Muss Verbesserung innovativ sein?

innovativ

Wenn diese Frage im Raum steht, lohnt es sich in meinen Augen (mal wieder) zuerst die einzelnen Elemente anzuschauen und dann daraus eine Schlussfolgerung zu erreichen.

Die einzelnen Elemente sind hier erstmal einfach die Wörter, aus denen sich die Aussage bzw. die Frage zusammensetzt. Dabei schaue ich mir die Bedeutung an und mache ein paar Gedankenspiele damit.

Muss — Hinter diesem Wort bzw. (Hilfs-)Verb steckt ein Modaloperator, der an sich schon hinterfragt werden kann. Das will ich jetzt gar nicht auf die Spitze treiben, sondern verweise dazu auf einen früheren Artikel [1]. Grundsätzlich stellt sich dabei eben die Frage, ob so sein muss oder ob es auch anders geht. Diesen Punkt werde ich dann in der Kombination mit den anderen, noch folgenden Elementen unten weiter ausführen.

Verbesserung — Zu diesem Wort fällt mir als erstes das Lichtenberg-Zitat ein, das postuliert, dass auf jeden Fall eine Veränderung notwendig ist, damit es besser werden kann. Die Verbesserung mit dem zwingenden „müssen“ ist also erstmal nicht gegeben.

Die Verschlechterung (einer Situation) in der Kombination mit „müssen“ dürfte als nicht nutzenstiftend bzw. gewinnbringend ziemlich klar verworfen werden und „muss“ deshalb nicht weiter betrachtet werden.

innovativ — Der einleitende Modaloperator alleine beinhaltet jetzt gar keine Aussagekraft. Erst in der Kombination mit „innovativ“ wird daraus etwas halbwegs greifbares. Es gibt sich aber auch die Frage, ob es nicht etwas anderes sein kann.

Wenn man sich diese Frage stellt, steht u.a. das Gegenteil zur Disposition. Das kann einerseits die blanke Abwesenheit von Innovation sein oder eben auch das Gegenteil im Wortsinn also „exnovativ“. Damit wird nicht die Erneuerung oder etwas Neues adressiert, sondern die Beendigung von etwas bestehendem, dem zum Zeitpunkt der Betrachtung keine Vorteile mehr zugeschrieben werden (Anmerkung: dieses Bestehende kann in der Vergangenheit durch einen Nutzen oder Mehrwert geleistet haben, was damals seine Existenz und ursprüngliche Einführung durchaus gerechtfertigt haben kann, es aber jetzt eben nicht mehr leistet.

„Die überwältigende Mehrheit der erfolgreichen Innovationen verwertet Veränderung.“

– Peter Drucker

Damit sollte also klar sein, dass die Verbesserung nicht zwingend mit etwas Neuem verbunden sein muss, sondern auch durch das Weglassen von etwas Altem geleistet werden. Im Lean-Kontext stehen hier sicherlich die sieben (+x) Verschwendungsarten im Vordergrund, bei denen in Regel auch kaum eine Assoziation zur Innovation im Raum steht.

Damit wäre der wichtigste Teil der Analyse geschafft, oder?

Nicht ganz, es folgt noch ein kleines Wort, vermeintlich auch nur ein Hilfsverb, hinter dem aber durchaus mehr steckt.

sein

Auch hier kommt mir erstmal wieder ein Kontrast in den Sinn. Nicht direkt das Gegenteil, sondern ein Kontrast auf der zeitlichen Ebene. Das „sein“ steht primär für eine Situation oder einen Zustand in der Gegenwart, während im Kontrast dazu einerseits die Vergangenheit stehen kann – die hier aber ziemlich uninteressant ist – und andererseits die Zukunft.

Insbesondere in der Kombination mit der Verbesserung, die ihrerseits selbst einen Vergleichspunkt als existenzielle Voraussetzung benötigt, ist das „werden“ in meinen Augen deutlich wichtiger. Besonders wenn man im sich in einem Lean-Kontext mit dieser Fragestellung von „sein“ oder „werden“ beschäftigt.

Frei nach Shakespeare ist also hier nicht sein oder nicht sein die Frage, sondern vielmehr im grundsätzlich positiven Sinn sein oder werden. So wie man auch nicht Lean sein kann, sondern „nur“ werden. Und das Werden ist wichtig als das Sein, weil es kontinuierlichen Bestand hat (was auch in der Wortkombination kontinuierlich und Bestand auch schon wieder ein Widerspruch ist).

Meine persönliche Tendenz geht dabei klar zum „Werden“. Das „Sein“, im Sinne einer Momentaufnahme, ergibt sich dann von ganz alleine (auch wenn das mit einer Art der Heisenbergschen Unschärferelation beaufschlagt sein kann).

Soweit also erstmal genug der Wortklauberei. Jetzt ist damit die Zeit bzw. Gelegenheit für ein Fazit gekommen.

Die – für mich – logische Konsequenz auf die Eingangsfrage ist also ziemlich deutlich ein Nein.

Verbesserung (als Dreh- und Angelpunkt der Aussage) muss (im Kontrast zu darf, kann, muss nicht) nicht innovativ (im Kontrast zu exnovativ und immer in Relation zu etwas bestehendem bzw. altem) sein (im Kontrast zu werden).

Oder anders ausgedrückt: Nein:Ja = 3:1 — das Nein hat also die nächste Runde erreicht (wenn diese paradoxe Metapher hier überhaupt passt) und das Ja ist leider ausgeschieden, wobei es das Ehrentor quasi erst in der Nachspielzeit erzielen konnte.

[1] Modaloperatoren im Lean-Kontext

Frage: Welche Assoziationen haben Sie zu Verbesserung und Innovation? Muss es immer etwas Neues sein? Welchen Wert schreiben Sie etwas Altem zu?

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