Kaizen 2 go 276 : Produktion der Zukunft, Zukunft der Produktion


 

Inhalt der Episode:

  • Welche Trends stellen Sie im Produktionskontext fest?
  • Wie muss sich Produktion verändern, um aktuellen und zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden?
  • Welche Chancen und Potenziale ergeben sich daraus?
  • Wo bestehen dabei – ggf. auch nur scheinbare – Widersprüche zu Lean Prinzipien?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich für die Menschen, Führungskräfte wie Mitarbeiter?
  • Wo und welche Aspekte gehen dabei über rein wirtschaftliche Themen hinaus?
  • Wie kann Digitalisierung dabei unterstützend wirken und neue Räume öffnen?
  • Welche Rückwirkungen ergeben sich daraus wiederum auf den Produktionskontext?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 276 : Produktion der Zukunft, Zukunft der Produktion

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Tobias Heinen bei mir im Podcast Gespräch. Er ist Fabrikplaner und der Geschäftsführer der Grean GmbH. Hallo Herr Heinen.

Tobias Heinen: Hallo Herr Müller, guten Abend.

Götz Müller: Schön, dass Sie dabei sind. Ich habe schon ein paar Stichworte zu Ihnen gesagt, aber stellen Sie sich gern den Zuhörern noch mal ein bisschen intensiver vor.

Tobias Heinen: Ja, sehr gerne. Wie Sie gesagt haben, ich bin Fabrikplaner und Geschäftsführer der Grean GmbH. Die Grean GmbH sitzt in Hannover und wir sind ein Planungsbüro für Fabriken. Wir planen, wir optimieren, wir gestalten Fabriken. Vielleicht etwas mehr Background zu mir persönlich, ich bin von der Ausbildung Wirtschaftsingenieur, habe mich da auf den Bereich Produktionstechnik fokussiert, also da sozusagen den ersten Kontaktpunkt schon gehabt zu Fabriken, habe dann in der weiteren Folge an einem Institut für Fabrikanlagen und Logistik gearbeitet und habe dann mit zwei Kollegen damals aus dem Institut vor über zehn Jahren die Firma Grean gegründet. Und das, was sich am Ende wirklich so wie ein roter Faden bei mir durch die berufliche Karriere zieht, ist eben, dass ich immer den Kontakt hatte in die Produktion und mich mit der Frage beschäftigt habe, wie man Fabriken grundsätzlich plant, wie man sie im laufenden Betrieb optimieren kann und wie man sie umgestalten kann zu einer Arbeitswelt der Zukunft. Das ist sozusagen die Idee, die sich durch mein Berufsleben zieht.

Götz Müller: Ja und das ist ja auch im Grunde Kern unserer Episode heute, die Zukunft der Produktion und Produktion der Zukunft und da hatten sie ja eine Studie oder eine im Grunde zeitlich mehrteilige Studie gemacht. Und ich glaube, aus sowas kann man ja so schon ganz schön Entwicklungen feststellen oder auch Trends und da mal so zum Einstieg, was ist da Ihre Wahrnehmung im Grunde auch eben anhand dieser Studienergebnisse.

Tobias Heinen: Ja, in der Tat, Herr Müller, Sie sagen es richtig. Wir haben im Sommer 2020, also sozusagen in dieser ersten Corona-Hochzeit begonnen, eine Studie aufzusetzen. Wir wollten nämlich wissen, was passiert in der Produktion, welchen Effekt hat diese Corona-Krise auf die Gestaltung der Produktion. Was passiert in den Fabriken? Und wir haben seitdem diese Studie mehrfach wiederholt, nämlich im Abstand von jeweils einem halben Jahr. Also wir haben nach dem Sommer 2020 dann eine erneute Auflage im Winter, im Jahreswechsel 20/21 gemacht, dann wieder eine neue Studie im Sommer 21 und jetzt die 4. Ausgabe wieder beim Jahreswechsel 21 auf 22 und Sie sagen es, wir können dadurch so ein bisschen auch Trends ablesen inzwischen. Wir haben in der Zeit jeweils so knapp, sage ich mal, hundert ungefähr Entscheiderinnen und Entscheider aus der Produktion befragt, wie so ihre logistischen Parameter in der Produktion aussehen. Also wir haben ganz konkret zum Beispiel gefragt, wie steht es um die Auslastung? Wie steht es um die Termintreue? Wie handhabt ihr das mit den Beständen? Wie ist überhaupt die wirtschaftliche Gesamtsituation? Und das ist schon interessant festzustellen. Sie können sich das vorstellen. 2020 war ja geprägt von der wirtschaftlichen Krise, das heißt, da war die Antwort „Die wirtschaftliche Gesamtsituation ist schlecht“, die ist jetzt im Laufe der Zeit immer weiter gestiegen, sodass wir jetzt in der aktuellen Erfassung, 3 Wochen alt, sehr, sehr gute Gesamtstimmungslage gefunden haben. Und interessant ist aber zum Beispiel folgender Trend, dass die Bestände in der Zeit die ganze Zeit gestiegen sind. Ich glaub auch, das kann man jetzt sehr gut erklären wieder vor dem Lichte der aktuellen Entwicklungen. Ich meine, wenn ich jetzt das Thema Supply-Chain-Krise sage, dann sind ja Bestände einfach eine Möglichkeit, sich in einer Fabrik ganz konkret zu entkoppeln von Schwankungen am Beschaffungsmarkt. Und so erklärt sich, glaube ich, dass beispielsweise Bestände eine zentrale Rolle inzwischen spielen in der Produktion, während das im Sommer 2020 eigentlich noch nicht so richtig wichtiges Thema war. Und so können wir jetzt eben über die Zeit nachvollziehen, wie sich Themen ergeben, wie neue Themen wichtig werden und wie vielleicht andere Themen auch etwas von der Bedeutung abnehmen.

Götz Müller: Bevor wir da tiefer einsteigen, könnte ich mir vorstellen, dass es vielleicht auch interessant ist, wenn Sie noch ein paar Stichworte sagen, welche Art von Unternehmen, welche Branchen, ich könnte mir vorstellen, wenn Sie jetzt jemanden gefragt hätten, der in der Produktion von medizinischen Masken unterwegs ist, der hätte eine andere Antwort gegeben, wie jemand, der irgendwo für die Gastronomie gerade unterwegs ist.

Tobias Heinen: Mhm. Ja, das ist richtig und man muss ja eines auch dazu sagen, ich sagte das eben so im Vorbeiflug, wir haben ja etwa hundert Personen befragt, also das Ganze ist natürlich auch nicht repräsentativ, sondern es ist mehr ein Ausschnitt, es ist ein Meinungsbild von eben diesen hundert Personen aus einem ganz breiten Branchenquerschnitt. Also wir haben einfach gezielt in unsere Kundschaft hineingefragt. Und was waren das für Unternehmen? Das waren Maschinenbauer, das waren Anlagenbauer, das waren auch Unternehmen, die Kunststoffverarbeitung gemacht haben, also Spritzguss, aus dem Bereich Automotive, aber auch durchaus einige Unternehmen aus dem Bereich der Medizintechnik, ganz bisschen Chemie auch dabei, aber im Wesentlichen also komplexe Stückgüterfertigung. Das waren so die wichtigsten Branchen dabei.

Götz Müller: Mhm ja, wenn wir dann eben Richtung Trends gucken. Was ist ihre Schlussfolgerung eben auch wieder unter der Überschrift Zukunft, wie sich Produktion verändern muss? Sie haben schon angedeutet, Bestände spielen mittlerweile eine andere Rolle, während man früher ja gesagt hat, Teufelszeug, hohe Bestände reduzieren, manchmal koste es, was es wolle, hat sich ja da die eine oder andere Ansicht, glaube ich, verändert.

Tobias Heinen: Ja. Also, ich fasse das für mich … es gibt, glaube ich, viele Dinge, die man dazu sagen kann, aber ich fasse das für mich immer in vier Schlagwörtern zusammen, die ich besonders interessant finde. Das eine ist dieses Schlagwort Lean, ich erkläre das gleich nochmal, was ich genau damit meine. Zweite Schlagwort ist für mich das Thema Green. Das dritte Schlagwort ist für mich digital und viertes Schlagwort ist für mich People oder Mitarbeiterfokus. Vielleicht um das mal aufzubrechen und jeweils einzeln etwas zu erklären. Mein Eindruck ist der und das meine ich mit Lean, das ist ja dieser Klassiker, schlanke Prozesse, eine hohe Effizienz in der Produktion. Ich glaube, das ist etwas, was natürlich durch eine wirtschaftliche Krise immer mehr Bedeutung gewinnt, also einmal geschaffene Strukturen dann zu optimieren, effizient zu sein in der Fertigung, um flache Herstellkosten zu haben, um am Ende überhaupt noch eine Existenzberechtigung zu haben in einem Hochlohnland. Ich glaube, das ist so eine Art Grundvoraussetzung, der sich jede Fabrik stellen muss. Trotzdem glaube ich, das reicht nicht mehr und das ist auch zum Beispiel ein Punkt, den die Teilnehmer der Studie unterstrichen haben, dass nämlich dieses zweite Thema Green eine große Rolle spielt. Dass eine Fabrik heute eben mehr sein muss als nur ein effizient geführtes System, sondern es muss auch ein System sein, indem effizient mit natürlichen Ressourcen, ich sag mal Wasser, Energie, Material, vielleicht auch mit Abfall umgegangen wird. Auch diese Schlagwörter einer klimaneutralen Produktion oder ein CO2-Footprint in der Fabrik. Das sind eben alles Dinge, die, glaube ich, jetzt und vor allen Dingen in Zukunft immer wichtiger werden. Thema Digitalisierung war mein dritter Punkt. Ich glaube, Industrie 4.0, Automatisierung, Digitalisierung ist etwas, was jetzt schon stark trägt und in Zukunft noch viel wichtiger wird. Und ein Punkt, den ich jetzt in den aktuellen Diskussionen sehr oft höre und von Ansprechpartnern auch beobachte, ist dieses Thema ganz klarer Fokus auf die Mitarbeiter in der Produktion. Ich glaube, vor dem Hintergrund der Demographie und vor dem extremen Fachkräftemangel wird das deutlich, dass eine Fabrik einfach wie, ich sage mal, so eine klassische Fabrik wie sie früher war, da ist es laut, da ist es heiß und so ein bisschen ungemütlich zum Arbeiten. Ich glaube, die Zeiten sind vorbei, sondern eine Fabrik in Zukunft muss ein, ja, sozusagen ein wahrer Wohlfühlort für die Mitarbeiter werden.

Götz Müller: Ja, und ich glaube aber auch, dass es ganz, ganz hart wirtschaftliche Folgen hat. Ich kenne durchaus eben Branchen, wo Transportkosten eine nicht unerhebliche Rolle spielen und manchmal sogar entscheidender sind, wo ich dann einen Standort wähle, und dann kommt das wieder rein, was sie gerade gesagt haben, demographische Aspekte. Das heißt, ich habe manchmal gar keine Wahl mehr, verbrauchernah, wer auch immer der Verbraucher sein mag, meine Fabrik aufzubauen und muss halt unter Umständen deshalb in arbeitskräfteschwache, nenne ich es mal, Regionen reingehen, wo ich also nicht nur die Hand heben muss und dann die Menschen Schlange stehen. Und dann solche Aspekte eben Umgang mit Menschen und für mich schließt sich da als Leanmensch, schließt sich dann auch wieder die Klammer zu Lean hin, der Kreis.

Tobias Heinen: Ja. Das ist ja interessant, was Sie sagen. Ich beobachte das Gleiche und die Dinge beeinflussen sich ja auch gegenseitig. Wenn ich näher am Verbraucher bin, kürzere Transportwege habe, ist das sicherlich auch aus einer CO2-Perspektive sinnvoll und so beeinflussen sich ja auch die Themen alle gegenseitig.

Götz Müller: Ja. Jetzt könnte ich mir also auch vorstellen, dass sich ja durchaus auch Chancen ergeben, Chancen, Potentiale, was haben Sie da in Ihren Studien, in den Antworten festgestellt?

Tobias Heinen: Also erstmal grundsätzlich ist es so, alles, was ich eben gesagt habe, insbesondere dieses Thema, dass ich überhaupt eine Effizienz in der Fertigung habe, also einen schlanken Ablauf ohne viel Verschwendung, klassisch Lean, das klingt ja nach der langen Zeit, wo es jetzt diese Prinzipien gibt, klingt das ja fast ein bisschen abgedroschen. Aber trotzdem, glaube ich, ist das einfach eine Art Grundvoraussetzung für eine moderne Fabrik in Deutschland, dass man eben flache Herstellkosten hat, hohe Effizienz, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können und das dient am Ende auch erstmal schlichtweg der Standortsicherung. Immerhin sind wir ja im Wettbewerb nicht nur in der EU, sondern halt auf der ganzen Welt und am Ende brauche ich ja gute Gründe, warum die Fabrik dann noch in Deutschland ist. Das ist für mich sozusagen erstmal das Framing, in dem ich unterwegs bin. Aber darüber hinaus, glaube ich, ergeben sich durch so eine neue Art, Themen anzupacken, durchaus auch noch andere Chancen. Ich will mal ein Beispiel geben. Ich erlebe immer mehr in der Diskussion mit vielleicht jüngeren Führungskräften oder Projektverantwortlichen, dass diese Themen, wie eine Fabrik auch mit natürlichen Ressourcen umgeht, dass das auch ein entscheidendes Argument dafür wird, ob ich überhaupt in dieser Fabrik arbeiten will oder nicht. Oder auch die Frage, ist die Fabrik so organisiert und so vielleicht auch räumlich gestaltet, dass es, ich sag mal Spaß macht, da zu arbeiten? Dass das Argumente sind, die früher gar nicht so stark gezählt haben, die aber heute total wichtig werden, um überhaupt die Talente, die ich brauche in der Produktion, gewinnen zu können und in dem Kontext, sage ich gerne, eine Fabrik, die muss ein Mitarbeitermagnet werden. Also die muss sozusagen so eine Sogkraft entfalten, dass ich die Potenziale, die ich brauche, um eine effiziente Produktion aufrechtzuerhalten, dass ich die überhaupt noch finden kann und wenn ich das schaffe, dann habe ich logischerweise auch Wettbewerbsvorteile.

Götz Müller: Ja. Dann würde ich ganz gern noch einen Punkt aufgreifen, den Sie schon angedeutet haben, Bestände ist ja klassisch eine der Lean-Verschwendungsarten und ich entsinne mich da an nicht nur einen Artikel in den letzten, ja, in der Corona-Zeit aus der, wie soll man das ausdrücken, nicht aus der Fachpresse, sondern aus der Populärpresse, wo dann Aussagen kamen, speziell auf Toyota auch gemünzt: Ja, das Thema niedrige Bestände, Toyota schmeißt seine Prinzipien über Bord. Im Sinne von, weil sie eben zum Beispiel im elektronischen-Komponenten-Umfeld eben Bestände hochfahren. Aber ich glaube, es kommt ja nicht von ungefähr, wenn man sich den amerikanischen Automobilmarkt anschaut und Toyota das erste Mal seit, ich glaube, 90 Jahren General Motors überholt hat, weil einfach Lieferprobleme bei General Motors bestand.

Tobias Heinen: Also das Thema Bestände ist viel diskutiert, wie Sie sagen und ich habe da folgende Perspektive drauf: also es gibt ja diesen Klassiker, wo man sagt Bestände sind böse, weil die binden Kapital und die stehen im Wege rum und ich weiß gar nicht, ob wir sie brauchen werden und so weiter. Ich würde das anders formulieren, etwas präziser formulieren. Ich würde sagen, schlecht parametrisierte Bestände sind böse, weil wenn ich keinen Bestand habe, kann ich überhaupt nicht arbeiten. Also ein Bestand hat durchaus eine Berechtigung und das, was mir jetzt auffällt, ist, dass in dieser Zeit, wo Supply Chains zusammengebrochen sind, folgende Perspektive durchgedrungen ist: Vorher waren Bestände eben sehr stark Kostentreiber und inzwischen erkenne ich, dass Bestände eben, aber auch Leistungstreiber sind, also neben der Kostenperspektive gibt es inzwischen auch eine Leistungsperspektive, dass eben ein Bestand auch eine Leistung erfüllt, nämlich sich abzusichern gegen Turbulenz in der Lieferkette. Und insofern ist das sozusagen eher eine Versicherungspolice, um eben mit Turbulenzen umzugehen und, ja, natürlich, das kostet Geld, sich diese Versicherungspolice zuzulegen, aber dafür kriege ich eben auch eine Leistung und das ist eine Perspektive, die ich so vorher noch nicht wahrgenommen habe, die sich jetzt eigentlich erst durch diese, ja, immer noch existente Supplychain-Krise entstanden ist.

Götz Müller: Mhm. Ja, weil unterm Strich, ich meine, ich kann ja noch so günstig, in Anführungszeichen, produzieren, wenn es mir keiner abkaufen kann, weil ich es nicht produzieren kann. Dann bringt mir die ganze schlanke Produktion nichts.

Tobias Heinen: In der Tat. Also ich mache da immer gerne folgendes Beispiel, ich selbst versetz‘ mich gedanklich in die Situation eines Anlagenherstellers, der eine große Anlage baut und dafür fünf Millionen Euro Umsatz machen möchte und jetzt fehlt diese eine kleine Abdeckklappe aus der Beschaffung und die kostet zehn Cent. Das heißt, dann fehlen ihm zehn Cent in der Beschaffung und sie können deshalb fünf Millionen Euro Umsatz nicht realisieren und dann muss man schon die Frage stellen: Wäre es vielleicht wertvoller gewesen, sich davon ein paar aufs Lager zu legen, selbst wenn das Geld kostet? Und das erklärt, finde ich, diese Leistungsperspektive schön.

Götz Müller: Ja, absolut, ja. Und da kann man, also ich kenne das aus eigener Erfahrung aus einem früheren Kontext raus, da kann man verdammt viele Geld in den Sand setzen, wenn man an der falschen Stelle glaubt zu sparen. Gut, jetzt das zweite wichtige Thema meiner Ansicht nach, Sie hatten es auch angerissen, eben der menschliche Faktor. Jetzt haben Sie es angedeutet aus der Perspektive der Unternehmen heraus, was Sie tun müssen, um den Menschen stärker einzubinden. Jetzt kann man es natürlich aber eben auch aus der Sicht des Menschen betrachten, im Sinne von was bedeutet es für den Menschen, Zukunft der Produktion, Produktion der Zukunft?

Tobias Heinen: Also das eine ist sicherlich aus Perspektive des Menschen, der in der Produktion arbeitet, dass sich ganz neue Möglichkeiten ergeben. Ich sag mal Stichwort Digitalisierung, Automatisierung. Also ich glaube, der Trend geht deutlich weg davon, jetzt Standardarbeit zu verrichten, also irgendwie einfache Stapelarbeiten, Sortierarbeiten oder so, glaube ich, wird perspektivisch automatisiert sein, sodass bestimmte Arbeitsinhalte komplett wegfallen und dann aber eben die Kapazitäten da sind, sich mit anderen Themen zu beschäftigen. Also ich glaube, der Trend wird dahin gehen, nicht mehr so stark im System zu arbeiten, sondern stärker am System zu arbeiten und wenn das aber so ist, dann wird ja dadurch auch die Arbeit aufgewertet, weil am System arbeiten ist sehr viel schwieriger, sehr viel komplizierter, vielleicht sogar komplexer als im System zu arbeiten. Und dann wiederum brauche ich auch ganz andere Profile von Mitarbeitenden und dann wiederum bin ich wieder bei meinem vorgenannten Punkt. Ich glaube nämlich, solche Menschen zu finden, die sich dann dafür begeistern können, in einer Produktion zu arbeiten, das stellt die Herausforderung, dann eine Fabrik entsprechend auch so zu gestalten, so zu organisieren, auch räumlich so zu denken, dass es attraktiv ist als Arbeitsort. Und so fügt sich das für mich zusammen.

Götz Müller: Ja, und ich denke eben auch so Aspekte wie der klassische Taylorismus, am Werkstor Hirn abgeben, arbeiten, flapsig ausgedrückt, davon sind wir im Grunde ja dann eben auch weg. Sie hatten es schon angedeutet, weil sich die Tätigkeiten, weil die Tätigkeiten aufgewertet werden und ich dann meiner Ansicht nach ein Stück weit eben nicht mehr mit den Henry-Ford’schen ungelernten Mitarbeitern, die halt stupide so à la moderne Zeiten immer wieder die gleichen Tätigkeiten vollführen und das Hirn im Grunde dabei, ja, damals gewünscht abschalten.

Tobias Heinen: Genau. Also etwas überspitzt kann man, glaube ich, sagen „Taylorismus ade“, eigentlich braucht man es nicht mehr. Wenn man sich mal Folgendes vor Augen führt, dieses berühmte Buch von Frederick Taylor, wo er die Arbeitsteilung erfunden hat, das stammt ja aus 1911. Also das feiert in diesem Jahr seinen 111. Geburtstag und ich finde immer eines interessant, er hat halt vor 111 Jahren das Management, das moderne Management, erfunden. Bloß jetzt passiert Folgendes, wir haben, ich gucke mir einfach die Welt vor 110 oder 111 Jahren an und vergleiche sie mit der Welt von heute, dann stelle ich fest, die Welt ist fundamental anders geworden. Wir sind komplett globalisiert, wir sind vernetzt. Informationen sind in Echtzeit verfügbar. Die Welt ist eben komplex geworden. Und jetzt benutzt man aber Managementmethoden von vor 110 Jahren und da prallt für mich ein Widerspruch aufeinander, dass man sozusagen versucht, eine Welt zu managen mit Methoden, die gar nicht mehr funktionieren können, weil die Welt eben anders geworden ist, und deshalb glaube ich, muss man eine Fabrik anders organisieren, sehr viel dezentraler organisieren, Verantwortung dahin abgeben, wo eben die Mitarbeiter sind, nämlich auf den Shopfloor zurück. Das fügt sich auch sehr schön ein in diese Lean-Philosophie, wenn wir jetzt über Shopfloor-Management sprechen oder dezentrale Problemlösungswege und solche Dinge.

Götz Müller: Mhm. Und ich glaube, ein Stück weit muss man sich, um die Entwicklung zu verstehen, vor allen Dingen, wie Sie es genannt haben, die Entwicklung vor 110 Jahren, muss man sich mal gedanklich in diese Zeit zurück versetzen und sich anschauen, wie denn dort vorher, praktisch vor Henry Ford, vor Taylor, die Produktion ausgesehen hat, doch sehr viel handwerklicher, sehr viel manufakturähnlicher und ich könnte mir vorstellen, man muss nur über so Dinge wie die Einführung der Eisenbahn, was da berichtet wurde, von „Die Milch wird sauer“ bis „Die Kühe geben überhaupt keine Milch mehr“, was damals schon für, ja, zum Teil schräge Vorstellungen existiert haben, die man aber ein Stück weit auch auf die heutige Situation übertragen kann und dann geht es einfach mal primär um Veränderung. Und in der Regel ist der Mensch ja kein Tier, der Hurra schreit, wenn ihm die Veränderungen begegnet. Sie hatten auch noch genannt, den Aspekt Digitalisierung, und den möchte ich auch noch ein bisschen vertiefen und auch da so ein bisschen Ihre, ja, Meinung oder eben auch, was sich aus der Studie ergeben hat. Bei mir kommen da immer sehr, sehr zwiespältige Ansichten, möchte ich es mal nennen, an, speziell der Menschen, die eben schlichtweg Angst haben um ihren Arbeitsplatz, wenn es eben um nicht so hochqualifizierte Tätigkeiten geht und da kann man im Grunde ja, und das ist sehr branchenunabhängig, da kann man über Büro-Arbeitsplätze nachdenken, wo sehr algorithmisch gearbeitet wird, was dann wiederum für Maschinen, für Roboter in Anführungszeichen sehr geeignet ist, bis hin zu dann andererseits wieder schweren körperlichen Tätigkeiten, wo es halt auch eine Hilfe sein kann. Was war da die Rückmeldung ihrer Befragten und die daraus abgeleiteten Trends.

Tobias Heinen: Ja. Also zunächst mal das Thema haben alle Entscheiderinnen und Entscheider, die wir befragt haben, auf dem Zettel. Wir hatten in einer Ausgabe dieser Befragung eine Art Sonderteil, wo wir gezielt Fragen gestellt haben unter dem Motto „Wie Industrie 4.0 ist denn deine Fabrik?“ etwas flapsig formuliert und das war ganz interessant, denn die Auswahlmöglichkeit war zwischen null Sternen, also gar nicht, und zehn Sternen, da wäre man sozusagen voll digital integriert. Und der Mittelwert lag so bei 4,8, also irgendwo genau so in der Mitte. Was jetzt aber total interessant war, war die Spreizung der Angaben. Also es gab durchaus welche, die 8 Sterne vergeben haben und es gab eben auch Teilnehmer, die gesagt haben „Ja nur 2 Sterne“, also ich habe das Gefühl, es ist ein Thema, was alle verstanden haben, was aber von der Umsetzung her sehr, sehr unterschiedlich ist. Das heißt, es gibt einzelne Vorzeigeunternehmen, die dann schon sehr stark in die Richtung gelaufen sind und andere, die noch wirklich total am Anfang stehen. Wenn Sie mich jetzt fragen, was glaube ich, was mit der Digitalisierung in Fabriken passiert, ich glaube, das ist ja ein Trend, den man nicht mehr umkehren kann. Ich meine, da braucht ja jeder nur in seinem privates Leben zu gucken, das ganze Leben wird digitalisiert. Ich bin ziemlich überzeugt, dass alle Bereiche digitalisiert werden können, die werden es auch, also die werden digitalisiert werden, deshalb wird das vor der Produktion keinen Halt machen und ich glaube schon, dass auch Standardarbeit, Sie hatten das eben angedeutet, Herr Müller, ich glaube schon, dass Standardarbeiten auch in Zukunft zurückgehen werden und eben ersetzt werden durch entweder Algorithmen oder Robotik oder Automatisierung. Und dass der Fokus sich verschiebt, mehr darauf eben sozusagen qualitativ hochwertige Arbeit auszuführen. Ich nannte das vorhin „Arbeiten am System statt im System“ und dann gilt es halt, glaube ich, wieder stärker die Mitarbeiter, die man dafür braucht zu finden, zu fördern, damit die dann eben am System arbeiten können.

Götz Müller: Mhm ja und meiner Ansicht nach bis hinzu, aber da kommen wir dann schon in ganz stark gesellschaftspolitisches, gesellschaftsverantwortliches Handeln, unternehmerisches Handeln, eben auch mal zu reflektieren: Maschinen kaufen, von Ausnahmen abgesehen, keine Produkte. Sondern es sind dann unterm Strich immer noch die Menschen, angefangen von den Frühstücksbrötchen bis hin zu deutlich umfangreicheren, komplizierteren Dingen und da, glaube ich, oder werde ich den Verdacht nicht los, dass der ein oder andere manchmal auch ein bisschen kurzfristig handelt, wo man dann wieder, wenn wir jetzt wieder hundert Jahre zurückgehen und einen Henry Ford wieder bemühen oder einen Robert Bosch, die da irgendwo ein anderes Händchen hatten und sich, glaube ich, über solche Aspekte manchmal sehr klar waren. Wer kauft denn mein Modell T?

Tobias Heinen: Mhm, ja.

Götz Müller: Das heißt, ein Stück weit, glaube ich, geht es eben auch darum, speziell, wenn ich halt nicht in der Lage bin, aus welchen Gründen auch immer, die idealen Mitarbeiter zu finden, da gestalterisch zu agieren, also sprich Menschen auch zu befähigen.

Tobias Heinen: Absolut, ja.

Götz Müller: Gut, wenn wir jetzt den Bogen wieder in den Produktionskontext nochmal ganz tief reinschlagen, ganz, ganz tief eintauchen, welche Rückwirkungen ergeben sich dann da nochmal, ein Stück weit vielleicht mit Blick auf die Uhr zusammenfassend?

Tobias Heinen: Also ich … es gab früher mal von einer Automarke so einen Slogan in der Werbung, die haben gesagt „Umparken im Kopf“, also es wird Zeit, eine Art neues Bild einzunehmen und ich finde, das passt wunderbar. Ich glaube eben, es wird Zeit umzuparken im Kopf bei der Frage danach, wie muss eigentlich eine Fabrik aussehen in Zukunft. Und man hat ja oftmals dieses Verständnis oder diesen Eindruck, es gibt einen etwas schickeren Kopfbau, da ist Verwaltung drin, da sitzt der Chef oder die Chefin und dann gibt’s halt dahinter die Fabrik und da gibt es eine große Tür und wenn man da reingeht, dann ist es laut und manchmal stinkt es da auch und da vibriert es, weil die Maschinen laufen und so weiter und ich glaube, das ist eine Perspektive, die in Zukunft nicht mehr trägt, sondern ich glaube, eine Fabrik muss wirklich aufgewertet werden hin zu einem Ort, wo Wertschöpfung geschieht. Man muss sich klar machen, in einem Produktionsunternehmen wird der Wert des Unternehmens in der Produktion geschaffen. Und dann zieht das für mich halt auch nach sich, dass man die Fabrik aufwerten muss, nicht nur organisatorisch, also wir hatten über Dezentralisierung gesprochen. Wir hatten über Mitarbeiterfokussierung gesprochen, sondern also neben Organisation- und Mitarbeiterfokussierung zählen für mich da auch räumliche Dinge rein. Ich glaube auch, eine Fabrik muss ein Raum sein, wo es Spaß macht zu arbeiten, wo es angenehme Umgebung ist, sodass das insgesamt, die gesamte Fabrik ein Ort wird, die reflektiert, dass dort Wertschöpfung geschieht, und das ist so ein bisschen Umparken im Kopf für mich, weil das manchmal in der Realität auch noch etwas anders aussieht.

Götz Müller: Mhm. Ja, ja und vielleicht sogar noch ein bisschen, bei dem Begriff parken kam mir dann kurz in den Sinn, es ist ja eine relativ statische Sache. Ich glaube, ich würde es fast so ausdrücken, es geht auch darum, neue Straßen zu befahren, also sich auch zu bewegen und nicht dann von dem einen statischen Punkt in einen anderen statischen Punkt zu wechseln und dann dort erst mal wieder zu verharren, sondern ich glaube, man muss ständig in Bewegung bleiben. Gut. Ich fand das eine spannende Unterhaltung, ich finde das immer sehr interessant, das Thema Prozesse, das Thema Lean und alles, was dazugehört, endet für mich, hat für mich persönlich keine harte Grenze, sondern es ergeben sich in Gesprächen wie jetzt mit Ihnen immer wieder Aspekte, die man vielleicht so aktiv vor einem Gespräch gar nicht auf dem Schirm hatte und dann aber im Austausch sich gegenseitig bereichernde Punkte einstehen. Deshalb ja, Herr Heinen, ich danke Ihnen für Ihre Zeit. Ich denke, wir werden, ich werde in die Notizen zur Episode auch die Ergebnisse, Sie hatten jetzt von vier Durchgängen, von vier Perioden schon gesprochen, die werden wir da mit Sicherheit verlinken, sodass auch die Zuhörer sich da nochmal intensiver reinschauen können.

Tobias Heinen: Das würde mich freuen, ja, sehr gern.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Tobias Heinen zum Thema Produktion der Zukunft, Zukunft der Produktion. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 276.

Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, freue ich mich über Ihre Bewertung bei iTunes. Sie geben damit auch anderen Lean-Interessierten die Chance, den Podcast zu entdecken.

Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

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