Kaizen 2 go 270 : Qualitätsprozesse in Studium und Lehre


 

Inhalt der Episode:

  • Was sind die Qualitätskriterien im Kontext von Studium und Lehre?
  • Was sind die Einflussfaktoren auf diese Qualitätskriterien?
  • Wer wirkt am Qualitätsmanagementsystem einer Hochschule mit?
  • Wer sind die Nutznießer des Qualitätsmanagementsystems und welchen (gruppen-)individuellen Nutzen ziehen sie daraus?
  • Beispiel eines Hochschulprozesses, der der Qualitätssicherung unterliegt?
  • Was unterscheidet das Qualitätsmanagementsystem einer Hochschule von denen klassischer Wirtschaftsunternehmen?
  • Welche Rolle spielt die Systemakkreditierung an der TU Kaiserslautern?
  • Wie werden Qualitätsthemen an einer Hochschule von den “Betroffenen” aufgenommen?
  • Was können Unternehmen, bspw. oder speziell die Personalentwicklungs- und Weiterbildungsbereiche von den Qualitätsprozessen einer Hochschule lernen? Was lässt sich übertragen, was ist ggf. anders?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 270 : Qualitätsprozesse in Studium und Lehre

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Anna Scheer bei mir im Podcast-Gespräch. Sie ist die Leiterin des Referats für Qualität in Studium und Lehre an der Technischen Universität Kaiserslautern. Hallo Frau Scheer.

Anna Scheer: Hallo Herr Müller, vielen Dank für die Einladung.

Götz Müller: Ja. Schön, dass Sie dabei sind heute. Ich habe schon ein kurzes Stichwort zu Ihnen gesagt, aber sagen Sie gern noch mal zwei, drei Sätze in einer eigenen Vorstellung.

Anna Scheer: Ja, sehr gerne. Ja, wie Sie gerade gesagt haben, mein Name ist Anna Scheer und ich leite seit nunmehr eineinhalb Jahren das Referat Qualität in Studium und Lehre an der Technischen Universität Kaiserslautern und bin seit etwa, ich würde sagen, 2018 vorwiegend im Qualitätsmanagement tätig. Vorwiegend vorher an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und habe da zunächst auf Studiengangsebene, auf Fakultätsebene angefangen, mich damit zu beschäftigen und darf jetzt eben seit letztem Jahr hier an der TUK, wie wir sie gerne abkürzen, das gesamte Qualitätsmanagement im Bereich Studium und Lehre koordinieren und weiterentwickeln, und das ist eine sehr herausfordernde und sehr spannende, aber vor allem auch eine sehr vielseitige Aufgabe, bei der ich mich einfach freue, dass ich mich da jetzt mit Ihnen die nächsten paar Minuten darüber unterhalten kann.

Götz Müller: Ja, ich könnte mir das auch vorstellen. Ich meine, als früherer Absolvent der Uni Kaiserslautern, es ist eine Universität, auch wenn es jetzt heute den, oder seit vielen Jahren im Grunde schon den Zuspruch technisch hat, trotzdem ist es ja sehr vielfältig und wahrscheinlich genauso vielfältig dann die Qualitätsthemen. Und vielleicht zum Einstieg mal die Frage: Was sind denn so Qualitätskriterien im Kontext von Studium und Lehre?

Anna Scheer: Ja. Das ist natürlich die Frage, die, glaube ich, auf der Hand liegt, wenn man so ein Gespräch beginnt oder wenn man sich für Qualität interessiert in Studium und Lehre interessiert. Das ist, glaube ich, gleichzeitig aber auch eine Frage, die relativ umfangreich zu beantworten ist und wenn man das Ganze versucht, ein bisschen auf den Punkt zu bringen, dann kann man, glaube ich, sagen, dass die Qualitätskriterien für Studium und Lehre oder im Kontext von Studium und Lehre vor allem natürlich darauf ausgelegt sind, Studierenden zum einen gute Studienbedingungen zu bieten und sie andererseits eben auch auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und um das zu gewährleisten, ist insbesondere in den letzten Jahren, würde ich sagen, ein relativ großes, oder ein relativ detailliertes, Regelungswerk entstanden, nämlich zunächst die Musterrechtsverordnung zu Studienakkreditierung, die wiederum basiert auf den Studienakkreditierungsstaatsvertrag, die dann auch wiederum umgesetzt wurde in verschiedenen landesspezifische Regelungen, in die Landesverordnung zur Studienakkreditierung, wo einfach genau diese Qualitätskriterien im Einzelnen aufgeführt sind und die sind teilweise sehr übergreifend. Also dann geht es einfach darum: ein Bachelor-Abschluss hat etwa 180 Leistungspunkte, oder 180-240 Leistungspunkte, ein Masterstudiengang baut in der Regel auf einem Bachelorstudiengang auf. Das heißt, ich kann keinen Master studieren, ohne einen Bachelor studiert zu haben oder einen bacheloräquivalenten Studiengang. Und teilweise ist es aber auch schon sehr detailliert. Da gibt es dann Regelungen in dieser Landesverordnung, in denen es dann darum geht, wie viele Prüfungen kann ich eigentlich Studierenden in einem Semester zumuten. Wie viele Prüfungen können Sie machen? Wie viele Leistungspunkte müssen Module mindestens haben? Und das ist also sehr, ausufernd, würde ich sogar sagen an der Stelle, obwohl es eigentlich nur das eine Dokument ist oder dass eine große Dokument, an dem sich die Studiengänge messen lassen müssen, aber das ist einfach, ja, es ist sehr detailliert, sehr intensiv und es ist vor allem zurückzuführen, oder das waren so die Idee dahinter, natürlich mit der Umgestaltung der Diplom-Studiengänge auf die Bachelor-Master-Studiengänge und geschuldet natürlich der Idee der gegenseitigen Anerkennung von Studienabschlüssen, von Studienzeiten, von Kompetenzen, die erworben sind, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Und deshalb ist das natürlich alles ein System, das von sehr vielen Einflussfaktoren, na ja, gestaltet wird, möchte ich fast sagen. Also es sind die einzelnen Akteure natürlich im Hochschulsystem, angefangen von den Hochschulen selbst, über Akkreditierungsagenturen, über die Kultusministerkonferenz, die Hochschulrektorenkonferenz, aber es sind eben natürlich auch internationale Prozesse, die da eine Rolle spielen, weil es eben beispielsweise um so Dinge geht wie internationale Anerkennung, dass ich eben Studiengänge in Frankreich anfangen kann und in Spanien zu Ende studieren kann, um einfach mal ins Unreine zu sprechen. Sodass da auch immer wieder übergeordnete Gesetze, die einfach basieren auf Bologna, auf Lissabon, die dann da auch immer wieder ihre Rolle spielen, einen Einfluss haben, sodass es insbesondere, wenn es dann wirklich in den internationalen Vergleich geht, einfach ein Ziel ist, dort allgemeine Standards zu schaffen, die dann natürlich wieder bundesweit oder auf Landesebene, auf nationaler Ebene, und im Fall von Deutschland dann eben auch wieder auf Bundeslandebene, detailliert werden und ausgelebt werden.

Götz Müller: Mhm, ja. Wenn ich das jetzt mal so in, ich drücke es mal so aus, in einen klassischen Kontext eines Produktes, nicht nur, weil ich hier, wenn ich aus dem Fenster gucke, ein Auto sehe, übertrage, ein Stück, oder habe ich ganz deutlich herausgehört, ein wichtiger Punkt ist einfach die Vergleichbarkeit.

Anna Scheer: Mhm, absolut, absolut. Ja, da stimme ich zu und wahrscheinlich, wenn wir bei den Autos sind, vielleicht auch wirklich die Modularisierung, im Sinne von, dass einzelne Komponenten übertragbar sind. Also ich bin überhaupt keine Expertin für Autos, deswegen möchte ich mich bei allen entschuldigen, die sich da besser auskennen und jetzt vielleicht die Augen rollen über den Vergleich, aber das ist ja, soweit ich das mitbekommen habe, ja auch durchaus eine Idee bei den Automobilherstellern, dass gerade die Großen gerne versuchen, Komponenten herzustellen, die dann eben nicht nur für das eine Modell passen, sondern, die dann vielleicht auch auf das andere Modell packen, was aber ansonsten ein bisschen anders aussieht, sodass einfach nicht jedes Mal wieder etwas Neues entwickelt werden muss. Und das ist an der Stelle auch definitiv so.

Götz Müller: Ich denke einfach mal nur über den Nutzer nach und ich meine, wir haben jetzt nun mal zwei Autos hier im Haushalt und wenn ich mir jetzt überlege, das kommt mir jetzt gerade erst so in der Unterhaltung, wenn jetzt nicht der Blinker überall an dergleichen Stelle wäre, das geht schon los, der eine hat halt eine automatische Feststellbremse, der andere nicht … mein Fahrlehrer würde sich möglicherweise im Grab umdrehen, wenn er mich da erlebt, wenn ich mal eine Woche lang mit dem einen gefahren bin und dann wieder in den anderen umsteige. Da fängt es ja schon an. Und das wird mir jetzt in der Unterhaltung klar, dieser Nutzeraspekt dieses Vergleichbaren, nicht mal so sehr, dass ich jetzt die Lichtmaschine aus dem einen Auto ins andere setzen kann, aber einfach als Nutzer, als Fahrer, wäre es ja ein Albtraum, wenn es nicht vergleichbar wäre, die Autos.

Anna Scheer: Ja. Und das ist, glaube ich, auch gleichzeitig eine der großen Herausforderungen, in der wir uns im Qualitätsmanagement im Bereich Studium und Lehre befinden, wobei das natürlich auch in jedem anderen Kontext, in dem irgendwie Konkurrenz besteht, also eigentlich auch natürlich in der freien Wirtschaft, seien es Automobilhersteller oder andere Unternehmen, dass man natürlich einerseits die Vergleichbarkeit braucht, andererseits aber natürlich irgendwie eine UVP irgendwie schaffen möchte, also irgendwie natürlich dem eigenen Studiengang, dem eigenen Studienangebot das gewisse Extra verleihen möchte, sodass die Studierenden dann sagen: „Ach, den Studiengang studiert man aber lieber an der TUK und nicht an einer anderen Universität oder Hochschule in Deutschland.“ Also das ist genau so ein Spannungsfeld, glaube ich, in dem sich Wirtschaftsunternehmen befinden, in dem man sich auch im Bereich der Studienqualität natürlich befindet, weil man natürlich einerseits die Durchlässigkeit schaffen möchte, innerhalb eines Studienprogramms, aber eben dann auch zwischen Bachelor- und Master-Studiengängen und andererseits möchte man natürlich genau dieses eine Zusatzangebot bieten, das dann eben die Studieninteressierten davon überzeugt, doch eben an der eigenen Universität zu studieren und nicht woanders und das muss aber eben wiederum trotzdem in diesen Qualitätsrahmen reinpassen. Also das sind tatsächlich die Herausforderungen, denen man dann ganz konkret bei der Studiengangsgestaltung auch gegenübersteht.

Götz Müller: Ja, und wir haben ja noch gar nicht gesprochen über die vielfältigen inhaltlichen Unterschiede. Wenn ich mir jetzt eben mal in meinem Fall ein Ingenieur, Elektrotechnik, Ingenieursstudium anschaue und selbst da ja schon ein breites Feld der Vertiefungsrichtungen existiert und wenn ich jetzt mir anschaue, meine Tochter, was die im Bereich Skandinavistik, gut, da ist es wieder relativ eingeschränkt vielleicht, was da alles dazu gehört, eben im Vergleich zu seinen ingenieurwissenschaftlichen Studium, da liegen ja Galaxien dazwischen, wenn ich mir das so überlege.

Anna Scheer: Absolut.

Götz Müller: Ja, und in dem Kontext wäre es ziemlich interessant, würde ich sagen, mal sich anzuschauen, wer denn überhaupt alles mitwirkt, wenn man sich das Thema Qualitätsmanagementsystem an der Hochschule anguckt.

Anna Scheer: Ja. Also, wenn wir uns da jetzt direkt auf die Hochschule selbst fokussieren und jetzt diese ganzen anderen Akteure, Akteurinnen, die ich schon kurz angesprochen habe, aus der Politik, beispielsweise, wenn man die einfach mal außen vor lässt und sich wirklich auf das Innere fokussiert, dann kann man das eigentlich, glaube ich, ganz grob zusammenfassen, als die Mitglieder der Hochschule. Und Mitglieder heißt in dem Fall tatsächlich sehr viele verschiedene Statusgruppen, einfach dadurch, dass Universitäten ja diese, oder Hochschulen insgesamt, diese Besonderheit haben, nenne ich das mal, dass ja ganz viel Selbstverwaltung besteht. Das heißt, ganz viel passiert in Gremien und in diesen Gremien sind dann immer Professoren, Professorinnen, Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, und Mitarbeiter*innen aus Technik und Verwaltung beschäftigt, oder die sind Mitglied in diesen Gremien und dadurch sind das wirklich eigentlich alle Gruppen, die dieses Qualitätsmanagementsystem mit begleiten, sei das entweder in informellen Abstimmungsrunden, wenn neue Ideen überlegt werden, wenn das so ein bisschen hin- und hergespielt wird und man sich erstmal in einer Art Brainstorming Gedanken darüber macht, oder dann aber auch wirklich, wenn es ganz offiziell verabschiedet wird, nämlich in diesen Gremien, wie beispielsweise dem Hochschulsenat, wenn da neue Beschlüsse einfach gefasst werden oder geteilt werden. Dadurch sind die Vertretungen von allen Beteiligten, wie gesagt, von den Studierenden bis hin zu den Professor*innen beteiligt an diesem Qualitätsmanagementsystem.

Götz Müller: Da sehe ich jetzt aber im Grunde, oder auch dann eben bei den anderen, ja, Mitwirkenden kann man es fast nennen, da gibt es schon diese aktive Mitwirkung, wenn ich es jetzt auf den Unternehmenskontext übertrage, alle die, die in dem Unternehmen drin sind, ein Stück weit auch Zulieferer und dann da draußen der Rest, in Anführungszeichen, wo einerseits die Kunden sind und andererseits eben übergeordnete Instanzen, die sowas wie Standards schaffen, dass die Stecker in die Steckdosen passen und andere Dinge.

Anna Scheer: Mhm. Ich glaube, die Besonderheit ist an der Stelle noch, wenn man so weit gehen kann und vielleicht die Studierenden mit den Kunden und Kundinnen gleichsetzt, was natürlich alleine nicht funktioniert, also der Vergleich hakt schon ein bisschen, aber das ist, glaube ich, etwas Besonderes, dass … also in der Wirtschaft ist es ja oft so, dass Kundinnen und Kunden einen Einfluss haben auf das Produkt, dadurch, dass sie es entweder kaufen oder nicht kaufen, also so die Nachfrage bestimmt das Angebot so ein bisschen einfach, und das ist in dem Qualitätsmanagementsystem nochmal verstärkt, denn natürlich ist es auf der einen Seite so, wenn das Angebot irgendwie nicht den Qualitätsstandards genügt oder wenn es nicht gefällt, dann gibt es natürlich weniger Studierende, aber auch an der Universität selbst können eben die Studierenden oder müssen die Studierenden sogar durch die Mitwirkung beispielsweise in Gremien oder auch durch externe Begutachtung und die auch immer Teil des Qualitätsmanagementsystems sind und in die Studierenden regelhaft eingebunden sind, dadurch wirken sie wirklich auch ganz aktiv an der Entscheidungsfindung und an der Gestaltung des Qualitätsmanagements mit und somit auch wiederum an der Gestaltung der eigenen Studiengänge, also des Produkts sozusagen. Also das ist tatsächlich auch eine gesetzliche Vorgabe, dass die Studierenden regelmäßig in die Weiterentwicklung der Studiengänge eingebunden sein müssen. Das heißt, an der Stelle ist, glaube ich, noch ein stärkeres Involvement, indem man nämlich nicht nur durch seine Kauf- oder Nicht-Kauf-Entscheidungen Einfluss hat auf das System, sondern wirklich aktiv daran mitwirkt, an dieser Gestaltung.

Götz Müller: Ja, mir kommt da jetzt eben der Gedanke in den Sinn, diese Kauf- oder Nicht-Kauf-Entscheidung ist natürlich einerseits eine relativ starke Entscheidung, andererseits aber sehr digital, um mal einen technischen Begriff zu verwenden, nicht ich bin im Grunde als Autofahrer, nehmen wir wieder das Beispiel, bin ich ja nicht in das Qualitätsmanagement, in die Qualitätsentwicklung des Automobilherstellers einbezogen, sondern ich entscheide mich halt nur: „Ich kaufe das nicht, weil ich gehört habe, dass mir das Auto nach zwei Kilometern auseinander fällt.“

Anna Scheer: Genau, und das ist das, wo ich wirklich sagen würde, wo ich der Meinung bin, dass es da an Universitäten eben darüber weit hinaus geht, einfach dadurch, dass eben die Studierenden, also vor allem die Studierenden, aber natürlich auch die anderen Gruppen, eben direkt in die Gestaltung mit eingebunden sind, also da hat quasi das Qualitätsmanagement an Hochschulen dem Qualitätsmanagement in der Wirtschaft oder in Unternehmen etwas voraus, wenn man denn diesen Einbezug als wichtig erachtet, dann ist das, glaube ich, etwas, wo man sagen kann, da sind die Universitäten und Hochschulen auf jeden Fall relativ weit durch diese Einbindung aller Gruppen.

Götz Müller: Ja, und ich glaube, das ist eben auch die Chance, daraus etwas zu lernen. Ich möchte vielleicht an der Stelle noch auf eine weitere Gruppe eingehen, die Sie ganz am Anfang genannt haben, nämlich irgendwann später, sind die Studenten ja fertig mit ihrem Studium und sind dann irgendwo in der sogenannten freien Wirtschaft unterwegs und Sie haben ja den Begriff auch verwendet. Wie sieht da die Wechselwirkung, die Einflussnahme vielleicht auch aus?

Anna Scheer: Die ist vielseitig und, glaube ich, nicht immer ganz genau klassifizierbar. Also wir haben natürlich auf der einen Seite, und das ist, was mit Bologna, also vor allem mit der Umstellung auf Bachelor und Master viel stärker in den Vordergrund gerückt ist als das früher der Fall war, wir haben eine ganz klare Fokussierung der Studiengänge auf die Berufsbefähigung. Das heißt, Bachelor- und Masterstudiengänge, müssen für einen Beruf befähigen. Das heißt nicht, dass dieser Beruf immer klar definiert sein muss. Also es ist nicht so, dass ich einen Studiengang studiere, also manchmal ist es natürlich so, wenn ich Medizin studiere, dann irgendwie klar, ich möchte danach Ärztin oder Arzt werden, bei vielen anderen Studiengängen, also sie selber brachten ja vorhin das Beispiel ihrer Tochter, die Skandinavistik studiert, da gibt es natürlich nicht das eine Berufsbild danach, aber es gibt grundsätzlich die Idee, dass man mit diesen Studiengängen in der Lage sein muss, einen bestimmten oder eben nicht einen bestimmten, sondern eine Berufsgruppe, eine Auswahl an Berufen zu übernehmen, und das ist tatsächlich, das, was viel verlangt von den Studiengängen natürlich, weil einfach erwartet wird, dass man sich an den Entwicklungen in der Wirtschaft orientiert. Gleichzeitig ist es aber natürlich auch ganz wichtig, dass Hochschulen und Universitäten sich eben nicht ausschließlich daran orientieren, sondern eben vielleicht auch durch die Forschung, durch die Innovation diese Entwicklung mitgestalten. Das heißt, möglicherweise gibt es auch eine Interaktion oder eine Einflussnahme in der Hinsicht, wenn ich Studierende ausbilde, die am Schluss eine bestimmte Qualifikation haben, dass dann auch irgendwann in der Wirtschaft mehr und mehr klar wird, wie wichtig diese Qualifikation eigentlich sein könnte, weil vielleicht die Innovationen an den Hochschulen oder an den Forschungsinstitutionen, an den Forschungseinrichtungen, die es gibt, vielleicht sogar schon vor denen in der Wirtschaft stehen. Das ist sicherlich nicht immer der Fall, aber ab und zu sicherlich schon, sodass man dann einfach schauen muss, ok, wie kann, wie können die Qualifikationen, die die Studierenden oder Absolventen in dem Fall zu dem Zeitpunkt dann haben, wie können die sinnvoll in der Wirtschaft eingesetzt werden, und dadurch gibt es immer, ich würde sagen, so gewisse Wechselwirkungen einfach in beide Richtungen. Das ist der eine Teil und der andere Teil ist, dass Qualitätsmanagementsysteme, also wenn ich jetzt speziell auf das Qualitätsmanagement von Studiengängen abstelle, das heißt, die Überprüfung, dass die Studiengänge auch wirklich alle Anforderungen erfüllen, die eben in den Qualitätskriterien gefordert sind, dann ist bei dieser Bewertung der Studiengänge immer auch die Berufspraxis mit eingebunden. Das ist auch gesetzlich geregelt. Das heißt, wenn ich jetzt einen Studiengang akkreditieren möchte, das heißt mit der Akkreditierung weise ich nach als Hochschule, dass dieser Studiengang alle Kriterien erfüllt, die er erfüllen muss, dann muss in diese Bewertung die Berufspraxis mit einbezogen werden. Das ist dann auch der zweite große Punkt, wie die Wirtschaft da einfach mitwirkt oder auch interagiert mit dem Qualitätsmanagementssystem.

Götz Müller: Ja, und ich könnte mir vorstellen, eine gewisse weitere Herausforderung ist eben diese, ja, doch relativ lange Zeit. Bei einem Bachelorstudium reden wir mal über mindestens drei, vielleicht auch vier Jahre, dann nochmal zwei Jahre Master hinten dran, das heißt, wir sind ganz schnell bei fünf bis sechs Jahren, wo ich mir ja nicht am ersten Tag schon fertig alles überlegt habe, was dann fünf, sechs Jahre später Gültigkeit hat und mal mindestens die ersten paar Jahre auch noch. Natürlich ist die Wirtschaft dann irgendwann in der Pflicht, Dynamiken selber aufzugreifen und nicht zu sagen: Ja, die Hochschule hat damals vor zwanzig Jahren vergessen, dem guten Mann irgendwas beizubringen, oder Frau, und jetzt können wir den nicht mehr brauchen, das wäre wahrscheinlich auch der falsche Weg, aber ich könnte mir eben vorstellen, dass das auch im Vergleich wieder, nämlich halt dieses platte Beispiel, und das wird mir immer klarer dass es unter Umständen sehr platt ist, des Autos, selbst wenn ich jetzt eine alternative Antriebsart mal diskutiere, wird es wahrscheinlich doch über einen gewissen Zeitraum hinweg noch vier Räder haben und man wird damit auf der Straße unterwegs sein.

Anna Scheer: Ja. Ich muss an der Stelle gerade, glaube ich, kurz meine Gedanken sortieren zu dem Thema. Denn einerseits ist das, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt, den Sie da angebracht haben, nämlich dass es immer doch eine gewisse Persistenz gibt, sage ich jetzt einfach mal, von Grundlagen, insbesondere, wenn wir uns das hier an der Technischen Universität anschauen, wo wir natürlich sehr naturwissenschaftlich-mathematisch geprägt sind, da gibt es natürlich viele, viele Prinzipien, Naturgesetze, die einfach Bestand haben und die hatten vor 50 Jahren Bestand und die werden auch in 20 Jahren Bestand haben. Und so schnell wandelt sich dann auch, einfach aus meiner Einschätzung, aus meiner Erfahrung nach, die Wirtschaft auch nicht, dass es nicht gelingen könnte, damit Schritt zu halten, auch in der Ausbildung. Das ist der eine Punkt und das ist auch, also, wir kommen im Gespräch immer mehr auf diese, oder immer wieder auf diese Kriterien, die das Ganze, glaube ich, ein bisschen auch aufgreifen, die Punkte, die Sie hier bringen, dass nämlich genau die Aktualität der Studieninhalte auch eines dieser Qualitätskriterien ist, dass eben regelmäßig überprüft werden muss. Das heißt, dass auch an die Gestaltung von Studien der Anspruch besteht, diese möglichst aktuell zu halten. Das ist der eine ganz große Bereich und der andere ist der, dass die Ausbildung auch ganz, ganz stark kompetenzorientiert sein soll. Das heißt, dass die Studierenden natürlich Fachwissen mitbekommen. Das ist unerlässlich, auf jeden Fall, aber zusätzlich geht es eben darum, Ihnen auch Kompetenzen an die Hand zu geben, in der Selbstwirksamkeit, in Anlernen von neuen Dingen, in der Beschäftigung, in der Auffassungsgabe, im Transfer von Theorien in die Praxis, in der Anwendung, da einfach selbst Probleme lösen zu können, in sozialen Kontexten interagieren können und alles, was man so als typische Kompetenzen kennt, dass da ein verstärkter Fokus einfach in der hochschulischen Ausbildung darauf gelegt wird, um eben Studierende auch genau dazu zu befähigen, wenn sie dann in der Wirtschaft arbeiten, in einem Unternehmen, dass sie dann eben auch sich genau mit diesen neuen Prozessen auseinandersetzen können, auch wenn sie das vielleicht im Studium nicht gelernt haben, dass da einfach diese grundlegende Fähigkeit im Studium erlernt wird, dann eben mit Wandel, mit neuen Prozessen sich einfach auseinander setzen zu können und auf die auch Einfluss nehmen zu können dann im späteren Arbeitsleben.

Götz Müller: Ja, ja. Jetzt, glaube ich, ist es unbestritten, haben wir schon darüber gesprochen, dass die Inhalte sehr vielfältig sind an einer Hochschule, also in den einzelnen Studiengängen, ich könnte mir aber vorstellen, dass ein ja, ich sag‘ mal ein Laie, und da nehme ich mich jetzt hier mal definitiv nicht aus, dass der sich gar nicht bewusst ist, welche Vielfalt Hochschulprozesse, die der Qualitätssicherung unterliegen, haben können. Und vielleicht, zumindest mal ansatzweise, können Sie ein paar Beispiele geben, was alles dazugehört, außer dem Studiengang an sich und sein Inhalt und dass der eben auf diese Dinge passt, wie Sie es gerade dargestellt haben.

Anna Scheer: Mhm. Jein, also ich würde eigentlich ganz gerne bei dem Studiengang bleiben, weil dass der das alles erfüllt, ist ja die eine Sache, aber die andere Sache ist ja, mit welchem Protest kann ich das denn sicherstellen. Und auch hier sind wir einfach wieder in dem Bereich dessen, was relativ stark gesetzlich reguliert ist, nenne ich das einfach mal, und das ist geht der ganze Bereich der Akkreditierung. Wir haben in Deutschland, in eigentlich allen Hochschulgesetzen, in allen Bundesländern, irgendwo den Passus drinstehen, dass Bachelor- und Master-Studiengänge zu akkreditieren sind. Das heißt, ich darf einen Studiengang nur dann anbieten, wenn er eben akkreditiert ist und wenn er diese ganzen Kriterien eben erfüllt und der Prozess der Akkreditierung ist also quasi der Nachweis der Erfüllung dieser Kriterien. Und die Erstakkreditierung setzt normalerweise an, nachdem ein Studiengang eingerichtet ist. Das heißt, da hat sich dann die Universität oder die Hochschule Gedanken darüber gemacht, dass sie jetzt einen bestimmten Studiengang, zu einem bestimmten Thema, gerne anbieten möchten, idealerweise, weil eben ein Bedarf besteht, weil festgestellt wurde: Okay, wir haben in der Wirtschaft festgestellt, es gibt einfach gewisse Bereiche, da haben wir im Moment noch zu wenig Fachkräfte oder da werden einfach gewisse Fähigkeiten nur teilweise erlernt in den bisherigen Studiengängen und wir glauben, wir können jetzt ein neues Studienangebot schaffen, dass eben genau diese Marktlücke füllt und Fachkräfte ausbilden kann, Studierende ausbilden kann, die in der Lage sind, genau diesen Bedarf, den es in der Wirtschaft gibt, auszufüllen. Und nachdem diese Entscheidung getroffen wurde und die Universität grundsätzlich die Entscheidung getroffen hat, diesen Studiengang jetzt einzuführen, und in den meisten Fällen gibt es dann noch eine, entweder eine Zustimmung oder zumindest die Notwendigkeit, dass das Ministerium, das zuständige in dem jeweiligen Bundesland kein Veto einlegt, dann kann dieser Studiengang angeboten werden. Und bevor wir wirklich Studierende in diesen Studiengang eingeschrieben werden können, gibt es eben die Notwendigkeit, die Akkreditierung zu durchlaufen und die sieht eben genau vor, dass der Studiengang gewisse formale Kriterien erfüllt, die überprüft werden, auf der einen Seite und auf der anderen Seite, dass aber auch gewisse fachlich inhaltliche Anforderungen erfüllt werden. Und für diese Zwecke gibt es dann eine Gutachtergruppe, die in der Regel aus mindestens 2 Professoren, Professorinnen aus ähnlichen Fachgebieten, oder aus verwandten Fachgebieten besteht, aus einer Vertretung der Berufspraxis, die ich vorhin schon angesprochen habe und aus einem oder einer Studierenden und deren Aufgabe ist es dann wirklich, diesen ganzen Prozess zu bewerten, nicht den Prozess, sondern den Studiengang und am Schluss ein Votum abzugeben, ob das ein guter Studiengang ist, der einfach wirklich akkreditiert werden kann, ob der zwar gut ist, aber noch ein paar Schwächen hat, das heißt in dem Fall werden dann gewisse Auflagen vergeben, die dann noch erfüllt werden müssen, bevor der Studiengang wirklich rundum gelungen ist. Oder ob die beispielsweise sagen: Na ja, das ist eigentlich totaler Unsinn, da werden ganz viele Vorgaben verletzt. Den Studiengang kann man eigentlich gar nicht auf den Markt bringen. Und dann wird natürlich empfohlen, dass der nicht akkreditiert wird. Und die letztliche Entscheidung trifft, je nach Ausgestaltung des Qualitätsmanagementsystems, entweder die Hochschule selbst, nämlich immer dann, wenn die Hochschule selbst akkreditiert ist, das heißt in dem Kontext Systemakkreditierung oder eine externe Stelle, das ist in Deutschland der Akkreditierungsrat, wo eben auch wiederum Experten drinsitzen, das sind Vertretungen von Professor*innen, von Studierenden, aus der Berufspraxis, aber auch Vertretungen aus den jeweiligen Bundesländern, die dann im Akkreditierungsrat vertreten sind und wo dann nochmal drauf geschaut wird: Okay, erfüllt dieser Studiengang alle Kriterien? Und wenn ja, dann wird er eben akkreditiert.

Götz Müller: Da entsteht bei mir jetzt der Vergleich mit einem klassischen Audit, wobei das Audit ja im Grunde, ein bisschen vereinfacht, nur prüft, wird das gemacht, was jemand aufgeschrieben hat, während das hier, höre ich zumindest raus, sich doch stärker auf der inhaltlichen Ebene bewegt bei der Akkreditierung. Kann man das so vergleichen?

Anna Scheer: Also es gibt zwei Elemente. Es gibt den formalen Teile und es gibt den inhaltlichen Teil und das ist, jein, also es wird eher … also Audit passt insofern, wenn wir sagen, es wird wirklich geschaut, ob die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, darum geht es dann eher, weil die eben festgelegt sind und ich habe natürlich in der inhaltlichen Ausgestaltung Freiheiten und diese Freiheiten sind gerade im Bereich Forschung und Lehre unglaublich wichtig, die sind vom Grundgesetz geschützt und an die sollte man auch möglichst natürlich nicht rangehen, aber trotzdem muss natürlich das Prinzip verfolgt werden, dass diese Studiengänge eben berufsqualifizierend sind, und das wird quasi überprüft. Das heißt, auch wenn es inhaltlich heißt, geht es nicht an allen Stellen wirklich um konkrete Inhalte. Also natürlich gibt es die Elemente, wo geschaut wird, sind alle Grundlagenelemente vorhanden, also gerade in den Naturwissenschaften. Ist in der Physik alles enthalten, ist in der Mathematik alles enthalten, was ich brauche, um spätere Prozesse zu verstehen? Aber inhaltlich heißt eben auch solche Dinge wie gibt es Nachteilsausgleich in dem Studiengang, gibt es genug Möglichkeiten, Schwerpunkte zu wählen, um eine individuelle Vertiefung zu ermöglichen. Sind die Qualifikationsziele, die der Studiengang verfolgt, auch wirklich dem Niveau angemessen? Sprich, sind die einen Bachelor äquivalent oder einem Master äquivalent? Also es wird hier schon sehr stark nochmal an externen Vorgaben gemessen und gar nicht ausschließlich am eigenen Inhalt.

Götz Müller: Jetzt weiß ich aus einem anderen Kontext raus, dass die TU Kaiserslautern eine solche Systemakkreditierung hat, und Sie hatten es ja gesagt, man muss es nicht haben. Ich könnte mal eben vorstellen, dass es Vorteile hat, sonst würde man sich wahrscheinlich den damit verbundenen Aufwand ja sparen und vielleicht den Punkt noch ein bisschen vertieft. Welche Rolle übernimmt diese Systemakkreditierung dann?

Anna Scheer: Ja, die Systemakkreditierung ist, ich habe es ja eben schon kurz angesprochen, nochmal eine Akkreditierung auf einer übergeordneten Ebene, dass nämlich das gesamte Qualitätsmanagementsystem selbst akkreditiert wird. Das heißt, es wird eigentlich der Hochschule attestiert, dass sie selbst in der Lage ist, die Qualität der Studiengänge adäquat zu beurteilen und gute Entscheidungen zu treffen, um das ganz verkürzt einfach mal darzustellen und der große Vorteil an der Stelle liegt natürlich in der Gestaltungsfreiheit, die einfach an der Stelle größer ist, als wenn es diese Systemakkreditierung nicht gibt. Wenn, Sie wissen das selbst, es gibt ja immer verschiedene Möglichkeiten, wie man gesetzliche Vorgaben erfüllen kann und die können in Firma A anders aussehen als in Firma B und die Systemakkreditierung ermöglicht einfach an der Stelle die Ausgestaltung des Qualitätsmanagementsystems auf eine Art und Weise, dass es wirklich für die eigene Universität, für die eigene Hochschule, passt. Also das liegt dann an der Größe der Hochschule, angefangen damit. Dass man überlegen kann, welche Studiengänge sind denn miteinander verwandt, sodass ich die gut miteinander zusammen in so eine Akkreditierung packen kann beispielsweise. Das ist so eine Frage. Die andere Frage ist wirklich, wie gestalte ich den Prozess der Akkreditierung, also den Prozess der Bewertung. Welche Elemente nehme ich mit rein, vielleicht auch zusätzlich zu dem, was es außerhalb des Systemakkreditierung gibt oder auch stattdessen? Einfach um ein Qualitätssystem zu schaffen, das wirklich zu den Akteuren passt, das zu der Hochschule selbst passt und zu allen Beteiligten.

Götz Müller: Mhm, ja. Das war jetzt ein gutes Stichwort: Beteiligte. Manchmal sind sie auch Betroffene und aus der klassischen Wirtschaft wieder raus, ist meine, mal vorsichtig ausgedrückt, Wahrnehmung, wenn ich irgendwo mit Qualitätsthemen kommen, dann rennt ein Teil der Menschen gleich davon und der Rest ist eher am Boden zerstört. Das heißt, wie soll man das vorsichtig ausdrücken, es stößt nicht überall auf Gegenliebe, wenn der sogenannte Qualitäter ums Eck kommt und jetzt mal die Frage oder auch anders ausgedrückt, es ist halt manchmal ein lästiges Übel. Also warum ist schon klar, trotzdem muss es nicht Spaß machen. Wie wird das einer Hochschule aufgenommen? Gerade aufgrund der doch recht breiten Vielfalt wieder der Beteiligten, wie wir es vorhin hatten?

Anna Scheer: Also wenn Sie bei der ganz vorsichtigen Aussage bleiben, es stößt nicht überall auf Gegenliebe, dann kann ich mich der einfach vollumfänglich anschließen. Ich denke, das stimmt auf jeden Fall. Es ist durchwachsen wie, glaube ich, überall. Also ich denke, dass an vielen Stellen das sehr positiv wahrgenommen wird, weil es einfach Dinge und Prozesse unterstützt, die man selbst eigentlich gerne machen würde, mit denen man sich aber vielleicht alleine nicht auseinandersetzen würde, auch wenn man das eigentlich vom Prinzip her gut fände. Das ist, wie wenn man nochmal die Wohnung schnell durchfeudelt, bevor der Besuch kommt oder so. Eigentlich hätte man es sowieso machen müssen, aber irgendwie hat man das doch immer aufgeschoben. Und durch diese Notwendigkeit, die da besteht, ist man eben gezwungen, sich wirklich regelmäßig mit den Studienangeboten und mit der Qualität der Studienangebote auseinanderzusetzen. Und das ist grundsätzlich etwas, was sehr positiv gesehen wird, dass man da wirklich regelmäßig auf die eigenen Angebote schaut, die auch überarbeitet, die weiterentwickelt, eben wirklich an der Stelle nochmal geguckt: Wie sind denn gerade die Bedarfe am Arbeitsmarkt? Dadurch, dass eben auch die Berufspraxis immer involviert ist in diese Bewertung, hat man ja dann auch den Blick und kann an der Stelle einfach nochmal wirklich Verbesserungen schaffen, einfach weiter optimieren, was man vielleicht nicht überall gemacht hätte. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite ist es aber so, dass diese Qualitätsstandards oder die Qualitätskriterien, die es gibt, die eben auch oft oder ich sagte es ja vorhin schon, gesetzlich reguliert, dann von außen kommen, da wirken Akteure, Akteurinnen mit, die natürlich nicht alle ganz vertraut sind mit den Abläufen in Hochschulen, sodass doch auch die eine oder andere Vorgabe existiert, wo man, wenn man regelmäßig im Bereich der Lehre unterwegs ist, einfach nur den Kopf schüttelt und sagt: Das ist gar nicht richtig umsetzbar, oder? Oder umgekehrt, wo man sagt, das fördert eigentlich gar nicht die Qualität, sondern das hindert an der Qualitätsentwicklung, weil es dann Definitionen gibt von Prüfungen, die relativ eng sind, sodass einfach auf der einen Seite die Kompetenzentwicklung zwar gefordert wird von Studierenden, auf der anderen Seite aber dann bei den Lehrern oftmals die die Auffassung herrscht, dass es durch die konkrete Ausgestaltung der Anforderungen oder der Kriterien eigentlich schon wieder ein bisschen behindert wird und das ist dann schwierig, weil man natürlich diese Kriterien trotzdem erfüllen muss, auch wenn man eigentlich nicht hinter jedem einzelnen Kriterium hundertprozentig dahinter steht. Und dazu kommt, und das ist, ich glaube, damit sind wir nicht alleine an den Hochschulen, sondern dass es auch in der Wirtschaft so, dass es einfach in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs an Dokumentationsaufwand und an Formalismen gab. Das heißt, man hat das Gefühl, man ist eigentlich nur noch dabei, irgendwelche Dinge aufzuschreiben und zu dokumentieren und in irgendwelchen Akten, seien sie elektronisch oder physisch abzulegen, einfach nur damit sie da sind, was einfach wahnsinnig viel Ressourcen frisst. Das heißt, es werden recht viele Ressourcen für die Dokumentation und für die Qualitätssicherung aufgewendet, wo viele Lehrende auch an einigen Stellen, muss ich sagen, wirklich zu Recht sagen, wenn wir diese Ressourcen einfach in die tatsächliche Weiterentwicklung der Qualität stecken könnten und nicht in die Dokumentation dessen, dann wären wir schon viel weiter.

Götz Müller: Gut, an der Stelle kann ich Sie vielleicht insofern beruhigen, natürlich mag das immer mehr zunehmen, aber dieser uralte Spruch und der begleitet mich mein schon nicht ganz kurzes Berufsleben, wer schreibt, der bleibt. Der galt schon vor 30 Jahren. Aber ich gebe Ihnen völlig recht und ich hatte vor einiger Zeit eine Episode mit jemandem aus dem Krankenhauskontext raus und der hat auch gesagt, die meiste Zeit sind die Ärzte, sitzen sie vor ihrem Bildschirm, weil sie irgendwelche Dinge dokumentieren müssen? Und ja, vielleicht jetzt nicht unbedingt qualifiziert, aber dieses Bild, das man vielleicht von draußen hat, der Arzt springt nur von Patient zu Patient, ist leider auch nicht so. Und da ist ja dieser Punkt besonders greifbar, weil an dem Bildschirm gesundet keiner, sondern nur, wenn er am Bett des Kranken steht, kann er etwas tun.

Anna Scheer: Aber gleichzeitig, ich glaube, das passt eben an der Stelle, es muss eben ordentlich dokumentiert werden, damit nämlich der nächste Arzt oder die nächste Ärztin sieht: Welche Medikamente wurden denn schon verabreicht? Und so hilft es dann letztlich doch. Aber es ist einfach auch schwierig, das in dem Moment selbst zu sehen. Also und, ja, wie gesagt, manchmal muss man glaube ich auch an der Balance noch ein bisschen justieren, damit es nicht in ein absolutes Missverhältnis rutscht.

Götz Müller: Ja. Jetzt würde ich ganz gerne an der Stelle, wir haben immer schon mal wieder so die Punkte leicht gestrichen, aber vielleicht zum Abschluss noch die Frage dieser Transfer oder diese Übertragung, was könnten also Unternehmen und die meisten meiner Zuhörer kommen jetzt aus dem Kontext raus, vielleicht auch in der Personalentwicklung, in der Weiterbildung, weil da ich sehe ich jetzt die größte Ähnlichkeit zu einer Hochschule, von den Qualitätsprozessen eine Hochschule lernen? Was kann man übertragen, vielleicht auch, was ist anders?

Anna Scheer: Das … also ich finde das insofern interessant, dass Sie den Vergleich mit der Personalentwicklung sehen, weil ich immer das Qualitätsmanagement Studium und Lehre eher mit dem Produkt Qualitätsmanagement gleichsetzen würde und würde eigentlich die Personalentwicklung oder Personalqualifizierung sogar ein bisschen als parallel laufenden Prozess, aber nicht unbedingt deckungsgleichen Prozess sehen. Also von daher finde ich das ganz interessant. Aber wenn ich in die Personalentwicklung gehe oder versuche, eine Parallele ziehen, dann ist das, glaube ich, wirklich, dass man tagtäglich damit konfrontiert wird, was denn das Produkt ist. Also ich glaube, dass die Identifikation der Mitglieder einer Hochschule mit dem Produkt, also halt mit den Studiengängen, die angeboten werden oder auch mit den mit dem Forschungsoutput, dass die sehr hoch ist, einfach dadurch, dass man wirklich ständig in dieser Qualitätsprozesse in irgendeiner Art und Weise mit eingebunden ist, dass man wirklich die ganze Zeit mitwirkt, sich damit auseinandersetzt und, ja, auch die Personalentwicklung selbst, also die Weiterbildung des Personals in diesen Qualitätskriterien auch verankert ist. Und dadurch entsteht da, glaube ich, einfach eine sehr große Identifikation, die natürlich der Weiterentwicklung oder auch insgesamt der Effizienz und auch der Wirksamkeit des System sehr zuträglich ist und das ist vielleicht etwas, na ja, also, ich habe jetzt keine konkrete Idee, wie man das umsetzen könnte, aber wenn man die Idee einfach mal mitnimmt, was vielleicht auch in Wirtschaftsunternehmen, die jetzt vielleicht nicht ganz ideell getrieben sind oder so. Man hat ja zum Beispiel ein Beispiel die Startups, wo alle absolut mit Feuer noch hinter dem Produkt stehen und alle sind dabei, aber das verfliegt ja irgendwann, wenn ich in einem riesigen Konzern die Buchhaltung mache oder so, dann habe ich wahrscheinlich nicht mehr so viel Identifikation mit dem Produkt selbst. Und dass man das vielleicht ein bisschen einfach versuchen könnte, wieder mehr herzustellen durch das größere Involvement.

Götz Müller: Ja, mir kam jetzt bei den letzten Sätzen, ist mir klar geworden, was auch der Unterschied ist zwischen der Personalentwicklung im Unternehmen, ohne dass jetzt in irgendeiner Weise schmälern zu wollen, aber dort gehört halt zu den Unterstützungsprozessen, während natürlich Studium und Lehre an einer Hochschule der Kernprozess ist und das ist, glaube ich, der wichtige Punkt, sich klarzumachen: Was ist denn mein Kernprozess? Was ist denn meine eigentliche Leistung? Für die, unterm Strich, vielleicht nicht direkt in Mark und Pfennig, Euro und Cent, bezahlt wird, aber woraus zieht ein Kunde wirklich den Nutzen? Und das ist vielleicht nochmal der Unterschied, beziehungsweise diesen Punkt sich klarzumachen: Was ist meine Kernleistung, mein Leistungsprozess? Und dort natürlich auch die Qualität besonders zu betrachten. Die Unterstützungsprozesse sind nicht unwichtig, aber sie sind nicht so entscheidend.

Anna Scheer: Ja, absolut. Also dem würde ich auf jeden Fall zustimmen und das geht eben bei Hochschulen dann teilweise noch ein Stück weiter, weil Sie können natürlich sagen, also wenn wir bei dem Auto bleiben, dass wir jetzt heute schon etwas öfter bemüht haben, Sie können natürlich sagen: Mein Kern Produkt ist ein Auto. Genauso wie eine Hochschule sagt: Mein Kernprodukt ist Studium und Lehre oder sind die Studiengänge. Und dann geht es aber eben natürlich darum, das noch weiter zu verfeinern: Möchte ich schnelle Autos bauen? Möchte ich nachhaltige Autos bauen? Möchte ich effizienter Autos bauen? Möchte ich große, kleine … also das geht ja beliebig weit, und das ist dann eben auch die Verfeinerung, die es dann eben auch im Bereich Studium und Lehre braucht und wo es dann idealerweise auch gelingt, diese Identifikation einfach nochmal weiter zu schärfen, indem man nämlich wirklich vielleicht nicht alle Mitglieder, aber eben doch einen Großteil der Mitglieder hat, die dann eben sagen: Ja, wir sind eine Universität, eine Hochschule mit einem ganz klar ausgerichteten naturwissenschaftlich-technischen Fokus. Da gibt es natürlich auch die Sozialwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, die aber das Ganze eher ergänzen und abrunden und nicht als Konkurrenz dazu gesehen werden und das ist, glaube ich, ganz wichtig, dass man sich dann über das eigene Profil im Klaren wird und dann daran auch letztlich die Qualitätsprozess und Qualitätsmanagement wiederum ausrichtet.

Götz Müller: Mhm. Oder sogar noch mal eine, je nachdem, wie man es betrachten möchte, eben nicht darüber oder drunter schaut, denn das Auto an sich, ja, Sie haben es angedeutet, die verschiedenen Aspekte, aber unterm Strich möchte ich von A nach B kommen, möglichst schnell, möglichst angenehm, vielleicht trocken und sicher und andere Aspekte. Und das wäre, glaube ich, dann auch nochmal so ein Punkt, wo man jetzt wieder an der Hochschule darüber nachdenkt und dann kommen plötzlich diese, in Anführungszeichen, nicht inhaltlichen Elemente dazu, nämlich jemanden zu befähigen, dass er gewisse, ja, Denkprozesse für sich selbst strukturiert, um dann zukünftig neue Dinge aufzugreifen.

Anna Scheer: Absolut, absolut. Das stimmt, das ist ganz wichtig natürlich.

Götz Müller: Gut, Frau Scheer, ich fand das eine spannende Unterhaltung und es hat sich definitiv gelohnt, dass ich Sie da angesprochen habe, wo ich schon das Gefühl hatte: Hier findet wieder eine spannende Übertragungsmöglichkeit auch statt, aus einem Bereich, der jetzt erstmal mit der klassischen Wirtschaft direkt, was Qualität und Prozesse angeht, nichts zu tun hat und dann aber doch wieder in der Unterhaltung viele Ähnlichkeiten entstanden sind, die das Thema nochmal vertieft haben.

Anna Scheer: Ja, dem kann ich mich so nur anschließen. Also es ist ganz spannend. Also wir sind ja selbst auch an den Hochschulen natürlich sehr in unserem eigenen Hochschulkontext auch irgendwie drinnen, weil es natürlich unseren Alltag bestimmt, also auch für mich war das sehr schön, nochmal wirklich aktiv zu reflektieren, wo es vielleicht auch Anknüpfungspunkte in Wirtschaft gibt, wie die Interaktion ist und ich möchte mich deswegen auch bei Ihnen ganz herzlich bedanken, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, das war wirklich auch für mich jetzt eine spannende Zeit. Vielen Dank.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Anna Scheer zum Thema Qualitätsprozesse in Studium und Lehre. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 270.

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Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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