Macht Lean paranoid oder muss man paranoid sein, um Lean zu machen?

paranoid

Gut, paranoid ist vielleicht ein etwas starker Begriff. Die Bedeutung, die mir hier durch den Kopf schoss, betrifft das Antizipieren von Problemen, also das Voraussehen, was evtl. schiefgehen könnte. Und irgendwie habe ich festgestellt bzw. mich dabei ertappt, dass mir solche Möglichkeiten in letzter Zeit vermehrt auffallen. Wahrscheinlich war das aber nicht nur in letzter Zeit so, sondern schon seit längerem.

In vielen Fällen sind es nur Kleinigkeiten. Hier mal eine Sache, die (zu) dicht an einer Tischkante liegt und runterfallen könnte oder da jemand, der unachtsam eine Treppe runterläuft und den Handlauf nicht benützt.

Sicherlich spielt da bei mir mit rein, dass ich ein starker Gegenteilsortierer bin. Das bedeutet, dass ich ziemlich stark auf Unterschiede reagiere, also wenn Dinge irgendwie „aus der Reihe tanzen“. Das kann dann auch mal soweit gehen, dass ich gezielt nach Unterschieden suche. Das könnten auch Sachen (bspw. Bilder) sein, die schief hängen oder Schranktüren, die nicht parallel schließen.

Harmlos sind dann die kurzen Handbewegungen, die die Sachen wieder gerade rücken. An fremden Schranktüren hab' ich mich dabei bisher noch nicht vergriffen. Von meiner Frau wird dieses Verhalten manchmal amüsiert beobachtet und entsprechend kommentiert.

Auf jeden Fall hilft mir diese Eigenschaft, bei der Arbeit mit meinen Kunden. Auch wenn das nicht bei jedem immer gut ankommt, ist es bspw. auch die Grundlage der Fähigkeit Ist-Situationen zu hinterfragen. Das kann dann die erste 5S-Phase sein (aussortieren) oder auch die Beobachtung der Tätigkeiten im Rahmen von Rüstvorgängen. Hier ist es also die Realität der Ist-Situationen, was mit Paranoia auch erstmal nichts zu tun hat.

Schon etwas anderes ist das im Rahmen von FMEA- oder Poka-Yoke-Workshops. Da kommt dann mehr die Vorstellungskraft der Möglichkeiten ins Spiel, wie das auch der volle Name Fehlermöglichkeitseinflussanalyse ausdrückt.

„Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.“

– Terry Pratchett

Im Bezug auf die einleitende Frage kann man in meinen Augen also konstatieren, dass man nicht paranoid sein muss, um Lean zu machen, dass es aber auf eine gewisse Weise hilfreich ist, wenn man kritische Was-wäre-wenn-Fragen stellen kann, um mögliche Fehlerszenarien vorwegzunehmen und entsprechende Gegenmaßnahmen zu definieren, zu bewerten und einzuleiten.

Kommen wir also zu dem anderen Teil der Frage in der Artikelüberschrift. Macht Lean paranoid?

An dieser Stelle ist es auch sinnvoll, die gesamte Fragestellung neutral bzgl. notwendigen und hinreichenden Bedingungen [1] zu betrachten und auch Kausalität und Korrelation einzubeziehen.

Macht Lean paranoid, ist in diesem Fall die Frage nach einem kausalen Zusammenhang, während die Paranoia im Bezug zu Lean eine Frage nach notwendigen und hinreichenden Bedingungen ist.

Wenn ich mal die mir bekannten Lean-Fachleute an meinem geistigen Auge vorbeiziehen lasse, kann ich weder den ersten kausalen Zusammenhang erkennen, noch dass es sich im zweiten Teil um eine notwendige oder hinreichende Bedingung handelt. Insofern also Entwarnungen, auch wenn Lean ein Fluch sein kann oder dazu führen kann [2] und auch andere Flüche im Lean-Kontext zu beachten sind.[3]

Für eine Korrelation ist die mir verfügbare Datenbasis definitiv nicht groß genug, um hier eine verlässliche Aussage treffen zu können.

Wenn Sie sich jetzt fragen, was der ganze Unsinn dieser Fragestellung und Erörterung eigentlich soll, sind Sie schon auf einem ziemlich guten Weg. Nicht jede Problemstellung ist es wert, dazu umfangreiche Untersuchungen zu starten. Andrerseits passiert es auch auch viel zu oft, dass ein beliebig angebotenes Problem genau dazu führt, ohne vorher durch die Betrachtung von Auswirkungen und Folgen eine Abwägung und resultierenden Priorisierung darüber getroffen zu haben. Es ist also nicht jedes Problem hinreichend für eine intensive Untersuchung im Lean Kontext, aber es ist ein „echtes“ Problem notwendig, um eine Untersuchung zu starten.

Was ich mit diesem Artikel anregen wollte, ist die Beschäftigung mit der genannten Abwägung von Problemen und wenn Sie bis hierhin gelesen haben, ist mir das zumindest an der Oberfläche gelungen. Und letztlich warne ich auch jeden Leser, dass nicht immer jeder Denkanstoß völlig ernst gemeint ist ;-)

[1] Wikipedia-Eintrag bzgl. notwendig und hinreichend
[2] Warum Lean ein Fluch sein kann
[3] Warum auch Karriere ein Fluch sein kann

Frage: Wo begegnen Ihnen hinreichende und notwendige Zusammenhänge im Lean-Kontext? Wie bewusst machen Sie sich diese? Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

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