Kaizen 2 go 257 : Lean in der Schreinerei


 

Inhalt der Episode:

  • Was war Ihr Auslöser sich mit Lean & Co. zu beschäftigen?
  • Welchen Nutzen haben Sie bis daraus ziehen können?
  • Wie sehen Sie den scheinbaren Widerspruch Lean der Massenproduktion vs. Lean im Handwerk der Unikate?
  • Wie sahen die Reaktionen Ihrer Mitarbeiter aus? Wie konnten Sie Ihre Mitarbeiter dafür gewinnen?
  • Welche Reaktionen haben Sie von “Kollegen” in der gleichen oder anderen Handwerksbranchen bekommen?
  • Wie wird sich das Thema in der Zukunft noch entwickeln?
  • Welchen Tipp geben Sie Handwerkskollegen, die sich dem Thema Lean & Co. nähern wollen? Wie/wo sollten sie beginnen?
  • Was würden Sie mit dem Wissen und der Erfahrung von heute anders machen, wenn Sie nochmal neu in das Thema einsteigen würden?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 257 : Lean in der Schreinerei

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Mario Esch bei mir im Podcast-Gespräch, er ist Inhaber einer Möbelschreinerei. Hallo Herr Esch!

Mario Esch: Hallo Herr Müller!

Götz Müller: Ja, klasse, dass das heute funktioniert. Ich meine unter Möbelschreinerei, glaube ich, haben die meisten irgendwie ein gewisses Bild, aber sagen Sie gerne mal zwei, drei Sätze zu sich als Person, auch durchaus das Element, was ihre Schreinerei angeht.

Mario Esch: Ja, also ich bin der Mario Esch, Gründer und Inhaber von „Mario Esch Ihr Möbelschreiner“ und letztendlich ist der Name Programm. Das hat also einen Grund, warum das „Ihr Möbelschreiner“ heißt, wir bauen Möbel und Einrichtungen hauptsächlich im privaten Bereich, auch Objekte und Gewerbe, aber hauptsächlich halt für Privatkunden und sind auch keine all-round-Schreiner, wie man das vielleicht auch manchmal kennt mit Boden, Decke, Türen und so, sondern wirklich spezialisiert auf den Möbelbau.

Götz Müller: Und ich glaube, und das wird mit Sicherheit in unserem Gespräch dann auch rauskommen, eben auch sehr individuell und das ist natürlich andererseits auch das spannende Spannungsfeld, was Lean angeht. Und da vielleicht zum Einstieg natürlich die logische Frage, finde ich es schon fast, weil ich jetzt nicht so viele, im Grunde, wenn ich darüber nachdenke, sind Sie der einzige Möbelschreiner, der sich mit Lean beschäftigt, was war so der Auslöser für Sie?

Mario Esch: Ja, das liegt schon einige Jahre zurück, als ich beruflich zu tun hatte, beziehungsweise ich war in einer Fertigung mit 60 Mitarbeitern, das war noch ein holzverarbeitender Betrieb und da hat man einfach oder ich habe mir da Gedanken gemacht, wie man das besser organisieren können, da waren doch Dinge, die doppelt macht wurden oder die Beschaffung von irgendwelchen Arbeitsmitteln am Arbeitsplatz war echt furchtbar umständlich und ich habe mir da mal Gedanken gemacht, ob es da nicht etwas anderes gibt und damals war so der, ich habe damals berufsbegleitend Betriebswirt studiert und da war auch so das Toyota-Prinzip irgendwann mal, kam zur Sprache und über diese Geschichte bin ja nicht zu Kanban und Lean gekommen letztendlich, also dass man das einfach schlanker aufstellt, dass sich das Stück weit auch selbst organisiert und nicht immer jemand braucht, der das anstößt. Das ist so die Geschichte eigentlich, wie gesagt, das liegt schon über 20 Jahre zurück und da waren so die Anfänge, wie das dann losging.

Götz Müller: Sehr spannend, weil da habe ich schon mal die zwei klassischen Themen rausgehört, vor allen Dingen das eine klassische Thema, sich selbst organisierend. Und dann in der Stelle vielleicht auch, dass die Zuhörer da eine Vorstellung haben, jetzt auch mit diesem Thema Individualität, was ist jetzt dann ganz praktisch der Nutzen, den Sie, jetzt in Ihrer Schreinerei aus dem Thema Lean und Co ziehen?

Mario Esch: Also wir haben ja das oder ich, durch die lange Dauer, wo ich mich damit beschäftigt habe, hat sich ja das immer ein bisschen natürlich in Einrichtung Schreinerei, was gibt's da für Anwendungsmöglichkeiten oder was können wir da verbessern im Arbeitsablauf und ganz am Ende war es dann so, dass wir uns 2017, also 2015 habe ich gegründet, eine ganz kleine so eine Meister Eder Schreinerei übernommen, ganz alte Maschinen, ganz kleine Räume und so und da haben wir uns mal zwei Jahre versucht und das ging ganz gut und die Kunden haben es uns praktisch bestätigt durch das, dass sie immer mehr wurden und dann war der Fokus auf einem neuen System, wenn wir Mitarbeiter einstellen, dann mussten wir eine andere Werkstatt haben und das ein bisschen zu organisieren, das war so ein bisschen der Punkt und, wenn man nicht mehr alleine produziert, was ja am Anfang der Fall war, wie organisiere ich das, dass meine Mitarbeiter in Losgröße 1, also individuelle Möbel für verschiedene Kunden, wie kriegt man das kommunikationsmäßig und auch Materialfluss und solche Dinge, wie kriegt man das hin. Das war so der Start jetzt für die heutige Fertigung, was wir jetzt haben.

Götz Müller: Jetzt habe ich es ja eingangs gesagt und Sie haben es auch gerade noch mal gesagt, Losgröße 1, und verbunden mit dem Thema individuell, eine Möbelschreinerei, nicht die Ikeas dieser Welt, da begegnet mir ganz oft dieser Widerspruch und dann damit gekoppelt auch diese Aussage: „Ja, wir bauen ja keine Autos, funktioniert bei uns nicht.“ Ich höre bei Ihnen raus, bei Ihnen wird es definitiv anders gewesen sein, aber ich schätze mal, Ihnen begegnet gegen dieser Widerspruch oder diese Aussage, diese, vielleicht Ungläubigkeit, wahrscheinlich trotzdem.

Mario Esch: Ja, natürlich. Also der Widerspruch Handwerk und Industrie, das hört man immer raus, tatsächlich ist es so, dass in Industriebetrieben oder in größeren Betrieben sich Personengruppen oder Teams sich damit beschäftigen, so ein Lean-Projekt umzusetzen und vorzudenken, sage mal, bevor man dann auf Mitarbeiter losgeht und sagt „Okay, jetzt haben wir uns was ausgedacht, was denkt ihr darüber?“ und so und Losgröße 1 ist ja nicht nur ein Problem der Industrie, sondern im speziellen eigentlich im Handwerk und es gibt ja verschiedene Kundenabsprache, also bei uns ist kein Schrank wie der andere, kein Produkt ist wie das andere, aber dennoch gibt's ja Dinge, die sich wiederholen. Also die Konstruktionsprinzipien wiederholen sich, die Materialien wiederholen sich, also die Abläufe sind, ich will nicht sagen immer ident, aber doch immer sehr ähnlich und damit man nicht immer das Rad immer neu erfinden muss, muss man sich schon Gedanken machen, um Möbel in diesen Losgrößen oder Stückzahl 1 dann auch, ich sag jetzt mal, so herzustellen, dass das der Mensch auch noch kaufen kann, also dass das erschwinglich bleibt. Genau, das ist so ein bisschen der Spagat. Und ich würde eigentlich sagen, weil Sie vorher gesagt haben in der Industrie, ja, wir sind eben keine Industrie, das geht dann nicht, also ich würde halt aus meiner Sicht sagen, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne ginge.

Götz Müller: Ja, finde ich absolut cool. Also mir persönlich geht das runter wie Öl. Ja, okay. Jetzt kenne ich natürlich auch, weil ich eben Kunden im Handwerk habe, und selbst wenn der Inhaber sagt „Hey, coole Sache“, schreien das nicht alle Mitarbeiter so und da auch noch mal hinterfragt, wie sahen die Reaktion Ihrer Mitarbeiter aus, die ja vermutlich nicht, wie Sie, das, ich nenne es mal das Glück hatten, im Rahmen einer Betriebswirt des Handwerks, wahrscheinlich, Weiterbildung, mit dem Thema konfrontiert zu werden.

Mario Esch: Ja, das ist ein sehr spezielles Thema und da gibt's auch, ich sage jetzt mal, verschiedene Mitarbeiter, die jetzt da, ich will nicht sagen Ablehnung, aber eher mit Skepsis der Sache begegnen, weil sie es halt bislang nicht kannten. Und da muss man halt sehr vorsichtig umgehen damit und ich würde auch sagen, man muss auch den Nutzen für die Mitarbeiter darstellen. Also wir machen ja nicht lean oder wir machen auch nicht mit der Digitalisierung, wie wir es heute machen, das machen wir ja nicht zum Selbstzweck, sondern wir wollen ja irgendetwas erreichen, also wir wollen unsere Qualität verbessern, die Vollständigkeit der Aufträge, die Kommunikation verbessern, dass jeder weiß, was er zu tun hat und ich glaube, das ist das größte Problem im Handwerk, das immer abzustimmen, dass jeder weiß, wo stehen wir denn gerade oder was ist denn jetzt eigentlich der nächste Schritt und ich glaube, wenn man das darstellen kann und dann auch halt übt, übt und macht, dann kriegt man auch die Mitarbeiter mit.

Götz Müller: Ja, also ich, wie gesagt, auch da rennen Sie bei mir persönlich offene Türen ein, dieser Aspekt, was habe ich davon, oder auf Englisch sagt man immer so „What's in it for me?“ und das muss man, glaube ich, eben auch am Anfang zumindest, ein bisschen, ja, kommunizieren, da kommt halt nicht jeder, ich sage es mal ein bisschen flapsig vielleicht, da kommt nicht jeder selber drauf, da träumt man nicht nachts davon.

Mario Esch: Ja, wobei, ich muss jetzt sagen, also auch, wir haben einen angestellter Meister, der sich dort auch, er kannte das bislang auch nicht in seine vorigen Stationen und der hat das jetzt doch auch wertgeschätzt, dass man dann verschiedene Möglichkeit hat. Und was ein ganz großes Thema ist, und da ist eigentlich das Handwerk prädestiniert, diese kurzen Wege und einfach zu sagen „Also komm, wir probieren es mal“, weil einfach auf dem Reißbrett funktioniert das nicht. Also das ist einfach so, wir können das alles in der Theorie alles ausarbeiten und wunderschön darstellen, wir müssen es ja umsetzen und wir müssen es probieren, wir müssen es einfach machen und wenn das so ein Team noch nie gemacht hat, dann müssen wir einfach mal losrudern, und dann sehen wir schon nach kurzem Weg, wo wir kommen jetzt raus, hat das den gewünschten Effekt oder müssen den Kurs korrigieren und das finde ich so spannend, dass man dann auch die Mitarbeiter mit ins Boot holt und sagt „Ok, komm, wir probieren das mal aus“ und dann nach kurzer Zeit fragt man wieder „Wie ist das jetzt gelaufen, war es besser, war es schlechter, was müssen wir ändern, dass es besser wird?“ Ich glaube, das ist so der Weg, dieses ins Machen kommen.

Götz Müller: Ja, und da beneide ich ein Stück weit speziell die Holzverarbeitung, ich habe selber da vom Elternhaus her einen Hintergrund, da beneide die natürlich immer im Vergleich zu vielen anderen Industrien, aber auch manche im Handwerk, wenn man halt mal irgendwas braucht, irgendwas in Anführungszeichen, basteln will, dann hat man ja die Sachen vor Ort, man kann’s ja wirklich selber machen und das, glaube ich schon, da ist seit vielen anderen Branchen, und speziell eben Industrie, gar nicht bewusst, was das Handwerk da für eine echte große Chance hat, weil mal geschwind, viel schneller etwas macht, wie jetzt wenn ich jetzt an irgendeinen großen Automobiler oder Automobilzulieferer denke, der dann so Betriebsmittel-Entwicklung und schlag mich tot hat, wo man dann erstmal Antrag in fünffachem Durchschlag ausfüllen muss, bis man überhaupt was zum Ausprobieren hat.

Mario Esch: Ja, vor allem muss man halt in einem größeren Betrieb, ich war auch schon in größeren Betrieben, da ist der Weg bis man jemandem erklärt, was eigentlich gut wäre oder was man für gut hält, bis das dann dorthin wandern bis das dann mit entschieden werden muss und dann wieder zurückwandert und das, was Sie sagen, also diese Mittel, also wenn wir so ein Whiteboard brauchen, das ist das dauert genau drei Minuten dann hängt das an der Wand, das sind halt die Dinge oder so ein Stecksystem haben wir für unsere, was wir noch in Papier haben, sind so kleine Auftragskarten für kleinere Aufträge, alles andere läuft eh digital, aber das ist dann noch als Stecksystem. Und wenn wir so ein Stecksystem brauchen, dann sage ich mal, das dauert nicht nur drei Minuten, das dauert etwas länger, aber das hängt am gleichen Tag noch an der Wand. Also das stimmt schon, das sind die kurze Entscheidungswege, aber auch in der Umsetzung sind wir natürlich, wenn wir einen Tisch brauchen, wie gesagt, der ist relativ schnell fertig, also das heißt, das kommt uns schon entgegen, das muss man sagen.

Götz Müller: Da gewinnt dann dieser Spruch mit der Axt und dem Zimmermann natürlich noch mal eine doppelte Bedeutung.

Mario Esch: Ja, absolut, ja genau.

Götz Müller: Gut. Jetzt haben wir über Mitarbeiter gesprochen. Natürlich haben Sie jetzt im weitesten Sinne auch Kollegen, also andere, vielleicht Möbelschreiner oder andere Handwerksinhaber, Betriebsinhaber, was sind so die Reaktionen, die Sie da bekommen, sagen die dann vielleicht zum Teil auch „Bleib mir bloß fort damit.“ oder ist da auch durchaus, das fände ich ja sehr erfreulich, durchaus auch ein „Was macht ihr da, wie macht ihr das, könnt ihr uns das mal erklären?“

Mario Esch: Also das ist ein schwieriges Thema. Ohne da jemandem auf die Füße treten zu wollen, die Erfahrung hat gezeigt, also wir haben ja auch relativ viel Fachpresse, also bundesweit, und tatsächlich ist es so, dass um uns herum zwar dieses Interesse grundsätzlich, dass man dann mitkriegt, die beobachten schon, was man so tut, aber nicht direkt gefragt wird, also aus dem Umfeld und wenn es dann weiter weggeht, also wir haben jetzt letzte Woche einen Kollegen mit seiner Frau, der jetzt baut, der ist deutlich größer wie wir jetzt momentan, aber der baut jetzt und hat das in der Presse gelesen, also in der Fachpresse bei uns und der war dann mit seiner Frau hier bei uns, einfach, dass er sich informieren kann und wir haben da einen echt tollen Austausch gehabt einen ganzen Mittag lang und das findet nur mit gewisser Distanz statt und ich schließe daraus, dass das irgendwie mit Konkurrenzdenken oder irgendwie so zu tun hat, dass jetzt da irgendwie das leider, also ich gebe mir da wirklich viel Mühe, aber ich schaffe das nicht, dass man da diese Hemmschwelle im Umfeld einfach abbaut, dass man sich da austauscht.

Götz Müller: Ja, ich glaube persönlich, das sind halt auch kleine Schritte. Ich entsinne mich da an eine Episode, an mehrere Episoden, mit jemandem aus dem Kölner Raum, wo einerseits, die Episode ist noch gar nicht online, wenn ich drüber nachdenke, wo jemand aus der Werbetechnik ein Holzbauunternehmen quasi coacht, gecoacht hat, weil die fast Nachbarn sind und da dann natürlich jetzt, beides Handwerk, ja, aber völlig andere Branche und da, ich meine, ich hatte jetzt das Glück, dass ich sie beide kenne, da wahrnehme, dass ein unheimlich intensiver Austausch da ist, weil man natürlich, wie Sie sagten, da eher keine Konkurrenz hat.

Mario Esch: Ja, das könnte ich mir vorstellen. Allerdings, wir haben zu anderen Handwerkern natürlich Kontakt, teilweise mit gut organisierten, gerade im Sanitärbereich, haben wir in einen Freund, der sein Unternehmen relativ gut strukturiert hat, nach meinem Empfinden, ich bin jetzt kein Sanitär, aber was ich so sehe, was er erzählt, das ist echt gut gemacht, finde ich, und da spricht man jetzt so darüber, aber wir sind oder wir haben das Thema, wir sind ein produzierendes Gewerk und andere sind ja, gerade im Sanitär-Heizung oder Elektrobereich, das sind ja Bereiche, Handwerken, die montieren ja viel und da haben wir natürlich nicht so Schnittmenge wie jetzt mit einem, also ich könnte mir jetzt vorstellen mit einem Schlosser, Stahlbau, der produziert, da könnte ich mir das jetzt vorstellen, aber leider haben wir da jetzt auch noch nichts zusammengebracht. Ich bin da auf mehreren Ebene unterwegs und auch in Richtung Handwerkskammer, war schon der Wunsch, dass man mal so einen Stammtisch oder so eine Zusammenkunft von Betrieben, die ähnlich denken in Richtung Lean, in Richtung Digitalisierung, also dass man das mal irgendwie von dort aus und da mal die Firmen zusammenführt, dass man da einen Austausch hat.

Götz Müller: Ja, ich finde, davon lebt Lean ja auch ein Stück weit, von diesem Austausch. Ich höre es bei Ihnen raus, ich kann es für mich selber in Anspruch nehmen, so ein gewisses Sendungsbewusstsein, glaube ich, was das Thema Lean angeht, haben wir alle schon irgendwie, oder?

Mario Esch: Ja. Manchmal muss ich mich auch zurücknehmen und auch das Thema Lean oder Digitalisierung oder generell Abläufe, ich will ja niemanden missionieren. Also das ist einfach so, das ist so leicht grenzwertig, ich bin sehr euphorisch und sehr begeistert von den Möglichkeiten, die jetzt bei uns da wahrgenommen werden und da ist das manchmal ein bisschen, da kommt es manchmal rüber, wie wenn man sagt, okay, das ist das einzig richtige. Also grundsätzlich ist es halt so, dass jeder für sich selber entscheiden muss, was für ihn gut ist oder nicht und man kann ja bloß so einen Anstoß geben oder sagen „Mensch, denk mal drüber nach.“, aber ja, wenn man da mit viel Begeisterung darüber spricht, dass das dann einfach manchmal ein bisschen falsch aufgenommen wird und da vielleicht auch ein bisschen so die Hemmschwelle sich aufbaut, keine Ahnung. Könnte sein.

Götz Müller: Ja, kann ich durchaus nachvollziehen, aber ich meine, man hört es bei uns beiden ja raus, Schwaben und so, für mich gilt dann immer so das Motto „wer net will, hat g’ket“.

Mario Esch: Ja genau. Also, wie gesagt, also ich will auch nicht missionieren und von daher, wenn jemand Interesse hat und eine Frage dazu hat, beantworte ich gern und umfassend, also so, dass man da einfach einen Austausch hat, aber aufzwingen tu ich mich jetzt auch nicht. Also das ist tatsächlich so, dass, ja.

Götz Müller: Jetzt haben Sie ja gesagt, dass Sie das Thema im Grunde schon vor 20 Jahren, habe ich rausgehört, kennengelernt haben, und jetzt bei sich selber seit knapp fünf Jahren, wenn ich es richtig verstanden habe, leben, wie sehen Sie für sich noch so die nächsten Schritte, ich meine, die Digitalisierung war ja auch ein Stichwort, was jetzt ja auch nicht unbedingt der Klassiker ist im Handwerkskontext, wie sehen Sie für sich die weitere Entwicklung des Themas?

Mario Esch: Also, dieses Lean und Digitalisierung sehe ich natürlich noch nicht am Ende, weil die Möglichkeiten, das, was Digitalisierung betrifft, da stehen wir ja noch am Anfang in Deutschland oder generell in der Arbeitswelt und im Handwerk insbesondere, also da sind wir ja wirklich noch ganz, ganz, ganz weit hinten, wenn man da an Themen denkt wie KI oder so, da kratzen wir noch nicht mal an der Oberfläche, also da wird schon noch einiges kommen, was uns die Wissenschaft bietet und das lässt sich schwer einschätzen, wie schnell das geht. Meistens geht es schneller als man denkt, aber es wird auch bei uns im Handwerk noch viel passieren, auch bei uns im Betrieben, wir sind ständig am Weiterentwickeln. Also das ist nicht so, dass wir uns irgendwann mal etwas ausmacht haben und das ist dann der Status und da bleiben wir, sondern da kommen ja immer neue Ideen dazu. Und das macht ja auch so Spaß. Das ist so ein Thema auch mit unseren Entwicklern, die wir jetzt mit digitalen Apps, was wir nutzen, dass mir praktisch denen wieder Feedback „Hey, habt ihr schon darüber nachgedacht, da gäb’s doch die Möglichkeit, dass wir das noch weitertreiben und das und das mal aufnehmen“ und dann sagen die „Ja eigentlich eine coole Idee, da müssen wir mal drüber nachdenken“ und das geht so Stück für Stück hoch und dann kommen die mal wieder ums Eck mit einer Idee. Also das Entwickeln ist tatsächlich so ein Punkt, wo ich sehr begrüße, dass auch Software, oder egal wer, Maschinenbauer, dass die jetzt auch dem Nutzer, dem Anwender zuhören und das dann in ihre Entwicklung miteinfließen lassen, also von daher denke ich, das ist eigentlich erst der Start für solche Projekte, also da wird noch viel kommen.
Götz Müller: Was wäre so Ihr Tipp, wenn wir uns vielleicht den ein oder anderen Zuhörer uns vorstellen, dem wir jetzt den Mund wässrig gemacht haben, vielleicht aus dem Handwerk-Kontext oder halt aus einem anderen Kontext, der sagt „Hey, coole Sache, da höre ich den Herrn Esch so begeistert darüber reden, wie fange ich da an?“, was wäre so Ihr Tipp? Vielleicht auch vor dem Hintergrund, dann ein nächster Schritt oder eine nächste gleich angehängte Frage, mit dem was Sie jetzt heute wissen in den 20 Jahren, und ganz intensiv in den fünf Jahren, was würden Sie vielleicht auch anders machen, wenn Sie heute noch mal anfangen würden?

Mario Esch: Also was mal den ersten Teil der Frage, also was andere Handwerkskollegen was ich da oder generell was ich als Tipp aus heutiger Sicht sagen kann, ist die Sache, dass man sich seine Prozesse aufzeichnen muss. Als das ist der erste Schritt. Man muss einfach die Prozesse … praktisch ein Kunde ruft an, bestellt irgendwas, was passiert oder was muss danach passieren, das muss man wirklich aufschreiben, sonst hat man das gar nicht vor dem Auge und das hat uns eigentlich gebracht, also am Anfang mit Papier, aber es gibt ja auch verschiedene Software-Lösungen, wo man das dann leichter verschieben kann und abbilden, aber man kann das mit einem Whiteboard machen, mit Post-its, das ist völlig egal, die Technik, wie man's macht, ist egal, aber man muss die Prozessschritte, jeden einzelnen abbilden und dann sich überlegen, wie kann man das besser organisieren und welche Prozessschritte fallen damit raus und das war so bei uns das Plakative, wenn das mal an der Wand hängt, wir hatten also wirklich Prozesse, da haben wir vorher 16 Prozessschritte gebraucht, bis das dann soweit war bis zum nächsten Step und haben zehn Prozessschritte rausgekürzt und das finde ich sehr wichtig. Und für Handwerker generell ist ja wichtig, also man nimmt ja was in die Hand oder sieht was, ich glaube, das ist dann für die Mitarbeiter richtig gut und plakativ einfach, das lässt sich da darstellen. Das ist also, für uns war das sehr wichtig.

Götz Müller: Und so zum Abschluss, wenn Sie heute noch mal anfangen würden, gibt es irgendwas, wo Sie sagen „Das würde ich heute anders machen.“?

Mario Esch: Grundsätzlich würde ich nichts anderes machen, also so von der Sache her. Was vielleicht am Anfang, vom Lernen, was wir jetzt gelernt haben, noch offener mit Mitarbeitern denken und diskutieren. Also am Anfang habe ich vielleicht den Fehler und Fehler will ich nicht mal sagen, einfach den Weg gewählt, viel selber zu denken und weiter zu denken und weiter zu denken und war dann praktisch den anderen, wo ich dann mit der Idee ums Eck kam, schon fünf oder sieben Schritte voraus und die anderen dann wieder abzuholen, wo man eigentlich gedanklich herkommt und warum das dann vielleicht so gut sein könnte, da war die Distanz manchmal schon zu groß und das würde ich vielleicht oder das mache ich heute auch anders. Also wenn heute eine Idee aufploppt, dann denke ich schon darüber nach, macht das Sinn oder wie könnte das Sinn machen, aber dann werden unsere Mitarbeiter und auch unser Meister relativ schnell ins Boot genommen und dann besprechen wir das einfach offen. Also das kann auch nur raten. Natürlich ist es betriebsgrößenabhängig. Ich kann, wenn einen Betrieb habe mit 70 Leuten, nicht ständig mit 70 Leuten diskutiere, ob das gut oder schlecht ist, vor allem, wenn es in Bereichen stattfindet, wo die gar keinen Einblick haben, aber so in dem engen Team, das auch direkt betroffen ist oder das dann auch profitiert davon, die sollte man relativ schnell mitnehmen und nicht erst, wenn das Ding fast schon fertig ist. Also das nehme ich mir heute zu Herzen.

Götz Müller: Ja, das ist ja eben auch eine Chance, wie Sie es schon gesagt haben, die Menschen da mitzunehmen auf diesem Entwicklungsweg und Ihnen da selber noch eine Chance zu geben, sich persönlich weiterzuentwickeln.

Mario Esch: Ja, genau. Und vor allem ist es halt so, auch in unserem kleinen Betrieben, wir sind sieben Mitarbeiter, also inklusive zwei Auszubildende, selbst in diesem kleinen Betrieb gibt es Arbeitsgänge, in denen bin ich nicht mehr täglich drin. Also das heißt, ich bin da gar nicht so sehr an der Basis, ich kann das alles selber machen oder könnte, aber ich bin da nicht so wie einer, der das jeden Tag macht und wenn einer das jeden Tag macht und mit den ganzen Instrumenten, die wir haben, fallen dem natürlich auch schneller gute Lösungen ein, wie wenn man sich da wieder frisch eindenken muss. Also man profitiert ja gegenseitig von der ganzen Geschichte.

Götz Müller: Ja, oder eben auch der Aspekt, der mir immer wieder begegnet, diese Frage in den Raum zu stellen: Hey, was nervt dich eigentlich tagtäglich? Und wie Sie es gesagt haben, wenn man halt nicht mehr so dicht dran ist, wenn man die Tätigkeit zwar im Grunde kann, weil man es ja mal gelernt hat, aber halt nicht mehr tagtäglich ausführt, dann fällt dieser Aspekt „Hey, was nervt mich da?“, fällt da halt einfach ganz praktisch weg.

Mario Esch: Ja, klar und dann ist es ja irgendwann auch so in einem Betrieb, und das ist auch dieser Tipp, dass man ein bisschen rausschaut. Also die Dinge neudenken, heißt ja auch, ich muss ja nicht unbedingt den bestehender Prozess optimieren oder verbessern, sondern ich kann ja mal ganz, und wegen dem auch diese Prozesskette aufschreiben, ich kann mal generell darüber nachdenken, ob das überhaupt so notwendig ist oder ob’s vielleicht auch eine ganz andere Lösung gibt. Also das sind auch so Themen, aber der wichtigste Tipp, finde ich einfach das Machen, also keine zu großen Schritte oder den großen Wurf erwarten. Anzielen kann man ihn ja, aber nicht gleich umsetzen wollen, sondern einfach kleine Schritte machen und dass auch alle im Betrieb Erfahrungen sammeln mit der Geschichte und dann so Schritt für Schritt sich vorarbeiten. Das ist, glaube ich, auch ganz wichtig. Also das war bei uns, zu große Schritte hindern nur, weil dann geht auch mehr in die Hecken beziehungsweise es lässt sich nicht umsetzen und vielleicht ist dann doch der ein oder andere entmutigt und wenn man kleinere Schritte macht, ist es einfach besser darzustellen.

Götz Müller: Ja, und man hat, glaube ich, dann halt auch schneller Erfolgserlebnisse.

Mario Esch: Ja, absolut.

Götz Müller: Ja, okay. Prima. Also ich fand das eine absolut coole Unterhaltung. Deshalb Herr Esch, ich danke Ihnen noch mal hier für die Zeit, für die Einblicke und ich kann bloß alle ermutigen, speziell wenn wir Handwerker bei den Zuhörern haben, reingucken, und Sie sind eins der, für mich eins der besten Beispiele.

Mario Esch: Herzlichen Dank, auch dass ich hier sein durfte, Herr Müller.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Mario Esch zum Thema Lean in der Schreinerei. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 257.

Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, freue ich mich über Ihre Bewertung bei iTunes. Sie geben damit auch anderen Lean-Interessierten die Chance, den Podcast zu entdecken.

Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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