hat man dann statt acht oder zehn Teilnehmern auf einmal nur drei Teilnehmer da sitzen und das ist natürlich nicht Sinn der Sache, ja.

Götz Müller: Ich habe schon teilweise die Erfahrung gemacht, dass man noch mehr auf die Teilnehmer achten muss, im Sinne von, weil es, ich finde, es ist ein Stück weit anstrengender, Teilnehmer zu sein und als Trainer bin ich auch viel mehr gewohnt, vor allem weil ich ja auch aktiv bin, diese Aufmerksamkeit für mich selber hochzuhalten und also diese Aufmerksamkeitsdistanz, möchte ich's mal nennen, zwischen Trainer und Teilnehmer, um dann ein Stück weit nicht in die Gefahr zu laufen, Teilnehmer schlichtweg zu überfordern, was die Aufmerksamkeit angeht, oder?

Gudrun Höhne: Ja, klar. Man muss sich vielmehr so Zwischenfeedbacks geben lassen, ja, ganz bewusst verbalisiert. Gerade wenn man die Körpersprache der Teilnehmer nicht sieht, ja, wenn man da eben erstmal ja kein Gefühl hat, wie man es sonst im Präsenztraining hat. Also immer wieder Feedback geben lassen, zwischendurch mal kurz zu Fragen im Chat stellen, gucken was da kommt und, ja, die Gefahr ist einfach da, dass man vielleicht mal einen Teilnehmer überfordert oder aber auch unterfordert, das kann genauso gut sein, ja, dass die Teilnehmer denken, jetzt komm doch mal in die Pötte, mach doch mal schneller. Das kann beides sein. Und im normalen Präsenztraining verbringt man ja meistens auch die Pausen mit den Teilnehmern und spätestens in der Pause kriegt man dann schon so ein erstes Feedback. Bei so Webinaren verbringt man meistens die Pausen nicht zusammen und deswegen muss man sich überlegen, wie kriege ich dann so dieses Feedback, um eventuell hier und da je nach Teilnehmergruppe noch ein bisschen gegenzusteuern.

Götz Müller: Ich guck jetzt mal so in Richtung Uhr, wir sind über die 25 Minuten weg, das passt gut, was ist so ein bisschen zum Abschluss, was ist so dein Tipp, deine Empfehlung, entweder falls mal jetzt ein Trainer zuhören sollte oder halt jemand, der vielleicht innerbetrieblich in solchen Situationen ist, wie gestalte ich diesen Umstieg am besten von der Präsenzwelt in die Online-Welt, also sprich wie fange ich konkret an?

Gudrun Höhne: Na gut, da gibt's mehrere Wege. Ich denke mal, dass jetzt wahrscheinlich gerade durch die Corona Krise viele so einen Crashkurs bekommen haben, aber normalerweise wäre es natürlich schöner, wenn man einen leichteren Umstieg hat, also nicht so einfach ganz plötzlich ins kalte Wasser wird. Zum Beispiel wäre eine Möglichkeit, dass man erstmal anfängt mit so einer Art Blended-Learning, ja, dass man erst ein Präsenztraining macht und das vielleicht begleitet mit einem anschließenden Webinar, ja, zur Auffrischung, zum Austausch, weil dann kennt man die Teilnehmer schon, dann fühlt man sich wohler, die Teilnehmer kennen auch den Trainer oder die Trainerin schon und das ist ein bisschen wärmerer Einstieg zum Beispiel. Dann sollte man sich als Trainer gut vertraut machen mit der Technik, also man sollte sich mal überlegen, was für virtuelle Klassenzimmer gibt's denn, womit möchte ich vielleicht arbeiten und sich, wenn man mit der Technik wirklich viel schon geübt hat, dann gibt einem das ganz viel Sicherheit. Man kann selber ganz viel als Teilnehmer schon mal an Webinaren teilnehmen, hast du ja bestimmt auch ganz oft schon gemacht, ja, weil da lernt man auch schon ganz viel. Dann kann man nämlich reflektieren „Das hat der gut gemacht und das hat er nicht so gut gemacht.“, ja. Man kann sich am Anfang einen Co-Moderator dazu nehmen, ja, der dann einfach ein bisschen erfahrener ist, der einen unterstützt und hilft, da wo es geht, damit man eben nicht ganz alleine ist, wenn irgendwelche Probleme auftauchen. Und man kann natürlich irgendeine Art von, da gibt's ja von 0 bis 100 alles, eine Weiterbildung machen zum Online-Trainer, ja. Das gibt's natürlich auch. So im Kleinen biete ich das ja auch an, aber wirklich nur im Kleinen, aber es gibt ja da auch richtig längere Ausbildungen, die da über, was weiß ich, vielleicht ein halbes Jahr oder so gehen.

Götz Müller: Ja. Das nehme ich gerne noch in die Notizen die Information von dir dazu. Vielleicht ist das für den ein oder anderen interessant und kommt vielleicht auf dich zu oder kann sich da noch weitere Informationen holen.

Gudrun Höhne: Gerne.

Götz Müller: Prima. Gudrun, ich danke dir für deine Zeit. Ich fand das eine spannende Unterhaltung.

Gudrun Höhne: Danke, Götz. Ich fand es auch schön.

Götz Müller: Prima.

Gudrun Höhne: Und dann wünsche ich dir auf jeden Fall einen schönen Freitagabend noch und ein schönes Wochenende.

Götz Müller: Danke, wünsche ich dir auch.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Gudrun Höhne zum Thema Trainingsprozesse in der Online-Welt. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 208.

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Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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