Kaizen 2 go 290 : Fachkräftemangel vs. Wertschöpfungsmangel


 

Inhalt der Episode:

  • Was war der Anlass sich mit dieser Fragestellung zu beschäftigen und der Impuls für Ihre These?
  • Welche Fragestellungen ergeben sich daraus?
  • Was ist eigentlich Wertschöpfung und kann Wertschöpfung ohne Menschen überhaupt gelingen?
  • Wenn wir nicht die geeigneten Fachkräfte für Wertschöpfung haben, muss man sich nicht auch die Frage stellen, um welche Arbeit geht's eigentlich?
  • Was sollte sich verändern, damit wieder wirklich gearbeitet werden kann und entsprechende Leistung entsteht?
  • Welche externen Einflussfaktoren bestehen dabei und was haben die Unternehmen selbst in der Hand?
  • Was kann man aus dem Lean Kontext auf die Situation abbilden und daraus lernen?

Notizen zur Episode:


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(Teil)automatisiertes Transkript

Episode 290 : Fachkräftemangel vs. Wertschöpfungsmangel

Herzlich willkommen zu dem Podcast für Lean Interessierte, die in ihren Organisationen die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse und Abläufe anstreben, um Nutzen zu steigern, Ressourcen-Verbrauch zu reduzieren und damit Freiräume für echte Wertschöpfung zu schaffen. Für mehr Erfolg durch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit, höhere Produktivität durch mehr Effektivität und Effizienz. An den Maschinen, im Außendienst, in den Büros bis zur Chefetage.

Götz Müller: Heute habe ich Andreas Syska bei mir im Podcast-Gespräch, wiederholt im Gespräch. Wir haben immer interessante Themen. Er ist Professor an der Hochschule Niederrhein mit dem Schwerpunkt Produktionsmanagement. Hallo Herr Syska.

Andreas Syska: Hallo Herr Müller, vielen Dank für die Einladung.

Götz Müller: Ja, schön, dass Sie heute dabei sind, heute haben wir vielleicht ein, könnte man meinen, ein weniger technisches, rein technisches, Problem oder Thema vor uns und zum Einstieg aber stellen Sie sich gern nochmal den Zuhörern in ein paar Sätzen vor, weil ja nicht jeder unsere bisherigen Episoden gehört hat.

Andreas Syska: Ja, das kann ich gerne machen. Ich bin von Hause aus Produktionsingenieur, ich habe an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen studiert, habe dort promoviert und sehr früh mich begeistert für das Thema Produktionsmanagement und war einige Jahre in der Industrie als Produktionsleiter, habe dann die ganzen Höhen und Tiefen dieses Themas aus dem Tagesgeschäft kennengelernt, war als Unternehmensberater tätig, habe mich dann auch dort selbstständig gemacht und bin seit vielen Jahren Professor für Produktionsmanagement an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und das Thema Faszination Produktion begleitet mich mein gesamtes Berufsleben und ich versuche derzeit halt meinen Industriepartnern und meinen Studenten diese Begeisterung für Produktion weiterzugeben.

Götz Müller: Genau. So und jetzt haben wir heute das spannende Thema Fachkräftemangel vs. Wertschöpfungsmangel und vielleicht zum Einstieg mal die etwas vielleicht plumpe Frage, was war der Auslöser, dass sie sich mit dieser Fragestellung überhaupt beschäftigt haben? Und dann steckt ja ein Stück weit auch eine, nennen wir es mal eine gewisse These da drin.

Andreas Syska: Ja, wer sich wie ich mit dem Thema Wertschöpfung beschäftigt, kommt natürlich auch nicht an dem Thema Verschwendung und Fokussierung auf Kunden etc. vorbei und überträgt dann halt sehr schnell diese Dinge, die in Fabriken gut funktionieren, auch auf andere Lebensbereiche. Und wenn ich mich umschaue im Alltag oder halt auch außerhalb der Industrie in den Betrieben, stelle ich fest, dass noch viel, viel nötig ist, die Effizienz und die Effektivität zu steigern und hier geht es nicht um die letzten zwei, drei Prozent, die man noch irgendwo rauskitzeln kann, sondern um Grundlegendes. Parallel dazu habe ich vor einiger Zeit auch eine Studie erstellt, in der ich Verschwendung in der Volkswirtschaft dargestellt habe in einigen Bereichen und wenn man das ganze mal hoch rechnet, kommt man dazu, dass jeder dritte Handgriff in Deutschland nicht wertschöpfend ist und also entweder an den Kunden wünschen, vorbeigeht oder ineffizient ausgeführt wird und wenn ich jetzt das Ganze verbinde mit dem Thema Arbeitskräftemangel, dann ruft mich das auf den Plan, weil ich denke, dass wir keinen Mangel an Arbeitskräften haben, sondern ein Mangel an Ideen, Menschen vernünftig einzusetzen.

Götz Müller: Mhm ja. Ja, da stecken ja schon einige Punkte im Grunde drin, also Fragestellungen, die sich daraus ergeben, aber bevor wir da tiefer einsteigen, selbst wenn wahrscheinlich das jetzt vielleicht die Zuhörer, zumindest die Lean-Menschen langweilen wird, aber im allgemeinen Sinne nochmal wiederholt, selbst wenn es profan ist: Was ist Wertschöpfung? Und dann finde ich eine spannende Frage, die man sich immer überlegen kann: Ja, Mensch, Maschine, kann eine Maschine überhaupt wertschöpfen?

Andreas Syska: Wertschöpfung ist immer dann, wenn ich eine externe Referenz habe. Das hört sich erst mal sperrig an, aber wenn jemand bereit ist, für das, was ich mache, das kann ein Produkt sein oder eine Dienstleistung, Geld auszugeben, und zwar Geld, weil er Geld ausgeben will, nicht weil er Geld ausgeben muss. Also letzteres sind zum Beispiel Dienstleistungen, die angefragt werden, um behördlichen Auflagen gerecht zu werden. Also wenn es die Bedürfnisse einer Privatperson befriedigt und als Zwischenstufe dazu halt auch die Bedürfnisse eines produzierenden Unternehmens, wenn ein Unternehmen überhaupt Bedürfnisse haben, kann, befriedigt, dann handelt es sich um Wertschöpfung. Ich habe ein Schema aufgebaut, indem ich diese Art von Tätigkeiten immer grün markiere und neben diesen grün markierten wertschöpfenden Tätigkeiten gibt es halt noch vieles andere. Es gibt Support. Das bedeutet, dass man einen Betrieb in Bereitschaft versetzt, aktiv zu sein. Das können Instandhaltungstätigkeiten sein, soweit sie vorbeugend sind, oder Rüstaufgaben. Hinzu kommen die administrativen Tätigkeiten, also reines Planen und Reporten und diese ganzen Dinge und natürlich auch die pure Verschwendung, als diejenigen Dinge, die nicht einmal administrativ oder supportend und sind, wie Wartezeiten, Wegezeiten, wir alle kennen diese Arten von Tätigkeiten. Und natürlich darf man nicht vergessen, das Verbessern von Systemen und das Weiterentwickeln von Menschen gehört mit dazu. Und mit diesen fünf Bereichen habe ich eigentlich sehr viel abgedeckt. Ich analysiere produzierende Bereiche, ich analysiere Service-Bereiche und stelle fest, wahnsinnig wenig ist Grün, im Sinne der Befriedigung von Bedürfnissen und vieles ist administrativ und Support und Verschwendung. Ich habe den Eindruck, dass die Organisationen teilweise nur um sich selbst kreisen, aber den Kunden nicht mehr im Blick haben.

Götz Müller: Ja, mir fällt da immer spontan dann wieder Parkinson ein mit der Ausdehnung der, er hat es ja noch Arbeit genannt, das war ja noch vornehm ausgedrückt, die sich auf die verfügbare Zeit ausdehnt.

Andreas Syska: Ja. Es kommt du noch etwas hinzu, was mir Sorgen macht. Also wir … ich habe das Thema diskutiert mit einigen Menschen in der jüngeren Vergangenheit und dabei festgestellt, dass einige, ja, wenn nicht viele, gar nicht den Unterschied erkennen, zwischen beschäftigt sein und im Sinne der Wertschöpfung zu arbeiten. Also beschäftigt sind wir alle, haben eine ganze Menge zu tun, viele Menschen leiden auch unter Stress, aber vieles von dem, was gemacht wird, geht am Kunden vorbei. Man hat also diese externe Referenz nicht, sondern beschäftigt sich mit sich selber. Hinzu kommt, dass oftmals Arbeit und Leistung gleichgesetzt wird. Ich finde das sehr bezeichnend. Ich erinnere mich an ein Gespräch, was ich hatte mit jemandem, der sagte: „Natürlich, wenn ich zwei Stunden mehr am Tag arbeite, dann leiste ich doch auch mehr.“ Ich sage: „Nein, dann leisten Sie nicht mehr. Dann arbeiten Sie einfach nur mehr.“ Leistung ist Arbeit pro Zeit. Wenn er sein Pensum in acht Stunden schaffen würde statt in zehn, dann hätte er seine Leistung gesteigert und so gehen die Dinge quer durcheinander. Beschäftigt sein, irgendetwas machen, Arbeit und Leistung, und wenn Sie dann rufen und sagen „Wir müssen mehr leisten“, denken viele Menschen an mehr Arbeit, mehr Druck, mehr Stress, mehr Arbeitsverrichtung und rennen schreiend weg, was aber nicht notwendig wäre, wenn wir cleverer arbeiten würden statt härter.

Götz Müller: Ja. Und es kommt ja noch dazu, ich mache das ähnliche Beispiel immer am Thema suchen fest. Wenn ich irgendetwas suche, also ich selber bin der Suchende, ich drehe ja nicht Däumchen, sondern ich renne da durch die Gegend und öffne Schränke und grabe in irgendwelchen Kellern rum. Ich bin ja beschäftigt ohne Ende. Das heißt, ich nehme selber, da wieder das andere Beispiel, ich sitze ja im Marmeladenglas des Suchenden und nur jemand, der von außen draufguckt sieht, dass da Suchen draufsteht.

Andreas Syska: Und viele halten dies für unvermeidlich, oder für den ganz normalen Bestandteil ihrer Tätigkeit. Ich habe eine ganze Reihe Interviews geführt mit Leuten, die außerhalb der Produktion tätig sind, auch Analysen durchgeführt, das sind Menschen, die in Anwaltspraxen arbeiten oder Handwerksbetrieben oder in Konzernen und was ich feststelle, ist, dass wir eine wachsende Anzahl von Tätigkeiten haben, in der es gar nicht mehr darum geht, zu arbeiten, sondern Arbeit vorzubereiten, Arbeit zu planen, Arbeit zu steuern. So typische Schnittstellentätigkeiten und die wachsen und wuchern. Also ein einfaches Beispiel: Da gibt es den Systemprogrammierer, der früher mal programmiert hat, das war sein Job und er hat hoffentlich damit auch Sinnvolles getan und Bedürfnisse befriedigt. So. Nun hat sich das Unternehmen entschieden, diese Programmiertätigkeiten nach Indien zu bringen und diese Person programmiert nun nicht mehr selber, sondern sammelt die Anforderungen der Fachabteilungen, bündelt die und sendet die nach Indien und schaut, dass in Indien genau das programmiert wird, was die Fachabteilung verlangt. Das sind so eine typische Schnittstellen- und Maklertätigkeiten und das Land ist voll damit. Schauen sie, was Behörden machen, Ihre lokalen Stadtwerke, die Stadtverwaltung. Oftmals sind diese Personen gar nicht damit beschäftigt, Dinge selbst zu machen, sondern externe Betriebe zu beauftragen. Was jetzt nicht dazu führt, dass die Tätigkeit in einer Stadtverwaltung, in Stadtwerken oder sonst wo weniger würde. Man könnte ja entweder Stellen abbauen oder die Menschen etwas anderes machen lassen. Nein, die bleiben natürlich bestehen. Und so koordinieren wir nur noch, wir auditieren, wir delegieren, wir kontrollieren. Also es gibt immer weniger Menschen, die wirklich arbeiten und immer mehr Menschen, die sagen, wie andere zu arbeiten haben und das bindet in erheblichem Maße Arbeitszeit und da wundere ich mich nicht, wo der Schrei herkommt: „Wir brauchen mehr Arbeit. Wir brauchen mehr Leute und alle müssen länger arbeiten, weil wir sonst unseren Kram nicht erledigt bekommen.“ Ich finde, das geht am Thema vorbei.

Götz Müller: Ja. Und Sie haben das Beispiel des Software-Entwicklers gemacht und ich habe selber da einen gewissen Hintergrund und ich sage auch immer und habe das auch festgestellt und es ist mir von vielen bestätigt worden. Gerade bei Softwareentwicklung sind die Produktivitätsunterschiede immens und jetzt passiert es halt ganz oft und Sie haben das Beispiel genannt, ich mache unter Umständen meinen besten Software-Entwickler vielleicht zur Führungskraft oder halt zu einem Systemingenieur und verliere damit einen sehr, sehr produktiven Entwickler.

Andreas Syska: Das kommt hinzu, und wir setzen ihn an eine Schnittstelle, in der im Grunde nur Informationen von der einen zur anderen Ecke geschoben werden. Und wie gesagt, ich beobachte mit recht großer Sorge, dass wir mehr und mehr solche Tätigkeiten kreieren, also diese zugespitzte Frage „Wer arbeitet denn eigentlich noch?“ ist berechtigt, also wer arbeitet im Sinne der Wertschöpfung. Wie gesagt, beschäftigt sind wir alle und viele haben auch Stress.

Götz Müller: Mhm. Gut, ich glaube, jetzt haben wir so die, sagen wir mal, die Ist-Situation, haben Sie recht gut beschrieben. Und ich vermute einfach mal, dass Ihnen da natürlich auch irgendwo eine Lösung durch den Kopf geht. Also sprich, was muss sich verändern, damit wieder mehr gearbeitet wird, damit daraus dann auch die Leistung entstehen kann.

Andreas Syska: Also, gearbeitet im Sinne der Wertschöpfung. Wir bekommen ja gerade mit, dass eine ganze Reihe von Lösungen diskutiert wird, was wir tun müssen, um den Arbeitskräftemangel, der früher übrigens ein Fachkräftemangel war, und mit zehn Jahren Anlauf, man konnte ja sehen, in welche Richtung die Entwicklung geht, zu einem allgemeinen Arbeitskräftemangel geworden ist. Sie bekommen keine Handwerker mehr, Restaurants machen gar nicht erst auf oder haben eingeschränkte Betriebszeiten. Ich habe gerade eine Flugreise hinter mir und habe sehen können, wie natürlich fehlendes Personal die Wartezeiten und Ähnliches verlängert. Ich habe auch eine Bahnfahrt zum Flughafen gerade hinter mir und habe sehr viele Studien treiben können. Das Ganze als Studienobjekt zu sehen, macht so eine Reise durchaus erträglich, sonst werden Sie ja schier wahnsinnig, wenn Sie sehen, was Sie da erleben müssen und andere auch. Kurz und gut, ich sehe halt, dass viele Dinge gemacht werden, die nicht sinnvoll sind. Und die Lösungen, die derzeit diskutiert werden, gehen alle in die gleiche Richtung. Also ganz aktuell: Wir müssen mehr arbeiten, die 42-Stunden-Woche statt einer 40-Stunden-Woche. Okay. Das kann man vorschlagen, natürlich, es ist nur nicht sinnvoll, weil zum einen eine ganze Reihe von Menschen überhaupt gar kein Interesse mehr hat, länger zu arbeiten oder es auch körperlich gar nicht mehr kann, die Verlängerung eines Arbeitstages bedeutet, dass zu den letzten Stunden hin, das ist ja empirisch belegt, die Fehlerrate und die Belastung der Menschen exponentiell steigt. Das kann keine Lösung sein und was von Industrie- und Wirtschaftschaftsverbänden und aus der Bundesregierung vorgeschlagen, aber übersehen wird, ist, dass doch derzeit eine Reihe von unbezahlten Überstunden geleistet wird. Das Macht ungefähr eine Stunde pro Woche gemessen bei 40 Stunden aus. So lautet der Vorschlag, jetzt diese schon seit Jahren geleistete wöchentliche Überstunde endlich mal zu bezahlen? Ich fände es gut. Oder heißt das, dass auf diese eine unbezahlte Stunde noch zwei bezahlte obendrauf kommen? Das ist nicht ausgegoren und das geht in diese Richtung, wenn mehr Arbeit liegengeblieben ist, dann müssen wir halt länger und mehr arbeiten. Verständlich, trotzdem Quatsch. Das Zweite ist dann halt Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Das bedeutet also zu einem späteren Zeitpunkt in Rente zu gehen. Das hat ähnliche Nachteile wie die verlängerte Wochenarbeitszeit. Denn irgendwo sind die Menschen auch mal durch, gerade in körperlichen oder psychisch anstrengende Berufen. Das können Sie nicht bringen, diese Person bis 70 arbeiten zu lassen, wobei ich zugestehe, dass das eine Richtung andeuten soll und jetzt nicht pauschal für alle Berufe gelten soll. Also so viel sollte man schon sein, aber dennoch heißt das ja auch wieder, wir müssen länger arbeiten. Das Dritte ist dann halt, wir brauchen Zuwanderung. Vierhundertausend Personen jedes Jahr. Das heißt also, die Lösung geht in die Richtung, wir brauchen mehr Menschen, die arbeiten, und das müssen die auch immer länger tun. Wie fantasielos ist das denn eigentlich? Niemand scheint sich damit zu beschäftigen, wie wir eigentlich arbeiten und wie viel, ich hab’s eben gerade gesagt, wie viel Unsinniges dabei ist. Mein Ansatz ist es, diese Tätigkeiten branchenübergreifend in der öffentlichen Verwaltung, im Gesundheitswesen und sonst so, einmal systematisch zu analysieren und genau diese Verschwendungen und das viele Administrative, dass viele sich beschäftigen, mit sich selbst, zu identifizieren und zu eliminieren. Da haben wir viel, viel mehr Potential als durch alle anderen Maßnahmen zusammen.

Götz Müller: Ja, weil im Grunde, man wird ja nur mehr, und ich vermeide jetzt im Grunde den Begriff Arbeitskräfte, ich nenne es mal Beschäftigungskräfte, auf einen Haufen Verschwendung schmeißen und dadurch auch da unter Umständen nochmal einen Potenzierungseffekt, ja, nicht erzielen, das kann man ja fast nicht sagen.

Andreas Syska: Also die Lösung lautet, zugespitzt, immer mehr Menschen in schlechte Systeme zu stopfen und das kann es nicht sein.

Götz Müller: Gut, aber jetzt kann man natürlich sagen: Ja, es ist nur die Politik oder es ist nur die Verwaltung. So ganz werde ich persönlich den Verdacht nicht los, so ganz unschuldig sind die Unternehmen, speziell dann die etwas größeren, ja auch nicht. Das heißt, wenn wir uns jetzt nochmal ein bisschen anschauen, was habe ich denn überhaupt für Einflussfaktoren, also sprich, was hat uns vielleicht auch, ja, in diese Situation gebracht? Und ich würde sagen, da kann eigentlich keiner so richtig die Hände in absoluter Unschuld waschen.

Andreas Syska: Ja, es geht ja auch gar nicht um Schuld und Sühne und diese Dinge, sondern es geht um eine nüchterne Analyse und da liegt es mir erstmal sehr daran, überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen und das wird der Schwierigste aller Teile sein, weil, wie gesagt, wir halten Beschäftigung für Arbeit oder gar für sinnvolle und zielführende Arbeit. Ja, wo mag es herkommen? Ich sehe zwei große Quellen, also einmal die Unternehmen selber und zum anderen auch der Staat, der für solche Tätigkeiten sorgt. Das mit den Unternehmen habe ich gerade mal angedeutet. Man versucht natürlich weiterhin, sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren, schafft damit externe Schnittstellen oder versucht halt auch, bestimmte Tätigkeiten günstiger einzukaufen. Das ist ja legitim. Aber auch das schafft halt Schnittstellen. Das sind dann koordinierende Tätigkeiten, die hier notwendig werden und das mag sich vielleicht unterm Strich rechnen, wobei ich das bezweifle, wenn wir näher hingucken würden, kämen wir sehr wahrscheinlich zu einem anderen Ergebnis, aber es bringt die Leute weg von den Dingen, die wirklich fokussiert und konzentriert sind? Ich denke auch, dies Unternehmen an einigen Ecken erkannt haben, dass sie mit weniger Arbeitskraft auskommen müssten und die greifen dann halt zu einem schönen Kunstgriff, und jetzt bin ich beim Thema Digitalisierung, Herr Müller. Wir sehen ja ganz tolle Anwendungen, auch als Kunde, und ich habe im Fokus so etwas wie einen Self-Check-in-Terminal am Flughafen und Selbstzahlerkassen in Supermärkten. Ich habe dazu meine eigene Meinung. Ich finde es sehr schön, dass Prozesse so standardisiert worden sind, dass man sie. auch automatisieren kann, einchecken, zahlen. Aber letztlich geht es ja gar nicht darum, den Kunden einen Nutzen zu bringen, sondern letztlich geht es darum, Arbeit auf den Kunden zu verlagern. Wir machen es dir so einfach, so digital, dass der Kunde den Job erledigen kann. Mich persönlich zieht nichts zu solchen Self-Check-in-Terminals, ich bin da gerne im Gespräch mit einem Menschen, aber jeder ist anders. Aber wenn zum Beispiel in Supermärkten Kundinnen einen Rabatt bekommen auf ihren Einkauf, wenn sie zu einer Selbstzahlkasse gehen, dann zeigt das doch, dass hier nicht der Kundennutzen im Fokus steht, sondern die Entlastung der Unternehmen und die Kunden dann halt mit Rabatten geködert werden müssen, um dies zu tun. Das ist für mich kein Ausweis von Kundennutzen, sondern hier versuchen sich Unternehmen schlank zu machen, indem sie Arbeit auf den Kunden verlagern und ihm das zynischerweise auch noch als Fortschritt verkaufen.

Götz Müller: Ja, Ja, im Grunde sind die, hat vielleicht mit Supermärkten angefangen, hat sich dann in Selbstbedienungsrestaurants fortgesetzt und mittlerweile hat man es im Supermarkt, in Anführungszeichen perfektioniert, dass ich vielleicht mal, so ganz völlig gesponnen, dass irgendwann mal eben mein Kühlschrank etwas bestellt.

Andreas Syska: Ja, das wäre noch eine Erleichterung im Privathaushalt, wobei ich nicht glaube, dass es so weit kommen wird, weil einkaufen ist ja nicht nur replenishment, also Auffüllen von Lebensmittel, ist ein hochemotionaler Prozess, und da möchte man schauen, da möchte man schnuppern und da möchte man stöbern. Übrigens diese sich selbst befüllenden Kühlschränke, die ja auch schon seit beinahe zwanzig Jahren in der Diskussion sind, sind für mich ein wunderbares Beispiel für eine technische Lösung für ein Problem, das kein Mensch hat, also auch da an den wirklichen Bedürfnis der Menschen vorbei.

Götz Müller: Ja, und im Grunde, also für mich natürlich und wahrscheinlich für viele andere, ich nenne es mal Lean-Menschen klingt da im Grunde mit, dass man sich einfach mal wirklich mit den Dingen beschäftigen muss, also mit der Wertschöpfung beschäftigen muss, was Sie immer wieder gesagt haben, hinterfragen, was ist eigentlich der Kundennutzen an der Sache, was ist das Kundenbedürfnis, das ich erfülle oder wo lagere ich eigentlich nur Arbeit an ihn aus?

Andreas Syska: Genau und da sollte man den Blick schärfen, was jetzt das Unternehmen angeht, denen man eigentlich unterstellen darf, dass sie so etwas ganz gut im Blick haben und permanent auf Effizienz abzielen, aber ich denke in neun von zehn Fällen, ich sage das jetzt einfach mal unüberprüft, ist Effizienzsteigerung in Unternehmen halt nicht damit verbunden, Prozesse zu verbessern und Menschen von unsinnigen Dingen zu befreien, sondern der typische Manager erhöht den Druck und die Menschen reagieren allergisch, wenn man um die Ecke kommt und sagt: „Ich möchte die Effizienz erhöhen.“ Ein Beispiel, Sie, Herr Müller, werden davon gehört haben, vor eineinhalb Jahren ging es ja darum, die Impfkampagne nach vorne zu bringen, indem man Impfzentren aufbaut und Millionen von Menschen dort impft. Ich habe meine Unterstützung angeboten in meiner Heimatregion und habe Kommunen, Oberbürgermeistern und der kassenärztlichen Vereinigung, wem auch immer, meine Unterstützung angeboten, auch die Landesregierung in Düsseldorf hat davon gehört. Schließlich hatte sich ein Kreis bereiterklärt, mich einmal in diese Prozesse hineinschnuppern zu lassen, weil ich hatte die Ahnung, dass es nicht sein kann, dass eine Impfung pro Kabine fünf Minuten dauern sollte, denn so war es kalkuliert und so fand man es gut und in der Tat: der eigentlich wertschöpfende Prozess des Impfens, wenn Sie also auch die Desinfektion mit dazunehmen und alles regelkonform machen, dauert 45 Sekunden. Wo bleiben die anderen 4 Minuten 15? Das konnten wir sehen, als wir die Prozesse analysiert haben, da gab es Wartezeiten und Dokumentationszeiten, dieses und jenes, ich könnte eine Stunde darüber reden. Kurz und gut. Uns ist es gelungen, die Leistung dieses Impfzentrums von 1000 Impfungen am Tag auf fast 3000 zu erhöhen. Aber nicht dadurch, dass man jetzt mehr Ärzte und mehr Personal reingesetzt hat, sondern dadurch, dass wir Prozesse von unsinnigen Dingen befreit und Schritte synchronisiert haben. Aber glauben Sie nicht, dass das am Anfang einfach war. Denn ich hatte es natürlich dort auch mit Ärzten zu tun, mit MFAs und mit den Hilfsorganisationen, Malteser, Johanniter und anderen, die natürlich große Vorbehalte hatten, weil sie gesagt haben: „Es handelt sich hier um Menschen, es handelt sich um Pandemiebekämpfung und Sie können doch jetzt nicht noch zusätzlichen Druck erzeugen. Bleiben Sie bitte mit Effizienz weg.“ Nach drei Monaten wollte keiner ein anderes System haben, die Patienten, die Impflinge, die zur zweiten Impfung kamen, haben gesagt „Ich erkenne das Impfzentrum nicht mehr wieder. Alles ist entspannt, alles ist ruhig, es läuft flüssig.“ Die impfenden Ärztinnen und ihre Mitarbeiterinnen hatten keinen Stress mehr gehabt und das gesamte Management. Die morgendlichen Runden waren Krisenmanagement, wo dünnhäutige Manager sich gegenseitig Vorwürfe gemacht haben, waren ganz entspannte Meetings, in denen kurz das Tagesgeschäft durchgesprochen worden ist und dann ging es an die Arbeit. Es wurde effizienter, es wurde deutlich schneller und die Menschen hatten weniger Stress. Das ist das, was ich meine. Aber die meisten verstehen halt nicht, wenn sie nach den Lean-Prinzipien an solche Systeme herangehen, dass sie genau so etwas erzielen können. Die meisten haben halt Angst vor dem Thema Effizienzsteigerungen.

Götz Müller: Ja, und im Grunde, so schade das halt ist, wenn wir vierzig Jahre, dreißig, vierzig Jahre zurückdenken, ich sag das auch immer wieder. Damals, in den Achtzigern, in den frühen Neunzigern, war halt Lean einfach eine Arbeitsplatzabbaumaßnahme und das hat sich irgendwo, selbst, wenn jemand nicht direkt betroffen war, hat sich das halt in den Köpfen festgesetzt. Da kommen die Manager und dann steht mal wieder auf der Straße.

Andreas Syska: Ja, und das hat sich komplett gedreht. Heute müssen wir nicht erklären, was wir dann mit den Menschen machen, die leider ihren Job nicht mehr haben, sondern wir suchen ja händeringend Arbeitsstunden und wie können sie auf diese Art und Weise gewinnen. Das können wir in Betrieben, im Gesundheitswesen, sonst wo machen, auch im Gesundheitswesen sind die Leute ja gebrannte Kinder. Effizienzsteigerung heißt in der Regel Pflegeschlüssel zu reduzieren. Das heißt, für die Unkundigen, was gestern acht Mitarbeiterinnen auf einer Station geschafft haben, schaffen heute auch sieben. Ja, natürlich, indem man die Arbeit der achten auf die sieben Personen verteilt und damit den Druck erhöht. Und schaut man sich dort die ganzen Prozesse an, stellt man fest, wertschöpfend ist die Tätigkeit am Patienten. Also das Gespräch oder das Spritze setzen oder ähnliche Dinge. Nicht wertschöpfend sind Dokumentationen oder ins Lager gehen und die Medikamente durchzählen und Bestellungen auszulösen, um den Medikamentenschrank wieder voll zu kriegen, oder, oder oder. Das sind diese Dinge. Und dort können wir durch effizientere Prozesse das Pflegepersonal entlasten. Wir können meinetwegen auch einen Medikamentenroboter einsetzen. Aber nicht pauschal digitalisieren oder automatisieren und sagen, der Roboter geht jetzt ans Krankenbett. Das ist natürlich Mumpitz, da gehört die Krankenschwester hin und der Pfleger, aber die ganzen Dinge im Hintergrund, die könnten wir natürlich automatisieren, standardisieren und flexibilisieren und auch da ist eine ganze Menge los, aus eigener Beobachtung zwanzig, fünfundzwanzig Prozent der Tätigkeit von Pflegepersonal ist wirklich Pflege, der Rest ist irgendwas anderes. Das treibt mich auf die Palme, wenn ich so etwas sehe.

Götz Müller: Ja, das … in den wenigen Malen, wo ich irgendwo Kontakte, in Anführungszeichen, in Krankenhäuser rein hatte, ja, ich entsinne mich da an die eine Situation, wo mein Vater mal im Krankenhaus war, zu einer Gewebeprobe und jetzt kann man natürlich die Frage in den Raum stellen, was ist verloren gegangen? Die Gewebeprobe.

Andreas Syska: Eine Anekdote am Rande. Diese vielen Analysen, die wir und andere Leute in den Impfzentren vorgenommen haben, haben zu Tage gefördert, dass Prozesszeiten stark streuen. Also das bedeutet, das ein und derselbe Prozess mal ganz schnell geht und mal deutlich langsamer. Herr Müller, die Prozesse, die am stärksten standardisiert waren, eine Standardisierung, die ich mir in Produktionen manchmal wünschen würde, wo die Zeiten am wenigsten gestreut haben, waren was? Das Impfen selber. Das Aufklärungsgespräch, also genau das, was die Ärzte gemacht haben, das gesamte medizinische System ist ein System mit sehr strengen und ausgefeilten Standards und genau die hatten erst einmal große Sorge davor, dass es ungemütlicher wird. Dabei sind die Voraussetzungen, gerade in der Medizin, im Gesundheitswesen hervorragend, was standardisierte und aufeinander abgestimmte Prozesse angeht.

Götz Müller: Ja, an der Stelle und wo Sie vorhin das Thema Impfen angerissen hatten, fiel mir natürlich sofort auch wieder unsere, ja, ich glaube, das war die letzte Episode, wo wir uns zu dem Thema unterhalten hatten, also da lade ich auch die Zuhörer ein, da noch mal reinzuhören, ich werde die Episode da auch in den Notizen verlinken. Ja, was wäre zum Abschluss so Ihr Appell an die, ja, durchaus vielfältigen Beteiligten, was sie aus dem Thema Lean, ja, lernen können, einfach auch?

Andreas Syska: Den Blick zu schärfen, für das, was wertschöpfend ist und was nicht und ich möchte abschließend auch den Staat und die Behörden hier in die Pflicht nehmen, denn das, was an die Unternehmen, an zusätzlichen Auflagen kommt, Datenschutz und Besetzung von Positionen nach bestimmten Merkmalen, den Menschen und Lieferketten, Sorgfaltspflicht, das hat ja einen vernünftigen guten Hintergrund. Man möchte natürlich unser Wirtschaftsleben, unser Zusammenleben verbessern, aber was hier an Anforderungen auf die Unternehmen zukommt, was nicht wirtschaftlich ist, das keine externe Referenz hat, sondern administrativ ist, ist horrend. Da müssen Stabstellen geschaffen werden, die sich mit so etwas beschäftigen, diese Stabstellen sind in der Regel unwissend. Es gibt mittlerweile einen großen Beratermarkt. Ein Beratermarkt, der sagt, wir helfen euch dabei, mit Schulungen, mit Software, mit diesen ganzen Dingen. Was im Übrigen einen Boom für den Dienstleistungssektor bedeutet und man sich auf die Schulter klopfen könnte und sagen könnte, ja, der Dienstleistungssektor boomt und Produktion an sich stagniert höchstens. Dabei ist dieser Teil des Dienstleistungssektors vom Staat induziert, also bezahlt aus Geldern, die andere schon mal verdient haben, nämlich mit Wertschöpfung. Der größte Verursacher von Dienstleistung ist mittlerweile der Staat direkt oder indirekt. Berichtspflicht. Deutsche Unternehmen, die Zahl ist schon ein paar Jahre alt, müssen Zahlen zusammentragen für das Statistische Bundesamt, für Außenhandelsbehörden, für wen auch immer, und das kostete, das ist jetzt sechs, sieben Jahre schon alt, die deutsche Wirtschaft zweiundvierzig Milliarden Euro. Umgerechnet bedeutet das sechshunderttausend Menschen, die damit beschäftigt sind, Zahlen für Behörden zusammenzutragen? Der Staat ist ein ganz, ganz großer Auslöser von nicht wertschöpfenden Tätigkeiten und der Staat ist der erste, der sagt: Wir brauchen längere Arbeitszeiten und wir müssen vierhunderttausend Menschen in unser Land einladen, jedes Jahr, damit wir die Arbeit bewältigt bekommen. Ich sage: Nein, ihr müsst mal aufhören, Bullshitjobs zu erzeugen.

Götz Müller: Ja, ich glaube, und das ist natürlich dann andererseits wieder das, wo wir Lean-Menschen, auch wenn wir in die Beraterecke reinfallen und damit auch Dienstleisterecke reinfallen, aber ich glaube, wir können da schon einen Unterschied machen, weil, also zumindest ist das mein persönlicher Anspruch, und ich höre das auch bei Ihnen raus und bei vielen anderen, im Grunde ist unser Ziel ja, uns überflüssig zu machen.

Andreas Syska: Und die Zeiten sind so gut wie nie zuvor. Ich kenne niemanden, mittlerweile Handel, Handwerk, Industrie, öffentliche Verwaltung, der nicht händeringend dieses Problem versucht, zu lösen, und meine Empfehlung an Sie und an alle, die dieses Thema genauso umtreibt wie mich, ist, diesen Unternehmen nicht anzubieten, Personal zu rekrutieren, sondern die Reserven in der eigenen Organisation zutage zu fördern. Da gibt es eine ganze Menge und das fällt gerade auf einen sehr, sehr fruchtbaren Boden.

Götz Müller: Ja, prima. Herr Syska, ich danke Ihnen für Ihre Zeit. Das war wieder eine spannende Unterhaltung und hat mich definitiv bestätigt in der Einladung an Sie.

Andreas Syska: Vielen herzlichen Dank und mir hat das, auch wie beim letzten Mal, sehr viel Spaß gemacht mit Ihnen als Fragesteller. Danke schön.

Götz Müller: Das war die heutige Episode im Gespräch mit Andreas Syska zum Thema Fachkräftemangel vs. Wertschöpfungsmangel. Notizen und Links zur Episode finden Sie auf meiner Website unter dem Stichwort 290.

Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, freue ich mich über Ihre Bewertung bei iTunes. Sie geben damit auch anderen Lean-Interessierten die Chance, den Podcast zu entdecken.

Ich bin Götz Müller und das war Kaizen to go. Vielen Dank fürs Zuhören und Ihr Interesse. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit bis zur nächsten Episode. Und denken Sie immer daran, bei allem was Sie tun oder lassen, das Leben ist viel zu kurz, um es mit Verschwendung zu verbringen.

Hinweis: Ich behalte mir vor, Kommentare zu löschen, die beleidigend sind oder nicht zum Thema gehören.