Wenn der Milchmann zweimal klingelt …

… brauchen Sie trotzdem nicht aufmachen! Diesen Titel habe ich in Anlehnung an den Roman “Wenn der Postmann zweimal klingelt” gewählt. Der ursprüngliche Titel spielt auf das englisch/amerikanische Sprichwort und den Bezug auf die zweite Chance oder Gelegenheit an. Woher kommt jetzt aber der Wechsel zum Milchmann und warum müssen Sie nicht aufmachen?

Meine Assoziation geht auf den so genannten Milk-run zurück, der ein wichtiges Logistikkonzept in Produktionsbereichen darstellt. Der Begriff selbst hat zwei unterschiedliche Quellen. Einerseits die Lieferung von Milchflaschen (in den USA), nur wenn leere Flaschen bereitgestellt werden. Andrerseits ist es die Abholung von Rohmilch der Landwirte an zentralen Sammelplätzen. Gemeinsam ist beiden Quellen die regelmäßige Tour (des Milchmanns).

Genau das gleiche Prinzip wird in Produktionsbereichen eingesetzt, speziell wenn es um die Anlieferung von so genannten C-Teilen (geringwertige Massenteile wie Schrauben u.ä.) zu den Arbeitsplätzen geht. Diese Teile werden nicht bedarfsweise angeliefert, sondern durch den regelmäßigen Ablauf des Milk-runs wird sichergestellt, dass die Bestände immer die Zeiten bis zum nächsten Besuch abdecken. Der Milk-run kann auch mit Bedarfsteuerungselementen wie Kanban-/Signalkarten und Supermarkt-Systemen ergänzt werden. Ein wichtiger Aspekt des Milk-runs ist die Ruhe und Gleichmäßigkeit, die in die Logistiktouren gebracht wird.

Milk-run-Konzepte können auch überbetrieblich und außerhalb des gewöhnlich geschäftlichen Umfelds eingesetzt werden. Die regelmäßige Leerung der Postbriefkästen ist damit vergleichbar, ebenso wie die klassische Hauspost in Unternehmen. Auch die meisten öffentlichen Verkehrsmittel (Züge, Busse, S-Bahnen, Straßenbahnen, Flug- und Schiffsverkehr) funktionieren nach diesem Prinzip (wenn wir das Thema Fahrscheine und den u.U. fehlenden Ringschluss mal ignorieren). Die Ausnahme dagegen sind Taxis. Ebenso basieren viele Datenübertragungssysteme in der Telekommunikationstechnik im Grunde auf diesem Prinzip. Im Bereich der Entsorgung ist beispielsweise die Müllabfuhr (außer Sperrmüll) wie ein Milk-run organisiert.

Mittels Milk-runs können sowohl Dinge (Material, Teile, Transportbehälter) aufgenommen, als auch verteilt werden. Durch sauber geplante Routenzüge kann die Zuverlässigkeit der Anlieferung und Abholung ebenso wie die Auslastung der Transportmittel signifikant gesteigert werden. Man vergleiche nur mal die Staus auf den Straßen und die gewöhnlich hohe Pünktlichkeit von Bahnen und anderen öffentlichen Transportmitteln.

Warum brauchen Sie jetzt also nicht zu öffnen, wenn der Milchmann zweimal klingelt? Ganz einfach: er klingelt gar nicht. Steht eine leere Flasche vor der Tür, bekommen Sie im Austausch eine volle. Steht keine da, gibt es trotzdem keinen Grund zu klingeln (im Vergleich zu Produktionsszenarien würde er in Ihren Kühlschrank schauen und Sie müssten nicht mal drandenken, die leeren Flaschen rauszustellen).

Frage: Wo werden in Ihren Unternehmen zu viele Dinge einzeln auf Anforderung transportiert? Wo können Sie Ihre innerbetriebliche Logistikkonzepte auf regelmäßige Touren umstellen? Welche Verschwendung durch unnötige Bewegungen und Transporte sowie ungeregelten Informationsaustausch kann dadurch reduziert werden?

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